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Abkürzungen und Verständnis
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Medizin-Scrabble verwirrt nur

Lost in Translation? In medizinischen Texten wimmelt es oft von Abkürzungen. Was als Effizienzgewinn gedacht ist, hat sich zum Kommunikationsproblem entwickelt – für Fachleute, Patienten und die Wissenschaft. Ein Plädoyer für mehr Klarheit.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 19.01.2026  07:00 Uhr

Die Medizin liebt Abkürzungen so sehr, dass man manchmal den Eindruck bekommt, Ärztinnen und Ärzte schreiben Rätsel für Escape-Rooms. Man begegnet Geheimcodes, die wie WLAN-Passwörter aussehen – mit Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Zahlen oder ganz ohne Vokale.

Gegen Kryptogramme ist ja erst einmal nichts einzuwenden, wenn Medizinerinnen und Mediziner diese nachts um drei Uhr im Krankenhaus auf ihren Notizzettel kritzeln – schnell, zweckmäßig, funktional. Doch es kann heikel werden, wenn die Chiffrierung in wissenschaftliche Texte, Protokolle, Präsentationen oder gar Patientenakten überspringen.

Es gab sogar Fälle, in denen Richter ein medizinisches Dokument voller Abkürzungen zurückwiesen, weil sie sich nicht respektiert fühlten. Das berichtet die Ärztin Dr. Carla Vorsatz aus Brasilien in ihren Beitrag auf der medizinischen Nachrichtenplattform »Medscape« zu diesem Thema. »Sie haben nicht Unrecht: Niemand ist verpflichtet, einen Code zu entschlüsseln«, schreibt sie.

Komplikationen reduzieren

Dabei wäre Klarheit doch sinnvoll – immerhin geht es oft um Leben oder Tod. Stattdessen kursieren im medizinischen Alltag Akronyme, die je nach Fachgebiet, Land oder Laune des Autors oder der Autorin völlig unterschiedliche Bedeutungen haben können. DNA zum Beispiel sollte Desoxyribonukleinsäure bedeuten – könnte aber auch »did not appear« oder »did not attend« heißen. Was Zeit sparen soll, führt zu Komplikationen. »Hermetische Sprache ist keine Raffinesse, sondern intellektuelle Faulheit, die als Effizienz getarnt ist«, kommentiert Vorsatz in ihrem Beitrag.

Es stellt sich die Frage: Für wen schreiben die eigentlich? Für Kolleginnen und Kollegen, die ohnehin alles wissen oder gar selbst rumrätseln müssen – ohne es zuzugeben. Oder für Menschen, die ihre Erkrankung verstehen wollen? Ist Letzteres der Fall, sollten Ärztinnen und Ärzte künftig aus dem Escape-Room kommen. Die Medizin ist komplex genug. Und sprachliche Klarheit ist keine Schwäche. Sie ist ein Dienst an der Wissenschaft – und an den Menschen, die sie braucht.

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