Pharmazeutische Zeitung online

Arzneimittelpolitik international

13.05.2002
Datenschutz bei der PZ

Arzneimittelpolitik international

von Eckart Bauer, Liederbach am Taunus

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit stehen die jeweiligen Pharmamärkte im Mittelpunkt politischer Reformdiskussionen.

Die Ausgaben des italienischen staatlichen Gesundheitsdienstes für verordnete Arzneimittel stiegen im Jahr 2001 um 32 Prozent und die Gesamtausgaben für Arzneimittel um 9 Prozent. Die Diskrepanz ist die Folge der Abschaffung der Zuzahlung zu Jahresbeginn. Einerseits erhöhte sich der Erstattungsbetrag für das einzelne Arzneimittel, andererseits bot das Wegfallen der Zuzahlung den Italienern einen Anreiz, erstattungsfähige, aber nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel über Rezept zu beziehen. Die Menge der verschriebenen Arzneien ist dementsprechend um 9,5 Prozent gestiegen, der Umsatz mit nicht verschriebenen aber verschreibungsfähigen Arzneien hingegen um 50 Prozent eingebrochen.

Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben des staatlichen Gesundheitsdienstes für Arzneimittel stiegen um 32 Prozent auf 200,66 Euro. Erwähnenswert sind hierbei erhebliche regionale Unterschiede. Der wirtschaftlich schwache Süden des Landes hatte weit höhere Ausgaben je Patient als der prosperierende Norden.

In Zusammenhang mit diesen Ausgabenzuwächsen steht ein am 19. April 2002 verabschiedetes Gesetz, das mit wenigen Ausnahmen den Preis für erstattungsfähige Arzneimittel um 5 Prozent senkt. Ferner werden der pharmazeutischen Industrie Einschränkungen ihrer (höchstmöglichen) Ausgaben für Kongresse et cetera auferlegt. Sie wird auch verpflichtet, spätestens ab 2003 auf der Packung und in der Publikumswerbung die Wirkstoffbezeichnung mindestens 25 Prozent größer als den Produktnamen anzugeben.

Pakistan führte Mehrwertsteuer auf Arzneimittel ein

Die Regierung Pakistans hat Ende März beschlossen, Arzneimittel mit einer Umsatzsteuer von 15 Prozent zu belasten. Mit den erhofften Einnahmen will das Land die Staatsfinanzen konsolidieren und internationalen Geldgebern Anreize für eine finanzielle Unterstützung bieten.

Gegen die Verteuerung der Arzneimittel hat sich ein breites Bündnis der Angehörigen der Gesundheitsberufe und Verbraucherschützer gewandt. Inzwischen hat der pakistanische Präsident die Befreiung lebenswichtiger Arzneien von der Umsatzsteuer angeordnet. Das Bündnis hält die Liste jedoch nicht für ausreichend.

Musterland Schweiz?

Der Apothekerverband Basel ist laut Basler Zeitung vom 3. April 2002 aktiv geworden, um gegen Gesetzesverstöße in der Arzneimittelversorgung vorzugehen. Die zwei Fälle könnten die deutschen "Bewunderer" des "Schweizerischen Modells" nachdenklich stimmen, denn sie werfen tiefe Schatten auf die angeblich so progressiv-fortschrittlichen Ausgestaltungsmerkmale dispensierender Ärzte und des Versandhandels.

In Basel-Stadt ist Ärzten die Arzneimittelabgabe verboten. Doch die gesetzliche Lage scheint nicht alle zu interessieren. So musste die kantonale Oberaufsichtsbehörde bereits in mehreren Fällen aufsichtsrechtlich eingreifen.

Interessanter ist der zweite Fall: Ein Hausarzt hat seine in einem Altersheim lebenden Patienten mit einer schier unüberschaubaren Menge von Arzneimitteln über die ärzteeigene Versandapotheke versorgt. Innerhalb von zwei Monaten seien einem Patienten kistenweise Arzneimittel im Wert von über 2750 Schweizer Franken unnötig geliefert worden. Vermutlich wollte der verschreibende Arzt von dem 5-Franken-Entgelt pro Bestellzeile sowie der Umsatzbeteiligung profitieren.

