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Vom Zufallsprinzip zum Molecular Modelling

04.11.1996  00:00 Uhr

-Wirtschaft & Handel

  Govi-Verlag

Vom Zufallsprinzip zum Molecular Modelling

  Mit rund 200 Gästen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft feierte Bayer das 100jährige Bestehen des Chemisch-Wissenschaftlichen Laboratoriums (CWL) in Wuppertal-Elberfeld. Dem Initiator einer systematischen chemisch-pharmazeutischen Forschung bei den "Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co" war Carl Duisberg.

In seiner Begrüßungsrede verwies der Vorstandsvorsitzende Dr. Manfred Schneider nicht nur auf die großen wirtschaftlichen Erfolge durch die Produkte der Pharmaforschung, sondern vor allem auf die grundlegenden Fortschritte bei der Bekämpfung lebensbedrohender Krankheiten. Als ersten Leiter des Laboratoriums stellte Duisberg am 1. Oktober 1896 Arthur Eichengrün ein. Gemeinsam mit Biologen und Medizinern haben die Chemiker des CWL seither zahlreiche Wirkstoffe entdeckt, die in der Arzneimitteltherapie zum Standard wurden.

Zunächst galt das Zufallsprinzip

Die industrielle Arzneimittelforschung war zu ihrem Beginn auf die zufällige Entdeckung der Wirksamkeit bestimmter Strukturklassen angewiesen. Dies führte dann - sozusagen als Abfallprodukt der Farbenherstellung - zur Entdeckung der fiebersenkenden Wirkung des Acetanilids (Phenacetin), dessen Produktion 1888 begann. In der Aufbauphase des CWL wurde 1897 Acetylsalicylsäure synthetisiert, die heute als "Jahrhundertpharmakon" bezeichnet wird und 1899 bei Bayer als Aspirin auf den Markt kam.

Forschungsgebiete des CWL waren zunächst Analgetika, Narkotika, Anästhetika und Schlafmittel. Seinen Ruf als innovative Forschungsstätte begründete das Laboratorium ab 1935 mit der Einführung der Sulfonamide, mit dem bakterielle Infektionen erstmals erfolgreich behandelt werden konnten. Für diese Entdeckung, die erst in enger Zusammenarbeit zwischen Medizinern und Chemikern möglich war, wurde Gerhard Domagk 1939 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Das Forschungsgebiet Tropenmedizin war fortan ein wichtiger Bestandteil der Arbeiten, auch mit dem Ziel, ein Mittel gegen Tuberkulose zu finden.

Durch die Zunahme chronischer Erkrankungen, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen, baute Bayer sein Arzneimittelsortiment weiter aus. Hier erinnert das Unternehmen an die Substanz Nifedipin, das 1975 als Adalat auf den Markt kam, oder an die Einführung des Diabetikums Glucobay.

Heute beschäftigt das Chemisch-Wissenschaftliche Laboratorium in Wuppertal 150 Mitarbeiter in fünf Abteilungen. Geforscht wird in den Therapiefeldern kardiovaskuläre Krankheiten, Antiinfektiva, Erkrankungen des Zentralen Nervensystems und Atemwegserkrankungen. Eine Abteilung beschäftigt sich mit Naturstoffen und kombinatorischer Synthese. 1992 wurde in Westhaven, Connecticut/USA ein chemisches Institut gegründet, das inzwischen 80 Mitarbeiter beschäftigt. Dort arbeiten die Wissenschaftler in der Rheuma-, Osteoporose-, Krebs-, Stoffwechsel- und Demenzforschung. Allergische Krankheiten und deren immunologische Grundlagen bearbeiten weitere 20 Mitarbeiter in Kansai Science City, Kyoto/Japan.

In diesem Jahr hat der Bayer-Vorstand grünes Licht für den Bau eines neues Chemiegebäudes gegeben. Mit der Investition von rund 43 Millionen DM legt das Unternehmen, wie der Vorstandsvorsitzende Schneider im Festakt hervorhob, ein Bekenntnis zum Forschungsstandort Wuppertal ab. Im Oktober 1997 soll das neue Forschungsinstitut eröffnet werden, ausgestattet mit modernen Synthesetechniken, kombinatorischer Chemie, Chromatographie, Informatik und Molecular Modelling.

Artikel von PZ-Redaktion
   

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