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Nachhaltigkeit
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Mehrweg statt Müllberg in der Diabetestherapie

Jährlich entstehen in Deutschland über eine Milliarde Abfallteile durch die Behandlung von Diabetes. Wie medizinische Einrichtungen und Betroffene die Umwelt durch wenige Maßnahmen schonen können.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 15.09.2025  17:30 Uhr

Studien zeigen, dass nachhaltige Lösungen in der Diabetestherapie Müll reduzieren und gleichzeitig Kosten sparen können, erklärte der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) heute in einer Mitteilung. Moderne Diabetestechnologien und Hilfsmittel wie Insulinpens, Sensoren und Insulinpumpen würden allein in Deutschland aktuellen Schätzungen zufolge jährlich rund 1,2 Milliarden Abfallteile entstehen.

In einer Studie sammelten 80 Menschen mit Diabetes in nur drei Monaten über 23.000 Einzelteile an Therapieabfällen, darunter Teststreifen, Nadeln, Sensoren und Pens. Die Diabetestherapie trage damit zu etwa zwei Prozent des gesamten Haushaltsmülls bei, folgern die Studienautoren.

Ähnliche Zahlen kommen aus den USA: Dort verursacht die Therapie mit einer Insulinpumpe durchschnittlich 1,2 Kilogramm Müll pro Monat, bei Mehrfachinjektionen sind es sogar 1,4 Kilogramm. »Die Zahlen verdeutlichen: Wir brauchen dringend nachhaltigere Lösungen – sowohl auf Herstellerseite als auch in den Praxen«, betont Theresia Schoppe, stellvertretende Vorsitzende des VDBD und Diabetesberaterin.

Die Untersuchungen würden »eindrucksvoll« zeigen, wie groß der Müllberg einer Diabetestherapie tatsächlich sei. »Das hat auch viele Menschen mit Diabetes und Praxisteams, die unsere Untersuchung unterstützten, überrascht«, ergänzt Privatdozent Sebastian Petry, Mitautor der deutschen Praxisstudie sowie Oberarzt und Leiter der Klinischen Forschungseinheit am Universitätsklinikum Gießen. Die beiden Experten setzen sich in der Arbeitsgemeinschaft »Diabetes, Umwelt & Klima« der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) dafür ein, nachhaltige Lösungen in der täglichen Arbeit mit Menschen mit Diabetes zu finden.

Ein Ansatz, um Müll zu reduzieren, sind laut VDBD mehrfach verwendbare Insulinpens. Eine britische Untersuchung zeige, dass deren Einsatz bis zu 95 Prozent des bei der Diabetestherapie entstehenden Plastikmülls einsparen und gleichzeitig die Behandlungskosten senken könne. Gerade moderne Systeme wie kontinuierliche Glukosemessung (CGM) oder Insulinpumpen würden den Abfallberg durch häufigen Wechsel zusätzlich wachsen lassen.

Für Menschen mit Diabetes und ihre Behandlungsteams gebe es bislang kaum Spielraum, bei Pens auf Nachhaltigkeit zu achten, so Petry. »Wo medizinisch möglich, könnten wiederverwendbare Pens die Abfallmenge senken. Auch Einweg-Pens verursachen weniger Abfall, wenn sie größere Füllmengen oder höhere Insulinkonzentrationen enthalten, langwirksame Insuline mit längeren Dosierungsintervallen eingesetzt werden oder die Pens langlebiger sind«, regte er an. »Es geht nicht darum, Menschen mit Diabetes zu stigmatisieren und ihnen Umweltverschmutzung vorzuwerfen – moderne Hilfsmittel sind unverzichtbarer Bestandteil des alltäglichen Diabetesmanagements«. Es müssten vielmehr mit allen an der Diabetesversorgung Beteiligten Lösungen und Wege gefunden werden, die Therapie nachhaltiger zu gestalten und so langfristig zu sichern.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Medizinische Einrichtungen sowie Menschen mit Diabetes können im Alltag die Umwelt mit einfachen Gewohnheiten schonen: »Beispielsweise lassen sich Verpackungsmaterialien bewusst trennen oder Elektronikkomponenten wie Sensoren über Sammelstellen zurückgeben«, ergänzte Schoppe. Für eine umweltschonende Müllvermeidung und -entsorgung brauche es mehr als das individuelle Engagement. Die Politik sei gefordert, klare Rahmenbedingungen zu setzen: gemeinsame Recyclingprogramme, Anreize für Hersteller zu »Eco-Design« sowie eine bessere Aufklärung der Menschen mit Diabetes zusammen mit deren sozialem Umfeld in den Praxen.

Der VDBD thematisiert dieses wachsende Problem in der Diabetesversorgung in der Fortbildungsveranstaltung »Nachhaltig gut beraten« am 18. Oktober 2025 in Essen. Damit will der Verband das Bewusstsein für ressourcenschonende Möglichkeiten bei Gesundheitsfachkräften, Ärztinnen und Ärzten sowie Menschen mit Diabetes schärfen.

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