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Als Heilkundige ihrer und unserer Zeit verehrt

14.12.1998
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-TitelGovi-Verlag

HILDEGARD VON BINGEN

Als Heilkundige ihrer und unserer Zeit verehrt

Der Reisende, der um 16.00 Uhr den Ostbahnhof von Berlin im ICE 844 "Hildegard von Bingen" verläßt, liest, durch den Namen des Zuges neugierig geworden, im Begleitblatt "Reiseplan", folgenden Text: "Hildegard von Bingen: hl. geb. Bermersheim (Kr. Alzey) 1098, gest. Kloster Rupertsberg bei Bingen (von ihr ca. 1147/50 gegründet) 17. 9. 1179; Nonne, Visionärin, Dichterin, Naturforscherin, Ärztin; findet mit ihrer Heilkunde für Leib und Seele heute wieder Beachtung."

Während der Fahrt durch die Mark Brandenburg, die Niedersächsische Tiefebene über das Bergische Land, das Rheinland und das Rheintal hat der Reisende Zeit, über diesen Text nachzudenken. Wenn er an hellen Sonnentagen bei der Durchfahrt von Bingen Kloster Eibingen im Rheingau sehen kann, in dem auch heute noch von Benediktinerinnen das Andenken an Hildegard gepflegt wird, so mag er sich fragen, ob diese Äbtissin des 12. Jahrhunderts wirklich als Naturforscherin oder Ärztin bezeichnet werden kann.

Doch dann erinnert er sich, daß er bereits von der "Hildegard-Medizin" gehört hat, und er weiß auch, daß die Frau eines Bekannten hauptsächlich Dinkelgerichte zubereitet, die sie aus Hildegard-Vorschriften zusammenstellt. Wenn der Zug schließlich um 23.23 Uhr im Hauptbahnhof Frankfurt am Main einläuft, ist sein Interesse erwacht, und am nächsten Morgen fragt er seinen Buchhändler, welche Literatur er ihm zu Hildegard von Bingen zusammenstellen kann . Hildegard von Bingen wurde 1098 als Tochter der Adligen Hildebert und Mechthild von Bermersheim aus dem edelfreien Geschlecht von Bermersheim, das dem fränkischen Hochadel angehörte, geboren. Bis heute ist es zweifelhaft, ob Hildegard in dem kleinen Dörfchen Bermersheim bei Alzey das Licht der Welt erblickte oder ob nicht auch andere im Rheinhessischen nahe Alzey gelegene Dörfer in Frage kommen könnten.

Als zehntes Kind der Familie war sie nach mittelalterlichem Denken sozusagen als Zehnte (also eine Steuerabgabe) dem geistlichen Leben bestimmt. So gründete die junge Frau mit Jutta von Sponheim, der Tochter des begüterten Grafen Stephan von Sponheim, der mit der Familie von Bermersheim bekannt oder vielleicht sogar verwandt war, und einer dritten Gefährtin eine Frauenklause nahe dem Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg, in die sie am 1. November 1106 feierlich einzogen. Die Mitgift, die Hildegards Eltern dem Kloster von Disibodenberg zukommen ließen, sicherte eine angemessene Versorgung der Tochter. Die drei Frauen legten noch im Jahre ihres Einzugs in die Frauenklause das Gelübde ab und wurden Benediktinerinnen; den Schleier empfingen sie standesgemäß aus der Hand des Bischofs Otto von Bamberg.

Mit Unterstützung des Mönches Volmar konnte sich die kleine Frauenklause durchsetzen, und Hildegard erhielt Unterricht im Lesen und Schreiben. Dabei erwarb sie Kenntnisse der Bibel sowie der Kirchenväter und fand auch Zugang zu säkularen wissenenschaftlichen Schriften. Bald vergrößerte sich die Benediktinerinnengemeinschaft, da weitere junge Frauen aufgenommen wurden. Nach dem Tode Jutta von Sponheims am 22. Dezember 1137 wurde Hildegard zur neuen "Meisterin" gewählt. Wie zu dieser Zeit durchaus üblich, fanden lediglich adlige Jungfrauen Zugang zum Konvikt, was Hildegard später Kritik von anderen Benediktinerinnen einbringen sollte.

