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Apotheken haben das Nachsehen

12.05.2003
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Wirtschaftsbericht

Apotheken haben das Nachsehen

von Frank Diener, Berlin

Nach Jahren des Wachstums gerät die Jobmaschine Apotheke ins Stocken, Arbeitsplätze werden abgebaut, Apothekenschließungen nehmen drastisch zu. Der Wirtschaftsbericht beleuchtet die Entwicklung des Jahres 2002 und die Zahlen des ersten Quartals – unter besonderer Berücksichtigung des Beitragssatzsicherungsgesetzes.

Der Jahreswirtschaftsbericht ist wie üblich wieder in die Kapitel Arbeitsmarkt, Apotheke, Mengen, Preise, Umsätze und Betriebswirtschaftliche Ergebnisse gegliedert.

Die Arzneimittelversorgung im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung, die 90 Prozent der Bevölkerung erfasst, dominiert die gesamte pharmapolitische Diskussion. Deshalb gehen wir wie gewohnt auch auf unseren größten Marktpartner, die gesetzlichen Krankenkassen, ein. Hier liegen nicht nur die Daten für das Jahr 2002, sondern auch schon die Daten für das 1. Quartal diesen Jahres vor, sodass wir ganz aktuell auch die ersten Folgen des Beitragssatzsicherungsgesetzes (BSSichG) darstellen können, das zum 1. Januar 2003 in Kraft getreten ist.

Von 1992 bis 2000 hat die Apothekenzahl gesamtdeutsch auf 21.592 zugenommen, insbesondere wegen des Nachholbedarfs in den neuen Bundesländern nach der Wende. Seither ist die Apothekenzahl rückläufig. Im Jahr 2002 ist die Apothekenzahl per saldo um 104 gesunken. Dieser Trend wird sich in 2003 verstärkt fortsetzen. Allein im ersten Quartal 2003 haben wir einen Rückgang von 43 Apotheken verzeichnet.

In Umfrageergebnissen liegen Apotheken regelmäßig auf absoluten Spitzenplätzen, wenn es um die Beratungs- und Servicequalität der Dienstleistungsbranchen geht. Das kommt nicht von ungefähr, sondern dafür tun wir viel: Wir stellen kontinuierlich zusätzliches Personal ein. Allein im Jahr 2002 wurden 2500 Arbeitsplätze in Apotheken neu geschaffen. Ende 2002 waren 140.000 Menschen in öffentlichen Apotheken beschäftigt. Von 1992 bis 2002 wurden somit in den Apotheken fast 18.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Die guten Nachrichten zum Arbeitsmarkt Apotheke haben mit dem In-Kraft-Treten des BSSichG ein jähes Ende gefunden. Dies belegt unsere aktuelle Umfrage bei den Apotheken zu den Personalmaßnahmen infolge des BSSichG. An dieser Umfrage, die zum Stichtag 31. März durchgeführt wurde, haben sich 5911 Apotheken beteiligt. Das sind fast 27,5 Prozent aller Apotheken. Die Apotheken in dieser Umfrage stellen 32 Prozent der insgesamt in deutschen Apotheken Angestellten. Wie sind die Ergebnisse in diesen fast 6000 Apotheken?

Bei den Approbierten betragen die Entlassungen 6,1 Prozent (= 554 Personen) und die Arbeitszeitverkürzungen 11,1 Prozent (999). Bei den Apothekerassistenten betragen die Entlassungen 3,5 Prozent (142) und die Arbeitszeitverkürzungen 12,4 Prozent (501). Bei den PTAs betragen die Entlassungen 5,4 Prozent (772) und die Arbeitszeitverkürzungen 9,7 Prozent (1391). Bei den PKAs betragen die Entlassungen 5,4 Prozent (571) und die Arbeitszeitverkürzungen 8,0 Prozent (857). Bei den sonstigen Angestellten betragen die Entlassungen 7,8 Prozent (546) und die Arbeitszeitverkürzungen 3,3 Prozent (229).

Insgesamt wurden damit in den befragten Apotheken bereits im ersten Quartal 2003 5,7 Prozent der Beschäftigten entlassen (= 2585), bei 8,8 Prozent der Beschäftigten (3977) wurde die Arbeitszeit reduziert. Nicht eingerechnet sind hierbei die Nicht-Wiederbesetzungen von Stellen bei normaler Personalfluktuation (Renteneintritt, Familienpause et cetera), die den Effekt von Entlassungen und Stundenkürzungen fast verdoppeln.

