| Ev Tebroke |
| 12.02.2026 10:00 Uhr |
Klinische Studien: Aus Sicht der Pharmaindustrie war das Medizinforschungsgesetz ein Anfang, Deutschland als Forschungsstandort wieder attraktiver zu machen. Für einen Durchbruch aber brauche es weitere Schritte. / © Adobe Stock/HockleyMedia24/peopleimages.com
Einst führende Forschungsnation, war Deutschland zuletzt als Standort für Arzneimittelentwicklung international weit abgehängt. Mit dem im Oktober 2024 in Kraft getretenen Medizinforschungsgesetz (MFG) unter Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sollte Deutschland wieder an die Spitze aufrücken. Mit dem Gesetz gingen zahlreiche Maßnahmen einher, die den Standort für klinische Studien stärken sollten.
Insbesondere wurden etwa Genehmigungsverfahren für klinische Studien deutlich vereinfacht und beschleunigt. Auch dezentrale klinische Prüfungen, also Studien, die nicht ausschließlich im Krankenhaus, sondern teilweise beim Patienten zu Hause stattfinden, sind leichter möglich. Zudem gelten seit Juli 2025 vereinfachte Vorgaben beim Strahlenschutz.
Die verbesserten Rahmenbedingungen zeigen nun erste Erfolge. Das verdeutlicht das aktuelle »Studienstandort-Barometer«, eine Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Pharmazeutische Industrie (BPI), dem Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) und des Bundesverbands Medizinischer Auftragsinstitute (BVMA).
»Deutschland ist als Standort für Industrie-veranlasste klinische Studien seit Juli 2025 ein Stück weit attraktiver geworden; und das könnte sich in den nächsten zwölf Monaten sogar noch fortsetzen«, heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung von BPI, vfa und BVMA. Aber dazu braucht es weitere Verbesserungen. Denn laut Umfrage bremsen Personalmangel und eine unzureichende digitale Infrastruktur den weiteren Ausbau des deutschen Studienwesens.
»Es ist für Politik wie Industrie gleichermaßen erfreulich, an der Barometer-Befragung ablesen zu können, dass das Medizinforschungsgesetz den Studienstandort wirklich gestärkt hat«, so Matthias Meergans, vfa-Geschäftsführer Forschungspolitik. »Ich denke hier etwa an die verpflichtenden Standardvertragsklauseln und die Neuregelungen für den Strahlenschutz.«
Martin Krauss vom BVMA zufolge werden nun aber auch die Defizite deutlich, die bislang politisch noch nicht adressiert wurden. Kliniken und Arztpraxen sähen sich vor allem durch die Knappheit von Studienpersonal bei der Mitwirkung an Studien gebremst. »Nötig sind mehr passende Module in den MINT-bezogenen Studien- und Ausbildungsgängen sowie attraktive Karrierepfade und Vergütungsstrukturen für das Studienpersonal«, fordert Krauss.
Und auch im Bereich Digitalisierung gibt es Defizite, die dem Ausbau der Studienaktivität entgegenstehen. Laut Professor Jens Peters vom BPI sollte die in Praxen und Krankenhäusern eingesetzte Software zur Verwaltung der Patientenakten künftig obligatorisch auch Funktionalitäten für klinische Studien enthalten.
Um den Forschungstandort Deutschland weiter voranzubringen, muss die Politik den Verbänden zufolge in fünf Aktionsfeldern aktiv werden. Diese sind in nun veröffentlichten »Handlungsempfehlungen 2.0« konkretisiert.
So fordert die Branche zuvorderst eine entschlossene Bekämpfung des Fachkräftemangels. Dazu schlägt sie vor, die medizinischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge um praxisnahe Module zur klinischen Forschung auszubauen. Zudem sollte es einen staatlich anerkannten Studiengang »Klinische Forschung« geben, mit entsprechend anerkannten Berufsbildern der Klinischen Forschung.
Zudem wird weiterer Bürokratieabbau angemahnt, um die Forschung zu beschleunigen. Unterschiedliche Datenschutzinterpretationen über die einzelnen Bundesländer hinweg, einzelne »schwerfällige oder besonders formelle Ethik- Kommissionen« und zum Teil »extrem lange Vertragsverhandlungen« bremsten Studien und klinische Prüfungen oft um Monate aus oder ließen sie nicht mehr in Deutschland stattfinden, weil sie in anderen Ländern schon weit vorangeschritten sind.
Hier wünscht die Industrie etwa Vorgaben bundesweit einheitlicher Datenschutzrichtlinien für klinische Prüfungen, gebündelt unter einer Bundesbehörde. Zudem sollte es eine Standardisierung der Verfahren der Ethik-Kommissionen mit klaren Fristen geben.
Grundsätzlich sollten Studien und klinische Prüfungen in der Bevölkerung sichtbarer gemacht werden. Forschung scheitere mitunter daran, dass Patienten oft nichts oder nur zu wenig von geplanten oder laufenden klinischen Prüfungen erfahren und kaum über Wissen zu klinischen Prüfungen verfügten. Auch sei das Deutsche Register Klinischer Studien (DRKS) schwer verständlich und in der Bevölkerung mehrheitlich unbekannt.
Neben dem Aufbau eines bundesweit zentralen, vollständig laienverständlichen, barrierefreien Studienregisters fordert die Industrie »langfristige Öffentlichkeitskampagnen«. So sollten etwa das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) oder das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) die Bevölkerung über den Sinn, Zweck und Nutzen klinischer Forschung und der Teilnahme an klinischen Prüfungen aufklären.
Beim Thema Digitalisierung drückt die Industrie aufs Tempo: Ob bei elektronischer Patientenakte (ePA), Real-World-Daten oder Biobanken und medizinischen Registern – Deutschland hinke bei der digitalen Forschungsinfrastruktur »gefährlich« hinterher.
So sollte etwa die ePA nun zügig in die Praxis eingeführt werden. Bislang nutzen diese bekanntlich nur sehr wenige Versicherte. Die Branche setzt dabei auf eine zeitnahe Bereitstellung der ePA-Daten für Forschungszwecke, eine zeitnahe Erweiterung des Funktionsumfangs (elektronischer Medikationsplan, Volltextsuche), und eine standardmäßige Einbindung auch der PKV-Versicherten.
Und nicht zuletzt fordert die Pharmaindustrie eine verbesserte Forschungsförderung. Dies sei insbesondere für die kapitalintensive Biotechnologie mit langen Entwicklungszyklen »von entscheidender Bedeutung«. Im Jahr 2020 war zwar ein Ausbau der Forschungszulage erfolgt. Jedoch würden dadurch die förderfreundlich ausgelegten Bescheinigungs- und steuerrechtlichen Kriterien in der Prüfpraxis »deutlich restriktiver« gehandhabt, so die Kritik. Die Industrie plädiert nun für »eine praxisnahe und innovationsfreundliche Auslegung der Forschungszulage«.
An der Umfrage für das Studienbarometer durch die Unternehmensberatung Vintura nahmen Verbandsangaben zufolge 26 Pharmaunternehmen und 29 Auftragsforschungsinstitute teil. Um zu ermitteln, woran es bei der Ausweitung der Studienaktivität hakt, wurden Studienzentren unterschiedlicher Art befragt: Universitätsklinika, nicht-universitäre Kliniken und Arztpraxen. 169 von ihnen haben geantwortet.