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Mittelständischen Herstellern geht es an den Kragen

15.04.2002  00:00 Uhr

Mittelständischen Herstellern geht es an den Kragen

von Christian Lahm, Berlin

Deutschlands Pharmaindustrie steht unter Druck. Betroffen sind vor allem mittelständische Pharmaunternehmen, die bewährte Arzneimittel herstellen, denen aber die Finanzkraft fehlt, ins attraktive Marktsegment der innovativen Originalprodukte zu wechseln.

Das geht aus einer neuen Bankenstudie der DG Corporate Finance hervor. Die 100-prozentige Tochter der DZ Bank (Zentralinstitut der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken), widmet sich in ihrer Studie mit "Entwicklungstendenzen auf dem Pharmamarkt". Danach drängen ausländische Pharmakonzerne immer stärker auf den Inlandsmarkt. Selbst größere innovative deutsche Unternehmen können weniger neue Wirkstoffe anbieten als bisher; viele haben noch keinen Ersatz für Präparate, die bis 2005 den Patentschutz verlieren.

Kleineren Herstellern rezeptfreier Produkte, die unter dem Spardruck in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) besonders leiden, fehlt das Geld, einen absatzfördernden Markennamen aufzubauen. Schwierigkeiten gibt es auch bei Generikaproduzenten, die wenig Forschung betreiben und im Ausland kaum aktiv sind.

Die DG Corporate Finance hatte im Vorjahr 340 deutsche Phar-mabetriebe nach deren Problemen und Abwehrstrategien gefragt. Fazit: Immerhin die Hälfte der Befragten erwägt strategische Allianzen und eine weitere internationale Öffnung. Das ist laut Studie auch dringend geboten. Denn vor den schwierigsten Herausforderungen stehen in der Branche besonders folgende Unternehmenstypen:

  • Firmen, die im Segment der innovativen Originalprodukte aktiv sind, aber nur wenig Forschung und Entwicklung (FuE) betreiben, eine geringe Unternehmensgröße haben und nur wenig Umsatzanteile im Ausland generieren.
  • Kleine Generikaproduzenten, die sich auf reine Kostensenkungsstrategien konzentrieren, kaum FuE betreiben und kaum im Ausland aktiv sind.
  • Kleine Hersteller von OTC-Produkten, die besonders unter dem Rückgang der Verordnungen der GKV in ihrem Marktsegment leiden und mangels Finanzkraft kaum einen Markennamen aufbauen können.

Inlandsmarkt unattraktiv

Kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die sich auf den Inlandsmarkt beschränken, fällt es laut Studie zunehmend schwer, ihre Marktanteile zu halten. Dagegen steigen die Umsatzanteile, die deutsche Pharmaunternehmen im Ausland erwirtschafteten, stark an. Ohne die internationalen Wettbewerbsschienen hätten sie zunehmend einen Wettbewerbsnachteil gegenüber internationalen Konzernen.

Überdurchschnittlich steigende Umsätze werden im deutschen Arzneimittelmarkt nur im Segment der patentgeschützten, innovativen Arzneimittel realisiert. Nur dort sind laut Studie Margen zu erzielen, die auskömmliche Erträge sichern. Bei Verordnung solcher Spezialpräparate erstatteten die Krankenkassen im Schnitt mehr als 255 Euro.

Generikahersteller konnten ihren Marktanteil der Untersuchung zufolge in den vergangenen Jahren ziemlich konstant halten. Ihr Anteil an verordneten, aber nicht mehr patentgeschützten Arzneimitteln ist sogar gestiegen.

Unter zunehmendem Wettbewerbsdruck stehen indes Unternehmen, deren Produktpalette überwiegend aus rezeptfreien Arzneimitteln oder aus Produkten ohne Patentschutz besteht: Alt-Originale, Generika, OTC-Präparate und Lebensmittelergänzungsprodukte.

Auswirkungen der Gesundheitspolitik

Die schwierige Marktentwicklung der Pharmabranche, insbesondere bei den rezeptfreien Produkten, ist laut Studie auch ein Ergebnis der deutschen Gesundheitspolitik. Die Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre haben im Ergebnis vor allem die mittelständischen Anbieter von rezeptfreien und traditionellen Arzneimitteln hart getroffen. Die Einsparungen bei innovativen Arzneimitteln waren zugleich insgesamt gering. Bei älteren Originalprodukten und Generika sinken die Arzneimittelausgaben seit Anfang der neunziger Jahre. Die erneute Absenkung der Festbeträge wird deren Margen nochmals schmälern.

Bereits im Jahr 2000 sanken die Preise für Arzneimittel mit Festbetragsregelungen um 0,4 Prozent, nachdem 1999 festgelegt worden war, dass die Festbeträge im unteren Drittel der Preisspanne zwischen dem preiswertesten und dem teuersten Produkt gewählt werden sollen.

Die Aut-idem-Regelung trifft große Teile der Pharmabranche nochmals, da sie auch im weniger margenstarken Festbetragssegment zur Abgabe des preisgünstigsten Produktes führen soll.

Die Studie sagt folglich einen starken Konzentrationsprozess unter den mittelständischen Pharmaunternehmen voraus, die sich auf Generika oder durch intensiven Wettbewerb gekennzeichnete Indikationsgebiete fokussiert haben. In anderen Ländern mit Aut-idem-Regelungen, wie England oder Norwegen, gab es bereits solche Entwicklungen.Top

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