Bendamustin auf dem Prüfstand |
| 31.01.2000 00:00 Uhr |
Etwa 4000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an einem multiplen Myelom, einer bösartigen Erkrankung des B-Zellsystems. Etwa der Hälfte kann mit einer Hochdosis-Chemotherapie geholfen werden. Als konventionelle Standard-Behandlung ist seit etwa 35 Jahren die Kombination von Melphalan (Alkeran®) mit Prednison etabliert. Seit den 70-er Jahren wird auch Bendamustin eingesetzt.
Bendamustin ist ein Stickstoff-Lost-Derivat aus der Gruppe der Alkylantien. Seine antineoplastische Wirkung beruht vor allem auf der Quervernetzung von DNA-Einzel- und Doppelsträngen durch Alkylierung. Der Wirkstoff wurde von der Firma Jenapharm in der DDR auf den Markt gebracht; seit 1993 vertreibt ihn die ribosepharm, ein Tochterunternehmen der Klinge Pharma in München. Ribomustin® ist zugelassen zur Behandlung von Morbus Hodgkin, Non-Hodgkin-Lymphomen, Plasmozytom, Leukämie und Mammakarzinom. Bis Ende 2002 soll eine EU-weite Zulassung erreicht werden, hieß es am Rande einer Pressekonferenz in München. Daher laufen mehrere Studien zum Einsatz bei multiplem Myelom, Non-Hodgkin-Lymphom und Mammakarzinom.
Eine 1994 begonnene und 1998 abgeschlossene randomisierte Phase-III-Studie* an dreißig deutschen Kliniken stellte Professor Dr. Karl Heinz Merkle in München vor. 136 Myelom-Patienten, die noch keine Chemotherapie erhalten hatten, bekamen intravenös entweder Bendamustin 150 mg/m² an Tag 1 und 2 des vierwöchigen Therapiezyklus oder Melphalan 15 mg/m² an Tag 1, jeweils kombiniert mit Prednison 60 mg/m² an den Tagen 1 bis 4. Die Gesamtremissionsrate war in beiden Gruppen vergleichbar (75 und 68 Prozent). Jedoch erzielten fast dreimal so viele Patienten unter Bendamustin eine komplette Remission (32 Prozent) als unter Melphalan (11 Prozent). Die Remission wurde schneller erreicht und der Therapieerfolg hielt signifikant länger an (mediane Zeit bis zum Progress 18 versus 12 Monate).
Die Wahrscheinlichkeit, zwei Jahre progressionsfrei zu überleben, betrug in der Bendamustin-Gruppe 28 Prozent gegenüber 7 Prozent unter Melphalan. Die Gesamtüberlebensrate lag in beiden Gruppen nach zwei Jahren jedoch gleichermaßen bei 60 Prozent.
Melphalan und Bendamustin sind nicht kreuzresistent. Daher kann nach Versagen einer Therapie das andere Alkylans gegeben werden. Eine Hochdosis-Therapie mit Bendamustin ist derzeit nicht möglich, erklärte Merkle. Anticholinerge Nebenwirkungen wie extreme Mundtrockenheit und Durstgefühl begrenzen die Dosis.
Multiples Myelom
Das multiple Myelom oder Plasmozytom ist eine systemische Erkrankung, bei der monoklonale Plasmazellen (B-Zellen) verschiedenen Reifegrades in das Knochenmark eindringen. Je nach Infiltrationsmuster (Ausbreitung im Körper) und Differenzierung der Plasmazellen überleben die Patienten ein bis viele Jahre. Das multiple Myelom ist relativ selten; es macht etwa 1 Prozent aller malignen Erkrankungen aus. Mit zunehmendem Alter tritt es häufiger auf; bei den 70- bis 80-Jährigen erkranken pro Jahr 6 bis 8 von 100 000 Personen. Als wichtige Risikofaktoren gelten ionisierende Strahlen; man diskutiert aber auch einen Zusammenhang mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Die Diagnose wird oft zufällig gestellt, zum Beispiel bei einer stark beschleunigten Blutkörperchen-Senkungsgeschwindigkeit.
*) Pönisch, W., et al., Blood, Vol. 94, Nr. 10, Suppl. 1 (1999) 123 (abstract).
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