Viele Personalmaßnahmen werden sich auf Grund gesetzlicher Kündigungsschutzfristen erst im weiteren Jahresverlauf auswirken. Viele Apotheker warten die weitere Entwicklung zunächst noch ab und versuchen mit anderen Maßnahmen, die wirtschaftlichen Folgen des BSSichG in den Griff zu bekommen. Zudem sind in dem mittelständischen Unternehmen Apotheke mit fünf, sechs oder sieben Angestellten Personalmaßnahmen stets nur das Mittel der letzten Wahl. In kleinen Apotheken stellt sich darüber hinaus das Problem, dass eine Reduzierung des Arbeitszeitvolumens den Apothekenbetrieb insgesamt in Frage stellen würde.

Diese Entlassungen und Arbeitszeitverkürzungen im ersten Quartal sind Fakt. In jedem weiteren Monat, in jedem weiteren Quartal des Jahres werden zusätzliche Stellen abgebaut und Arbeitszeiten reduziert werden. Es ist auch klar, dass in den nicht in die Stichprobe einbezogenen Apotheken Personalmaßnahmen durchgeführt werden. In welchem Ausmaß das genau geschieht, werden wir Mitte des Jahres aus der offiziellen Arbeitsstatistik der Apothekerkammern definitiv wissen.

Aufbauen ist schwieriger und dauert länger als zerstören! Wir haben zehn Jahre gebraucht, um 18.000 zusätzliche Arbeitsplätze in den Apotheken zu schaffen. Mit dem BSSichG sind – auch wenn „nur“ 6000 der insgesamt über 21.000 Apotheken berücksichtigt sind – innerhalb von drei Monaten wurden Tausende Arbeitsplätze durch Entlassungen und Stundenreduzierungen vernichtet. Dies bedeutet Zusatzbelastungen für die Sozialversicherungsträger und Lohnsteuerausfälle. Der politisch beabsichtigte Bruttoeffekt – nämlich die Reduzierung der Lohnnebenkosten durch geringere GKV-Arzneimittelausgaben – wird damit in der Nettobetrachtung zunichte gemacht. Auch deshalb fordern wir die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag auf: Korrigieren Sie das Beitragssatzsicherungsgesetz so schnell wie möglich!

Die Zahl der ärztlich verordneten Arzneimittel (und zwar für die GKV und PKV insgesamt) hat sich 2002 um 15 Millionen Packungseinheiten auf 1005 Millionen erhöht. Damit hat sich die Trendumkehr, die im Vorjahr begonnen hat, in 2002 fortgesetzt.

Die Zahl der im Wege der Selbstmedikation abgegebenen Arzneimittelpackungen hat 2002 um 31 Millionen auf 640 Millionen Einheiten zugenommen. Die seit 1992 bestehende positive Entwicklung dauert auch in 2002 an. Die Gesamtmedikation setzt sich zu knapp 40 Prozent aus Selbstmedikation und zu etwas mehr als 60 Prozent aus ärztlichen Verordnungen zusammen.

Der Pro-Kopf-Arzneimittelverbrauch variiert in der Europäischen Union zwischen zwölf und 49 Packungen. In Deutschland liegt er mit 20 Packungen im Mittelfeld. Hiervon entfallen zwölf auf ärztliche Verordnungen und acht auf die Selbstmedikation. Die Mengenstruktur der Arzneimittelabgaben hat sich im Jahr 2002 im Vergleich zum Vorjahr wenig geändert:

Insgesamt macht der Verordnungsmarkt 61 Prozent der Menge aus. 44 Prozent der Arzneimittelabgaben entfallen auf die Verordnung rezeptpflichtiger Arzneimittel. Die Verordnung apothekenpflichtiger, aber rezeptfreier Arzneimittel hat sich um einen Prozentpunkt auf 17 Prozent reduziert. 35 Prozent der Arzneimittelabgaben entfallen auf die Selbstmedikation mit apothekenpflichtigen rezeptfreien Arzneimitteln.

4 Prozent beträgt die Selbstmedikation mit freiverkäuflichen (= nicht apothekenpflichtigen) Arzneimitteln und hat sich damit gegenüber dem Vorjahr um einen Prozentpunkt, also ein Drittel, erhöht.

Die Preisentwicklung bei Arzneimitteln war im Jahr 2002 mit minus 0,4 Prozent rückläufig. Wenn man das Preisniveau des Jahres 1992 mit dem Indexwert von 100,0 versieht, so wurde in 2002 ein Wert von 96,5 erreicht. Hier haben insbesondere neue Arzneimittelfestbeträge eine Rolle gespielt. Betrachtet man dagegen den Lebenshaltungskostenindex, zeigt sich eine völlig andere Entwicklung. Dieser ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich angestiegen und hat mittlerweile einen Indexwert von 120 Punkten erreicht. Die Schere zwischen beiden Indices klafft von Jahr zu Jahr weiter auseinander. Länder, die erfolglos am Arzneimittelvertrieb experimentieren, beneiden uns darum.

