»Ohne hochwertige medizinische Unterstützung oder begleitende Therapie ist der Einsatz von medizinischem Cannabis in diesen Fällen selten gerechtfertigt«, sagen die Studienautoren. / © Adobe Stock/Jeremy Pawlowski
Australische Forschende haben 54 internationale klinische Studien mit insgesamt 2477 Patienten ausgewertet, die aus dem Zeitraum von 1980 bis 2025 stammen. Das Ergebnis von Review und Metaanalyse wurde jetzt im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« veröffentlicht.
Demnach gibt es keinen belegbaren Nutzen von Cannabinoiden bei Depressionen oder Angststörungen . Auch bei posttraumatischen Belastungsstörungen konnte kein erwiesener Nutzen festgestellt werden, wie das Forschungsteam von der Universität Sydney schreibt. Nach eigenen Angaben hat das Team damit die bisher größte Meta-Analyse dieser Art zu dem Thema durchgeführt.
Einen gewissen Nutzen könnten medizinische Cannabisprodukte bei Autismus, Schlaflosigkeit oder dem Tourette-Syndrom haben, schreibt das Team. »Aber die generelle Qualität der Befunde für diese Krankheiten ist niedrig«, betont der federführende Autor Jack Wilson. »Ohne hochwertige medizinische Unterstützung oder begleitende Therapie ist der Einsatz von medizinischem Cannabis in diesen Fällen selten gerechtfertigt.«
Vielmehr bestehe das Risiko, dass aufgrund der Anwendung von Cannabinoiden wirksamere Therapien verzögert oder unerwünschte Nebenwirkungen ausgelöst werden könnten. »Der routinemäßige Konsum von medizinischem Cannabis könnte mehr schaden als nützen«, fasst Wilson zusammen.
Bei nicht psychischen Leiden sieht es anders aus: Zur Linderung von Anfällen bei einigen Formen der Epilepsie, zur Verringerung von Spastiken bei Multipler Sklerose oder zur Behandlung einiger Arten von Schmerzen sei durchaus ein Nutzen von medizinischem Cannabis nachweisbar, so die Autoren.
Die nicht an der Studie beteiligte Expertin für Cannabis in der Medizin, Professo Dr. Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover, sieht Schwächen bei der Studie. So hätten etwa die Cannabinoide THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) teils »sehr unterschiedliche und zum Teil sogar gegensätzliche Wirkungen« bei Psychosen oder Angststörungen, würden aber in der Analyse pauschal gemeinsam bewertet. Bei einzelner Betrachtung gebe es sehr wohl Hinweise darauf, dass CBD eine Wirksamkeit bei sozialen Angststörungen habe und Hinweise, dass THC – alleine oder in Kombination mit CBD – Symptome posttraumatischer Belastungsstörungen mindere, so Müller-Vahl.
»Eine weitere Schwäche der Übersicht ist die Vermischung verschiedener Angststörungen. So erfolgte eine gemeinsame Auswertung für die generalisierte Angststörung und die soziale Angststörung«, sagte die Neurologin und Psychiaterin der Deutschen Presse-Agentur. Sie halte die in der Studie ausgesprochen »Warnung vor dem Einsatz von Cannabis-basierten Medikamenten für unbegründet«.