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Gefährlicher Griff zur falschen Flasche

08.12.2003
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Vergiftungen im Haushalt

Gefährlicher Griff zur falschen Flasche

von Christiane Staiger, Neu-Isenburg

Ob Autopolitur, Fleckenentferner, Lampenöl oder Rattengift: In jedem Haushalt gibt es vielfältige Möglichkeiten, sich mit schädlichen Substanzen zu vergiften. Besonders kleine Kinder sind gefährdet, denn ihre Neugier kennt keine Grenzen. Verschlucken sie Schadstoffe, ist schnelles und richtiges Handeln entscheidend und kann Leben retten.

Vor allem Kleinkinder, die gerade laufen können, nutzen die neu gewonnene Bewegungsfreiheit und erforschen ihre Umgebung. Hierzu benutzen sie besonders den Mund: Alles wird »gekostet«. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder auch Stoffe zu sich nehmen, deren schlechter Geruch oder Geschmack Erwachsene davon abhalten würde. Kommt es zum Verschlucken von Schadstoffen, spricht man von Ingestion. Sinngemäß bedeutet dies »Aufnahme in das Verdauungssystem«.

Der Giftnotruf Berlin hat 1997 eine bundesweite Erhebung mit Nachverfolgung lebensbedrohlicher Vergiftungen im Kindesalter durchgeführt, die zusammen mit der Todesstatistik des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden erstmals eine realistische Einschätzung zum Vergiftungsgeschehen bei Kindern in Deutschland erlaubt (24). Danach gibt es pro Jahr circa 100.000 Fälle, in denen Kinder versehentlich potenzielle Gifte, so genannte Noxen, zu sich nehmen. In jedem zehnten Fall treten Symptome auf. Etwa 500 Vergiftungen sind lebensgefährlich, 20 bis 40 Kinder sterben daran.

Gefahrenquelle Haushalt

Rund 90 Prozent aller Vergiftungsfälle passieren im Haushalt (2). Chemikalien aller Art sind vor Kleinkindern nicht sicher. Reinigungsmittel wie Fleckenentferner, flüssige Möbelpflegemittel, Nagellackentferner, Parfums, Haar- oder Rasierwässer lauern als Gefahrenquelle in Küche, Haushaltsraum oder Bad.

Auch auf Alkohol (-reste) oder Zigaretten sollte man achten, denn schon kleine Mengen gekauter Zigaretten (-kippen) oder anderer Tabak können beim Kleinkind eine lebensgefährliche Nikotinvergiftung auslösen. Die tödliche Dosis von Nicotin liegt bei 40 bis 60 mg für den Erwachsenen, eine ungerauchte Zigarette enthält 15 bis 20 mg Nikotin. Wenn diese Menge in den Blutkreislauf eines Kleinkindes gelangt, kann das schwere bis tödliche Folgen haben. Schon die geringe Menge aus einem Tabakstummel kann Erbrechen verursachen. Daneben werden von den behandelnden Ärzten auch Blässe, Tachykardie, Schwitzen, Apathie oder Unruhe beschrieben.

Haushaltschemikalien mit Haut- und Schleimhaut verätzender Wirkung, zum Beispiel Abfluss- und Backofenreiniger oder viele ältere Maschinenspülmittel, sind ebenfalls besonders gefährlich. Schwerste Verätzungen werden beobachtet, wenn Kinder Zugang zu aggressiven Industriereinigern haben. Dies kommt oft in landwirtschaftlichen Betrieben vor (Melkmaschinenreiniger) oder dann, wenn Reiniger vom Arbeitsplatz mitgebracht und im Haushalt gelagert werden.

Minibatterien, die für Kameras, Taschenrechner und Uhren verwendet werden, sollten im Haushalt ebenfalls sicher verschlossen sein, denn Kinder können sie mit Bonbons oder ähnlichem verwechseln. Verschluckte Knopfzellen können in der Speiseröhre stecken bleiben und dort Druckschäden und Verätzungen hervorrufen.

Eine weitere Gefahrenquelle sind Arzneimittel (18), die sich in Schubladen, Schächtelchen oder Körbchen befinden. Bunte Dragees oder Kapseln laden geradezu zum Naschen ein.

  • Medikamente sollten konsequent von Kindern fern gehalten werden. Hier ist nicht nur an den elterlichen, sondern auch an den großelterlichen Haushalt zu denken.

