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Autoimmunenzephalitis
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Mögliche Ursache psychiatrischer Symptome

Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Wesensveränderungen oder epileptische Anfälle – hinter all diesen Symptomen kann eine akute Entzündung des Gehirns infolge einer Autoimmunreaktion stecken. Eine schnelle Diagnose ist wichtig, um mit einer geeigneten Therapie bleibende Schäden zu verhindern.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 05.01.2026  09:00 Uhr

Hat eine Person Probleme, sich zu konzentrieren und zu erinnern, zeigt  Wahrnehmungs- oder auffällige Wesensänderungen, denkt das Umfeld meist nicht an eine mögliche hirnorganische Ursache. Naheliegendere Erklärungen sind häufig Stress oder psychische Probleme. Ein Hinweis darauf, dass tatsächlich eine Autoimmunenzephalitis (AE), als akute Entzündung des Gehirns dahinterstecken kann, ist ein plötzliches Einsetzen der Symptome. Es sei, als wären die Patienten »plötzlich verrückt geworden«, veranschaulicht Privatdozent Dr. Frank Leypoldt vom Institut für Klinische Chemie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in einer Mitteilung des Klinikums Saarbrücken.

Die Phase, in der die Patienten nur diese Auffälligkeiten zeigen, dauert in der Regel nur einige Tage bis Wochen. »Dann kann das komplette Spektrum der neurologischen Erkrankungen von Bewusstseinsminderung bis hin zu Psychosen, epileptischen Anfällen, Bewegungsstörungen auftreten«, erklärt Leypoldt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte ein Neurologe aufgesucht werden – was aber längst nicht immer geschieht: »70 Prozent der Patienten werden meist psychiatrisch interpretiert, eben weil die Erstsymptomatik oft Verhaltens- oder Aufmerksamkeitsstörungen oder demenzartige Anfälle mit sich bringt«, berichtet Leypoldt, der dies mit einem Fallbeispiel illustriert (siehe Kasten).

Antikörper gegen intrazelluläre Strukturen oder Oberflächenproteine

Autoimmunenzephalitiden sind sehr selten, die Inzidenz beträgt etwa 1 pro 100.000 Patientenjahre. Sie wurden erst vor wenigen Jahren als eigene Gruppe von Erkrankungen identifiziert. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Neurologe Dr. Josep Dalmau von der Universität Barcelona in Spanien, der kürzlich im Fachjournal »Medical Clinics of North America« zusammen mit Dr. Mar Guasp eine Übersicht zu AE veröffentlichte. Mittlerweile gehe man davon aus, dass AE etwa so häufig seien wie Hirnentzündungen mit viraler Ursache, heißt es da.

Statt durch Krankheitserreger wird bei AE die Enzephalitis durch spezifische Antikörper gegen Nerven- oder Gliazellen getriggert. Diese können sich entweder gegen intrazelluläre Antigene oder gegen Oberflächenantigene richten. Etwa zwei Dutzend AE-auslösende Autoantikörper sind bekannt – und es kämen immer wieder neue hinzu, berichtete ein Autorenteam um Josephine Heine von der Berliner Charité 2023 in der Fachzeitschrift »Der Nervenarzt«.

AE mit Antikörpern gegen intrazelluläre Strukturen lägen sehr häufig Tumoren zugrunde, so die Autoren. Die Antikörper seien bei dieser Art von AE nicht direkt pathogen, lösten aber eine zytotoxische T‑Zell-Antwort aus, die für die neuronale Schädigung verantwortlich ist. Beispiele für Tumoren, die solche onkoneuronalen Antikörper bilden können, sind Thymome (Tumoren des Thymus), kleinzellige Lungenkarzinome, Ovarial- und Hodenkarzinome.

Demgegenüber wirken Autoantikörper, die gegen Oberflächenantigene im ZNS gerichtet sind, direkt pathogen. Strukturen, die von solchen Antikörpern attackiert werden, können Rezeptoren oder andere Oberflächenproteine sein, etwa NMDA-, GABA(A)-, GABA(B)- oder AMPA-Rezeptoren, Lgi1, Caspr2, mGluR5, GFAP oder IgLON5. Frauen sind von vielen dieser AE häufiger betroffen als Männer; bei der häufigsten Form, der NMDA-Rezeptor-(NMDAR-)AE beträgt das Geschlechterverhältnis Frauen zu Männer 3:1.

Wie bei anderen Autoimmunerkrankungen auch, können Infektionen eine AE triggern. Heine und Kollegen berichten, dass etwa 30 Prozent der Patienten, die an einer Enzephalitis infolge einer Infektion mit dem Herpes-simplex-Virus Typ 1 erkrankt waren, sekundär eine NMDAR-AE entwickeln. Auch für andere Virusinfektionen sei ein Zusammenhang beschrieben, darunter das Coronavirus SARS-CoV-2. In den meisten Fällen bleibt der genaue Auslöser einer AE aber unklar.

Hochdosierte Corticosteroide als Therapie

Die empfohlene Therapie hängt von der Art der AE ab. Handelt es sich bei den nachgewiesenen Antikörpern um onkoneuronale Antikörper mit intrazellulären Zielantigenen, steht die Entfernung des Tumors im Vordergrund. Eine Therapie mit intravenös verabreichtem Methylprednisolon kann insbesondere in der Frühphase der Erkrankung zytotoxische T-Zellen beseitigen. Da bei dieser Form der AE die Antikörper allerdings nur indirekt pathogen sind, ist die Wirksamkeit der Immuntherapie begrenzt. Entstandene neuronale Schäden sind nicht reversibel.

Bei AE mit Antikörpern, die sich direkt gegen Oberflächenantigene richten, kann dagegen mit der Hochdosis-Corticosteroidtherapie plus therapeutischer Apherese bei 70 bis 80 Prozent der Patienten eine fast vollständige Erholung erzielt werden. Auch bei diesen Patienten können langfristig kognitive Probleme zurückbleiben, die etwa das Gedächtnis oder die Exekutivfunktionen betreffen. Bei früher Diagnose und adäquater Behandlung ist die Prognose aber günstig.

Leypoldt dazu: »Es klingt fast unglaublich: Die Menschen verbringen oft mehrere Monate auf Intensivstationen, können dann aber wieder in den Beruf zurückkehren und weitgehend normal leben. Zum Vergleich: Bei Schädelhirntrauma-Patienten mit einem ähnlich langen Intensivaufenthalt ist die Rückkehrerrate ins normale Leben deutlich geringer.«

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