Das Jahr 1141 stellt einen Wendepunkt im Leben Hildegards dar, da sie nun erstmalig Visionen empfängt, die sie wie folgt beschreibt (Koring, 1998, S. 7): "Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand; es verbrannte mich, war aber heiß, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen." Zudem habe sie eine Stimme gehört, die sie aufforderte: "Sage und schreibe, was du siehst und hörst!" Mit dem Abfassen des "Liber scivias" (Wisse die Wege) setzt das visionäre Schrifttum der Äbtissin ein, die zunächst zögerte, diese Visionen anderen mitzuteilen. Doch unterstützt vom Mönch Volmar, der von 1141 bis 1173 Hildegards Berater und Sekretär war, und der gebildeten Nonne Richardis von Stade begann Hildegard, die Visionen aufzuzeichnen. Von Zweifeln gequält, wandte sie sich 1146/47 in einem Brief an den einflußreichen Bernhard von Clairvaux (1091 bis 1153), um von ihm geistlichen Beistand zu erbitten. Obgleich Bernhard zurückhaltend reagierte, wurde Hildegard in ihrem visionären Auftrag unterstützt, da ihre Schriften auf der Synode von Trier unter dem Vorsitz des Papstes und Zisterziensers Eugen III. (1145 bis 1153), an der auch Bernhard von Clairvaux teilnahm, geprüft und beglaubigt wurden.

Bald eilte Hildegard der Ruf einer "Prophetissa germanica", also einer deutschen Prophetin, voraus, und sie wurde zu einer Person des öffentlichen Interesses. Ratsuchende pilgerten zum Kloster Disibodenberg, und die Politiker und Gelehrten des 12. Jahrhunderts standen mit ihr in regem Briefwechsel.

Unterdessen versuchte die anwachsende Frauengemeinschaft, sich von den Mönchen auf dem Disibodenberg zu emanzipieren. Diesem Plan stand der Abt des Klosters keineswegs wohlwollend gegenüber, mußte er doch im Fall des Wegzugs der Nonnen auf einen erheblichen Pilgerzustrom mit den damit verbundenen Pfründen verzichten. Trotz einer nervlichen Krise setzte sich Hildegard durch und versuchte mit Hilfe der Markgräfin von Stade, der Mutter ihrer Mitschwester Richardis, 1147 auf dem Rupertsberg in der Nähe von Bingen Gelände für ein neues Kloster zu erwerben. Nach dem Bau übersiedelte die Äbtissin mit 25 Nonnen in das neue Kloster, dessen Kirche am 1. Mai 1152 geweiht wurde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die vor allem durch die Wegberufung der Nonne Richardis und finanzielle Auseinandersetzungen mit dem Kloster Disibodenberg gekennzeichnet waren, erblühte das Benediktinerinnenkloster auf dem Rupertsberg; 1163 erhielt es von Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, umfangreiche Privilegien.

Die Visionärin wurde nie heilig gesprochen

Trotz äußerer Schwierigkeiten empfing Hildegard weitere Visionen; seit 1148 beschäftigte sie sich zudem intensiv mit Gesängen, die der hochmittelalterlichen Gregorianik nahestehen. Neben den naturkundlich-medizinischen Werken "Physica" und "Causae et curae" entwarf Hildegard eine Geheimschrift und beendet 1163 das Werk "Liber vitae meritorum", das sich in Dialogform mit den Tugenden und Lastern befaßt. Neben der Leitung eines großen Klosters und der Niederschrift der Visionen unterhielt Hildegard auf dem Rupertsberg eine umfangreiche Korrespondenz, von der über 300 Briefe bis in unsere Zeit überliefert sind.

Während des Kirchenschismas von 1159 zeigte sie sich zunächst abwartend, wechselte aber später auf die Seite der römischen Päpste. Oftmals wird von Reisen Hildegards berichtet, bei denen sie unter freiem Himmel vor dem Volk gepredigt haben soll; die neuere Forschung nimmt allerdings an, daß diese Predigten vornehmlich schriftlich fixiert und zur Unterweisung von Mitbrüdern und -schwestern gedacht waren.