Viele Körperpflegemittel enthalten schäumende Tenside, zum Beispiel Seifen, Shampoos und Badezusätze, die die Schleimhäute reizen. Sie verursachen Erbrechen, was zu einer Verschleppung von Schaum in die Atemwege führen kann. Hustenreiz oder Schlimmeres wie Lungenentzündung sind die Folgen. Gefährlich: Immer mehr Kosmetikprodukte, speziell solche für Kinder, haben einen attraktiven Geruch, zum Beispiel nach Cola oder Kaugummi, oder zumindest keinen abstoßenden Geschmack und werden dadurch mitunter in größerer Menge verschluckt als andere Kosmetika. Heftige Bauchschmerzen mit Erbrechen können die Folge sein.

Auch bei größeren Kindern können Verpackungen, die an Limonadendosen oder andere Lebensmittelbehälter erinnern, Anlass zu Verwechslungen geben. Selten, aber hoch gefährlich für die Lunge ist das Einatmen größerer Mengen von Babypuder.

  • Wie alle anderen Chemikalien sollten Kosmetika für Kleinkinder unzugänglich aufbewahrt werden. Produkte, deren Duft oder Geschmack an Lebensmittel erinnert, sollte man in Haushalten mit kleinen Kindern vermeiden.

Glücklicherweise führt nicht jede Noxe zu Vergiftungserscheinungen. Was im Einzelnen giftig ist, kann jedoch nur der Fachmann entscheiden. Keinesfalls sollte man sich als Elternteil oder wohlmeinender Nachbar dazu verleiten lassen, die Schädlichkeit einer Substanz für den kindlichen Organismus selbst einzuschätzen. Bemerkt man, dass ein Kind eine schädliche Substanz zu sich genommen hat, ist schnelle fachkundige Hilfe wichtig (17, 23). Bis zur Klärung des weiteren Vorgehens ist jede Ingestion ein Notfall. Die Rufnummer des nächstgelegenen Giftinformationszentrums sollten Eltern daher in unmittelbarer Nähe des Telefons platzieren.

Schnelle Hilfe beim Giftnotruf

Jeder Bürger und jede Apotheke kann auf ein deutschlandweites Netz von Giftnotrufzentralen zurückgreifen (Tabelle 1). Diese Beratungsstellen sind rund um die Uhr mit speziell geschulten Ärzten besetzt. Die Berater bedienen sich umfangreicher Datenbanken, die detaillierte Informationen über mögliche Gifte enthalten. So kann der Hilfe Suchende schnell erfahren, was zu tun ist. Bei einem Anruf im Giftinformationszentrum stellt der Arzt gezielte Fragen, um Näheres zu erfahren. Folgende Informationen sind wichtig:

  • Wer hat was und wie viel verschluckt? Auch Uhrzeit, Alter und Gewicht des Kindes sollten möglichst genau angegeben werden, damit die optimale Behandlung eingeleitet werden kann.
  • Zeigt das Kind Anzeichen möglicher Giftwirkung? Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, plötzlich auftretende Schmerzen im Bauch, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Bewusstseinstrübung, Krämpfe, Atemstörungen, Atem- und Herzstillstand charakterisieren unterschiedliche Schweregrade.

 

Tabelle 1: Telefonnummern der Giftnotrufzentralen

Notrufzentrale Telefonnummer Berlin (0 30) 1 92 40 Bonn (02 28) 1 92 40 Erfurt (03 61) 73 07 30 Freiburg (07 61) 1 92 40 Göttingen (05 51) 1 92 40 Homburg/Saar (0 68 41) 1 92 40 Mainz (0 61 31) 1 92 40 München (0 89) 1 92 40 Nürnberg (09 11) 3 98 24 51     Rettungsdienst 1 92 22 Polizeinotruf 1 12

 

Trotz der Aufregung im Notfall ist die Spurensicherung wichtig. Leere Flaschen oder Schachteln müssen in jedem Fall aufbewahrt werden, denn die Beschriftung kann dem Giftnotruf wichtige Hinweise über die Zusammensetzung der Substanz geben. Reste oder Erbrochenes sollten ebenfalls gesichert werden. Untersuchungen im Labor können dann wertvolle Informationen über die Schädlichkeit der Substanzen liefern. In der Apotheke sollten deshalb ein gut verschließbares Gefäß und ein Paar Einmalhandschuhe griffbereit sein. Ein einfaches Marmeladenschraubglas oder ein Urinsammelbehälter aus Kunststoff eignen sich besser als apothekenübliche Medizinalgefäße aus Braunglas, denn optisch ergeben sich oft schon erste Hinweise, zum Beispiel bei verschluckten Pflanzenteilen. Diese Spurensicherung und eventuelle Packungsangaben ermöglichen dem Arzt oder der Giftberatung, das weitere Vorgehen festzulegen.

