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Mehr als männliche Machtlosigkeit

31.01.2000
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-Wirtschaft & HandelGovi-VerlagINTERVIEW

Mehr als männliche Machtlosigkeit

von Thomas Bellartz, Eschborn

Das Internet wird zunehmend zum Tummelplatz von Glücksrittern, die mit sogenannten Internet-Apotheken das schnelle Geld machen wollen. Zunächst nur ein amerikanisches Phänomen, versuchen Geschäftemacher zunehmend den europäischen Markt zu erobern. Auch in Deutschland mehren sich die Aktivitäten. Ganz ohne pharmazeutische Fachkenntnisse und funktionierende Logistik geht es freilich nicht. Das haben die Betreiber von Internet-Angeboten inzwischen erkannt und schauen sich nach Allianzen um. Die PZ fragte nach bei Jürgen Ossenberg-Engels, Mitglied des Gehe-Vorstandes und Vorsitzender der Geschäftsführung der Gehe Pharma Handel GmbH.

PZ: Die Suche nach deutschen Versand-Apotheken im Internet bleibt heute meist noch erfolglos. Warum?

Ossenberg: Erstens ist der Versandhandel mit Arzneien in Deutschland aus gutem Grund verboten, und zweitens benötigt ein erfolgreiches Versandgeschäft auch im Netz der Netze ein klares Vertriebskonzept und zumindest ein zentrales Lager. Deshalb suchen Internet-StartUps vor allem im Großhandelsbereich leistungsfähige Allianzen für Lager und Vertrieb, denn eine schicke Internet-Präsentation allein reicht nicht.

PZ: Welches Profil haben mögliche Online-Anbieter?

Ossenberg: Potenzielle Online-Anbieter zeichnen sich häufig durch tiefe Ahnungslosigkeit über die Rechtslage auf dem deutschen Gesundheitsmarkt aus, von den in der Regel nicht vorhandenen pharmazeutischen Kenntnissen ganz abgesehen. Internet-Gründungen orientieren sich statt dessen an amerikanischen Pioniermodellen, allen voran Marktführer drugstore.com. Seit 1998 auf dem amerikanischen Markt, hat drugstore.com in den ersten neun Monaten 1999 bereits 16,4 Millionen Dollar umgesetzt.

PZ: Aber die Schreiben doch keine schwarzen Zahlen.

Ossenberg: Zwar schreibt das Unternehmen mit einem Nettoverlust von 72,3 Millionen Dollar rote Zahlen, doch der Börsengang in den USA wird als Erfolg gewertet. Und durch die 22-prozentige Beteiligung der drittgrößten Apotheken- und Drogeriekette Rite Aid Corp. ist auch der Zugang zum Handel mit rezeptpflichtigen Arzneien im US-Markt erleichtert worden, weil rezeptpflichtige Arzneien jetzt in den Rite Aid-Filialen abgeholt werden können. Seit der amerikanische Kongress vor einigen Wochen beschlossen hat, den Wildwuchs an Internet-Apotheken einzudämmen, sind derartige Kooperationen mit namhaften Marktteilnehmern für Image und Geschäftsentwicklung vorteilhaft. Der Versandhandel mit Arzneien geht zuende.

PZ: Gibt es hierzulande Beispiele?

Ossenberg: Das haben auch deutsche Unternehmen wie die Münchener Firma Yoi begriffen, die neuerdings unter dem Namen Vitago auftritt. Die Firmengründer, allesamt junge Absolventen der Harvard Business School, starteten den bislang wohl einzigen Versuch, das Internet-Apothekengeschäft nach amerikanischem Vorbild in Deutschland ernsthaft zu etablieren. Über 30 Millionen Dollar sollten zu diesem Zweck in den kommenden drei Jahren investiert werden. Mit Anzeigen in der Pharma-Fachpresse und auf der firmeneigenen Webseite wurden im November 1999 Apotheker und PTAs gesucht. Darüber hinaus ist Yoi bei verschiedenen Großhändlern vorstellig und offenbar auch fündig geworden. Der Pharmagroßhändler Kapferer aus Mosbach am Neckar soll sich bereit erklärt haben, Logistik-und Vertriebsaufgaben zu übernehmen.

PZ: Der Marktstart von Yoi war doch für Dezember 1999 vorgesehen. Passiert ist aber bis heute nichts.

Ossenberg: Das Angebot sollte die Lieferung von sowohl rezeptpflichtigen wie auch rezeptfreien Arzneien und Produkten der Freiwahl umfassen. Zwischenzeitlich aber, und nach der Abmahnung durch eine große Münchener Apotheke, hat man bei Yoi hinzugelernt, ist vom ursprünglichen Konzept abgerückt und setzt nun auf das Drogerie- oder Freiwahl-Sortiment. "Vitago" heißt der Internet-Laden jetzt, vollmundig in der Tagespresse als Deutschlands größter Online-Gesundheits- und Beautyshop angekündigt.

PZ: Aber wer unterstützt den StartUp?

Ossenberg: Auch für Vitago soll Kapferer nach unserer Kenntnis die Päckchen packen. Bis zu 10000 Lieferungen täglich sind geplant. Vitago selbst ist seit Jahresfrist online im Internet mit Beauty und Healthcare-Markenartikeln. Hinzu kommen Beratungsdienstleistungen und Gesundheitstipps.

PZ: Inwieweit sind konkret Apotheken betroffen?