1165 gründet Hildegard von Bingen in Eibingen oberhalb von Rüdesheim einen zweiten Konvent in einem Augustinerkloster, das seit 1148 bestand, jedoch verwüstet worden war. Unablässig zwischen Rupertsberg und Eibingen pendelnd, schrieb die nunmehr 65jährige ihr drittes Visionswerk nieder, den "Liber de operatione dei" (Welt und Mensch). Nach unermüdlicher Tätigkeit verstarb Hildegard von Bingen 81jährig am 17. September 1179 in ihrem Kloster auf dem Rupertsberg; ihre letzte Ruhe fand sie in der Abtei der Kirche ihres Klosters. 1660 wurden die noch vorhandenen Gebeine in das Kloster Eibingen überführt, wo sie heute noch bewahrt werden.

Schon bald nach ihrem Tod gab es Bestrebungen, Hildegard heilig zu sprechen, zumal sie ihren Zeitgenossen als "Beispiel der Heiligkeit" galt. Indes scheiterten die Bemühungen um eine Heiligsprechung zwischen 1227 und 1243 daran, daß man keine genauen Namen von Geheilten und Zeugen der Wunder beibringen konnte. So unterblieb die feierliche Kanonisation bis heute. Dennoch wird sie hoch verehrt, und vor allem an ihrem Todestag, dem 17. September, wallfahren viele Menschen zum Rupertsberg, um die "heilige" Hildegard zu verehren.

Die medizinischen und naturkundlichen Schriften

Zurecht bemerkt die Bochumer Medizinhistorikerin und Apothekerin I. Müller, eine der besten Kennerinnen des medizinisch-naturkundlichen Werkes von Hildegard von Bingen (I. Müller, 1998): "Noch immer ist die handschriftliche Überlieferung der naturkundlich-medizinischen Schriften Hildegards von Bingen weitgehend ungeklärt." Auch die beiden großen Hildegard-Jubiläen brachten die Texteditionen nicht auf den Weg.

Das Werk "Subtilitates diversarum naturarum creaturarum", das wohl nur in Grundzügen von der Äbtissin niedergeschrieben worden ist, wurde schon bald nach ihrem Tod in einen "Liber simplicis medicinae" und einen "Liber compositae medicinae" aufgeteilt. In späterer Zeit wählte man die heute gebräuchlichen Bezeichnungen "Physica" (Naturkunde) für den "Liber simplicis medicinae" (Buch der einfachen Arzneien) und "Causae et curae" für den "Liber compositae medicinae" (Buch der zusammengesetzten Arzneien). Von beiden Werken existiert in den europäischen Bibliotheken eine Anzahl von Handschriften. Daraus wählte Carl Daremberg jeweils eine Leithandschrift für seine Ausgabe in den "Patrologiae latinae" Jean-Paul Mignes und veröffentlichte diese, in einem Band zusammengefaßt, 1855 in Paris. Dabei berücksichtigte Daremberg die lateinischen Ausgaben der "Physica", Straßburg 1533 (Editio princeps), und Straßburg 1544 (Nachdruck von 1533) nicht.

In der Zwischenzeit tauchten weitere Handschriften mit Hildegard-Texten auf, die I. Müller 1982 und 1998 auflistete. Als nicht unbedeutsam erwies sich die Auffindung des "Speyerer Kräuterbuchs" mit den Heilpflanzen Hildegards, das B. Fehringer 1994 edierte. Auch die umfangreiche synoptische Arbeit von A. Müller "Krankheitsbilder im Liber de Plantis der Hildegard von Bingen (1098-1179) und im Speyerer Kräuterbuch (1456)" gibt weiteren Aufschluß über die Textzusammensetzung und Textkompilation der beiden medizinisch-naturkundlichen Bücher. Der Textedition bei Migne folgte eine Reihe deutscher Übersetzungen. So legte P. Riethe 1959 seine Übersetzung der "Naturkunde. Das Buch von dem inneren Wesen der verschiedenen Naturen in der Schöpfung" vor, und M.-L. Portmann veröffentlichte 1997 "Heilkraft der Natur - 'Physica'. Rezepte und Ratschläge für ein gesundes Leben".

