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Die ersten Schecks sind unterwegs

16.09.2002
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Flutkatastrophe

Die ersten Schecks sind unterwegs

von Thomas Bellartz, Dresden, und Brigitte M. Gensthaler, München

Den Schock haben die meisten Betroffenen der Flutkatastrophe überwunden. Dazu trägt sicherlich die vielfältige materielle Hilfe bei. Die ersten Mittel aus der Aktion „Apotheker helfen“ fließen bereits.

Dr. Frank Hering kann schon wieder lachen. Ein guter Monat ist vergangen, da stand der sympathische Apotheker aus Dresden vor den Trümmern seiner Existenz. Der kleine Fluss Weißeritz hatte seine Apotheke in ein Schlamm- und Trümmerfeld verwandelt. „Wir haben bis auf einige Metallgestelle restlos alles auf den Müll bringen müssen“, klagt der Apotheker. Jetzt arbeiten er und seinen Mitarbeiterinnen in zwei notdürftig vom Pharmagroßhändler Gehe organisierten Containern. Eine Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidiums ermöglicht es Hering und seinem Team nun, wenigstens die Stammkunden zu versorgen. Trotzdem sind die Umsatzeinbußen enorm. 50 Prozent weniger als normal setzt die Apotheke um. Die geräumte Offizin wird immer noch von großen Lüftern trocken gelegt. Das Wasser stand hier fast bis unter die Decke, nichts blieb.

„Sehr unbürokratisch“ habe das Land Sachsen der Apotheke geholfen, 15.000 Euro seien bereits auf dem Konto eingegangen. Doch der Schaden sei um ein Vielfaches größer. Hering hofft, wie viele andere betroffene Kolleginnen und Kollegen auch, auf Hilfe.

Die kündigten nun Monika Koch, Vorsitzende des Sächsischen Apothekerverbandes (SAV), und ihr bayerischer Kollege Gerhard Reichert an. Jeweils 10.000 Euro werden aus dem Hilfsfonds „Apotheker helfen“ an betroffene Apothekerinnen und Apotheker ausgezahlt. Dabei hatte man sich im Vorfeld auf festgelegte Kriterien verständigt, wie Koch noch einmal bei einer Veranstaltung des Treuhand-Verbandes in Dresden betonte. Mit dieser ersten Zahlung soll den Betroffenen nun schnell und unbürokratisch geholfen werden. Bei der weiteren Mittelvergabe werde man den konkreten Bedarf berücksichtigen, um Benachteiligungen wie Übervorteilungen ausschließen zu können.

Hering ist froh und dankbar über das Engagement der Kolleginnen und Kollegen und der vielen Unternehmen und Organisationen, die ihren Anteil am Erfolg der Aktion „Apotheker helfen“ tragen. Im November will Hering seine Apotheke wieder eröffnen. Bis dahin muss eine komplett neue Einrichtung her. Der Apotheker hat Glück im Unglück. Denn auch der Vermieter muss sein Scherflein beitragen.

Ungewöhnliche Situationen bedürfen ungewöhnlicher Lösungen. Das hat sich wohl auch Hans-Joachim Kunze von der Rosen-Apotheke in Pirna gebracht. Die PZ berichtete auch über sein Schicksal, das der Mitarbeiterinnen und der Apotheke. Wie Hunderte andere Einzelhändler in Pirna ist auch die Apotheke nicht mehr benutzbar. Solange werden Kunden im ersten Stock eines Gebäudes ganz in der Nähe der Apotheke versorgt.

Sachsen am schwersten betroffen

Wie der Weißeritz- und der Rosenapotheke stellt sich die Situation alleine in Sachsen für rund 30 Apotheken dar, die – wie Monika Koch es formuliert – als „Totalausfälle“ geführt werden. Insgesamt 90 Prozent der Hilfsgelder sollen in Sachsen fließen. Denn hier sind die meisten Betroffenen. Koch „Es gibt 30 Apotheken, bei denen wir von einer Neugründung reden.“ Insgesamt sieben schwer betroffene Apotheken verzichten auf Hilfe, weil sie aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen. Manche scheuen auch mit Blick auf die Situation anderer Kaufleute die Annahme von Hilfsgeldern. Neben den viele Betroffenen in Sachsen wird auch vier Apotheken in Sachsen-Anhalt, zwei bayerischen und einer niedersächsischen Apotheke geholfen.

