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Ratiopharm

Das AABG ist problematisch

26.11.2001  00:00 Uhr
INTERVIEW

Ratiopharm: Das AABG ist problematisch

von Hartmut Morck, Ulm

Die Gesundheitspolitik wird sich in den nächsten Jahren grundsätzlich ändern. Dabei werden Generika eine noch wichtigere Rolle als preiswerte Therapeutika spielen als bisher. Wie stellen sich die Generikahersteller auf die neue Entwicklung ein - insbesondere, wenn die Aut-idem-Regelung in Kraft treten wird? Um auf diese Frage eine Antwort zu bekommen, sprach die Pharmazeutische Zeitung mit der Ratiopharm-Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb, Dagmar Siebert, und mit Dr. Dieter C. Eckhardt, Mitglied der Geschäftsleitung Wissenschaft und Information der Ratiopharm-Gruppe.

PZ: Frau Siebert, Herr Dr. Eckhardt, die Generika haben in den letzten Jahren eine bedeutende Marktposition erobert. Sie vertreten einen der führenden Generikahersteller Deutschlands. Wie hat sich Ihre Firma in dem letzten Jahrzehnt entwickelt? Wie sieht Ihre Strategie bei den Neueinführungen aus?

Siebert: In den vergangenen Jahren hat die Ratiopharm GmbH ihre Marktposition ausbauen können. Auf dem deutschen Markt sind wir unter den Generikaherstellern die Nummer eins, berücksichtigt man alle Pharmafirmen, sind wir nach dem derzeitigen Stand die Nummer vier und in Europa auf dem Generikamarkt ebenfalls die Nummer eins. Bei den Neueinführungen hat Ratiopharm natürlich die klassischen Generika nach Ablauf der Patente auf den Markt gebracht. In diesem Jahr sind eine Reihe von Patenten ausgelaufen, von Roxithromycin im Januar bis Ciprofloxacin, Ofloxacin, und Loratadin. Auch bei diesen neuen Produkten konnte Ratiopharm ihre Marktführerschaft demonstrieren.

Vor kurzem wurde uns in einer Umfrage bestätigt, dass Ratiopharm das zweitbekannteste pharmazeutische Unternehmen in Deutschland ist. Und wenn man etwas gezielter fragt, sind wir mit 100-prozentiger Kennerquote sogar die Nummer eins. Das ist für uns ein sehr gutes Ergebnis. Ratiopharm engagiert sich sehr für ihre Kunden, für die Klinik, die Ärzte, die Apotheken. Auch die Information für den Verbraucher mit einer Dachmarkenstrategie signalisiert, dass Ratiopharm-Arzneimittel die gleiche Qualität wie die der Originalhersteller bieten, aber einen günstigeren Preis haben.

PZ: Dazu setzen Sie auch sehr geschickt das Zwillingspaar als Sympathieträger ein, was sicherlich zum Erfolg beigetragen hat?

Siebert: Das war ein interessantes Experiment. Nach vorliegenden Studien ist uns das sehr gut gelungen. Die Zwillinge in der Apotheke merkt man sich. Das ist sehr gut, denn damit wird deutlich, dass die Arzneimittel nur in der Apotheke zu kaufen und zu bekommen sind. Die Frage "Gibt's da auch was von Ratiopharm?" und der Slogan "Gute Preise, gute Besserung" werden gelernt.

PZ: Mit dem Insulin haben Sie ein Neufeld betreten. Es ist das erste Generikum auf diesem Gebiet, werden Sie weitere auf den Markt bringen? Werden Sie auch im gentechnischen Bereich aktiver werden?

Siebert: Es ist in der Tat das erste preisgünstige Insulin auf dem deutschen Markt. Insulin B-Braun-Ratiopharm ist eine Kooperation mit einem Partner, der sehr viel Know-how im Bereich Diabetes-Care hat. Die breite Ratiopharm-Produkt-Palette für die Indikation Diabetes mellitus wird dadurch sehr gut ergänzt. Diese Kooperation zeigt uns Zukunftswege auf, auch für gentechnisch hergestellte Produkte. Wir verschließen uns keinem Feld.