Auch Hildegards Schrift "Causae et curae" wurde mehrmals übersetzt. Vom Altmeister der Hildegard-Forschung, H. Schipperges, liegt die 1957 in Salzburg erschienene "Heilkunde. Das Buch von dem Grund und Wesen der Heilung der Krankheiten" vor, und M. Pawlik veröffentlichte dasselbe Werk unter dem Titel "Heilwissen. Von den Ursachen und der Behandlung von Krankheiten der hl. Hildegard von Bingen" (Augsburg 1990). Weniger aus den "Causae et curae" als aus der "Physica" schöpften die Autoren der "Großen Hildegard-Apotheke", Dr. Gottfried Hertzka und Dr. Wighard Strehlow, die 1989 in Freiburg erschien.

Die Komplexizität der Textgeschichte dieser beiden Werke, auf die sowohl H. Schipperges als auch I. Müller immer wieder aufmerksam machten, fand in den Werken zur "Hildegard-Medizin" keine Rezeption, sondern zeigt vielmehr, "... wie fragwürdig die bisher unter Hildegards Namen tradierte Textgrundlage des medizinisch-naturkundlichen Werkes ist" (I. Müller, 1998). Als Forschungsstand kann festgehalten werden, daß die Texte "Physica" und "Causae et curae" zu den nicht visionären Schriften zählen, die in ihrer Textrezeption mannigfachen Veränderungen unterworfen waren.

Medizinisch-pharmazeutische Vorstellungen im Hochmittelalter

Die reiche medikopharmazeutische Literatur der Antike war bekanntlich nur in Bruchstücken auf das frühe Mittelalter gekommen. Die "Regula sancti Benedicti", die Benedikt von Nursia auf Monte Cassino für seine Mitbrüder als gültige Ordensregel gegeben hatte, sah eine karitative Behandlung alleine für Mönche vor, jedoch in sehr eingeschränktem Maße. Vielmehr galt im Mönchtum die christliche Vorstellung, daß Krankheit eine Folge der Sünde und daher letztlich eine Strafe Gottes sei. So ist es auch verständlich, daß sich die - in der Aufklärung abfällig als "Mönchsmedizin" bezeichnete - kurativ-medikale Medizin vor allem auf Ordensmitglieder erstreckte.

Obgleich die Kirche fast ausschließlich an der Überlieferung der Schriften beider Testamente, der Kirchenväter und entsprechender Kommentare interessiert war, wandten sich einzelne Kleriker dennoch dem medikopharmazeutischen Schrifttum zu. Die aus der Antike bruchstückhaft überlieferten Texte von Galen, Dioskorides, Plinius und Pseudo-Apuleius wurden abgeschrieben und zum Teil auch kommentiert; so lag spätestens seit dem 9. Jahrhundert eine "mittelalterliche" medizinische Literatur vor, wie sie sich beispielsweise im "Lorscher Arzneibuch", dem "Hortulus" des Walafrid Strabo oder auch im St. Gallener Klosterplan zu erkennen gibt.

Erst als zur Mitte des 12. Jahrhunderts, also zu Lebzeiten Hildegards, der ehemalige Kaufmann und Mönch Constantinus Africanus in Salerno antike, ins Arabische übersetzte Texte und Texte arabischer Autoren zu übersetzen begann, formte sich zögerlich ein zunächst wenig laizistischer, im Laufe der Zeit aber differenzierter Heilberuf - der Arzt, dem wenig später der Apotheker folgen sollte - aus. Die Schule von Salerno erlebte ihre Blüte jedoch erst zu Ende des Jahrhunderts, wie sich auch die Universitäten mit ihren drei Stammfakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin im 13. Jahrhundert zu etablieren begannen.

