| Alexandra Amanatidou |
| 14.01.2026 15:45 Uhr |
Eine Vertretung durch eine gut weitergebildete PTA sieht Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbands nicht kritisch. Diese könnte die Versorgung gewährleisten, was am wichtigsten sei. / © BKK-Dachverband/Markus Altmann
Die BKK kann sich bei der Primärversorgung eine digitale Ersteinschätzung vorstellen, weiß aber noch nicht, wer diese durchführen soll. »Pflegefachkräfte könnten eine erste digitale Einschätzung geben. Aber auch Apotheken könnten eine erste Anlaufstelle sein«, sagt Klemm und fügt hinzu: »Das Ergebnis wird dann hoffentlich immer gleich gut sein.«
Auch zur Apothekenreform, über die der Gesundheitsausschuss des Bundesrates heute berät, äußerte sich Klemm. »Apotheken sind auf jeden Fall eine gute erste Anlaufstelle und wichtig für die Versorgung«, sagte sie. Dennoch gebe es auch Beispiele aus anderen Ländern, die ihre Versorgung mit »Online-Apotheken« sicherstellen. Auch eine Vertretung durch eine gut weitergebildete PTA sieht sie nicht kritisch. Diese könnte die Versorgung gewährleisten, was am wichtigsten sei.
Was die Zahl der Apothekenschließungen angeht, zu denen die ABDA diese Woche aktuelle Zahlen veröffentlicht hat, wünscht sie sich mehr Transparenz. Sie möchte die genauen Gründe für die Schließungen erfahren und wissen, ob tatsächlich keine weitere Apotheke vor Ort mehr vorhanden ist. Ihrer Ansicht nach sollte eine zentrale Rolle dabei spielen, wo die Versorgungsbedürfnisse der Bevölkerung liegen und welche konkrete Rolle die Apotheken dabei spielen können.
Auch den Topf für die pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) sieht sie kritisch. Dieser sollte aufgelöst werden, da die Gelder von den Apotheken nicht abgerufen werden. Klemm kann sich Verträge zwischen Krankenkassen und Apotheken vorstellen, die die pDL nutzen und sich stärker in die Prävention einbringen wollen.
Mit Blick auf die fünf anstehenden Landtagswahlen in diesem Jahr sowie auf die rasant steigenden Zahlen der AfD in Ländern wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mahnte Klemm, dass das Thema Gesundheitsversorgung auch bei den Landtagswahlen instrumentalisiert werden könne.
»Die AfD macht sich das Thema Gesundheit zu eigen«, sagte sie und fügte hinzu: »Mit Gesundheit kann man keine Wahlen gewinnen, aber man kann sie verlieren. Das könnte sich auf die Landtagswahlen auswirken.«
Die Politik müsse jetzt »performen« und die GKV kurzfristig stabilisieren sowie den Zugang zur Versorgung verbessern. »Wir können nicht ewig warten.« Die Vorschläge der Finanzkommission Gesundheit, die Maßnahmen für eine dauerhafte Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung erarbeiten wird, sollen jedoch erst Ende März veröffentlicht werden. Das kommt für Klemm zu spät. »Bis aus den Vorschlägen etwas entsteht, sind wir wieder im Sommer. Das ist zu spät.«
Das Gesundheitssystem müsse reformiert werden, es reiche nicht aus, einfach weiter Geld »zu pumpen«. »Wir brauchen ein neues Zielbild«, sagte sie. Gesundheitsförderung und Prävention müssten eine zentrale Rolle im System spielen. Außerdem müsse eine Behandlung garantiert werden. »Health in all policies« sei ihre Devise, so Klemm. Das bedeute, Gesundheit auch in anderen politischen Entscheidungen zu berücksichtigen. »Es muss auch im Interesse der Wirtschaft liegen, Fachkräfte gesund zu erhalten. Auch das Bildungsministerium sollte das Thema Prävention in Kitas und Schulen stärken.«
Eine repräsentative Umfrage der Forsa Gesellschaft im Auftrag des BKK-Dachverbands zeigt die Unzufriedenheit der Patientinnen und Patienten mit dem Gesundheitssystem. Demnach zweifeln 82 Prozent der Befragten daran, dass diese Regierung eine zukunftsfeste Gesundheitsreform schaffen wird. Zudem bezweifeln 94 Prozent, dass sich das System durch höhere Kassenbeiträge verbessern wird. Konkret gaben 46 Prozent an, dass sich die Gesundheitsversorgung verschlechtern werde, und 48 Prozent, dass sich das System nicht wesentlich verändern werde. Nur drei Prozent glauben, dass sich das System verbessern wird, während drei Prozent mit »ich weiß nicht« antworteten.
Auf die Frage, welche Maßnahmen zur finanziellen Entlastung der Krankenkassen sie unterstützen würden, wünschten sich 48 Prozent eine Anpassung der Ausgaben an die Einnahmen, während nur 13 Prozent Leistungskürzungen befürworteten. 36 Prozent glauben, dass dies durch die Finanzierung versicherungsfremder Leistungen durch Steuermittel gelingen kann. Dies ist seit Monaten eine zentrale Forderung der Krankenkassen. 19 Prozent glauben, dass keine dieser Maßnahmen weiterhelfen wird. Hier waren mehrere Antworten möglich.
Weiterhin sind 67 Prozent der Befragten für ein Primärversorgungssystem, während sich 24 Prozent dagegen aussprechen. Neun Prozent haben mit »ich weiß nicht« geantwortet. Bei der Befragung wurde Primärversorgung wie folgt definiert: »Ausbau der Digitalisierung sowie eine Grundversorgung durch berufsübergreifende Teams aus Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Gesundheitsberufen, die die Versorgung sowie Steuerung und Koordination der Behandlung der Patientinnen und Patienten übernehmen«.
Zudem stimmten 67 Prozent der Befragten einer digitalen Ersteinschätzung zu, während 30 Prozent dagegen waren und drei Prozent mit »ich weiß nicht« antworteten. »Digital, vor ambulant, vor stationär« lautet hier das Motto.
Außerdem gaben 77 Prozent der Befragten an, mehr Prävention im Leistungskatalog der Krankenkassen sehen zu wollen. Nur 19 Prozent sprachen sich dagegen aus, vier Prozent antworteten mit »ich weiß nicht«. Insgesamt wurden 1.005 Menschen befragt. Die Erhebung wurde vom 12. bis 18. Dezember durchgeführt.