Erste Hilfe zu Hause

In jedem Fall kann ein Kind unmittelbar nach der Ingestion reichlich Wasser, Tee oder verdünnten Saft trinken. Verboten hingegen ist Milch – sie beschleunigt unter Umständen die Resorption der Noxe aus dem Magen in den Blutkreislauf. Auch Salzwasser ist kontraindiziert.

Medizinische Kohle ist ein wichtiges Universalantidot, das nach den Anweisungen des Arztes vom Ersthelfer noch vor der Krankhauseinweisung verabreicht werden kann (3, 7, 15). Aktivkohle wirkt durch (unspezifische) Adsorption und kann deshalb mit wenigen Ausnahmen (Tabelle 2) gegen fast alle Gifte eingesetzt werden (4, 14). Aktivkohle ist hydrophob und lässt sich schlecht mit Wasser benetzen. Kohletabletten und -granulate enthalten Hilfsstoffe, die die Suspendierbarkeit deutlich verbessern. Fertigarzneimittel sind deshalb im Vergiftungsfall wirksamer als die Kohle aus dem Apothekenstandgefäß. Auch ein Entschäumer wie Dimeticon ist zur Erstversorgung häufig indiziert (6, 17).

 

Tabelle 2: Beispiele für Substanzen, für die Kohle als Adsorptionsmittel nicht geeignet ist

SubstanzGrundspezifisches Antidot Cyanid schlecht adsorbiert Natriumnitrit, 4-Dimethylamionphenol Eisenverbindungen schlecht adsorbiert Deferoxamin (Desferrioxamin) Lithium schlecht adsorbiert Calciumpolystyrensulfat Methanol leicht adsorbiert, aber rasch desorbiert Ethanol Ethylenglykol leicht adsorbiert, aber rasch desorbiert Ethanol

 

Dosiert wird die Kohle mit 0,5 bis 1 g pro kg Körpergewicht. Das bedeutet, dass zum Beispiel von den gängigen 250-mg-Kohle-Tabletten im Ernstfall mindestens 30, je nach Körpergewicht bis zu 120 Stück in Wasser oder Saft suspendiert und getrunken werden müssen! Der Entschäumer wird bei Spülmittelvergiftungen nach deren Schwere dosiert, mindestens jedoch 5 ml (ein Teelöffel).

Neben diesen beiden Arzneimitteln, die am häufigsten bei Vergiftungen mit Kindern eingesetzt werden, muss jede Apotheke zahlreiche weitere Antidote vorrätig halten (16). Dies schreibt die Apothekenbetriebsordnung vor. In Anlage 3 der Verordnung ist detailliert aufgeführt, gegen welche Vergiftungen die Apotheke gewappnet sein muss (Tabelle 3).

 

Tabelle 3: Anlage 3 (zu § 15 Abs. 1, Satz 2) der Apothekenbetriebsordnung; modifiziert nach (8)

Nr./AntidotArzneistoffAnmerkungen 1. Antidote
gegen Intoxikationen und Überdosierungen mit... 1.1 Opiaten Naloxonhydrochlorid Bei Intoxikationen mit Buprenorhin ist Naloxon als Antidot nur teilweise geeignet. 1.2 Cholinesterase-Hemmern a) Atropin
b) Obidoximchlorid a) Bei Intoxikationen mit Phosphorsäureestern und Carbamaten wird Atropin in hohen Dosen eingesetzt.
b) Als Cholinesterase-Aktivator bei Phosphorsäureester-Vergiftung, nur nach Atropin. Nicht bei Carbamat- oder Methylphosphorsäure-Intoxikationen. 1.3 Cyanid 1. Dimethylaminophenol (4-DMAP), anschließend
2. Natriumthiosulfat Als Methämoglobinbildner.