Bei dieser Anreizkonstellation kann es kaum überraschen, dass die Versandapotheke Ende Februar für ihre Motivationsstrategie ausgezeichnet wurde. Was die Versandapotheke dazu auf ihrer Homepage schreibt, siehe Kasten.

 

Thurgauer Apfel

Die Apotheke "X AG" (Name der Redaktion bekannt) erhält den Motivationspreis ... Thurgauer Apfel für das Jahr 2002. Mit diesem Preis wird (sie) ... für ihr ‚herausragendes System im Bereich der Logistikdienstleistung ausgezeichnet'. Mit der Auszeichnung wurde das rechtzeitige Erkennen von Marktveränderungen und die Verfolgung sowie Realisierung innovativer Konzepte gewürdigt. ...

Nischenstrategie in der Medikamentendistribution

Die Erfolgsfaktoren der Apotheke X liegen zum einen in der Beteiligungsstruktur zum anderen aber auch in der klaren Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen. Als Aktiengesellschaft mit genossenschaftlichem Ansatz richtet (sie) ... ihren Fokus ganz auf die Kundengruppen Arzt und Patient. Die Beteiligung der Kunden hat sich als strategische Erfolgsposition bestätigt. ... Mittlerweile gehören rund 2400 Ärztinnen und Ärzte in der Deutschschweiz zum Kundenkreis ... Rund 1600 davon sind auch Aktionäre.

Verfolgung innovativer Konzepte

Das frühzeitige Erkennen von Marktveränderungen und die Verfolgung innovativer Konzepte sind Grundlagen der strategischen Ausrichtung. So wurde beispielsweise in den letzten zwei Jahren ein Joint Venture mit einem führenden deutschen Generikahersteller eingegangen sowie der Medikamenten-Direktversand als neues Geschäftsfeld im Bereich Business to Consumer aufgebaut. Durch die Übernahme zweier Mitbewerber ... im vergangenen Jahr ist die Apotheke X mit einem konsolidierten Jahresumsatz von über 230 Millionen Franken zur Nummer eins auf dem Markt der Ärztelieferanten aufgerückt.

Zitat auf einer Homepage eines Schweizer Versandhandelsapotheke AG

 

Konzentration auf Dienstleistung und Erfolgsbeteiligung für Ärzte als innovatives Erfolgsrezept für Apotheken, Herstellerbindung der Apotheke als "innovatives Konzept", und eine "Nischenstrategie", bei der man sich auf interessante Teilsegmente des Gesamtmarktes stürzt. Kommt einem alles irgendwie bekannt vor. Damit sein Geld als "Apotheker" verdienen zu wollen, ist kaum Zeichen überragender Innovationsbereitschaft, sondern eine gewisse Hemmungslosigkeit des Gewinnstrebens.

Schweizer Zahlenspiele

In jüngster Zeit ist in der Schweiz ein erstes Fazit über die Kosteneinsparungen nach Einführung der Leistungsorientierten Abgeltung (LOA) der Apotheken gezogen worden. In der Presse wurden dabei häufig 97 Millionen Franken genannt. Doch diese Zahl ist deutlich überhöht: 84 Millionen Franken sind nämlich über einen Zwangsrabatt von den Apotheken aufgebracht worden. Dieser Zwangsrabatt war mit der Einführung der LOA begründet worden. Er ist aber inhaltlich streng getrennt von der Änderung der Entgelte für Apothekerleistungen zu betrachten. Außerdem fielen wesentliche Teile der Einsparungen bereits 2000 an. Die echte Einsparung durch die LOA im Jahr 2001 beträgt 13 Millionen Franken. Da die Umstellung zum 1. Juli 2001 erfolgte, entspricht dies einer jährlichen Einsparung von 26 Millionen Franken.

Der Schweizerische Apothekerverband (SAV) sieht damit die Ziele der Reform erreicht, und hält durch die LOA kumulierte Einsparungen von 100 Millionen Franken bis inklusive 2004 für möglich. Das Einkommen der Apotheker dürfe dabei aber nicht weiter sinken. Dies erfordere eine Erhöhung der Taxe ab 2003.

Die Stiftung für Konsumentenschutz ist mit den Einsparungen unzufrieden: Sie fordert, Beratungsleistungen sollten dem Apotheker künftig nur noch dann erstattet werden, wenn er nachweislich beraten habe.

