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GoRed-Kampagne
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Prävention nützt Frauenherzen besonders

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen. Doch nach wie vor werden Risiken unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen. Dabei wäre frühzeitige Prävention noch effektiver als bei Männern. Apotheken können maßgeblich dazu beitragen.
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 21.01.2026  13:30 Uhr

»Frauenherzen schlagen anders. Aber Frauenherzgesundheit ist kein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Thema.« Dies betonte Gudrun Kreutner-Reisinger, Beirätin der Healthcare Frauen (HCF), bei einer Pressekonferenz anlässlich der Kampagne #GoRed. Diese Initiative der HCF und der Herz-Hirn-Allianz wird dieses Jahr in Deutschland bereits zum vierten Mal umgesetzt und soll auf die Frauenherzgesundheit aufmerksam machen. Am Aktionstag, dem 6. Februar, ruft #GoRed bundesweit zum Mitmachen auf: Männer und Frauen sollen ein rotes Accessoire tragen und ein Foto davon in den sozialen Netzwerken posten.

Fünf Risikofaktoren im Fokus

Mehr als 50 Prozent der Herzinfarkte und Schlaganfälle gehen auf das Konto von fünf Risikofaktoren: Hypertonie, Hyperlipidämie, Unter- oder Übergewicht/Adipositas, Diabetes und Rauchen. Dies ergaben zwei große, 2023 und 2025 im »New England Journal of Medicine« publizierte Studien des Global Cardiovascular Risk Consortiums, wie Erstautorin Professor Dr. Christina Magnussen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) bei der Presskonferenz betonte.

Lagen alle fünf Risikofaktoren vor, betrug die Zehnjahres-Inzidenz für eine kardiovaskuläre Erkrankung 57,2 Prozent bei Frauen und 52,6 Prozent für Männer (DOI: 10.1056/NEJMoa2206916). Für die Kardiologin bedeutet das: »Jede zweite Herzkrankheit wäre zu verhindern.«

In der Folgestudie (DOI: 10.1056/NEJMoa2415879) wurde das Lebenszeitrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen anhand der Daten von rund zwei Millionen Frauen und Männern untersucht. »Wenn sie im Alter von 50 Jahren keinen der fünf Risikofaktoren hatten, lebten sie rund eine Dekade länger ohne kardiovaskuläre Erkrankung als Menschen mit allen fünf Risikofaktoren«, so Magnussen. Bei Frauen waren es 13,3 Jahre, bei Männern 10,4 Jahre. Eine zeitnahe konsequente Behandlung war sehr effektiv. Die Kontrolle der Hypertonie brachte den größten Zugewinn an herzgesunden Jahren, während der Rauchstopp die Lebenszeit am deutlichsten verlängerte.

Prävention extrem wirksam

»Prävention ist extrem wirksam und bei Frauen noch wirksamer als bei Männern«, resümierte Magnussen. Doch dazu brauche es politische Unterstützung. Die Ärztin forderte ein strukturiertes Screening schon in jungen Jahren, um Risikofaktoren wie Hypertonie und Hyperlipidämie früh zu erkennen, sowie flankierende staatliche Maßnahmen wie eine Erhöhung der Zucker- und Tabaksteuer.

Für die Prävention sowie Früherkennung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder (Prä)Diabetes sind öffentliche Apotheken prädestiniert. »Apotheken sind hier ein zentraler Baustein«, betonte die Kardiologin in der Diskussion. Hausärzte könnten das allgemeine Screening gar nicht leisten, aber Apotheken könnten dies anbieten. Nötig sei eine strukturierte Vorgabe, wer wann zum Screening kommen solle.

Für Moderatorin Kreutner sind die Apotheken essenzielle Partner in der Aufklärung von Frauen und ein wichtiger Teil der #GoRed-Initiative. Die HCF stärkten die Rolle der Apotheken auf vielen Ebenen.

Hormone als Herz-Influencer

Dr. Lena Marie Seegers, Leiterin des ersten universitären Frauenherzzentrums am Universitätsklinikum Frankfurt, lenkte den Blick auf die weibliche Biologie. »Hormone spielen in jeder Lebensphase eine wichtige Rolle für die Herzgesundheit.«

Das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) sei ein Risikofaktor fürs Herz, ebenso eine Schwangerschaftshypertonie oder Präeklampsie sowie die Menopause, vor allem bei frühem Beginn. »Aber wir Ärzte fragen solche Faktoren gar nicht systematisch ab.« Kardiologie und Gynäkologie müssten stärker zusammenarbeiten, zumal Komplikationen in der Schwangerschaft das Herz langfristig belasten.

Besser bekannt sind die Zusammenhänge mit der Menopause. Eine Atherosklerose beginne bei Frauen etwa zehn Jahre später als bei Männern, aber nach der Menopause steige das kardiovaskuläre Risiko um fast das Zehnfache an. »Diese Lebensspanne kann man gut nützen für die Prävention«, betonte Seegers. Allerdings würden Hypertonie und Hyperlipidämie bei Frauen seltener behandelt als bei Männern und ihre Adhärenz sei deutlich geringer, vor allem bei Statinen und Antihypertonika.

Eine besondere Gruppe sind Menschen nach Geschlechtsumwandlung. Transgendermenschen hätten ein um 40 Prozent höheres Risiko für Herzerkrankungen, vor allem Mann-zu-Frau-Personen (Transfrauen), informierte Seegers. Im Frauenherzzentrum in Frankfurt gebe es Studien, um das höhere Risiko besser zu verstehen. Die Hormontherapie spiele wohl eine Rolle. Außerdem lebten Transmenschen oft am Rand der Gesellschaft und hätten weniger Zugang zum Gesundheitswesen. Viele hätten zusätzliche Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht.

Weibliche Puppen in Erste-Hilfe-Kursen

Die Ärztinnen machten auf die deutlich höhere Sterblichkeit von Frauen bei Herzinfarkt aufmerksam. Da Frauen andere Symptome zeigen als Männer, werde der Infarkt oft nicht erkannt, kein Notarzt gerufen und kein Krankenhaus aufgesucht. Bereits in der präklinischen Phase bekämen Frauen seltener ein EKG, eine Reanimation oder Notfallversorgung.

Dass in Notfällen seltener reanimiert wird, kann banale Gründe haben, wie Rettungssanitäterin Nicola Winter berichtete. In Erste-Hilfe-Kursen würden männliche Puppen verwendet. »Die haben keine Brüste und tragen keinen BH.« In Notfallsituationen hätten vor allem Männer Scheu, bewusstlose Frauen anzufassen, partiell zu entkleiden und zu reanimieren. Sie plädierte daher für Erste-Hilfe-Trainings mit lebensnahen weiblichen Puppen, um Berührungsängste bei der Reanimation zu überwinden.

Eine Forderung, die auch die Healthcare Frauen unterstützen, wie Dr. Leonie Uhl, Mit-Initiatorin von #GoRed und Sprecherin des HCF-Beirats, unterstrich. Die Initiative fordert zudem mehr und frühzeitige Prävention, eine gendersensible Medizin, die repräsentative Einbeziehung von Frauen in Studien und eine spezifische Auswertung sowie die Verbesserung der Gesundheitskompetenz, unter anderem mit Ausweitung von Kampagnen zur Frauenherzgesundheit. »Wir sind auch Brückenbauerinnen zwischen Frauen, Medizin und Politik.«

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