Als Schwefeldonator. 1.4 Methämoglobinbildnern Toloniumchlorid Bei Intoxikationen durch Nitrate, Nitrite, aromatische Amine oder nach Überdosierung von 4-DMAP. 2. Emetika Apomorphinhydrochlorid Zusammen mit einem a-Sympathomimetikum, zum Beispiel Norfenefrin; wegen unerwünschter Wirkungen für die Routineanwendung sowie bei Kindern nicht indiziert. 3. Kortikoid, hochdosiert, zur Injektion Glucocorticoid (zum Beispiel Prednisolon, Methylprednisolon) Zum Beispiel Solu-Decortin® H 250. 4. Mittel zur Behandlung von Rauchgasvergiftungen Glukocorticoid (zum Beispiel Beclometason-dipropionat) Zum Beispiel Ventolair® 100 mg Dosieraerosol bzw. Autohaler: 4 Sprühstöße unmittelbar nach Rauchgasexposition sowie nach anschließender ambulanter Aufnahme, Fortsetzung der Theapie mit 4 Sprühstößen alle 2 Stunden bis zum Abklingen der Beschwerden. 5. Antischaum-Mittel zur Behandlung von Tensid-Intoxikationen Dimeticon (zum Beispiel Sab® simplex) Nach Ingestion von Tensiden 0,5 bis 1 g für Erwachsene, Kinder 10 bis 20 mg/kg KG, in flüssiger Darreichungsform. 6. Medizinische Kohle Carbo activatus (zum Beispiel Ultracarbon®) Bei oraler Vergiftung sollte sofort Kohle, 0,5 bis 1 g/kg KG, gegeben werden. Anschließend sollte ein Laxans, zum Beispiel Natriumsulfat-Decahydrat (ca. 20 g), gegeben werden. 7. Tetanus-Impfstoff   Zur aktiven Immunisierung gegen Tetanus. 8. Tetanus-Hyperimmunglobulin 250 I.E.   Zur Tetanus-Prophylaxe bei nicht oder unvollständig immunisierten Frischverletzten sowie zur Therapie des klinisch manifesten Tetanus.

 

Eine Kombination von medizinischer Kohle mit einem Laxans wird empfohlen (1). Die Kohle soll mit dem adsorbierten Schadstoff aus dem Körper entfernt werden, bevor die Desorption stattfindet. Die gleichzeitige oder zeitversetzte Gabe salinischer (Natriumsulfat, Magnesiumsulfat) oder osmotisch wirksamer Laxantien (Lactulose, Sorbitol) vermindert die Wirksamkeit der Aktivkohle in der Regel nur geringfügig. Dosiert wird Natriumsulfat (Glaubersalz) mit 0,25 g pro kg Körpergewicht auf 100 ml Wasser (22).

Als Mittel zur Giftelimination wurde in der Vergangenheit die Entleerung des Magens durch sofortiges Erbrechen empfohlen. Wenn Laien Erbrechen provozieren, richten sie jedoch viel zu häufig mehr Schaden als Nutzen an, da zum Beispiel die Gefahr der Aspiration von Erbrochenem sehr hoch ist oder die verschluckten Gifte nochmals mit den Schleimhäuten im Mund- und Rachenraum in Berührung kommen (10). Die heutige Empfehlung lautet deshalb: Laien sollten keinesfalls Erbrechen auslösen!

Giftelimination im Krankenhaus

Unter ärztlicher Aufsicht, beispielsweise nach der Einweisung im Krankenhaus, kann die so genannte primäre Giftentfernung durch künstlich herbeigeführtes Erbrechen jedoch noch sinnvoll sein. Sirup aus der südamerikanischen Brechwurzel (Sirupus ipecacuanhae) kommt dabei am häufigsten zum Einsatz (20). Auch das Neue Rezeptur-Formularium bietet eine Rezeptur »Brecherregender Sirup« (NRF 19.1.).

In wenigen Ausnahmen muss man den Mageninhalt durch eine Spülung entfernen (11, 21). Die Magenspülung erfolgt in einer Intensivstation. Sie kommt beispielsweise zum Einsatz, wenn ätzende Substanzen aufgenommen wurden, denn Erbrechen würde zu neuerlichen Verätzungen von Speiseröhre und Mund führen, oder bei der Aufnahme von Stoffen mit hoher Giftpotenz, bei denen es auf eine sehr schnelle und sichere Magenentleerung ankommt.

