| Melanie Höhn |
| 29.01.2026 12:47 Uhr |
Diskutierten über die Rolle der Apotheken in der Gesundheitsversorgung von morgen (v.l.): Moderatorin Ariane Schenk vom Verband Bitkom, der SPD-Bundestagsabgeordnete Christos Pantazis, Rainer Kern von Doc Morris und Professor Simon Reif, Gesundheitsökonom vom ZEW Mannheim. / © PZ/Höhn
Wenn es um ein Primärversorgungsmodell geht, will der Bundestagsabgeordnete Christos Pantazis (SPD) die Apotheken »schärfen«, sagte er gestern auf dem BMC-Kongress im Panel »Digitalisierung in der Arzneimittelversorgung: Licht und Schatten«, das von Doc Morris gesponsert war. »So ganz unwichtig sind sie nicht vor Ort.« In Bezug auf die Online-Apotheken wolle er »Waffengleichheit« herstellen.
Der SPD-Gesundheitspolitiker betonte jedoch, dass er die Vor-Ort-Apotheke im Hinblick auf die Sicherstellung der Versorgungssicherheit aus Patientensicht stärken wolle. Sie spiele aus versorgungspolitischer Sicht eine Rolle, »die ich nicht negieren kann und nicht negieren will. Stichwort Pandemie, Impfung und dergleichen. Das sage ich übrigens auch als Arzt, dass wir da an der Stelle diese Rolle nicht unterschätzen dürfen.«
Gerade bei den sozialen Komponenten und niedrigschwelligen Angeboten eines Primärversorgungssystems müssten jedoch auch »gewisse Flaschenhälse erweitert« werden. »Und vor diesem Hintergrund diskutieren wir alle Optionen und da spielt die vor Ort-Apotheke sicherlich auch eine Rolle.«
Was die Apothekenreform des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) betrifft, habe Pantazis den Eindruck, dass der vorliegende Entwurf »eine gewisse Schieflage« aufweise und »entsprechend eingefärbt« sei. Er habe derzeit »lediglich eine konservative Ausrichtung und keine progressive Ausrichtung auch in die Zukunft gerichtet« sei, so Pantazis. »Vor diesem Hintergrund haben wir Beratungsbedarf. Und diesen Beratungsbedarf werden wir im Rahmen des parlamentarischen Verfahrens ausgiebig diskutieren.« In der Beratung und in den Berichterstattergesprächen wolle er sich alles » in Ruhe erläutern lassen«, so der Politiker. »Sobald ich dann den Veränderungswillen oder jedenfalls den Veränderungsbedarf sehe, dann werden wir im Ratsgesetzgeber entsprechend noch eingreifen.«
Beim Thema Fixum von 9,50 Euro gibt es für ihn keine Kompromisse: »Das steht im Koalitionsvertrag und ich gehöre zu den Leuten, die sagen, dass alles, was im Koalitionsvertrag steht, umzusetzen ist. Ich gehe auch davon aus, dass wir nicht 13 Jahre hintereinander Nullrunden haben werden, auch wenn der GKV-Spitzenverband entsprechend auftreten wird.«
Weiter erklärte Pantazis, dass er sich im Wechselspiel mit den Online-Apotheken verpflichtet fühle, »gleichlange Spieße« herzustellen. Wenn es um Vergütung und Standards gehe, müsse es »an der Stelle zu einer Vergleichbarkeit kommen«. Pantazis machte deutlich: »Ich bin ein Freund des ›Sowohl-als auch‹«.
Natürlich müsse die »Entwicklung der Digitalisierung, der Telemedizin und dergleichen« auch zur Kenntnis genommen werden. »Das heißt, wir müssen an der Stelle übrigens auch die Perspektive hinsichtlich der Digitalisierung, der Stärkung der telepharmazotischen Versorgung im Sinne der Versorgungssicherheit als auch der Versorgungsqualität auch nochmals dann auch diskutieren.« Die SPD habe das Thema Telepharmazie in den Koalitionsvertrag geschrieben. Pantazis fordert, dass sich die Apothekenreform auch an diesem orientiert.
Parlamentarisch werde man im März und April mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) beschäftigt sein. »Ich kann aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, wohin die Reise hingehen wird«, so der SPD-Politiker. Auf die intensiven Debatten innerhalb des parlametarischen Verfahrens freue er sich.