PZ: Von Deutschland, das als Paradies für Generikahersteller gilt, möchte ich zu Europa übergehen. Wie sehen Sie die Entwicklung der Generika in Europa und mit welchem Engagement will Ratiopharm dabei aktiv werden?

Siebert: Der europäische Markt ist sicherlich nicht einfach, weil in jedem Land andere politische Rahmenbedingungen gesetzt werden. Ratiopharm ist Marktführer in Spanien. Wir sind in Frankreich aktiv. Italien ist ebenfalls ein erfolgreicher Markt für uns.

PZ: Und wie sieht es in den USA und Japan aus?

Siebert: Im Jahr 2000 hat Ratiopharm den drittgrößten Generikahersteller in Kanada gekauft und seit Jahren arbeitet Ratiopharm International in den USA. Der Weg geht aber auch nach Osten, nach Norden und nach Süden.

PZ: Den Generikaherstellern wird meist vorgeworfen, dass sie an den Entwicklungen anderer partizipieren, also Trittbrettfahrer sind. Sie würden selber keine Forschung beziehungsweise Entwicklungsarbeit leisten. Fühlt sich Ratiopharm von diesem Vorwurf angesprochen?

Eckhardt: Die Basis bei einem Generikaunternehmen muss sein, ein bioäquivalentes Arzneimittel auf den Markt zu bringen. Einen Fortschritt dergestalt zu initiieren, dass man sagt, unser Produkt ist deutlich besser als das Original, ist von der Gesetzeslage her überhaupt nicht möglich. Unsere Medikamente müssen zu 100 Prozent austauschbar sein. Diese Austauschbarkeit wird durch vergleichende Studien zur Bioverfügbarkeit dokumentiert. Dafür gibt es klare Richtlinien, an denen wir uns orientieren. Trotzdem haben wir bei einigen Produkten kleine Schritte zur Verbesserung gemacht. Das kann aber nicht die Hauptaufgabe eines Generikaunternehmens sein.

PZ: Auf welchem Gebiet sind Sie innovativ?

Eckhardt: Wir sind innovativ im galenischen Bereich. Zum Beispiel versuchen wir durch galenische Veränderungen aus einer zweimal täglichen Gabe eine einmal tägliche zu entwickeln oder die Resorption gegenüber dem Orginal zu verbessern.

PZ: Solche Eingriffe in die Pharmakokinetik bedingen doch eigentlich neue klinische Studien, die zur Zulassung eingereicht werden müssen?

Eckhardt: Das ist für uns durchaus ein Spagat. Wir müssen bei diesen Produkten klinische Studien durchführen und finanzieren. Das heißt, wir müssen vorher schon prognostizieren, ob diese weiterentwickelten Produkte am Markt akzeptiert werden beziehungsweise ob sich diese Investition lohnt.

PZ: Andere Mitbewerber sind neben der Herstellung von Generika auch als Auftragshersteller aktiv. Produzieren Sie auch als Lohnhersteller?

Siebert: Ja, aber nur im geringeren Maße, da die eigene Produktion soviel Kapazität bindet, dass unsere Maschinen nicht durch Fremdherstellung ausgelastet werden müssen.

PZ: Unser Gespräch kann natürlich nicht die aktuelle Gesundheitspolitik aussparen. Die Politik will mit dem Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz (AABG) massiv in den Markt eingreifen. Wie stellt sich eine Firma wie Ratiopharm auf eine solche Entwicklung ein?

Siebert: Ganz offen gesprochen, zurzeit kann man sich auf die gesundheitspolitischen Ideen nicht einstellen. Vieles erfährt man erst aus der Presse und dann kann man nur schauen, wie man damit klar kommt und welche Meinung man dazu hat. Vieles wird von der Politik konzipiert, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Es gibt keine langfristigen Perspektiven, nur kurzfristige Sparmaßnahmen, deren Auswirkungen gar nicht errechnet worden sind. Zahlen werden in den Raum geworfen, die bei genauer Betrachtung nicht nachvollzogen werden können.