Auch Hautkontakt schadet

Nicht nur Kauen und Verschlucken giftiger Stoffe können bedrohliche Folgen haben. Auch wenn das Kind eine Chemikalie nicht ganz hinuntergeschluckt hat, kann eine Ingestion vorliegen (19). So können Stoffe auch durch die Mundschleimhaut in den Körper aufgenommen werden. Nur selten kann man sicher feststellen, ob und wie viel ein Kind verschluckt hat, wenn man es beim »Probieren« ertappt.

Durch die Haut können ebenfalls Stoffe in den Organismus eindringen und Vergiftungen hervorrufen. Ätzende oder giftige Chemikalien müssen deshalb mit reichlich klarem Wasser von der Haut gespült werden, am besten mehrere Minuten unter fließendem Wasser. Beschmutzte oder gar durchtränkte Kleidung muss man entfernen. Einen Pullover mit Verschmutzungen, zum Beispiel im Brustbereich, sollte man nicht über den Kopf ziehen, sondern im Zweifelsfall eher zerschneiden, um Gesichtshaut und Haare nicht auch noch zu verunreinigen. Gerät eine Chemikalie ins Auge, spült man mit viel klarem Wasser. Bei Kindern oft gar nicht so einfach, aber wichtig: Die Augen müssen dabei offen sein.

Vorbeugen ist besser

Um Ingestionsunfälle zu vermeiden, sollte man die häusliche Umgebung des Kleinkindes systematisch absuchen. Dazu gibt es einige Faustregeln: Besonders zu sichern ist alles, was sich in Augenhöhe eines krabbelnden oder laufenden Kleinkindes befindet. Unterschränke sind sicher zu verschließen (Schlüssel abziehen). Nicht verschließbare Schränke und Schübe müssen frei von Putzmitteln, Medikamenten, Alkohol und Kosmetika sein. Potenzielle Noxen – Farben, Putzmittel, Öl, Benzin und anderes – darf man ausschließlich in Originalbehältern mit kindersicherem Verschluss aufbewahren. Reste alkoholischer Getränke gehören sofort in den Ausguss. Auch Aschenbecher entleert man am besten sofort. Auf giftige Zimmerpflanzen sollten Eltern und Großeltern von Kleinkindern verzichten. Dazu zählen beispielsweise Becherprimel (Primula obconica), Dieffenbachie (Dieffenbachia seguine), Korallenbäumchen (Solanum capsicastrum), Belladonnalilie (Amaryllis belladonna) sowie die zur Weihnachtszeit besonders beliebten Rittersterne (Hippeastrum spec.) und auch Weihnachtssterne.

Nicht nur im Haus, auch in Garten und Garage lauern Gefahren. Garagenmöbel sind oft alte, ausgemusterte Stücke aus dem Haushalt und selten sicher verschlossen. Häufig steckt der Schlüssel in Türen und Schubladen, und die Kleinen gelangen leicht an gefährliche Gartenpflege-, Pflanzenschutz- oder Schädlingsbekämpfungsmittel. Für Kinder unzugänglich aufzubewahren sind beispielsweise

  • Ameisenvertilgungsmittel mit Antimon, Diazinon oder Diacetonalkohol,
  • Unkrautvernichtungsmittel wie Paraquat,
  • Insektenvertilgungsmittel auf Phosphorsäureester- oder Carbamat-Basis,
  • Mottenschutzmittel mit Naphthalin,
  • Maus- und Rattengifte.

Die früher recht häufigen, schweren Vergiftungen mit Insektenvernichtungsmitteln sind zum Glück selten geworden. Heute im Haushaltsbereich eingesetzte Mittel enthalten überwiegend Pyrethroide, die eine deutlich geringere, akute Toxizität für den Menschen aufweisen.

