Abbildung 1: Aufstellung der Standwaage (Inv.-Nr. VI A 35) auf dem Rezepturtisch der Offizin der Klosterapotheke des Benediktinerklosters zu Schwarzach im Deutschen Apotheken-Museum / © DAM
Die Standwaage gehörte nicht zur ursprünglichen Ausstattung der Klosteroffizin aus Schwarzach, sondern wurde erst bei der Aufstellung des Rezepturtischs im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg mit diesem verbunden (Abbildung 1).
Wie die Waage nach Heidelberg kam, ist ungeklärt. Sie ist jedoch auf Fotografien der damaligen Museumsräume in der Residenz Bamberg, der Zwischenstation des Museums nach dem Zweiten Weltkrieg, zu sehen. Ebenso ist sie neben einer fast identischen Waage, ebenfalls mit Porzellanfuß, auf der Fotografie einer Ausstellung dokumentiert, die Fritz Ferchl, erster Pfleger, und Carl Sieberger, Direktor des Deutschen Apotheken-Museums, 1941 in Straßburg unter dem Titel »Pharmazie am Oberrhein« konzipiert hatten. Die Ausstellung zeigte Objekte aus mehreren Apotheken Straßburgs und Museen wie dem Museum Karlsruhe. Leider ist bei keiner der beiden Waagen ersichtlich, woher sie stammen.
Die Herkunft aus Frankreich belegt die Stempelung der Messingschalen mit der Aufschrift »1877 Chemin à Paris«. Meister Chemin, der seit 1685 Waagen und Gewichte herstellte, begründete die gleichnamige Firma, die über mehrere Generationen mit wechselnden Teilhabern in Paris tätig war.
Die Jahreszahl 1877 wird am Waagebalken wiederholt, zusammen mit weiteren Punzen. Bei einer könnte es sich um das Firmenzeichen, »Q couronné«, das gekrönte Q, handeln. Dieses bezieht sich auf den Sitz der Firma in der Rue de la Ferronnerie, in der die Pariser Kunstschmiede ansässig waren. Vor der Geschäftsadresse, dem Haus Nummer 4, war der französische König Heinrich IV. ermordet worden.
Abbildung 2: Detail des Porzellansockels der Standwaage mit Symbolen für den Überseehandel / © DAM
Außergewöhnlich ist die Fertigung des Sockels und des säulenförmigen Balusters, der den Waagebalken trägt, aus Porzellan. Die vier Seiten des Sockels sind mit verschiedenen Motiven farbenfroh bemalt. Auf zwei Seiten sind unterschiedliche Arrangements von Stand- und Schaugefäßen aus Glas und Holz sowie Mörser in verschiedenen Formen abgebildet, auf den beiden anderen Seiten Holzfässer und verschnürte Ballen, dazu Ruderblätter, Segel und Anker (Abbildung 2), ein Hinweis auf die Herkunft vieler Arzneistoffe aus Übersee.
Auch das Wappen der Zunft der Pariser Gewürzhändler und Apotheker zeigt neben einer Waage zwei Schiffe, die auf den Überseehandel, die Geschäftsgrundlage der beiden Berufsgruppen, hinweisen.
Abbildung 3: Apothekengefäß aus Porzellan, vermutlich Manufaktur Lefebure (Inv.-Nr. II B 393) / © DAM
Die Darstellung auf dem Baluster ist vor allem von Apothekenstandgefäßen aus Porzellan bekannt. Ihre Mitte nimmt ein exotischer Baum ein, hier eine Bananenpflanze, um den sich eine Schlange ringelt. Den Untergrund bildet eine Graslandschaft, an den Seiten erscheinen Pflanzen in kräftigen Blau- und Rottönen.
Diese Darstellung ist bekannt als »Die drei Reiche der Natur«. Sie erscheint erstmals auf einem Jeton der Zunft der Apotheker und Gewürzhändler aus dem Jahr 1628. Der Palmbaum im Zentrum verkörpert das Pflanzenreich, die Schlange, die sich um ihn windet, das Tierreich und der steinige Boden das Reich der Minerale. Damit sind die drei Reiche der Natur abgebildet, aus denen der Apotheker heilkräftige Zutaten für seine Arzneien gewinnt.
Nach der Trennung der Apotheker und Gewürzhändler 1777 werden die »Drei Reiche der Natur« zum Emblem des »Collège de pharmacie de Paris« und schließlich der »Freien Gesellschaft für die Geschichte der Pharmazie«. Die Darstellungen können sich unterscheiden, indem zwei Palmen mit einer Landschaft gezeigt werden oder ein Palm- oder Bananenbaum und eine Säulenruine.
Das Motiv der »Drei Reiche der Natur« erscheint häufig auf Porzellangefäßen aus den Pariser Manufakturen des 19. Jahrhunderts (Abbildung 3). Firmen wie Maison Acloque Fils, Vimeux-Vieillard, Maison Gosse oder Fontemoing et Peigney und ihre Nachfolger hatten sich auf die »Veredelung« der Gefäße spezialisiert.
Die Produktion der Rohlinge aus Weich- oder Hartporzellan war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgelagert; die Werkstätten selbst befanden sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts wohl gar nicht mehr in Paris. Je nach Kundenwunsch wurden die Gefäße in den Pariser Firmen mit Dekor und Beschriftung versehen. In Katalogen konnte der Kunde nicht nur die Gefäßformen, sondern auch die Dekore aussuchen, die dann eine ganze Serie in den Regalen der Offizinen bildeten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Dekor noch handgemalt, ab 1850 wurden dann Farblithografien verwendet.
Die Porzellanteile der Standwaage aus dem Deutschen Apotheken-Museum sind wohl sicher in einer der Firmen in Paris entstanden. Da derartige Waagen nicht in den gängigen Firmenkatalogen angeboten wurden, handelte es sich vermutlich um eine Einzelbestellung des Waagenherstellers. Die Porzellanelemente stammen vermutlich aus der Werkstatt von Fontemoing et Peigney und machten aus der Waage, dem wichtigsten Handwerkszeug der Apotheker, ein hochdekoratives Element für die Offizin ihres Besitzers.