| Lukas Brockfeld |
| 20.01.2026 09:00 Uhr |
Das EU-Parlament muss dem Abkommen noch zustimmen. / © IMAGO/Winfried Rothermel
Angesichts der seit Jahren stagnierenden Wirtschaft und einer zunehmend chaotischen Weltordnung setzt die Bundesregierung große Hoffnungen auf das Mercosur-Freihandelsabkommen. Nach mehr als 20 Jahren Verhandlungen wollen die EU und die Mercosur-Staaten (Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) eine der größten Freihandelszonen der Welt schaffen. Zölle und andere Handelshemmnisse sollen dann weitgehend entfallen.
Am Samstag haben Vertreterinnen und Vertreter der EU und der Mercosur-Staaten das Abkommen feierlich in paraguayischen Hauptstadt Asunción unterzeichnet. Aktuell müssen allerdings noch das EU-Parlament und alle nationalen Parlamente zustimmen, damit die Freihandelszone tatsächlich entstehen kann. Da einige EU-Staaten, darunter Frankreich und Österreich, das Abkommen in seiner jetzigen Form ablehnen, könnte das Vorhaben weiterhin scheitern.
Die deutsche Pharmaindustrie hofft allerdings darauf, dass die Freihandelszone mit Südamerika tatsächlich zustande kommt. Auf Nachfrage der PZ erklärt beispielsweise Merck-CEO Belén Garijo, dass das Abkommen ein »wichtiges Signal des Vertrauens und der Zusammenarbeit« sei, in einer Zeit, in der Handelsbarrieren und Protektionismus zunehmen.
»Als globales Wissenschafts- und Technologieunternehmen wissen wir, dass Innovationen dann entstehen, wenn sich Talente, Ideen und Waren frei bewegen können«, sagt Garijo weiter. »Freihandel ist der Schlüssel zur weltweiten Weiterentwicklung von Technologien, zur Entwicklung neuer Medikamente und zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung. Davon profitieren alle. Auch wenn dieses Abkommen nicht perfekt ist, schafft es die größte Freihandelszone der Welt – und das allein ist bereits ein echter Mehrwert.« Merck begrüße das Abkommen und hoffe auf eine baldige Umsetzung.
Bayer schätzt die Situation ähnlich ein. »Wir begrüßen die Unterzeichnung des EU-Mercosur-Abkommens, das nach über 25 Jahren Verhandlungen einen historischen Erfolg darstellt und – wenn die Ratifizierung abgeschlossen ist – eine der weltweit größten Freihandelszonen schafft, die über 700 Millionen Menschen umfasst und fast 25 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht. Das Abkommen ist ein wichtiges Signal für den freien Handel und den Wert internationaler Zusammenarbeit«, so eine Sprecherin des Unternehmens.
Als in Europa ansässiges Unternehmen verfüge Bayer über langjährige Geschäftsbeziehungen mit den Ländern Lateinamerikas. »Mit der Umsetzung des Abkommens werden Zoll und nichttarifäre Handelshemmnisse abgebaut, wodurch die Geschäftskosten sinken und der Zugang zu unseren Produkten verbessert wird«, erklärt der Pharmariese aus Leverkusen.
Auch die großen Verbände der deutschen Pharmaindustrie begrüßen das Abkommen. Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) betont: »Ein tragfähig ausgestaltetes Mercosur-Abkommen könnte auch deutschen Pharmaunternehmen neue Markt- und Wachstumschancen bieten und vor allem mehr Planungssicherheit im internationalen Handel schaffen. Insbesondere vor dem Hintergrund einer steigenden Nachfrage nach Arzneimitteln in den Regionen durch den demografischen Wandel, dürfte mit steigenden Exporten zu rechnen sein«, so die Einschätzung des BPI.
Das Mercosur-Abkommen steht auch in der Kritik. Gerade die europäische Landwirtschaft befürchtet eine Verdrängung durch günstige Agrarimporte aus Südamerika. Doch nach Einschätzung von Pharma Deutschland wird die deutsche Pharmaindustrie nicht durch neue Konkurrenz bedroht.
»Deutschland hat einen massiven strukturellen Handelsüberschuss mit dem Mercosur: 2024 exportierte die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie Waren im Wert von 4,3 Milliarden Euro in die Mercosur Staaten – darunter Pharmaprodukte im Wert von 1,8 Milliarden Euro –, während Importe aus dem Mercosur in diesem Segment lediglich 178 Millionen Euro erreichten. Der Pharmahandel ist damit mehr als zehnmal so stark in Exportrichtung orientiert«, sagt Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, gegenüber der PZ. In Südamerika habe man nicht die Produktions- und Forschungskapazitäten, um im Bereich der Arzneimittel mit europäischen Unternehmen konkurrieren zu können.
Pharma Deutschland geht außerdem davon aus, dass das Mercosur-Abkommen die Versorgungssicherheit in Deutschland verbessern könne – vorausgesetzt, dass Schutzzertifikate respektiert werden. »Es eröffnet die Möglichkeit, Lieferketten zu diversifizieren und sich von der aktuell hohen Abhängigkeit etwa von China und Indien bei pharmazeutischen Wirkstoffen unabhängiger zu machen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) bezeichnet den Mercosur als ›möglichen Partner der EU bei pharmazeutischen Lieferketten‹«, erklärt Brakmann.
Brasilien und Argentinien verfügen laut Pharma Deutschland über wachsende Produktionskapazitäten, die nach »Good Manufacturing Practices« arbeiten und damit europäische Qualitätsstandards erfüllen können. »Während der Covid-19-Pandemie haben Mercosur-Länder bereits erfolgreich Impfstoffe von Biontech/Pfizer und AstraZeneca produziert, was die Leistungsfähigkeit dieser Standorte belegt. Eine stärkere Einbindung des Mercosur in europäische Lieferketten ab Inkrafttreten des Abkommens Anfang 2027 hat zudem den Vorteil, die einseitige Abhängigkeit von asiatischen Zulieferern zu reduzieren und Versorgungsrisiken bei Lieferengpässen oder geopolitischen Krisen zu verringern«, so die Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland.
Das Freihandelsabkommen wird auch vonseiten der Politik begrüßt. So teilte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am Samstag mit, dass das Abkommen ein großes Entwicklungspotenzial für den Gesundheitsbereich auf beiden Seiten des Atlantiks biete. Das gelte für die Steigerung der Versorgung, den Ausbau von Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, die Verbesserung der Resilienz in der Arzneimittelversorgung sowie das wirtschaftliche Wachstum.
»Die EU ist einer der wichtigsten Handelspartner in der Gesundheitswirtschaft mit den Mercosur-Staaten. Das Abkommen baut noch bestehende Zölle für Gesundheitsprodukte zwischen den Mercosur-Staaten und der EU ab, wovon die starke deutsche Pharma- und Medizintechnik-Industrie in einem dynamisch wachsenden Wirtschaftsraum besonders profitieren kann«, so die Ministerin.