Ossenberg: Der Online-Anbieter wildert immer noch gern in Apothekenrevieren. Das Beispiel drugstore.com macht Schule. Aus Kreisen des deutschen Pharma-Großhandels ist jedenfalls zu hören, dass Vitago den Aufbau eines Apotheken-Netzwerkes plant. Apotheken sollen sich demnach im Internet darstellen und Ware anbieten können. Offenbar ist eine Kombination aus einem zentralen Shop mit Bestellmöglichkeit für das Health & Beauty-Segment und einzelnen Apotheken-Shops mit apothekenexklusiven Artikeln, die dann auch vor Ort abgeholt werden können, vorgesehen. Die Adresse www.vitago.de soll dabei als sogenanntes Portal im Internet dienen, welches zentral vermarktet werden kann. Sicher nicht unbeabsichtigt, würde gleichfalls von dem seriösen Image "real existierender" Apotheken profitiert werden.

PZ: Hört sich nach erheblichem Konfliktpotenzial an.

Ossenberg: Wohin der Weg führen kann, zeigen Beispiele aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. So lohnt sich ein Blick in die amerikanische Online-Apotheke "First Pharmacy" (www.1st-pharmacy.com/german/main.html), die auch deutsche Seiten hat. Im Angebot sind trendgemäße, oft rezeptpflichtige Arzneien, mit denen sich Geld machen lässt. Das unvermeidliche Viagra finden Sie ebenso wie Xenical.

PZ: Im deutschen Online-Angebot ist von "Viagra: die neue Medikation für männliche Machtlosigkeit durch Pfizer. Xenical: die neue Wunderdroge-Gewicht-Verlust-Medikation verwendete zu helfen Völker verlieren Gewicht und halten dieses Gewicht weg durch Roche" die Rede. Ist das nicht mehr gefährlich als nur lustig?

Ossenberg: Bei der offensichtlich wörtlichen Radebrech-Übersetzung des englischen Originals bleibt neben der Verständlichkeit der Texte vor allem eins auf der Strecke: die pharmazeutische Beratung. Oder doch nicht? "Beratung" gibt es bei der First Pharmacy nämlich auch. Online, versteht sich. Hat man sich erst einmal durch das Holperdeutsch gekämpft, ist der Weg zu Viagra & Co. ganz einfach. Zuerst wird das Produkt ausgewählt, dann ein Online-Beratungsformular ausgefüllt. Danach stellt der Online-Doktor die Diagnose und anschließend ein Rezept aus. Jetzt fehlt noch die Kreditkartennummer und kurze Zeit später kommt die Arznei per Post.

PZ: Der Gesetzgeber hat doch einen Riegel vorgeschoben.

Ossenberg: Das ist zwar in Deutschland – und eigentlich auch in den USA - untersagt, der Transporteur macht sich sogar strafbar, aber in der Realität lässt sich diese Praxis kaum überprüfen.

PZ: Wie geht’s in Deutschland weiter?

Ossenberg: Derartige Auswüchse gibt es in Deutschland noch nicht. Aber das Beispiel Vitago zeigt, dass die Entwicklung im Internet auch hierzulande ernst zu nehmen ist. Rechtslage und Marktstrukturen lassen heute auf deutschem Boden zwar keine echte Online-Apotheke entstehen, aber eine Garantie, dass das so bleibt, gibt es nicht. Erstaunlich erscheint in diesem Licht das Verhalten des Pharmagroßhändlers Kapferer, Kooperationen mit Internet-Anbietern einzugehen, den eigenen Apotheken-Kunden damit zumindest indirekt Konkurrenz zu machen, und an der schnellen Mark aus dem Internet verdienen zu wollen. Sollte dies eine Art Zukunftssicherung für das Unternehmen sein, wäre der Begriff "Doppelverdiener" wohl richtiger.

PZ: Das klingt nach Kollegenschelte und Verdrängungswettbewerb. Gehe hat mit dem Internet also nichts am Hut?

Ossenberg: Gehe lehnt den Internet-Versandhandel von Arzneimitteln in jeglicher Form ab. Dazu gehört konsequenterweise auch die Zusammenarbeit mit den Internet-StartUps. Internet-Apotheken haben mit seriöser Pharmazie und seriösem Handel mit Arzneien nichts zu tun.

PZ: Und wenn das Angebot seriöser wäre?

Ossenberg: Die Versandwege per Post sind vergleichsweise langsam und der Kunde muss erst einmal warten, bis er seine Ware hat. Nahezu neben jeder Arztpraxis befindet sich eine Apotheke. Warum soll der Patient jetzt mit seinem Rezept an der Apotheke vorbeigehen, sich umständlich den Weg ins Internet suchen und dann noch ein paaar Tage auf seine Arznei warten? In der Apotheke bekommt er in der Regel seine Arznei sofort und wenn nicht, dann innerhalb weniger Stunden. Wo sind also die Vorteile der Internet-Apotheke? Ich sehe keine. Noch einmal ganz klar: Wir lehnen den Internet-Versandhandel, egal in welcher Form, strikt ab.

PZ: Trotzdem wird die Stellung des Internets Tag für Tag größer. Kommt die Pharmazie ohne das Netz überhaupt aus?

Ossenberg: Sich in Deutschland darauf zu verlassen, dass der Kelch an den Apotheken vorübergeht, ist trügerisch. Besser ist es in jedem Fall, selbst aktiv zu werden. Dazu gehört auch die Nutzung des Internets. Über entsprechende Online-Services, wie sie GEHE anbietet, kann jeder Apotheker im Netz vertreten sein, auf seine Leistungen und seine Apotheke hinweisen, ohne sich gleich vor den Karren von Internet-Anbietern wie Vitago spannen zu lassen.

Das Internet ist und bleibt ein Stück Zukunft. Es muss nur vernünftig genutzt werden. Top

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