Pantazis reagierte heute in einer Gegendarstellung auf den Vorwurf, er habe sich in der Diskussionsrunde gegen den Referentenentwurf zur Apothekenreform gestellt. »Zu keinem Zeitpunkt habe er diesen »als solchen abgelehnt«. Das Gegenteil sei richtig: »Ich habe mich wiederholt und klar für eine zukunftsfeste, rechtssichere und versorgungsorientierte Apothekenreform ausgesprochen – insbesondere mit Blick auf die Stärkung der Vor-Ort-Apotheken, die Sicherstellung der flächendecken-den Arzneimittelversorgung und die Anpassung an veränderte Versorgungsrealitäten«, sagte er.
»Was ich – ausdrücklich und fachlich begründet – eingefordert habe, ist keine Blockade, sondern Präzisierung, Nachschärfung und Korrektur einzelner Regelungspunkte, dort wo sie versorgungsrelevante Fehlanreize setzen, rechtliche Unsicherheiten erzeugen oder strukturelle Risiken für wohnort-nahe Apotheken mit sich bringen könnten.
Dennoch kritisierte die Vizepräsidentin der Apothekerkammer Hessen, Schamim Eckert, in einem offenen Brief an Pantazis, dass er sich als gesundheitspolitischer Sprecher der SPD in Deutschland »ohne Umschweife und einseitig für die Vor-Ort-Apotheken stark machen« könnte. »Sie würden damit Arbeits- und Ausbildungsplätze in Deutschland sichern, Steuereinnahmen hierzulande erhalten und vor allem die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung schützen«, machte sie deutlich. »Stattdessen ermöglichen Sie, dass verschreibungspflichtige Medikamente zunehmend über Verordnungsportale, internationale Versandapotheken und Logistikunternehmen gehandelt werden. Damit wird eine hochkritische Ware der direkten Verantwortung der deutschen Heilberufe entzogen. Die persönliche Beratung, die Therapiesicherheit und die schnelle Versorgung vor Ort werden dem reinen Geschäftsmodell geopfert.«
Reiner Kern, Director Communications and Public Affairs bei DocMorris, ging bei der BMC-Diskussionsrunde auf die Notwendigkeit einer niedrigschwelligen Anlaufstelle ein, zu der ein Patient »nicht physisch hingehen muss«, sagte er. »Mir geht es nicht um gleich lange Spieße zwischen Online-Apotheken und Vor-Ort-Apotheken, mir geht es um gleich lange Spieße für digitale Versorgung, telepharmazeutische Versorgung und Versorgung vor Ort.«
Digitale Betreuung müsse als zweite Säule der Flächendeckung betrachtet werden und könne »qualitativ genauso hochwertig sein wie eine Vor-Ort-Versorgung, in den allermeisten Fällen zumindest«, so Kern weiter.
Doch wie sieht das Zielbild einer Gesundheitsversorgung in fünf Jahren aus? Wie würden Patientinnen und Patienten merken, dass verlässlich versorgt werden? Die Vision von Professor Simon Reif, Gesundheitsökonom vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim: Verschiedene Gesundheitsberufe werden an einem Ort zusammengebracht. »Am Ende des Tages ist unser Ziel, dass Leute eine Lösung für ihre Probleme bekommen, dass sie irgendwo hingehen und ihnen geholfen wird«, sagte er. Es müsse einen Ort geben, an dem verschiedene Kompetenzen gebündelt werden. Dabei könnten Apotheken eine wichtige Rolle spielen. Dennoch müsse seiner Meinung nach nicht durchgehend ein Apotheker vor Ort sein.
Für Reif ist es kein Widerspruch, dass im Koalitionsvertrag gleichzeitig die Stärkung der Apotheken vor Ort sowie die Stärkung der Telemedizin verankert seien. Für ihn gehe es um Pragmatismus: »Ich habe ein Gesundheitsproblem und suche eine Lösung.« Man müsse sich fragen: »Was ist unser Ziel? Dann können wir uns auch überlegen, woran messen wir das Ziel? Und dann können wir in fünf Jahren schauen, haben wir das geschafft? Oder ist das Ziel, Apotheken am Leben zu erhalten? Da müssen wir anders messen.«
Die Vor-Ort-Apotheken bekämen immer stärker eine erweiterte Rolle, dass sie inzwischen auch andere Gesundheitsdienstleistungen erbringen. »Das ist der Weg der Apotheken, dafür brauchen wir sie.«