Vor diesem Hintergrund muß es als eine erstaunliche Leistung Hildegards von Bingen angesehen werden, die Kenntnisse ihrer Zeit zusammengefaßt zu haben. Jedoch erfolgte die Niederschrift dieser Werke nicht im Hinblick auf das Laienpublikum, das weitgehend ohne ärztliche Hilfe auskommen mußte; vielmehr sollten sie den Mitschwestern als Anleitung dienen, sich Grundzüge medizinisch-naturkundlichen Wissens anzueignen. So verwundert es auch nicht, daß sich Hildegards medizinische Vorstellungen nach der Vier-Säfte-Lehre, dem Makro-/Mikrokosmos-Schema und vor allem nach einer christlich gefärbten Heils- und Heilkunde richten. H. Schipperges hat darauf aufmerksam gemacht (Schipperges, 1998): "Der Ganzheitlichkeit der Lebensordnungen in Hildegards Weltbild wird man erst gerecht werden, wenn man die Regularien der Lebensordnung eingeordnet sieht in den ganz konkreten täglichen Lebensstil." Die medikopharmazeutischen Vorstellungen Hildegards erweisen sich als eine Summe antiker und mittelalterlicher Lehren zu Medizin und Diätetik (Lebenskunst), wobei die Krankheiten, die der Mensch in seinem Elend selbst verschuldet hat, letztlich nur durch geistliches Heil und Reue gemildert werden können. Dennoch beschreibt Hildegard in der "Physica" Heilmittel für körperliche und geistige Gebrechen. Die "Physica" ist traditionell aufgebaut und berücksichtigt die Tria regna naturae (Drei Reiche der Natur) mit Vegetabilia (Pflanzen), Animalia (Tieren) und Mineralia (Metallen und Mineralstoffen). Hinzu tritt ein eigener Abschnitt über die vier Elemente und die (Edel)steine. Die Vegetabilia werden in Pflanzen und Bäume gegliedert; das Tierreich erfährt eine Differenzierung in Fische, Vögel, allgemeine Tiere und Reptilien. Diese Aufteilung entspricht der mittelalterlichen Naturbeschreibung, wie man sie später auch bei Albertus Magnus und den Enzyklopädisten des Hochmittelalters wiederfindet.

Auch wenn Hildegards Quellen, insbesondere im Abschnitt über die Pflanzen, im einzelnen nicht nachweisbar sind, so hat I. Müller es 1982 unternommen, einzelne Heilpflanzen zu identifizieren und Hinweise auf ihre antiken Textvorlagen zu geben. Hier muß beachtet werden, daß die Urfassung der "Physica" nicht vorliegt und jede Transformation des Textes wie auch jede Übersetzung Gefahren birgt. Es ist also nicht - wie bisher angenommen - endgültig geklärt , ob die deutschen Synonyma und Begriffe in den lateinischen Text der "Physica" wirklich von Hildegard von Bingen eingeführt worden sind oder ob es sich um spätere Zusätze handelt. Die Schwierigkeiten, die sich bei der Synonymik mittelalterlicher Pflanzennamen ergeben (I. Müller, 1982) und die unsichere Tradierung hätten eigentlich Anlaß geben sollen, sich den Arzneimitteln Hildegards vorsichtig anzunähern. Doch diese Vorsicht wurde von den Protagonisten der "Hildegard-Medizin" völlig außer acht gelassen.

Die Hildegard-Medizin unserer Zeit

Nachdem die deutschen Übersetzungen der medizinisch-naturkundlichen Werke durch H. Schipperges und andere vorlagen, entwickelten die Ärzte Gottfried Hertzka und Wighard Strehlow die "Hildegard-Medizin", die sie als ein "Naturheilverfahren aus Empirie" bezeichnen, dessen "ungenützte natürliche Heilmittel" sie anpreisen. Ihr Werk "Die Große Hildegard-Apotheke" (1989) gilt ihnen als eine "echte Wald- und Wiesenapotheke", deren Arzneimittel sie beschreiben und alphabetisch nach Befindlichkeitsstörungen oder Krankheiten ordnen.

