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Kassen-Hopping ist für die AOK ein Aderlass

27.03.2000
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-Wirtschaft & HandelGovi-Verlag

Kassen-Hopping ist für die AOK ein Aderlass

von Gisela Stieve, Hersbruck

Die Möglichkeiten, die Krankenversicherung zu wechseln und hier besonders die Öffnung und Gründung von Betriebskrankenkassen, ist für die AOK besorgniserregend. Sie erschüttern die solidarischen Fundamente der sozialen Krankenversicherung. Das erklärte Walter Schwarz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern vor Journalisten in Hersbruck.

Beim Kassen-Hopping sind die Betriebskrankenkassen die Gewinner, die AOK ist der Verlierer, so Schwarz, obwohl die AOK mit 15,6 Millionen Versicherten und einem Marktanteil von 37,8 Prozent einen deutlichen Vorsprung vor der BKK mit 6,3 Millionen Versicherten und einem Marktanteil von 15,3 Prozent zum 1. Januar 2000 hat.

Die AOK Bayern hat analysiert, dass vor allem junge, gutverdienende Versicherte von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. 75 Prozent von ihnen sind nicht älter als 40 Jahre. Zwei Drittel der befragten Kassenwechsler gaben den Beitragssatz als Wechselgrund an. Die AOK Bayern habe 1999 durch Stichtagskündiger (Versicherte, die am 30. September 1999 zum Jahresende gekündigt haben, um Mitglied in einer anderen Kasse zu werden) netto rund 19 000 Mitglieder verloren. Das entspricht 0,6 Prozent des Versichertenstandes. Besorgniserregend ist für Schwarz nicht die Quantität, sondern die Qualität der Verluste (gute Risiken, hohe Deckungsbeiträge).

Damit habe eine Entwicklung begonnen, an deren Ende Versicherungen für Gesunde mit niedrigen und Versicherungen für Kranke mit hohen Beitragssätzen stehen, wenn die Politik nicht korrigierend eingreift.

Wie es mit den Beitragseinnahmen steht, rechnete Schwarz vor. In den vergangenen vier Jahren hat die AOK West rund 1,1 Millionen Mitglieder verloren. Diese seien per Saldo den Betriebskrankenkassen zugeflossen. Als AOK-Mitglieder hätten diese Personen bei einem durchschnittlichen Grundlohn von 40 000 DM und einem durchschnittlichen Beitragssatz von 13,74 Prozent in diesem Jahr ein Beitragsaufkommen von rund sechs Milliarden DM in die GKV eingebracht.

Als Mitglieder einer BKK dagegen belaufen sich die Beitragseinnahmen bei einem durchschnittlichen Beitragssatz von 12,55 Prozent noch auf rund 5,5 Milliarden DM. Die fehlenden 500 Millionen DM stehen also dem GKV-System und damit den Leistungserbringern nicht mehr zur Verfügung. Eine Hochrechnung auf das GKV-System insgesamt ergibt nach Schwarz, dass dem System Einnahmeverluste in Höhe von etwa 1 Milliarde DM entstehen. Die ohnehin knapp fließenden Zuwächse werden durch das Kassen-Hopping noch einmal deutlich verkürzt.

Selbst unter dem Budgetdruck "sollten unsere Vertragspartner als Leistungserbringer schon einmal ernsthaft darüber nachdenken, ob sie vielleicht selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen, wenn sie versuchen, auf die Kassenwahl ihrer eigenen Mitglieder und Patienten Einfluss zu nehmen und diese zu Billig-BKKs steuern", sagte Schwarz mit einem Seitenblick auf die Heilberufe-BKK. Top

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