Die durch die LOA erwartete drastische Steigerung des Marktanteils der Generika erfüllte sich nach Ansicht der Krankenversicherer nicht: Er sei lediglich von 2,3 auf 2,6 Prozent gestiegen und liege weit unter dem anderer Länder. Die Apotheker würden sich nicht ausreichend anstrengen, von den Patienten eine Zustimmung für eine Substitution zu erhalten. Der SAV seinerseits hebt den deutlichen prozentualen Anstieg des Generikaanteils sowie Besonderheiten des schweizerischen Pharmamarktes hervor. IMS errechnete einen Anteil von 4 Prozent 2000 und 5 Prozent 2001.

Die Arzneimittelausgaben der Krankenversicherer sind in der Schweiz 2001 um 7,6 Prozent gestiegen. Die Ausgaben für von dispensierenden Ärzten abgegebenen Arzneien wuchsen um 18,6 Prozent. Die Krankenversicherer sehen hier besonderen Handlungsbedarf. Die Standesvertreter der Ärzteschaft stehen unter erheblichem Druck ihrer Mitglieder: Denn überall, wo das Dispensieren erlaubt ist, verdienen die Ärzte nach Angaben der Krankenversicherer bis zu einem Drittel ihres Jahreseinkommens von durchschnittlich 160.000 bis 180.000 Franken mit Arzneimitteln.

US-Kongress unterstützt Generika

Die stark ansteigenden Arzneimittelausgaben in den USA sollen politische Folgen haben: Dem amerikanischen Kongress liegt inzwischen die Initiative Greater Access to Affordable Pharmaceuticals (Verstärkter Zugang zu bezahlbaren Medikamenten) vor. Generika soll der Markteintritt erleichtert werden.

Die bisherige Regelung The Drug Competition and Patent Term Restoration Act of 1984 (Hatch-Waxman) ermöglicht es Originalherstellern, durch Klageerhebungen bei vermeintlicher Patentverletzung den Markteintritt eines Generikums um 30 Monate verzögern. Oftmals gelingt ihnen dies über einen deutlich längeren Zeitraum mittels Folgeklagen. Diese Regelung soll abgeschafft beziehungsweise an andere Teile des Patentwesens angepasst werden.

Ferner soll die Regelung gekippt werden, wonach nach dem Marktzutritt des ersten Generikums innerhalb der nächsten sechs Monate keine weiteren Generika auf den Markt kommen dürfen. Die Regelung machte es Originalherstellern möglich, den Hersteller des ersten Generikums mit Seitenzahlungen dazu bewegen, seinen Marktzutritt um sechs Monate herauszuzögern. Für diesen Zeitraum war dann nur das Originalpräparat auf dem Markt. Das will der Entwurf ändern. Kommt es zu einer Absprache zwischen dem Original- und dem Hersteller des ersten Generikums, kann ein weiteres Generikum zugelassen werden.

Drittens soll gegen die missbräuchliche Ausnutzung von Bürger-Petitionen bei der FDA vorgegangen werden. Die Gesetzesinitiatoren werfen den Originalherstellern vor, Einwendungen gegen Nachahmerprodukte teilweise zu unterstützen, um durch Prüfungen seitens der FDA den Marktzutritt zu verzögern.

USA: Steigende Arzneimittelausgaben

Das National Institute for Health Care Management (NIHCM) hat seine Analyse der Ausgaben für verschreibungspflichtige Arzneimittel in den USA unter dem bezeichnenden Titel "Prescription Drug Expenditures in 2001: Another Year of Escalating Costs" veröffentlicht. Danach stiegen die Ausgaben für verschreibungspflichtige Arzneien um 17,1 Prozent. Die Steigerungsrate bei den (mengenmäßigen) Top 50 lag bei 21,4 Prozent. Die Ausgaben für die 50 umsatzstärksten Arzneien stiegen sogar um 34,3 Prozent. Darunter befanden sich nur fünf Generika.

Der Anstieg des Ausgaben wird zu 24 Prozent mit einem Wechsel zu teureren Arzneien, zu 39 Prozent mit einer steigenden Zahl an Verordnungen, und zu 37 Prozent mit Preissteigerungen erklärt. (Damit liegen sowohl die Bedeutung von Preissteigerungen als auch die der mengenmäßigen Ausweitung weit über den entsprechenden Anteilen in Deutschland - wo faktisch nur die Strukturkomponente die Ausgaben in die Höhe treibt.)