Der Gesamtumsatz der Apotheken ist 2002 um 6,1 Prozent auf 31,1 Milliarden Euro gestiegen. Der Gesamtumsatz der Apotheken beinhaltet alle Arzneiverordnungen für gesetzlich und privat krankenversicherte Personen, die komplette Selbstmedikation, unsere kompletten Umsätze mit Hilfsmitteln sowie Produkten aus dem apothekenüblichen Ergänzungssortiment. Sieht man sich die Struktur unseres Gesamtumsatzes an, so zeigt sich hier die eindeutige Dominanz des Verordnungsmarktes:

70,1 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf die Verordnung rezeptpflichtiger Arzneimittel. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Zuwachs von 0,6 Prozentpunkten. Die Verordnung apothekenpflichtiger rezeptfreier Arzneimittel, ist dagegen von 10,0 auf 9,3 Prozent gesunken. Insgesamt sind damit knapp 80 Prozent des Umsatzes durch ärztliche Verordnungen determiniert.

Die Selbstmedikation mit apothekenpflichtigen rezeptfreien Arzneimitteln hat einen Umsatzanteil von 11,9 Prozent (Vorjahr 12,5 Prozent). Die Selbstmedikation mit freiverkäuflichen, also nicht-apothekenpflichtigen, Arzneimitteln hat sich um 0,8 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent erhöht. Die Umsätze mit freiverkäuflichen Arzneimitteln außerhalb von Apotheken sind übrigens deutlich rückläufig. Die Medicalprodukte machen 3,5 Prozent und das apothekenübliche Ergänzungssortiment 3 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus. Der gesamte OTC-Bereich erreicht damit etwas über 21 Prozent unseres Umsatzes und hat damit gegenüber dem Vorjahr um 0,8 Prozentpunkte zugenommen.

In der pharmapolitischen Diskussion, das hat das vergangene Jahr gezeigt, werden schnell Umsatz, Rohertrag und Gewinn miteinander verwechselt. Zum Teil geschieht das aus Nachlässigkeit, zum Teil aber mit Absicht. Hier gilt es, Zahlen methodisch korrekt zu benutzen.

Das unabhängige Institut für Handelsforschung an der Universität Köln führt für alle Handelsbereiche Betriebskostenvergleiche durch. Bei diesem Betriebsvergleich werden alle Zahlen in Prozent des Bruttogesamtumsatzes ausgedrückt. Die vorläufigen Zahlen für 2002 ergeben folgendes Bild:

Der Bruttoumsatz wird in jedem Jahr gleich 100 gesetzt. Darin sind 13,8 Prozent Umsatzsteuer enthalten. Daraus ergibt sich ein Nettoapothekenumsatz von 86,2 Prozent des Bruttoumsatzes. Der Wareneinsatz der Apotheken, und zwar unter Berücksichtigung der effektiven Einkaufspreise, ist von 59,5 Prozent in 2001 auf 60,1 Prozent in 2002 gestiegen. Dadurch ergibt sich der Apotheken-Rohertrag (=Handelsspanne). Er ist von 26,7 Prozent in 2001 auf 26,1 Prozent in 2002 gesunken. Er ist die betriebswirtschaftliche Manövriermasse der Apotheken.

Die steuerlich abzugsfähigen Kosten, also die Kosten für Personal, Räume, Sachausstattung und Betriebssteuern sind in 2002 gegenüber 2001 von 18,9 auf 19,2 Prozent des Bruttoumsatzes gestiegen. Dies ergibt für 2002 ein steuerliches Betriebsergebnis von 6,9 Prozent des Bruttogesamtumsatzes. Im Vorjahr betrug es noch 7,8 Prozent.

Wenn man das Branchenbetriebsergebnis der Apotheken, die in Form von Personengesellschaften betrieben werden, vergleichen will mit Branchen, die in der Form juristischer Personen (GmbH, AG et cetera) bestehen, muss man für das eingesetzte Eigenkapital sowie die Leistung des Apothekenleiters kalkulatorische Kosten berücksichtigen, denn diese Kosten werden bei juristischen Personen bereits in den steuerlich absetzbaren Personal- und Kapitalkosten berücksichtigt. Bei den kalkulatorischen Kosten für das Eigenkapital werden Kapitalmarktzinsen berücksichtigt und bei dem kalkulatorischen Unternehmerlohn Gehaltskosten aus anderen Tätigkeitsbereichen. Das Institut für Handelsforschung setzt hierfür 6,4 Prozent des Bruttoumsatzes an.

