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Nicht die Beherrschung verlieren

Datum 02.09.2002  00:00 Uhr


Jägerstraße: 
Die Online-Kolumne 
aus Berlin

 

Nicht die Beherrschung verlieren

Ein ganz normaler Montagmorgen in der Hauptstadt: „Oh Gott. Die Zahl hab’ ich jetzt nicht im Kopf.“ Zitatende. Bei den vielen Zahlen wird sie ja mal eine vergessen dürfen, die arme Ulla. Waren es nun vierhundert Millionen? Oder doch vier Milliarden? Euro oder Mark? Dollar waren es jedenfalls nicht, Lire oder Peseten kommen auch nicht in Frage. In jedem Fall ist der Seehofer schuld, der alte Stänkerer.

Kaum jemand kann einer Politikerin oder einem Politiker in diesen hurtigen Wahlkampftagen kurzzeitiges Versagen übel nehmen. Zumal dann nicht, wenn auch langzeitiges Versagen vier, manchmal auch sechzehn Jahre lang unverübelt bleibt. Das ist eben sowas mit den Zahlen. Und mit den Worten. Da sind manche mit ihrem Jägerlatein schnell am Ende.

Wenige Minuten, nachdem sich die Ministerin mit einem angeblichen Folgetermin aus den Klauen der Journalistenbrut erlöst hat, stammelt ein Pressesprecher des Finanzministers in der Regierungspressekonferenz das Wort „beherrschbar“, womit er den EU-Stabilitätspakt meint. Oder vielmehr versuchte er sich so an der Umgehung der Beantwortung der Frage, ob nun Deutschland wegen der Flutkatastrophe vom mal wieder drohenden blauen Brief aus Brüssel verschont bleibe oder nicht. Und wenn nein, warum doch. Alles sei beherrschbar.

Beherrschbar – ein gefälliges Wort. Beherrschbar war zuletzt auch die finanzielle Situation bei Babcock Borsig und der Kirchgruppe - mit bekanntem Ausgang. Beherrschbar erschienen zunächst auch die Regenfälle und die steigenden Wasserstände.

Noch einigermaßen beherrschbar ist anscheinend auch der Despot im weit entfernten Irak. Und beherrschbar ist zurzeit noch der Vizepräsident im noch weiter entfernten Washington, der unbedingt die Tauglichkeit seiner Bypässe unter Beweis und seine Truppen nicht unter UN-Mandat stellen will.

All das tritt zurück hinter den lästigen Alltagsproblemen einer Ministerin. Auch die Gesundheitsministerin empfindet 2,4 Milliarden Euro Miese als eher beherrschbare Größe. Die würden in der zweiten Jahreshälfte ausgeglichen. Das hat bekanntlich im letzten Jahr schon nicht geklappt. Aber: Warum soll es sie stören? Nach der Wahl ist vor der Wahl und umgekehrt.

Wenig beherrschbar – trotz des wirklich guten Willens – ist auch das Zahlenbeispiel der Zigarettengegner: Über 300 Menschen sterben nach ihren Angaben täglich an den Folgen von Nikotin und Co. – und das meist Jahre vor dem eigentlich programmierten Ableben. Das sei so, als ob täglich ein Jumbo mit 300 Menschen an Bord abstürze.

Fragt sich nur, ob die Fluggesellschaft oder die gesetzliche Krankenversicherung den Schaden bezahlen müsste. Irgendwann wären sogar die Rückversicherer pleite. Fliegen würde immer teurer. Lufthansa ginge irgendwann baden. Noch mehr Arbeitslose, weniger Sozialbeiträge, steigende Kassenausgaben. Das wäre kaum noch beherrschbar. Aber das ist schließlich Fiktion.

In diesem Sinne: Waidmannsheil!

Thomas Bellartz

Jägerstraße 49/50
10117 Berlin

 

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