PZ: Ein Punkt des Sparpaketes ist Aut idem, das von den Apothekerorganisationen befürwortet wird, wenn der Rahmen stimmt. Wie stehen Sie als Generikaunternehmen zu diesem Punkt? Haben Sie Angst davor?

Siebert: Ich glaube, dass wir keine Angst davor haben müssen und sich unsere jahrelange Arbeit auszahlen wird. Die Frage ist nur, ob eine Aut- idem-Regelung, wie derzeit angedacht, überhaupt umsetzbar ist. Aus unserer Sicht werden die rechtlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen bisher noch gar nicht ausdiskutiert. Die Frage stellt sich, ob die Aut-idem-Regelung, wie sie im Gesetzentwurf steht, wirtschaftlich sinnvoll ist oder ob hier auf Kosten der Qualität gespart wird? Für mich wäre es wesentlich sinnvoller, wenn Arzt und Apotheker gemeinsam überlegen, welcher Partner ihnen das richtige preiswerte Produkt liefern kann, das auch den Therapieerfolg garantiert. Es darf nicht Folge des Gesetzes sein, dass sowohl der Arzt als auch der Apotheker von einer Medikation zur anderen und von einem Hersteller zum anderen springt. Sicher wird der Apotheker auf Grund seiner logistischen und kaufmännischen Kompetenz mehr Kontinuität garantieren als der Arzt.

PZ: Sehen Sie denn in einem Rabatt, den Ihr Verband in Absprache mit den anderen Pharmaverbänden anbietet, mehr Sinn? Kommt das nicht einer Bestechung der Politik oder einem Abkaufen gleich, um Aut idem aus dem Gesetz zu streichen?

Siebert: Ich glaube ohnehin, dass die Aut-idem-Regelung in der jetzigen Form Schwierigkeiten haben wird, die Gesetzeshürden zu überwinden. Da werden mehrere Interessensgruppen Einfluss nehmen. Außerdem glaube ich, dass dieses Gesetz einer Bundesratszustimmung bedarf.

Fakt ist, es soll eingespart werden. Deshalb ist es aus meiner Sicht durchaus legitim, unabhängig von der Aut-idem-Diskussion ein Angebot zu machen, über einen Rabatt zur Senkung der Arzneimittelausgaben beizutragen, zumal die 450 Millionen DM Einsparungen durch Aut idem nur eine fiktive Rechnung ist. Das schließt nicht aus, dass eine langfristige Lösung mit Aut idem gefunden werden kann.

Aus meiner Sicht ist es ohnehin unsinnig, bei einem Gesamtvolumen von 300 Milliarden DM Kosten in den Gesetzlichen Krankenversicherungen, mit Einsparungen von 1 Milliarde DM das System retten zu wollen. Wir müssen dahin kommen, primär den Bedarf des Systems zu definieren. Ich bin überzeugt, dass die Ressourcen im Generikabereich überhaupt noch nicht ausgeschöpft sind. Hier sollten sich Ärzte und Apotheker zusammensetzen und Konzepte entwickeln. Solche Konzepte würden auch Raum schaffen, Innovationen einzusetzen. Das wäre aus meiner Sicht ein rationaler Weg, um zu einer wesentlich vernünftigeren Ausnutzung der Ressourcen zu kommen, als der Spardruck von oben durch immer wieder neue Sparpakete. Solche Studien fehlen leider bisher in Deutschland. Sie könnten belegen, dass mit Arzneimitteln Kosten gespart werden können. Vielleicht sind die vorgeschlagenen Disease-Managementsysteme der Weg in die richtige Richtung. Aber die greifen nicht sofort, daher sind sie für die Politik uninteressant.

Sollte das Gesetz so umgesetzt werden, wie der Entwurf es vorsieht, wird es sicherlich bei den Generikaherstellern, die auf Grund eines existenzbedrohenden Wettbewerbs immer hart am Ertrag kalkulieren müssen, zu Einsparungen kommen müssen.Top

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