Man erhält nach Abzug dieser kalkulatorischen Kosten das so genannte betriebswirtschaftliche Betriebsergebnis, das auch als Umsatzrendite bezeichnet wird, und den Vergleich zwischen verschiedenen Branchen ermöglicht. Es ist von 1,4 Prozent in 2001 auf 0,5 Prozent in 2002 des Bruttoumsatzes gesunken.

Wenn man von den Branchengesamtdaten auf die einzelwirtschaftlichen Daten übergehen will, stellt sich die Frage, welchen Apothekentyp man darstellen möchte oder genauer, welche Apotheke man als „typisch" bezeichnen möchte. Die statistische Methodenlehre stellt hier einige Messkonzepte bereit: Es kann die Apotheke mit dem „mittleren" Umsatz gewählt werden, es können aber auch Apotheken aus verschiedenen Umsatzbereichen dargestellt werden oder es kann der am häufigsten vorkommende Wert genommen werden.

Wenn man längerfristige Entwicklungen aufzeigen will, ist es gar nicht mal so wichtig, welches dieser statistischen Messkonzepte man für die typische Apotheke wählt. Wichtig für eine seriöse Berichterstattung ist vielmehr, dass man nicht jährlich unterschiedliche Konzepte wählt, sondern dauerhaft bei dem gewählten Messkonzept bleibt. Die ABDA hat sich seit 1992 dafür entschieden, die „typische“ Apotheke anhand des sogenannten „häufigsten Wertes“ abzubilden. So gelingt eine Darstellung, die für eine möglichst große Zahl von Apotheken zutreffend ist.

Im Jahr 2002 lag der häufigste Wert mit rund 1 Million Euro in der Mitte der Umsatzgrößenklasse von 0,75 bis 1,25 Million Euro und damit rund 1/3 unter dem Mittelwert. Unmittelbar links und rechts von der typischen Apotheke liegen ebenfalls stark besetzte Umsatzgrößenklassen, so dass unsere typische Apotheke geeignet ist, die betriebswirtschaftliche Situation für eine sehr große Zahl der Apotheken sinnvoll abzubilden.

Wie sieht das Betriebsergebnis der typischen Apotheke aus?

Der Bruttoumsatz (und zwar über alle Umsatzsegmente gerechnet) hat sich in 2002 auf 1,144 Millionen Euro erhöht. Die Mehrwertsteuerabführungen an den Fiskus betrugen in 2002 158.000 Euro. Die Differenz aus Bruttoumsatz und Mehrwertsteuer ergibt den Nettoumsatz von 986.000 Euro. Der Wareneinsatz, und zwar unter Einrechnung aller Einkaufskonditionen, ist auf 688.000 Euro gestiegen. Hieraus ergibt sich ein Rohertrag in Höhe von 298.000 Euro, also minus 10.000 Euro gegenüber dem Vorjahr. Die Personalkosten für die Angestellten der typischen Apotheke haben auf 118.000 Euro zugenommen. Die sonstigen Kosten, also die Kosten für Raum- und Sachkosten sowie Betriebssteuern, betrugen 102.000 Euro.

Das steuerliche Betriebsergebnis, also das Vorsteuereinkommen des Leiters der typischen Apotheke, hat sich in 2002 mit einem Wert von 78.000 Euro gegenüber 2001 um 1000 Euro reduziert.

Der Bruttoumsatz ist in 2002 zwar um 6,1 Prozent gestiegen, doch das Vorsteuereinkommen um 1,3 Prozent gesunken. Umsatzplus geht also mit Einkommensminus einher. Wenn man bedenkt, dass der selbstständige Apotheker – anders als ein Angestellter – aus seinem Vorsteuereinkommen nicht nur die persönliche Einkommenssteuer abzuführen hat, sondern auch vollständig die Absicherung gegen Krankheit und die Altersvorsorge tragen muss und mit seinem persönlichen Vermögen für alle Verpflichtungen aus dem Apothekenbetrieb haftet, kann ein Vorsteuereinkommen in dieser Höhe keinesfalls als überzogen bezeichnet werden.

