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HMR startet gentechnische Insulinproduktion

23.03.1998
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HMR startet gentechnische Insulinproduktion

Am 16. März hat Hoechst Marion Roussel (HMR), die Pharmatochter der Hoechst AG, ihre Anlage zur Herstellung von rekombinanten Humaninsulin in Betrieb genommen. Bundesforschungsminister Dr. Jürgen Rüttgers startete die Anlage in Frankfurt-Höchst per Mausclick.

"Heute ist ein guter Tag für die Biotechnologie in Deutschland", sagte Rüttgers, der den Beginn der gentechnischen Herstellung von Humaninsulin als Ereignis von wirtschaftspolitischer Bedeutung bezeichnete. Es gebe heute in Europa keinen Standort, der bessere Bedingungen für biotechnologische Forschung und Produktion biete als die Bundesrepublik Deutschland.

HMR erwarte durch die Inbetriebnahme der Anlage einen Umsatz mit Humaninsulin von 260 Millionen DM, sagte Dr. Heinz-Werner Meier, Vorsitzender der Geschäftsführung von HMR Deutschland. Dadurch würden in Frankfurt 250 qualifizierte Arbeitsplätze langfristig gesichert. Gleichzeitig verbesserten sich auch die Perspektiven des Unternehmens im weltweiten Wettbewerb. Mit der konventionellen Herstellung von Insulin aus Bauchspeicheldrüsen von Schlachtschweinen habe HMR den internationalen Markt nicht bedienen können.

Das rekombinante Insulin werde voraussichtlich zum Jahresende in deutschen Apotheken verfügbar sein, kündigte der HMR-Chef an. Hergestellt wird das Pankreashormon in Escherichia-coli-Bakterien, in die das Gen zur Produktion von Humaninsulin eingeschleust wurde. Durch diese Manipulation werde die Pathogenität des Bakterienstammes nicht erhöht, betonte Meier. Die Bakterien besiedelten nachweislich weder den menschlichen noch den tierischen Darm.

Wie aus den Unterlagen von HMR hervorgeht, produzieren die E.coli-Bakterien nicht das fertige Humaninsulin, sondern ein Fusionsprotein, das die Aminosäuresequenz des Proinsulins enthält. Durch die enzymatische Abspaltung von zwei Aminosäureketten wird daraus das C-Peptid herausgelöst.

Die Synthese des Humaninsulins geschieht bei HMR in drei Produktionsschritten. Im ersten Abschnitt (Fermtec) werden die Bakterien in Fermentern gezüchtet und vermehrt. Am Ende der Fermentation werden sie abgetötet. Danach werden die Bakterienzellen in einer weiteren Anlage (Chemtec) aufgeschlossen, das Fusionsprotein wird isoliert und gereinigt. Anschließend wird das gereinigte Protein in die richtige Raumstruktur gefaltet und mit Hilfe von Trypsin das C-Peptid abgespalten. Im dritten Produktionsschritt (Insultec) wird nach einer chromatographischen Reinigung das C-Peptid durch eine weitere enzymatische Reinigung in Humaninsulin umgewandelt.

Auf einer Pressekonferenz vor Inbetriebnahme der Anlage war Meier auf das langwierige Genehmigungsverfahren für die gentechnische Produktionsanlage eingegangen. Am 14. September 1984 hatte Hoechst den Antrag für die Fermtec-Anlage gestellt. Erst nach zwei richterlichen Entscheidungen des Verwaltungsgerichtes Frankfurt im September 1990, in denen Klagen gegen die Produktionsanlage zurückgewiesen wurden, konnte Hoechst die Anlage fertigstellen und die Genehmigung für den Produktionsbetrieb einreichen.

Weiter verzögert wurde die Insulinherstellung durch die Entwicklung eines neuen Produktionsverfahrens zur Spaltung des Fusionsproteins mit umweltfreundlichem Trypsin. Hoechst hatte diese Produktionsmethode zwischen 1993 und 1995 entwickelt. Der Zulassungsantrag für den neuen Syntheseweg wurde im September 1997 bei der EMEA in London eingereicht. Die Zulassung von gentechnisch hergestelltem Insulin nach dem überholten älteren Verfahren wurde zwar im Februar 1997 erteilt, doch die EMEA-Zulassung für das neue Verfahren steht noch aus. HMR rechnet mit einem positiven Bescheid innerhalb der nächsten Monate. Bis dahin soll auf Halde produziert werden.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, Frankfurt am Main
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