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Wülfing Pharma: mutiger Schritt in die Selbständigkeit

14.04.1997
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-Wirtschaft & Handel

  Govi-Verlag

Wülfing Pharma: mutiger Schritt in die Selbständigkeit

Firmenportrait

  Termin beim Notar: Die drei leitenden Angestellten Dr. Andreas Landau, Dr. Karl Heinz Brücher und Lutz Harald Holz des SmithKline Beecham-Werkes in Gronau kaufen ihrem Arbeitgeber den Pharmastandort ab. Nicht gerade eine alltägliche Aktion. Doch konnten sie damit drei Viertel der 280 Arbeitsplätze retten. Die drei Gesellschafter nennen das Werk Wülfing Pharma GmbH und führen es in eigener Verantwortung unabhängig vom Mutterkonzern in England weiter. Das war vor neun Monaten. Was ist aus dem Sprung in die Selbständigkeit geworden? Müssen Investitionen getätigt werden? Und sind genügend Aufträge da?

In den Jahren 1995/96 ließ SmithKline Beecham weltweit seine Fertigungskapazitäten überprüfen. Folge der Studie war die Rationalisierung der Produktion. Auch das Werk in Gronau war betroffen. Der damalige Werksleiter Dr. Ulrich Bartke mußte die Belegschaft in die Überlegungen der Londoner Konzernleitung einweihen. Es begann eine Zeit der Ungewißheit und Ängste. Neun Monate wurde verhandelt, diskutiert, gehofft und gezittert. Dann die frohe Kunde: "Es geht weiter!"

Wachablösung durch Jungunternehmer

Drei noch recht junge Mitarbeiter des Werkes hatten zu diesem Zeitpunkt die Courage bewiesen, sich für die Übernahme der Produktionsstätte zu bewerben. Der 37jährige Apotheker Landau, bis dahin Leiter der Materialwirtschaft und Geschäftsentwicklung, der 42jährige Brücher, Herstellungs- und Kontrolleiter der oralen Produktion und der 30jährige Holz, Betriebswirt und Leiter der Finanzabteilung, taten sich zusammen und brachten unter anderem das Gesellschafterkapital von einer Million DM auf. "Wir konnten uns nicht vorstellen, daß in Kürze alles vorbei sein sollte. Außerdem war da die Chance, selbst etwas bewegen zu können", schildert Holz seine Motivationsgründe. Am 1. Juli 1996 war es soweit: SmithKline Beecham löste das Werk aus dem Firmenverbund heraus und übertrug es auf die drei Mitarbeiter.

Das Pharmaunternehmen heißt ab diesem Zeitpunkt Wülfing Pharma GmbH - ein Name mit Tradition. 1898 ließ sich nämlich der Kaufmann Abraham von Wülfing ins Handelsregister eintragen. Zusammen mit dem Chemiker Dr. Felix Bauer gründete er in Berlin die Firma Wülfing Bauer & Cie., das Stammhaus der späteren Wülfing-Gruppe. Den Erfolg dieser Firma machte damals hauptsächlich Sanatogen, ein Kräftigungsmittel, aus. In Gronau bei Hannover erbaute von Wülfing eine Produktionsstätte, von wo aus das Präparat weltweit verschickt wurde.

Von Wülfing verstarb 1927. Sein Sohn Rudolf leitete von nun an die Firma. Der Zweite Weltkrieg beutelte das Unternehmen schwer: Die Hauptverwaltung in Berlin wurde zerstört. Rudolf von Wülfing verlegte den Firmensitz nach Düsseldorf. Die Produktion und der größte Teil der Forschung blieben in Gronau. Mitten im Wiederaufbau verstarb Rudolf von Wülfing. Seine Töchter legten die Leitung und Weiterentwicklung von Präparaten in die Hände von Eberhard Igler, einem Kaufmann. Er machte seine Sache vorbildlich, innerhalb kurzer Zeit brachte die Entwicklungsabteilung einige neue Präparate hervor, die auch heute noch auf dem Markt sind. Das sind beispielsweise das Vitaminpräparat Eunova.

Beecham-Phase beginnt

Igler war klar: Ein eigenständiges kleines Pharmaunternehmen mit eigener Forschung und Entwicklung würde sich nicht mehr lange am Markt durchsetzen können. Gesetzliche Auflagen und die langen Entwicklungszeiten für Arzneimittel bis zur Markteinführung trieben Igler dazu, sich nach einem finanziell liquiden Partner umzusehen. 1975 kaufte die britische Beecham-Gruppe das Gronauer Werk, die Beecham-Wülfing GmbH & Co. KG entstand. Der Firmenhauptsitz wurde nach England verlegt, die Produktionsabteilung blieb aber in Gronau. Sie wurde sogar systematisch aufgeforstet: Die Produktionsfläche erstreckte sich bald auf 5 000 Quadratmeter, ein neues Lager- und Versandgebäude mit Hochregaltrakt wurde installiert.

1990 dann wieder eine Änderung: Der Beecham-Konzern und die amerikanische SmithKline schlossen sich zu einem Unternehmen zusammen. Erneut kamen auf das Gronauer Werk Umzugs- und Umbauarbeiten zu, weil ein anderes Produktionsprogramm gefahren wurde. Auch der Firmenname wurde ein anderer: SmithKline Beecham Pharma GmbH.

Der alte Besitzer ist der beste Kunde

Jetzt ist der Name des Gründers wieder im Firmennamen zu finden. Kann eine kleine Firma, die sich gerade von einem Pharmagiganten mit finanzieller Rückendeckung losgeeist hat, im Markt bestehen? "Wir sehen unsere Marktchancen als reiner Lohnhersteller sehr positiv", sagt Landau. Und: "Wir haben durch die konstruktive Unterstützung von SmithKline Beecham mittelfristig eine sichere Basis, auf die wir aufbauen können." Mit dem Ex-Mutterkonzern wurden Daueraufträge über einen Zeitraum von fünf Jahren ausgehandelt. Das soll reichen, den Schuh in der Türspalte zu halten.

60 Millionen DM Jahresumsatz hatte die Fabrik im Konzernverbund erzielt. Auf 46 Millionen DM schrauben die drei Gesellschafter ihre Erwartungen für ihr erstes Geschäftsjahr erstmal zurück. Mit 75 Prozent aller Lohnaufträge wird der alte Besitzer in den ersten Jahren ihr bester Kunde sein. Die ersten Entwicklungszahlen bis März 1997: "Wir sind im Plan und konnten sogar ein ganz kleines Plus erzielen", freut sich die Geschäftsleitung. Spätestens ab dem fünften Geschäftsjahr planen die drei Jungunternehmer aber, an alte Umsatzzahlen anknüpfen zu können. Davon sollen dann nur noch 25 Millionen DM durch SB-Aufträge gedeckt werden. Deshalb lautet das oberste Gebot: Beschaffung neuer Aufträge.

Holz: "Nach unserer Auffassung wurden die Möglichkeiten und Stärken dieses Werkes durch den Konzern nicht voll wahrgenommen. Man hat zwar alles getan, um den neuesten technischen Stand zu halten, aber wirklich neue Dinge hat man in den letzten Jahren in Gronau nicht mehr bewegt. Die Produktion war vollständig auf SmithKline Beecham-Präparate ausgerichtet. Marktchancen hat man so nicht nutzen können." Besonders das Auslandsgeschäft soll angekurbelt werden. Dabei kommt dem Werk die langjährige Erfahrung aus einem weltweit agierenden Konzern zugute. In 68 Länder wurde bisher exportiert; das muß ausgenutzt werden.

PZ-Artikel von Elke Wolf, Oberursel
   

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