Der Vergleich mit 1992 – also dem Jahr, in dem die gesamtdeutschen Zahlenreihen für das Gesundheitswesen beginnen – ist bemerkenswert: So hat sich der Bruttoumsatz der typischen Apotheke in diesen zehn Jahren um 38 Prozent erhöht, doch das Vorsteuereinkommen ist noch nicht einmal um 10 Prozent gewachsen. 1992 betrug es 71.000 Euro.

Die gesetzlichen Krankenkassen sind der größte Marktpartner der Apotheken. Von den insgesamt 1.645 Mio. Packungen entfielen in 2002 48 Prozent auf die Arzneimittelversorgung in der GKV, das sind 790 Millionen Packungen. Und der GKV-Anteil am Gesamtumsatz in Höhe von 31,1 Milliarden Euro betrug 67 Prozent. In 2002 haben die gesetzlichen Krankenkassen nach den gerade veröffentlichten offiziellen Abschlusszahlen des BMGS 22,3 Milliarden Euro für Arzneimittel aus Apotheken ausgegeben. Das ist ein Anstieg von 4,2 Prozent beziehungsweise 900 Millionen Euro gegenüber 2001. Übrigens: Unsere Frühinformationszahlen zu den Arzneimittelausgaben, die wir monatlich veröffentlichen, lagen nur um etwa 1 Prozent unter diesen offiziellen Jahreswerten des BMGS. Unsere Zahlen sind also nicht nur schnell verfügbar, sondern auch von einer sehr hohen Verlässlichkeit und brauchen keinen Vergleich zu scheuen. Die Arzneikostenzuzahlungen der Patienten haben sich in 2002 geringfügig auf 1,96 Milliarden Euro erhöht.

Auch im Jahr 2002 haben sich die Wertschöpfungsanteile in der GKV-Arzneimittelversorgung weiter zu Gunsten der Industrie und zu Lasten der Vertriebsstufen verschoben. Wesentliche Ursache ist die Erhöhung des Zwangsabschlages der Apotheken von 5 auf 6 Prozent infolge des Arzneimittelausgabenbegrenzungsgesetzes. In der GKV-Arzneimittelversorgung ist unsere Handelsspanne, also der Wertschöpfungsanteil der Apotheken, um einen Prozentpunkt auf 18,4 Prozent zurückgegangen. Der Herstelleranteil ist von 58,3 auf 59,3 Prozent gestiegen. Die Mehrwertsteuer wurde nicht verändert und blieb daher mit 13,8 Prozent Anteil unverändert. Der Großhandelsanteil blieb mit 8,5 Prozent gleich.

Anders gesagt: die Apotheken haben aus höheren GKV-Ausgaben in 2002 einen niedrigeren Anteil als in 2001 erhalten. Die Industrie dagegen hat aus einem höheren GKV-Ausgaben einen höheren Anteil bekommen. Der Großhandelsanteil blieb ebenso wie der Staatsanteil prozentual gleich, wurde in 2002 aber auf höhere GKV-Ausgaben angesetzt.

Dies kann noch weiter verdeutlicht werden: Die GKV-Arzneimittelausgaben sind von 21,4 Milliarden Euro in 2001 auf 22,3 Milliarden Euro in 2002 angestiegen. Das war eine Zunahme von 0,9 Milliarden Euro. Weil in der pharmapolitischen Diskussion stets „Sündenböcke“ gesucht werden, die es dann zu bestrafen gilt, wurden schnell die Apotheken dazu medial auserkoren. Dies ist jedoch mitnichten durch die Fakten gedeckt. Denn die Frage ist, wer wie an den Arzneimittelmehrausgaben der GKV in 2002 beteiligt war:

Die Industrie erhielt in 2001 12,5 und in 2002 13,2 Milliarden Euro der GKV-Arzneimittelausgaben. Das ist ein Zuwachs von 700 Millionen Euro. Damit war die einmalige Sonderzahlung der forschenden Arzneimittelhersteller an die GKV in Höhe von 200 Millionen Euro zum Jahresbeginn 2002 für die Industrie im weiteren Jahresverlauf mehr als kompensiert. Der Großhandel erhielt in 2001 1,8 und in 2002 1,9 Milliarden Euro der GKV-Arzneimittelausgaben. Das ist ein Zuwachs von 100 Millionen Euro. Der Staat erhielt über die Mehrwertsteuer in 2001 2,9 und in 2002 3,1 Milliarden Euro der GKV-Arzneimittelausgaben. Das ist ein Zuwachs von 100 Millionen Euro.