Leider kommen noch immer Vergiftungen mit Mäuse- und Rattengiften vor. Man setzt vornehmlich Wirksubstanzen ein, die bei den recht schlauen Nagetieren nicht zum sofortigen Tod führen, damit die Artgenossen dies nicht mit dem ausgelegten Köder in Zusammenhang bringen. Diese Täuschung gilt leider auch für die unbeabsichtigte Aufnahme durch den Menschen. Das bedeutet, dass es nach versehentlicher Einnahme dieser Rodentizide zu anfänglich unauffälligen Vergiftungserscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Kopf- oder Magenschmerzen kommen kann. Nach mehreren Stunden bis ein oder zwei Tagen kann sich die Erkrankung massiv verschlimmern und sogar zum Tod führen.

In der Garage bilden neben den Gartenchemikalien auch Motoröle, Frostschutzmittel, Autopolitur, Terpentinersatz, Nitroverdünner, Batteriesäure, Algenvertilger, Desinfektionsmittel für Schwimmbäder, Holzschutz- und Holzbeizmittel, Imprägniermittel sowie Farben und Lacke eine Gefahr. Sie sind ebenfalls möglichst sicher aufzubewahren.

Für alle Haushaltschemikalien gilt: unbedingt in der Originalverpackung lagern. Dies gewährleistet nicht nur die Funktionsfähigkeit des kindersicheren Verschlusses, sondern schließt Verwechslungen aus. Die vollständige Beschriftung auf dem Originaletikett ist ebenfalls wichtig. Auf keinen Fall dürfen Reinigerlösungen und Co. in Flaschen oder Gläser umgefüllt werden, die mit Lebensmittelbehältern verwechselt werden können: Mineralwasserflaschen sind absolut tabu.

Garten und Kinderspielplatz

Giftige Pflanzen wachsen nicht nur im eigenen Garten, sondern auch in Parks, Anlagen und an Kinderspielplätzen (5, 9). Besonders in den Sommer- und Herbstmonaten ziehen viele Blüten und Früchte mit ihrer bunten Farbenpracht Kinder an und verleiten zum Pflücken und Kosten. Da Laien Pflanzen in der Regel nicht ausreichend bestimmen können, sollte man im Notfall Pflanzenteile zur Bestimmung sichern und in die Apotheke, Klinik oder zum Arzt mitbringen. Wichtig ist es, Ruhe zu bewahren und genau zu hinterfragen, welche Pflanzenteile aufgenommen wurden, denn die Giftigkeit von Blättern, Früchten oder Samen ein und derselben Pflanze unterscheidet sich durchaus erheblich!

Wichtigste Erstmaßnahme durch die Eltern: Pflanzenteile und Beeren aus dem Mund durch Ausspucken oder Ausspülen mit Flüssigkeit entfernen. Erfahrungen zeigen, dass die eingenommenen Mengen gerade bei Pflanzen glücklicherweise meist überschätzt werden.

Lampenöle »kriechen« in die Lunge

Von allen Haushaltschemikalien bergen heute die Lampenöle die größte Gefahr für Kleinkinder. Gefärbte und parfümierte Lampenöle vermitteln Atmosphäre und Gemütlichkeit, können aber für Kinder lebensgefährlich werden. Meist werden hoch gereinigte Erdöldestillate verwendet, die Geruchs- und Farbstoffe enthalten. Die vorgeschriebenen, kindersicheren Verschlüsse und Warnhinweise auf den Nachfüllbehältern bieten keinen ausreichenden Schutz. Bei fast allen Unfällen trinken die Kinder nämlich nicht aus den Vorratsbehältern, sondern aus den ungesicherten, in Reichweite stehenden Öllampen, da sie deren Inhalt für Limonade halten.

Gefährlich sind Lampenöle, Petroleum, andere Petroleumdestillate oder flüssige Grillkohlenanzünder wegen ihrer physikalisch-chemischen Eigenschaften. Sie können leicht in die Lunge »kriechen« und dort schwere Entzündungen verursachen. Bei Kindern genügen bereits geringste Mengen (weniger als ein Gramm), um schwere Lungenkomplikationen auszulösen.

Im Vergiftungsfall gilt: Unter keinen Umständen Erbrechen auslösen, da Erbrochenes und damit Lampenöl in die Lunge eindringen kann! Unmittelbar mit einem Giftinformationszentrum in Verbindung setzen. Selbst bei geringsten Symptomen muss das Kind bei einem Arzt oder in einer Klinik vorgestellt und überwacht werden. Neue, eingefärbte Brennflüssigkeiten auf Rapsöl-Basis sollen weit weniger gefährlich sein, umfassende medizinische Erfahrungen liegen bisher jedoch nur in begrenztem Umfang vor.