Die sächsische Verbandsvorsitzende bemüht sich derzeit in Gesprächen mit den Ministerien darum, dass die aus der Hilfsaktion fließenden Mittel nicht mit den staatlichen Unterstützungen verrechnet würden. Koch: „Daran arbeiten wir.“

Doch mit der rein finanziellen Unterstützung ist es vielerorts gar nicht getan. Das erklärte Koch in Dresden noch einmal explizit. Denn vielerorts sind Apotheken wegen ihrer Lage von der lokalen Struktur anderer Einzelhändler abhängig. Doch viele Geschäfte werden ihre Türen nicht mehr für Kunden öffnen können, werden die Folgen der Flut nicht überleben. Dann kann es für die ohnehin hart getroffenen Apotheken trotz all der finanziellen Unterstützung schwer werden. Es stellt sich schlicht die Frage: „Wie entwickelt sich der Standort?

Vier Wochen nach der Flut ist auch in den geschädigten Apotheken in Niederbayern fast wieder der Alltag eingekehrt. Die Fluten des Flusses Regen brachen mitsamt einer vier Meter breiten Mauer in die tiefer gelegenen Betriebsräume der Christopherus-Apotheke in Zwiesel im Bayerischen Wald ein. „Es herrschte das absolute Chaos“, erinnert sich Apothekenleiterin Ursula Grabmaier. Von Labor, Büro, EDV-Anlage, Nachtdienstzimmer, Personalraum und Lager blieben nur Trümmer übrig. Nachdem die Flut abgelaufen war, räumte die Apothekerin gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und Helfern den Müll in vier große Container. Jetzt stehen die nassen muffigen Räume leer.

Wenn die Chefin von ihrem Personal spricht, gerät sie ins Schwärmen. „Ich dachte, wir müssen jetzt schließen, aber meine Mitarbeiter wollten dies auf keinen Fall. Sie haben mich motiviert und den Apothekenbetrieb aufrecht erhalten, auch während der Zeit des Aufräumens.“ Den Nachtdienst am Tag nach der Flut habe sie an ihren Mann abgegeben. Für die folgenden Dienste hat sie eine Matratze zwischen die Ziehschränke gelegt.

Alle haben angepackt

Beste Erfahrungen mit seinem Team hat auch Apotheker Bernd Prenissl aus Zwiesel gemacht. „Meine Mitarbeiterinnen und ihre Männer haben rund um die Uhr gearbeitet.“ Berge von Müll mussten aus der Apotheke am Anger geholt und weggefahren werden. Die beiden Lagerräume für die Krankenhausmedikamente und den Übervorrat, Buchhaltung, Nachtdienstzimmer, Labor und EDV-Anlage schwammen im trüben Wasser. „Es war der Horror. Vor dem Haus stand ein riesiger See, wir waren auf einer Insel“, sagt der Apotheker.

Die großen Schäden am Gebäude werden jetzt erst deutlich. Die Mauern sind feucht, im Nachtdienstzimmer wuchert der Schimmel. Die Sanierung wird noch Wochen dauern. Alles im allem ein Schaden von etwa 100.000 Euro, schätzt Prenissl. Er ist verhalten optimistisch, aber immerhin: „Es geht aufwärts.“

In der Christopherus-Apotheke sind nur die Offizin und die Ziehschränke intakt geblieben. Die Technik ist wieder in Stand gesetzt, die Wasserleitung noch nicht. Wer zur Toilette muss, nimmt den Weg durch die Tiefgarage. Grabmaier schätzt die Schäden auf über 100.000 Euro. Die energische Frau ist dankbar für die Unterstützung, die sie unter anderem von Kunden, Firmen und Ämtern erfahren hat. „Man fühlt sich nicht allein.“ Jetzt müsse man das Beste aus der Situation machen. Durch die Flut und die Aufräumarbeiten habe sie ihren Betrieb mit anderen Augen gesehen. Sie ist zuversichtlich: „Das ist eine Chance zum Neubeginn, und die wollen wir nutzen.“

Auszahlung beginnt

Die Spendengelder der Apotheker kommen auch in Bayern den Apothekern und – wie auch anderswo - sozialen Einrichtungen zu Gute. In Bayern überbrachten der Vorsitzende des Hilfswerks der Bayerischen Apotheker, Gerhard Reichert, und Geschäftsführer Dr. Gerhard Gensthaler am Montag die ersten Schecks. Ihr Weg führte sie auch nach Hals bei Passau. Hier hat die Ilz, sonst ein beschauliches Flüsschen, den Kindergarten überflutet.

Küchen- und Waschräume sind unbenutzbar, der Turnsaal gleicht einer Baustelle, elektrische Leitungen hängen von der Decke, Putz und Böden sind abgerissen, die Spielsachen klamm und muffig. Für die 31 betreuten Kinder aus dem Ort hat Leiterin Rosemarie Waldherr vorerst eine Bleibe in der Musikschule gefunden. Der Schaden im Kindergarten wird derzeit auf 50.000 Euro geschätzt – ein gewaltiger Brocken für den Träger, die Pfarrer Einberger´sche Stiftung. Die Hilfe der Apotheker kommt gerade zu rechten Zeit.Top

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