Die Apotheken erhielten in 2001 4,2 und in 2002 4,1 Milliarden Euro der GKV-Arzneimittelausgaben. Das ist ein Rückgang von 100 Millionen Euro. Der Grund dafür ist, dass die Erhöhung des Zwangsabschlages der Apotheken an die GKV von 5 auf 6 Prozent nicht nur für den zusätzlichen Umsatz, sondern für die gesamte GKV-Arzneimittelrechnung galt. Die einzigen aus der Wertschöpfungskette, die in 2002 an den Arzneimittelmehrausgaben nicht beteiligt waren und sogar eine Minusrunde einlegen mussten, waren die Apotheken. Damit lassen sich jedenfalls keine apothekenspezifischen Sparmaßnahmen rechtfertigen.

Auf Grund unseres monatlichen Frühinformationsdienstes, in dessen Verteiler etwa 200 Adressaten sind, unserer Presseinformationen und politischen Gespräche waren diese Fakten bereits in der Jahresmitte 2002 bekannt. Sie waren damals und sind auch heute keine Neuigkeit.

Im AABG wurde die Erhöhung des Apothekenabschlages von 5 auf 6 Prozent bis Ende 2003 befristet und sollte bis dahin weitere pharmapolitische Eingriffe entbehrlich machen. Das Gesetz wurde Ende Februar 2002 in Kraft gesetzt. Unmittelbar nach der Bundestagswahl im September 2002, also gerade einmal knapp sieben Monate später, wurde klar, dass die gesetzlich verankerte politische Zusage der befristeten Abschlagserhöhung das Papier nicht wert war, auf dem sie stand: Die ersten Pläne zum BSSichG wurden bekannt. In einem beispiellosen parlamentarischen Hauruckverfahren wurde das BSSichG bis zum letzten Arbeitstag vor Weihnachten durchgepeitscht und zum 1. Januar 2003 in Kraft gesetzt. Das gesamte Einsparvolumen sollte ein Volumen von 1,7 Milliarden Euro haben – davon sollte der Pharmabereich knapp 1,4 Milliarden Euro, also rund 80 Prozent, tragen.

Die Sollwerte der geplanten Einsparungen im Pharmabereich sollten sich wie folgt verteilen:

  • 420 Millionen Euro Einsparungen durch einen neuen Herstellerabschlag an die GKV.
  • 600 Millionen Euro Einsparungen durch einen neuen Großhandelsabschlag an die GKV.
  • 350 Millionen Euro Einsparungen durch einen nochmals erhöhten Apothekenabschlag an die GKV.

Dass die Belastungsverteilung nicht einmal ansatzweise mit den Wertschöpfungsanteilen von Herstellern, Großhandel und Industrie übereinstimmt, ist absolut unbestreitbar. Ebenso ist diese Belastungsverteilung keinesfalls mit einer „Verursacherhaftung“ der Arzneimittelmehrausgaben in 2002 zu begründen. Die Apotheken sollen mit dem BSSichG ab 2003 zusätzlich zu der in 2002 eingeführten Abschlagserhöhung, die ein Belastungsvolumen von über 200 Millionen Euro ausmachte, weitere 350 Millionen Extrasparbeitrag leisten.

Die ABDA hat von Anfang an behauptet, dass diese Belastungsverteilung so nicht eintreten wird: Die Erhöhung des Apothekenabschlages wird stärker als vom BMGS berechnet ausfallen. Ein Großteil des Großhandelssparbeitrages wird auf die Apotheken weitergewälzt werden.

Das Gesundheitsministerium hat diese Aussagen der ABDA als unbegründet zurückgewiesen. Im Spätherbst 2002 entbrannte ein heftiger Streit zwischen Apotheken und Gesundheitsministerium. Die rot-grüne Bundesregierung hat zwar die Kanzlermehrheit für das Zustandekommen des Gesetzes geschafft. Dennoch haben in der finalen Abstimmung im Deutschen Bundestag knapp 60 SPD-Abgeordnete dem Gesetz nur unter dem Vorbehalt einer Überprüfung der tatsächlichen Einsparwirkungen im Jahr 2003 zugestimmt.

Nunmehr liegen auf Grund unserer Frühinformationen von Januar bis März 2003 harte Fakten zu den GKV-Arzneimittelausgaben sowie den tatsächlichen Einsparbeiträgen vor, die einen objektiven Vergleich zwischen Soll und Ist erlauben.