Notfallbox für schnelle Hilfe

Studien haben gezeigt, dass Kindern bei einer Vergiftung sehr viel schneller geholfen werden kann, wenn die Telefonnummer der Giftnotrufzentrale greifbar und geeignete Gegenmittel rasch verfügbar sind und nicht erst besorgt werden müssen (24).

Damit schnelle Hilfe möglich ist, sollte die Hausapotheke für den Notfall ausgerüstet sein. Neben medizinischer Kohle gehört deshalb ein Entschäumer in jeden Haushalt mit kleinen Kindern. Nach Untersuchungen ist jedoch in über 55 Prozent der Haushalte mit kleinen Kindern die Telefonnummer der Vergiftungszentrale nicht bekannt (12, 13). Die Mehrzahl der betroffenen Eltern und Erzieher wusste außerdem nicht, dass Aktivkohle und Entschäumer bei vielen Vergiftungen eingesetzt werden können. Nur in 11 Prozent der Haushalte waren beide Antidote vorhanden.

Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg e. V. hat deshalb gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und der Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg im Frühjahr dieses Jahres eine Aktion gestartet, in deren Mittelpunkt eine Notfallbox für den Haushalt stand (13). Inzwischen ist die leere Notfallbox auch bundesweit über den LAV Baden-Württemberg verfügbar. Der Kunde befüllt die signalrote Faltschachtel mit einem Entschäumer und medizinischer Kohle, die er auf Empfehlung in der Apotheke erhält. Aus rechtlichen Gründen darf die Apotheke selbst die Box nicht fertig bestücken. Die Produkte sollen ausdrücklich zur Behandlung bei Vergiftungen zugelassen sein (zum Beispiel sab simplex®, Kohle-Compretten®).

Um den bundesweiten Einsatz der Notfallbox zu gewährleisten, wird auf jede der neutral gehaltenen Faltschachteln die Telefonnummer des nächstgelegenen Giftinformationszentrums aus dem beigefügten Aufkleberbogen ausgewählt und in das dafür vorgesehene Feld aufgebracht. Jeder Notfallbox liegt außerdem ein Faltblatt bei, das anhand von Piktogrammen verdeutlicht, was im Notfall zu beachten ist.

Wichtig ist, dass die befüllte Notfallbox an einem zentralen Platz im Haushalt aufbewahrt wird, an dem sie im Bedarfsfall schnell gefunden wird – auch vom »fremden« Babysitter. In der Praxis gut bewährt hat sich zum Beispiel der Kühlschrank.

Apotheken können die Notfallbox auch zur Imagewerbung verwenden und beispielsweise bei Multiplikatoren bekannt machen. Hebammen, Kindergärtnerinnen, Leiterinnen von Krabbelgruppen, Babyschwimmen oder Mutter-Kind-Turnen und Kinderärzte sind gute, lokale Ansprechpartner.

 

