| Ev Tebroke |
| 29.01.2026 15:30 Uhr |
Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist für beide Seiten das größte Handelsabkommen aller Zeiten. / © Imago/Christian Ohde
Nach fast 20 Jahren Verhandlung haben die EU und Indien am 27. Januar ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Das sogenannte Broad-based Trade and Investment Agreement (BTIA) ist für beide Handelspartner das bisher größte Abkommen dieser Art. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und globaler wirtschaftlicher Unsicherheiten wollen beide Seiten den wirtschaftlichen und politischen Austausch künftig intensivieren. Damit einher geht ein massiver Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen. Auch für die Pharmabranche.
Die EU ist Indiens größter Handelspartner. Laut EU-Kommission bezifferte sich der Warenhandel im Jahr 2024 auf 120 Milliarden Euro. Das entspricht 11,5 Prozent des gesamten indischen Handels. Für die EU wiederum liegt Indien bei den Handelspartnern auf Platz 9: 2024 hatte das Land einen Anteil von 2,4 Prozent am gesamten Warenhandel. Die EU-Kommission erwartet nach eigenen Angaben, dass sich die EU-Warenausfuhren nach Indien durch das Abkommen verdoppeln. Denn mehr als 90 Prozent der Zölle auf fast alle EU-Warenausfuhren (96,6 Prozent) nach Indien sollen gesenkt oder ganz abgeschafft werden. Insgesamt werden dadurch jährlich rund 4 Milliarden Euro an Zolleinsparungen erwartet.
Für die europäische Pharmabranche bedeutet die »Mutter aller Deals«, wie Indiens Premier Narendra Modi das Abkommen nannte, beachtliche Handelserleichterungen. So will Indien die derzeit bei 11 Prozent liegenden Zölle auf Arzneimittel größtenteils komplett abschaffen. Insgesamt hat die EU-Pharmaindustrie nach Kommissionsangaben in 2024 Produkte im Wert von mehr als 1 Milliarde Euro nach Indien exportiert.
Deutsche Pharmaexporte beliefen sich im Jahr 2024 nach Angaben von Pharma Deutschland auf rund 298 Millionen US-Dollar (etwa 250 Millionen Euro) mit entsprechendem Wachstumspotenzial. Für 2025 (Januar bis November) beziffert der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) die Pharmaexporte nach Indien auf etwa 300 Millionen Euro.
Was das Abkommen im Detail bedeuten würde, bleibt noch abzuwarten. Bislang seien zu dem Abkommen noch längst nicht alle pharmarelevanten Details klar, so das Feedback aus der Branche. Insbesondere rund um das Thema Patentschutz fehlen demnach noch konkrete Informationen. Auf EU-Seite sollen die ausgehandelten Textentwürfe aber in Kürze vorgelegt werden.
Grundsätzlich wertet die Pharmabranche das Handelsabkommen als positives Signal. Europäischen und deutschen Unternehmen biete es neue Spielräume, ihre Lieferketten vielfältiger zu gestalten, heißt es vonseiten des Verbands Pharma Deutschland. »Dadurch können wir die bestehenden Abhängigkeiten im Pharmabereich zwar nicht reduzieren, aber in Zeiten von geopolitischen Unsicherheiten und Handelskonflikten unsere Lieferketten zumindest nachhaltig stabilisieren«, sagt Pharma-Deutschland-Hauptgeschäftsführerin Dorothee Brakmann auf Anfrage der PZ.
Indien besitze eine gute Pharmainfrastruktur, die aus zahlreichen GMP-konformen Produktionsstätten und von internationale Zulassungsbehörden anerkannten Forschungseinrichtungen besteht. »Das Handelsabkommen trägt damit auch zu einer besseren Versorgungssicherheit bei.«
Auch der vfa begrüßt die politische Einigung zwischen der EU und Indien. Der weitgehende Abbau von Zöllen sei »ausgesprochen positiv«. In Zeiten handelspolitischer Unsicherheiten und wachsender geopolitischer Spannungen sei es wichtiger denn je, dass Europa seine Beziehungen zu wachsenden Volkswirtschaften wie Indien stärke und strategisch diversifiziere, so ein Sprecher gegenüber der PZ.
Indien sei ein großer, zugleich sehr anspruchsvoller Markt mit einem wachsenden Bedarf an hochwertigen, innovativen Arzneimitteln. »Der vereinbarte Zollabbau, ausdrücklich auch für Pharmaprodukte, ist ein wichtiger Schritt: Er kann den Marktzugang verbessern, Versorgung erleichtern und damit Patient:innen zugutekommen.« Darüber hinaus vereinfache ein modernes Freihandelsabkommen auch Verfahren und schaffe Planbarkeit – etwa durch verlässlichere Rahmenbedingungen.
Zurückhaltend gibt sich der vfa noch beim Thema Patentschutz: »Das Abkommen wird insbesondere daran zu messen sein, ob es beim Patentschutz und seiner Durchsetzbarkeit die richtigen Weichen stellt«, betont der vfa-Sprecher. »Je klarer und belastbarer die Regeln sind, desto eher werden forschende Pharmaunternehmen in Indien investieren, forschen und kooperieren – wovon auch die Innovationskraft Indiens und die dortige Gesundheitsversorgung profitieren kann.«
Das Abkommen soll auch kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mehr Exportchancen verschaffen. Dazu ist ein eigenes Kapitel vorgesehen. Geplant sind für beide Seiten spezielle Kontaktstellen, die KMU-relevante Informationen über das Freihandelsabkommen zur Verfügung stellen und bei allen spezifischen Fragen zum gewünschten Handel unterstützen sollen. Nach Kommissionsangaben profitierten KMU insbesondere von den geplanten Zollsenkungen, der Beseitigung regulatorischer Hindernisse, der Transparenz, Stabilität und Vorhersehbarkeit.
Im nächsten Schritt müssen nun der Europäische Rat und im Anschluss das EU-Parlament zustimmen. Eine entscheidende letzte Hürde: Zuletzt war das von der Wirtschaft lang ersehnte Mercosur-Abkommen, einem Freihandelsabkommen mit Teilen Südamerikas, genau hier ausgebremst worden. Eine knappe Mehrheit des EU-Parlaments, darunter auch die Mehrheit der deutschen EU-Abgeordneten der Grünen, hatten vor der finalen Zustimmung die Anrufung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) erwirkt.
Dorothee Brakmann von Pharma Deutschland betont: »Bei allen Vorbehalten, die man im Detail noch zum Abkommen haben kann, erwarten wir vom Europäischen Parlament, dass es diesem Abkommen den politischen Flurschaden erspart, der dem Mercosur-Abkommen mit der Überweisung an das Europäische Gericht zugefügt worden ist.«