Beginnen wir damit, wie sich in den ersten drei Monaten diesen Jahres die GKV-Arzneimittelausgaben, abzüglich Zuzahlung und unter Berücksichtigung der Abschläge der Hersteller, des Großhandels und der Apotheken, entwickelt haben. Im Januar betrugen die Ausgaben 1,877 Milliarden Euro. Im Februar waren 1,68 Milliarden Euro und im März 1,742 Milliarden Euro. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr (1. Quartal mal vier) ergeben sich somit für 2003 GKV-Arzneimittelausgaben in Höhe von 21,193 Milliarden Euro. Vergleicht man dies mit dem Vorjahreswert von 22,049 Milliarden Euro ergibt die Prognose für das Gesamtjahr 2003 auf der Grundlage des 1. Quartals einen Rückgang von 3,9 Prozent.

Werden in diesem Jahr die vom Gesetzgeber beabsichtigten Einsparziele bei den Herstellern, Großhändlern und Apotheken punktgenau erreicht, überschritten oder unterschritten? Die Antwort ergibt sich, wenn man aus den Frühinformationen für das 1. Quartal die bisherigen Einsparbeiträge der Hersteller, des Großhandels und der Apotheken auf das Gesamtjahr 2003 hochrechnet: Bei den Herstellern wird das Einsparsoll von 420 Millionen Euro ohne Mehrwertsteuer berechnet. Der hochgerechnete Istwert wird mit einem Wert von 526 Millionen Euro überschritten.

Beim Großhandel wird das Einsparsoll von 600 Millionen Euro inklusive Mehrwertsteuer berechnet. Der hochgerechnete Istwert ohne Mehrwertsteuer von 482 Millionen Euro ergibt unter Berücksichtigung der Mehrwertsteuer einen Wert von 559 Millionen Euro und liegt unter dem Einsparsoll.

Bei den Apotheken wird das Einsparsoll von 350 Millionen Euro wie beim Großhandel mit Mehrwertsteuer berechnet. Bereits ohne Mehrwertsteuer wird in diesem Jahr der Sollwert mit einem um 503 Millionen Euro erhöhten Apothekenabschlag drastisch überschritten. Inklusive der Mehrwertsteuer beträgt der voraussichtliche Istwert 583 Millionen Euro und übersteigt damit den Sollwert von 350 Millionen Euro sogar um 233 Millionen Euro. Die Erhöhung des Apothekenabschlages führt also bereits für sich genommen dazu, dass die Apothekenbelastung um 66 Prozent stärker als vom Gesetzgeber geplant ausfällt. Der gesamte Apothekenrabatt wird in 2003 fast 1,8 Milliarden Euro ohne Mehrwertsteuer betragen.

Zur Erläuterung: Der Istwert ohne Mehrwertsteuer ist der Sparbeitrag, den die jeweilige Handelsstufe an die GKV aus ihrer Wertschöpfung abführt. Der Istwert inklusive Mehrwertsteuer gibt dagegen die tatsächliche Entlastung der Krankenkassen an. Warum ist dieser Mehrwertsteuereffekt zu berücksichtigen? Die Antwort ist einfach: So wie die Mehrwertsteuer bei jeder Preiserhöhung zusätzlich verteuernd wirkt, so wirkt sie bei jeder Preissenkung - nichts anderes sind die Zwangsabschläge - zusätzlich verbilligend.

Anders formuliert: Die Hersteller führen in 2003 über den neuen Herstellerabschlag voraussichtlich 526 Millionen Euro aus ihrer Wertschöpfung an die GKV ab. Die Apotheken führen in 2003 über den erhöhten Apothekenabschlag voraussichtlich 503 Millionen Euro aus ihrer Wertschöpfung an die GKV ab.

Und der Großhandel? Trägt er den voraussichtlichen Istwert von 482 Millionen Euro tatsächlich selbst? Oder wälzt er durch eine Verschlechterung der Einkaufskonditionen den ihm zugedachten Sparbeitrag auf die Apotheken weiter? Der Großhandelsabschlag an die GKV gilt bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln und beträgt 3 Prozent des Apothekenverkaufspreises inklusive Mehrwertsteuer. Dies entspricht etwa 4 Prozent des Apothekeneinkaufspreises ohne Mehrwertsteuer.

Da das Inkasso des Großhandelsabschlages so durchgeführt wird, dass die Apothekenrechnung an die GKV um 3 Prozent gekürzt wird, stellt sich die Frage, ob der Großhandel diese vom Apotheker vorgelegte Summe an den Apotheker erstattet. Wenn der Großhändler den Rabatt auf den Apothekeneinkaufspreis, den er bislang der Apotheke gewährt hat, um 4 Prozent erhöht, findet keinerlei Weiterwälzung statt. In dem Fall hat er den ihm vom Gesetzgeber zugedachten Sparbeitrag tatsächlich voll übernommen.