Literatur

  1. Bastigkeit, M., Pharmakologie aktuell: Kohle als Antidot. Rettungsdienst 22 (1999) 714 - 716.
  2. Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen und Embryonaltoxikologie (Hrsg.), Vergiftungen in Deutschland 1989 - 1999. Berlin 2000.
  3. Brockstedt, M., Hoffmann-Walbeck, P., Rolle der Medizinischen Kohle in der Primärversorgung von Vergiftungsfällen. Kinderärztl. Praxis 61 (1993) 378 - 381.
  4. Cooney, D. O., Activated Charcoal in Medical Applications. New York 1996.
  5. Roth, L., Daunderer, M., Kormann, K., Giftpflanzen – Pflanzengifte. Giftpflanzen von A - Z, Notfallhilfe, allergische und phototoxische Reaktionen. 4. überarb., wesentl. erw. Aufl. Landsberg 1994.
  6. Daunderer, M., Orale Giftaufnahme - Welche Sofortmaßnahmen sind zu empfehlen? Dtsch. Apoth. Ztg. 123 (1983) 1487 - 1488.
  7. Fachinformation Ultracarbon®. Merck Selbstmedikation GmbH, November 2001.
  8. Gebler, H, Kindl, G. (Hrsg.), Pharmazie für die Praxis. 4. neu bearb. Aufl., Stuttgart/Frankfurt 2000, S. 844.
  9. Hahn, A., Liebenow, H., Basler, A., Giftige Pflanzen im Garten, in Parkanlagen und in freier Natur. Informationen zu Giftpflanzen und zur Auswahl geeigneter Pflanzen für Kinderspielplätze. Bundesgesundheitsbl. Gesundheitsforsch. Gesundheitsschutz 43 (2000) 541 - 548.
  10. (10) Harloff, F. P., Weilemann, L. S., Akute Ingestionsvergiftungen bei Erwachsenen: Kritische Analyse primärer Eliminationsmethoden. Intensivmed. 35 (1998) 670 - 679.
  11. Jonitz, W., et al., Primäre Giftentfernung. Monatsschr. Kinderheilkd. 147 (1999) 9 - 13.
  12. J(ungmayr), P., Erstversorgung mit Notfallbox aus der Apotheke. Dtsch. Apoth. Ztg. 143 (2003) 1890.
  13. Knödl, T., Vergiftungsunfälle bei Kindern. Jede Minute zählt. Pharm. Ztg. 148, Nr. 16 (2003) 1468 - 1470.
    Die ungefüllten Notfallboxen können bestellt werden beim LAV-Sofo-Markt, Postfach 10 29 34, 70025 Stuttgart, Telefon (07 11) 22 33 4-26, Fax (07 11) 22 33 4-98. Hier sind auch Informationen zu Liefer- und Zahlungsbedingungen erhältlich.
  14. Levy, G., Gastrointestinal clearance of drugs with activated charcoal. N. Engl. J. Med. 307 (1982) 676.
  15. Neuvonen, P. J., Olkkola, K. T., Oral Activated Charcoal in the Treatment of Intoxications. Role of Single and Repeated Doses. Medical Toxicology 3 (1988) 33 - 58.
  16. Rossi, R., Notfallmedikamente in der Apotheke. Die Bereithaltung von Arzneimitteln in Apotheken zur Sofortbehandlung von Notfallpatienten. Dtsch. Apoth. Ztg. 129 (1989) 1437 - 1442.
  17. Rossol, M. C., Ratschläge zur Behandlung von Vergiftungen bei Kindern. Rettungsdienst 22 (1999) 704 - 707.
  18. Schulz, M., Schmoldt, A., Therapeutic and toxic blood concentrations of more than 800 drugs and other xenobiotics. Pharmazie 58 (2003) 447 - 474.
  19. Stopfkuchen, H., Notfälle im Kindesalter. Außerklinische Erstversorgungsmaßnahmen. 3. überarb. u. erweit. Aufl., Stuttgart 1998.
  20. Veit, M., Martin, E., Vergiftungen mit Pflanzen: Apotheker leisten erste Hilfe. Pharm. Ztg. 143 (1998) 1813 - 1818.
  21. Viertel, A., Weidmann, E., Brodt, H.-R., Akute Vergiftungen in der internistischen Intensivmedizin. Dtsch. Med. Wschr. 126 (2001) 1159 - 1163.
  22. von Mach, M.-A., Weilemann, L. S., Aktuelle Therapie von Intoxikationen. Dtsch. Med. Wschr. 128 (2003) 1779 - 1781.
  23. Weilemann, L. S., Reinecke, H.-J., Notfallmanual Vergiftungen. Intoxikationen schnell erkennen, sicher nachweisen und gezielt behandeln. Stuttgart 1996.
  24. Ziller, S, et al., Kosten-Wirksamkeits-Analyse für ein pädiatrisches Notfallset bei Vergiftungen im Kindesalter. Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen und Embryonaltoxikologie. Berlin 1998.

 

Die Autorin

Christiane Staiger studierte Pharmazie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Der Approbation 1990 folgten Tätigkeiten in der öffentlichen Apotheke, bei der ABDA-Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und der APV. Seit 2002 ist sie im Wissenschaftlichen Service der Merck Selbstmedikation GmbH, Darmstadt, tätig. Sie absolvierte Aufbaustudiengänge in Pharmaziegeschichte (Promotion an der Philipps-Universität Marburg) sowie Veterinärpharmazie und ist Mitglied der Royal Pharmaceutical Society of Great Britain.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Christiane Staiger
Jean-Philipp-Anlage 24
63263 Neu-Isenburg
ch.staiger@gmx.de

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