Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Apothekenschließung
-
Medikamentenautomat als Notlösung

Auf dem Land schließen zunehmend Dorfapotheken, weil sie keine Nachfolge mehr finden. Im Örtchen Rieseby nahe Eckernförde soll nun ein Medikamenten-Terminal die Arzneimittelversorgung gewährleisten. Für Betreiber und Apothekerverband ist das eindeutig ein Signal an die Politik, endlich gegenzusteuern.
AutorKontaktEv Tebroke
Datum 03.06.2025  14:30 Uhr

»Das Medikamenten-Terminal ist auf keinen Fall eine Alternative zur Apotheke vor Ort.« Das stellt Apothekeninhaber Matthias Fischer auf Anfrage der PZ direkt klar. Der Initiator des Arzneimittel-Automaten im schleswig-holsteinischen Dorf Rieseby will mit seiner Idee jedoch gewährleisten, dass nach Schließung der einzigen Apotheke im Ort, der Schulhaus-Apotheke, vor allem immobile ältere Menschen weiterhin bequem und zuverlässig an ihre Arzneimittel kommen können.

Vor zwei Jahren hatte Fischer von Inhaberin Sigrun Kramer (75) erfahren, dass sie nach mehr als 40 Jahren in den Ruhestand gehen will und für die Schulhaus-Apotheke eine Nachfolge sucht. Doch leider fand sich niemand und im Januar dieses Jahres war klar, dass die Apotheke Ende Juni endgültig schließen würde. Fischer hat zunächst zusammen mit Kramer und Bürgermeisterin Doris Rothe-Pöhls nach Lösungen gesucht. Fehlanzeige. Letztlich sei es auf den Medikamenten-Terminal hinausgelaufen.

Ältere digital nicht affine Menschen als Zielgruppe

Seit dem 30. April gibt es nun das Terminal im örtlichen Edeka der knapp 3000-Seelengemeinde im Landkreis Eckernförde. Direkt im Eingangsbereich – zwischen Lottoannahmestelle und Gemüseabteilung – können Menschen über ihre elektronische Gesundheitskarte (EGK) ihre E-Rezepte einlösen. Die Order landet in Fischers Apotheke in Schleswig und wird bei Bestellung bis 13 Uhr noch am selben Tag per Boten an den Patienten geliefert. Zielgruppe sind laut Fischer eher immobile ältere Bürger, die keinen Zugang zum E-Rezept auf ihrer EGK haben und eher digital nicht affin sind. Um ihnen das Prozedere via Terminal zu erklären, sei bis auf Weiteres vormittags stets ein Mitarbeiter von Fischers Apothekenteam vor Ort, heißt es.

»Wir planen in den nächsten Wochen auch eine Videoberatung, bislang kann man am Terminal lediglich telefonisch Rat einholen«, so Fischer. Und ergänzt: »Letztlich ist das Terminal der verlängerte Arm unserer Vor-Ort-Apotheke in Schleswig. Außer der Vis-a-vis-Beratung können wir alles genauso anbieten wie direkt in der Offizin.« Aber genau das ist der Knackpunkt.

Verband fürchtet Aushöhlung der Arzneimittelversorgung

Von Verbandsseite zeigt man sich nicht erfreut über das Terminal. Man habe sich von Anfang an dagegen positioniert, heißt es auf Anfrage der PZ. »Das darf nur eine zeitlich begrenzte Notlösung sein«, sagt Hans-Günter Lund, Vorsitzender des Apothekerverbands Schleswig-Holstein. »Den persönlichen Kontakt und das Vertrauensverhältnis zwischen Apotheker und Patient kann ein Terminal niemals ersetzen.« Es brauche schleunigst wieder eine richtige Apotheke vor Ort. »So etwas darf nicht Schule machen, denn ansonsten droht die Gefahr, dass die Arzneimittelversorgung der Menschen weiter aushöhlt«, so Lund. In der stationären Apotheke erfahre der Mensch Empathie und das Personal könne von Angesicht zu Angesicht direkt wahrnehmen, wie es dem Gegenüber geht. Per Terminal ginge das nicht.

Auch Fischer sieht sein Angebot als Notlösung. Es ersetze nicht die stationäre Apotheke, sei aber immer noch besser als gar keine Apotheke vor Ort, wie er betont. Fischer, der neben Schleswig auch noch eine Apotheke in Groß Wittensee betreibt, wohnt selbst in Rieseby. Er kennt die desolate Situation vieler Dorfapotheken. Zuletzt hat er nach eigenen Angaben in Oostenfeld eine Apotheke vor der Schließung gerettet. Ein Kollege habe diese dann letztlich übernommen.

Fischer: Signal an Politik,  Honorarerhöhung schnell umzusetzen

Man habe auch lange versucht, eine Nachfolge für die Schulapotheke zu finden. Aber bei der schlechten wirtschaftlichen Lage bei gleichzeitig hohem Investitionsvolumen aufgrund von umfangreichen notwendigen Digitalisierungsmaßnahmen hätte sich niemand gefunden.

Die Schuld für die desolate Lage vieler Landapotheken sieht Fischer eindeutig bei der Politik. Die schlechten Rahmenbedingungen, sprich die seit mehr als zwölf Jahren stagnierende Vergütung und zuletzt das Skonto-Verbot, hätten viele Apotheken in den Ruin geführt. Fischer betont: »Wenn in Kiel eine Apotheke vom Netz geht, fällt das kaum auf. Aber wenn in Dörfern wie etwa Rieseby die einzige Apotheke schließt, dann sind viele Bürgerinnen und Bürger plötzlich von der Arzneimittelversorgung abgeschnitten.« Die nächsten Apotheken sind laut Fischer 10 Autominuten entfernt.

Grundsätzlich werten sowohl Verbandschef Lund als auch Initiator Fischer diese Entwicklung als ein Signal an die Politik, endlich tätig zu werden und die Apotheken wirtschaftlich zu stärken. Solch ein Medikamenten-Terminal dürfe lediglich ein Übergangskonstrukt sein. Die Zukunft der flächendeckenden Arzneimittelversorgung sei das definitiv nicht. Da ist man sich einig.

Mehr von Avoxa