Wenn der Großhändler jedoch den bisherigen Einkaufsrabatt der Apotheke unverändert lässt, also seinen neuen Kassenabschlag mit bisherigen Einkaufsrabatten der Apotheke „verrechnet“, dann findet eine 100-prozentige Weiterwälzung seines Sparbeitrages auf die Apotheken statt.

Der Streit zwischen ABDA und BMGS über die Frage, ob weitergewälzt wird oder nicht, ist bekannt. Der Großhandel selbst erklärt, seinen Abschlag an die Apotheken weiterzuwälzen. Die ABDA behauptet eine Weiterwälzung in Höhe von rund 80 Prozent. Nur das BMGS bestreitet nach wie vor die Weiterwälzungsproblematik.

Wie sind die Fakten? In unserer eingangs bereits beim Arbeitsmarkt angeführten aktuellen Apothekenbefragung haben wir erfragt, wie die Einkaufskonditionen der Apotheken in 2003 verändert wurden. Aufgrund der Auswertung der fast 6000 Fragebögen ergeben sich valide Daten zum Ausmaß der tatsächlichen Weiterwälzung des Großhandelsabschlages auf die Apotheken:

Nicht erhöht wurde der Einkaufsrabatt bei 23,2 Prozent der Apotheken: Bei ihnen wird also der Großhandelsabschlag an die GKV zu 100 Prozent weitergewälzt. Eine Erhöhung des Einkaufsrabattes um 0,5 bis 1 Prozent gab es bei 12,6 Prozent der Apotheken. Hier werden 94 Prozent weitergewälzt.

Um 0,5 bis 1 Prozent wurden die Einkaufskonditionen bei 28,2 Prozent der Apotheken angehoben. Hier tragen die Apotheken 80 Prozent des Großhandelsabschlages an die GKV. Eine Erhöhung um 1 bis 2 Prozent findet bei 23,6 Prozent der Apotheken statt: Das Ausmaß der Weiterwälzung beträgt hier 60 Prozent. Eine Erhöhung des Großhandelsabschlages um über 2 Prozent ist nur bei 9,4 Prozent der Apotheken zu verzeichnen: Doch selbst hier werden immer noch 37 Prozent des Großhandelsabschlages an die GKV von den betroffenen Apotheken getragen.

Der gewichtete (!) Mittelwert beträgt 79 Prozent. Damit wird unsere vorläufige Schätzung aus dem Januar diesen Jahres zum Ausmaß der Weiterwälzung - wir hatten 80 Prozent genannt - uneingeschränkt bestätigt.

Wie sieht die effektive Apothekenbelastung, also der Rückgang des Vorsteuereinkommens der Apotheken, durch das BSSichG aus? Die Erhöhung des Apothekenabschlages belastet die Vorsteuereinkommen der Apotheken in 2003 mit 503 Millionen Euro. Der Großhandelsabschlag an die GKV beträgt in 2003 voraussichtlich 482 Millionen Euro. Davon werden 79 Prozent, also 381 Millionen Euro, an die Apotheken weitergewälzt.

Daraus ergibt sich eine tatsächliche Ist-Belastung der Apotheken in 2003 in Höhe von 884 Millionen Euro. Das ist genau die von der ABDA behauptete Größenordnung. Das sind über 40.000 Euro je Apotheke.

Dem steht eine Soll-Belastung von 302 Millionen Euro ohne Mehrwertsteuer, beziehungsweise 350 Millionen Euro inklusive Mehrwertsteuer gegenüber. Zwischen Soll und Ist klafft eine gravierende Lücke von fast 600 Millionen Euro.

Die Apotheken werden damit fast dreimal stärker als vom Gesetzgeber beabsichtigt und vom BMGS verkündet belastet. In der kommenden Woche findet im Gesundheitsausschuss des Bundestages eine Anhörung zu den Gesetzentwürfen der Opposition zur Änderung des BSSichG statt. Unser Appell an die Abgeordneten ist klar und eindeutig: Wenn sie ein solch übermäßige Apothekenbelastung wirklich nicht gewollt haben, müssen sie das Gesetz korrigieren.

Wo Deutschland mit seinen pharmapolitischen Maßnahmen auf der Apothekenstufe angelangt ist, zeigt der Vergleich der Apothekenhandelsspannen im EU-Vergleich. In der GKV-Arzneimittelversorgung sind die im Durchschnitt erwirtschafteten Handelsspannen nirgendwo niedriger als in Deutschland.

Wir wünschen uns sehr, dass dies beim nun anstehenden Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz zur Kenntnis genommen wird.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Frank Diener, Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales
ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände
Jägerstraße 49/50
10117 Berlin
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