| Cornelia Dölger |
| 06.10.2026 11:30 Uhr |
Adexa-Bundesvorstand Andreas May ruft zurück an den Verhandlungstisch. / © Adexa/Angela Pfeiffer
Den Weg über die Öffentlichkeit zu wählen, statt zunächst die Tarifverhandlungen direkt fortzuführen, habe man »mit Verwunderung« aufgenommen, kommentiert Bundesvorstand Andreas May. Nach Auffassung der Gewerkschaft werden Tariffragen am Verhandlungstisch gelöst und nicht durch öffentliche Empfehlungen. Eine einseitige Empfehlung könne zudem keinen gemeinsam ausgehandelten Tarifvertrag ersetzen. Daher müssten die Verhandlungen und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Einwänden der Gewerkschaft zu den jüngsten Angeboten der Arbeitgeberseite fortgeführt werden.
Ende vergangener Woche hatte die Tarifgemeinschaft der Apothekenleiter (TGL) in Nordrhein eine unabgestimmte »Tarifempfehlung« vorgelegt. Sie sieht feste monatliche Gehaltserhöhungen vor: 200 Euro für PKA, 120 Euro für PTA, Approbierte, Pharmazieingenieurinnen und -ingenieure sowie Apothekenassistentinnen und -assistenten sowie 100 bis 150 Euro für Auszubildende und Praktikantinnen beziehungsweise Praktikanten.
Mit den Vorschlägen ist die Gewerkschaft nicht einverstanden, was sie der Arbeitgeberseite im Übrigen deutlich gemacht habe, heißt es von der Adexa. Die vorgeschlagenen Erhöhungen sollen demnach erst ab dem 1. Oktober 2026 gelten. Da es sich nicht um einen Tarifvertrag handele, bestehe für die Beschäftigten kein Anspruch; zudem entscheide jede Apotheke selbst über eine Umsetzung. Für die Monate Juli bis September ist keine Gehaltserhöhung vorgesehen. Ende Juni war der alte Tarifvertrag ausgelaufen.
Mit den Angeboten ist die Gewerkschaft weiter unzufrieden. Zwar erkenne sie an, dass die Arbeitgeberseite ihr Angebot im Verlauf der Verhandlungen verbessert und damit auf die stärkere wirtschaftliche Entwicklung vieler Apotheken reagiert habe. Das Verständnis für die wirtschaftliche Lage der Apotheken dürfe aber nicht zulasten der Beschäftigten gehen. Das Angebot reiche also nicht aus, da ein Tarifvertrag Qualifikation, Berufserfahrung und Verantwortung deutlich stärker berücksichtigen müsse.
So würden PKA in den unteren Berufsjahren bereits heute auf Mindestlohnniveau bezahlt. Hinzu komme, dass ein Großteil der angebotenen Erhöhung durch die gesetzliche Mindestlohnerhöhung zum Januar 2027 ohnehin erforderlich werde. »Deshalb klingen die angebotenen 200 Euro großzügiger, als sie sind«, schreibt die Gewerkschaft. »Rund 120 Euro davon schreibt das Gesetz ab Januar ohnehin vor. Eine PKA am Berufsanfang käme mit dem Angebot auf etwa 15,11 Euro pro Stunde. Das sind rund 50 Cent mehr als der Mindestlohn, und das nach einer dreijährigen Berufsausbildung. Viel mehr als das gesetzliche Minimum ist das nicht.«
Auch bei PTA drohe der Abstand zum Mindestlohn weiter zu schrumpfen. Durch die unterschiedlich hohen Festbeträge würde zudem der Gehaltsabstand zwischen PKA und PTA kleiner werden. PTA lägen mit ihrem Einstiegsgehalt ab 2027 nur noch knapp über dem Mindestlohn, obwohl sie eine längere Ausbildung absolvieren und besondere Verantwortung tragen.
Da für PTA lediglich 120 Euro, für PKA aber 200 Euro mehr vorgesehen sind, würde der Gehaltsabstand zwischen beiden Berufsgruppen auf rund 100 Euro schrumpfen, rechnet die Adexa vor. Der steigende Mindestlohn führe daher zusammen mit pauschalen Erhöhungen dazu, dass Qualifikation und Berufserfahrung finanziell immer weniger berücksichtigt werden. Zudem fielen die prozentualen Gehaltszuwächse für Approbierte besonders gering aus.
Prozentual am wenigsten bleibe übrigens bei den Approbierten. Für sie bedeuteten 120 Euro im Schnitt weniger als 3 Prozent mehr Gehalt.
»Wenn eine qualifizierte Ausbildung sich kaum noch im Gehalt bemerkbar macht, entscheiden sich junge Menschen für andere Berufe«, warnt die Gewerkschaft. Angesichts von Fachkräftemangel und Überlastung der Teams seien faire Gehälter kein Widerspruch zu Arbeitgeberinteressen, sondern »eine Investition in die Zukunft jeder Apotheke«. Das Tarifgebiet Nordrhein sei ohnehin längst abgekoppelt, nicht nur beim Gehalt, sondern auch bei Arbeitszeit und Urlaubstagen. Man erwarte, dass »die Verhandlungen bald am Verhandlungstisch weitergehen«.