Die "Große Hildegard-Apotheke" beginnt mit dem Abschnitt Appetit und gibt als Heilmittel aus den drei Reichen der Natur Diamant, Himbeerblätter, marinierten Karpfen, Kupferwein I und Pfeffer zu den verschiedenen Indikationen an. Das Werk endet mit Zähnen und den bei Zahnbeschwerden empfohlenen Arzneimitteln Myrrhe, Aloe-Mischung, Salatkerbelwein, Salmknochenpulver, Wasser, Weinrebaschenlauge, Nachtschattenkraut und Wermut-Eisenkraut-Mischung.

Hildegard von Bingen verwendete Arzneimittel aus allen drei Reichen der Natur, die der Materia medica (Arzneimittelschatz) der Antike entsprachen. Vor uns liegt also der Wissensstand des 12. Jahrhunderts, der für die heutige Medizin mit Unschärfen belastet ist. So stimmen - wie Hertzka und Strehlow glauben machen wollen - die lateinischen Kräuternamen nicht unbedingt und in jedem Fall mit der heutigen Nomenklatur überein. Auch die Krankheitsbezeichnungen Hildegards, die gleichfalls zeitbedingt sind, führen heute zu Unsicherheiten. So wird beispielsweise Gicht wie in der Antike als ein durch Schleim verursachtes Skelettleiden angesehen.

Diese mangelnde Präzision in der "Hildegard-Apotheke" mag größtenteils dadurch abgeschwächt werden, daß die Mehrzahl der pflanzlichen Drogen in ihren verschiedenen Zubereitungen durchaus mit irrationalen phytotherapeutischen Grundsätzen in Einklang zu bringen ist. Wenn aber unter dem Stichwort Krebs Anguillan, Birkhuhnkloakendarm, Roggenbrot und Schlehenkernpulver als Therapeutika angeführt werden, sollte der naturwissenschaftlich ausgebildete Pharmazeut entschieden Zurückhaltung üben, auch wenn die Autoren meinen (Hertzka und Strehlow, 1989, S. 21): "Da lobe ich mir die Naturheilkunde. Sie ist oft klug genug, nicht klug zu sein und stellt lieber keine (klassische) Diagnose, wenn diese beispielsweise mit dem Omen der 'Unheilbarkeit' verbunden wäre."

Auch bei der von Hertzka und Strehlow empfohlenen Edelsteinmedizin Hildegards ist Vorsicht geboten. Die Edelsteine zählten für Hildegard wie Pflanzen und Tiere zu den Heilmitteln, und sie glaubte wie viele gelehrte Ärzte vor und nach ihr an deren Wirkung. Inzwischen sind die Inhaltsstoffe jedoch bekannt, und man könnte sie allenfalls in der Spurenelement-Therapie einsetzen. Ob dies aber ausreicht, um die nicht billige Steinsammlung zur Hildegard-Edelsteinmedizin zu kaufen, muß dahingestellt bleiben.

Kritisch bleiben

Die mystisch-prophetischen Visionen Hildegards mögen bei ihren Anhängern zu einer geistigen Katharsis führen, wie es auch Gebete oder Exerzitien können. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, daß die diätetisch ausgewogene Ernährungslehre der Äbtissin, die vornehmlich auf dem Dinkel beruht, im Sinne einer gesunden Lebensführung zur Vermeidung von Krankheit beiträgt. Dahingestellt bleiben mag ferner, ob die Arzneimittel aus dem Tier- und Pflanzenreich eine subjektive Wirkung auf den kranken Menschen entfalten können.

Fragt der ratsuchende Kunde jedoch nach der objektiven Wirkung der von Hildegard beschriebenen Phytopharmaka, sollte der Apotheker darauf hinweisen, daß nur die nach naturwissenschaftlichen Grundlagen der rationalen Phytotherapie erprobten Pflanzendrogen zum Einsatz kommen sollten.

Überarbeitete Fassung eines Vortrags vor der Evangelischen Akademie Nordelbien in Verbindung mit der DPhG und der DGGP am 22. September 1998 in Hamburg

PZ-Titelbeitrag von Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Heidelberg Top

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