US-Bürger sollen Preise vergleichen

In Anbetracht der erheblichen Preisunterschiede für Arzneien zwischen verschiedenen Apotheken hat die Generalstaatsanwältin des Bundesstaats Michigan, Jennifer M. Granholm, in einer Presseerklärung die Bürger zu einem intensiven Preisvergleich aufgerufen. Es seien Preisunterschiede von bis zu 400 Prozent festzustellen.

Die Generalstaatsanwältin kommt sinngemäß zu dem Ergebnis: "Die Botschaft ist klar. Verbraucher können es sich nicht erlauben, keine Preisvergleiche anzustellen." Ein phantastischer Ratschlag, gerade bei der Akutversorgung.

Granholm behält sich vor, gegen einige besonders teure Apotheken wegen Verstoß gegen Wuchergesetze des Bundesstaats juristisch vorzugehen. Und sie nutzt eine Argumentation, die die deutschen Apothekerinnen und Apotheker immer wieder vorbringen: "Wettbewerbsmechanismen funktionieren nur dann, wenn Verbraucher alle Informationen besitzen, die sie benötigen, um die richtige Wahl zu treffen."

Den Verbrauchern empfiehlt Granholm eine Vielzahl von telefonischen Preisnachfragen bei Apotheken. Darüber hinaus will sie auf der Webseite der Generalstaatsanwaltschaft Namen einiger bei einer Stichprobe für bestimmte Arzneimittel besonders günstiger beziehungsweise besonders teurer Apotheken veröffentlichen.

Hersteller auf der Anklagebank

In letzter Zeit sind in zwei Bundesstaaten in den USA Klagen gegen eine Vielzahl von Pharmaunternehmen erhoben worden. Sowohl die Generalstaatsanwaltschaft von Montana als auch die von Nevada werfen ihnen vor, überhöhte Average Wholesale Prices (AWP) ausgewiesen zu haben.

Der AWP stellt - entgegen seinem Namen - keinen statistisch ermittelten, faktisch durchschnittlichen Großhandelsabgabepreis der jeweiligen Arzneimittel dar, sondern vielmehr eine Empfehlung des Herstellers an die pharmazeutischen Großhändler. Für die Ermittlung des AWP gibt es einige bedeutende (kommerzielle) Datensammlungen. In vielen Fällen melden die pharmazeutischen Hersteller die (vermeintlichen) AWP ihrer Spezialitäten direkt an die Datensammler. Und bekanntlich erhalten "bedeutende Kunden" der einzelnen Großhändler, wie Apothekenketten und auch Versicherungen, die Arzneimittel teilweise zu Preisen, die deutlich unter dem AWP liegen.

Die Anklagen werfen den Herstellern vor, wissentlich überhöhte AWP gemeldet zu haben. Dies führt zu einer Schädigung der Bundesstaaten (und der Zentralregierung), denn die veröffentlichten AWP stellen die Basis dar für die Beträge, die sie für die im Rahmen der Medicaid-Versorgung abgegebenen respektive erstatteten Arzneien bezahlen. Zudem verteuert sich die Absicherung der staatlich Bediensteten. Private Versicherungsunternehmen können durch diese Verschleierung der faktischen Marktverhältnisse ebenso geschädigt werden wie die Arbeitgeber, die überhöhte Prämien zahlen müssen.

In Montana lag in Extremfällen der durchschnittliche faktische Großhandelspreis für wichtige Arzneimittel um bis zu 85 Prozent unter dem gemeldeten AWP. Zum Teil lag sogar der Apothekenverkaufspreis darunter! Die Staatsanwaltschaft schätzt, dass allein Medicare im Jahr 2000 auf nationaler Ebene mindestens um 532 Millionen Dollar überhöhte Zahlungen wegen der falsch ausgewiesenen Preise geleistet hat.
Die Klage hat nicht nur eine korrekte Angabe des AWP zum Ziel. Die Unternehmen sollen vielmehr den entstandenen Schaden erstatten und darüber hinaus eine "punitive damage" - also eine Geldstrafe wegen kriminellen Verhaltens - zahlen.Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa