| Annette Rößler |
| 02.02.2026 16:20 Uhr |
Niedrig dosierte ASS zum Schutz vor Krebs – das sollten sich ältere Menschen besser sparen. / © Getty Images/Silke Enkelmann/EyeEm
In hohen Dosen ein Analgetikum und ein Antipyretikum, in niedriger Dosierung ein Thrombozytenaggregationshemmer und ein Krebsprotektivum – eine Zeit lang schien es, als sei Acetylsalicylsäure (ASS) ein echter Tausendsassa. Immer dabei als Nebenwirkung war und ist jedoch ein erhöhtes Blutungsrisiko. Dieses hinzunehmen, war man früher mehr bereit als heute, wie die Angiologin Professor Dr. Edelgard Lindhoff-Last erst kürzlich beim Fortbildungskongress Pharmacon in Schladming betonte.
Zumal die Vorteile von ASS insbesondere bei älteren Menschen früher offenbar auch überschätzt wurden. Eine große Studie, die das gezeigt hat, hieß ASPREE (Aspirin in Reducing Events in the Elderly). In ihr konnte nicht nur mit Blick auf die Primärprävention von Herz-Kreislauf-Ereignissen bei Menschen über 70 Jahren kein Vorteil durch 100 mg ASS täglich gezeigt werden. Auch das Krebsrisiko beeinflusste ASS laut der Studie nicht im gewünschten Sinn – im Gegenteil war das Risiko für Krebs in fortgeschritteneren Stadien sogar leicht erhöht. Eine Sekundäranalyse der ASPREE-Daten aus dem vergangenen Jahr hinterließ diesbezüglich noch mehr Fragezeichen.
Nun erschienen im Fachjournal »JAMA Network« die Ergebnisse eines Follow-ups der ASPREE-Studie, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen: Eine mehrjährige ASS-Therapie bei älteren Patienten einzuleiten, sei mit Blick auf das Krebsrisiko nicht zu empfehlen, schreibt das Autorenteam um Professor Dr. Suzanne G. Orchard von der Monash University in Melbourne, Australien.
Die Untersuchung fand in Australien und den USA statt. Eingeschlossen waren 19.114 gesunde Personen ab 70 Jahren beziehungsweise ab 65 Jahren, sofern es sich um dunkelhäutige Menschen oder Latinos handelte. Sie erhielten über median 8,6 Jahre entweder ASS oder Placebo. Dabei war die Krebsinzidenz in der ASS-Gruppe nicht niedriger als in der Placebogruppe. Das galt für alle Krebsarten und -stadien – auch für Darmkrebs, bei dem zuvor andere Studien teilweise Vorteile durch ASS gezeigt hatten.
Im Gegensatz dazu war im ASPREE-Follow-up sogar eine leichte, aber statistisch signifikante Erhöhung der krebsbedingten Sterblichkeit unter ASS zu verzeichnen. Eine Subgruppenanalyse ergab, dass dieses Risiko nur unter der Therapie mit ASS bestand und nach dem Absetzen wieder verschwand. Ein sogenannter Legacy-Effekt, also eine Wirkung von ASS über die Anwendungsdauer hinaus, lag somit nicht vor. Nichtsdestotrotz untermauern die Ergebnisse, dass ASS in der Medikationsliste von älteren Menschen eigentlich nichts mehr verloren hat.