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Arzneiversand in den USA ist kein Vorbild für Deutschland

07.10.2002
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Studie

Arzneiversand in den USA ist kein Vorbild für Deutschland

von Thomas Bellartz, Berlin

Das Thema beschäftigt Apothekerinnen und Apotheker wie kein zweites: der Versandhandel mit Arzneimitteln. DocMorris und Co. avancieren zu Medienstars und sind per Du mit den Krankenkassen. Doch eine vergleichende internationale Studie hat den vielfach hoch gelobten Versandhandel in den USA unter die Lupe genommen und festgestellt: Er ist kein Vorbild für Deutschland.

Die Mitarbeiter eines der weltweit größten Beratungshäuser Cap Gemini Ernst & Young haben sich in ihrer internationalen vergleichenden Studie auf die Suche nach den Vor- und Nachteilen einer Einführung des auf dem US-Modell basierenden Versandhandels in Deutschland gemacht. Dabei haben die Wissenschaftler auch die Erfahrungen und Kenntnisse über Internet-Apotheken in den Niederlanden und der Schweiz einfließen lassen.

Auftraggeber ist der Bundesverband des Pharmazeutischen Großhandels (Phagro), der die Studie am 30. September im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit vorstellte.

Der Vorsitzende des Phagro, Lothar Jenne, machte auf der Pressekonferenz deutlich, warum sich der Verband zu diesem Schritt entschlossen hat. „Wir wollen die stark emotionalisierte Diskussion wieder versachlichen“, so die nüchterne Erklärung des norddeutschen Pharmagroßhändlers. Dass der Phagro, ebenso wie die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, die Mehrheit der Bevölkerung und viele andere Beteiligte des Gesundheitswesens gegen eine Einführung des Versandhandels sind, hat zumeist sehr gute Gründe.

Anhaltende Attacken

Doch seit Juni 2000 ist die deutsche Apothekenlandschaft anhaltenden Attacken aus dem Nachbarland Niederlande ausgesetzt. Mit einer beispiellosen Instrumentalisierung der Medien ist es der Internet-Apotheke DocMorris gelungen, die Blicke der Medien auf sich zu ziehen. Das Resultat: Versandhandel erscheint sexy und erstrebenswert. Das überholte Apothekerimage des Schubladenziehers wird reanimiert und dem des vermeintlich modernen und effizienten Versenders gegenüber gestellt.

Jenseits der hartnäckigen Kampagne, die von vielen Medien mitgetragen wird, gibt es ein ausführliches Hin und Her in der politischen Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Versandhandels. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) befürwortet den Versand von Arzneimitteln ebenso wie ihre Amtsvorgängerin Andrea Fischer (Grüne). Doch Schmidt, die den von ihr einberufenen Runden Tisch im Gesundheitswesen Ende April 2002 zu einer Empfehlung pro Versandhandel animierte, will nach eigenen Aussagen nur dann Versandhändler zulassen, wenn strenge Auflagen erfüllt werden.

Die mächtigen Krankenkassen unterstützen die Regierung bei ihrer Linie. Doch in allen Parteien finden sich viele Abgeordnete, die dem Versandhandel nicht das Wort reden. Auch jenseits des großen Teichs ist das nicht anders, es gibt Befürworter und Gegner. Mit einem Unterschied: In den USA ist der Versandhandel mit Arzneimitteln bereits seit 40 Jahren fest etabliert.

Die Situation in den USA

Die ambulante Versorgung mit Medikamenten wird in den Staaten von so genannten Pharmacy Benefit Managern (PBM) übernommen. Rund zwei Drittel des Marktes teilen sich lediglich drei Unternehmen. Die PBMs stellen Medikamentenlisten auf, an denen sich Ärzte orientieren. Auf der Basis dieser Listen erhalten Patientinnen und Patienten ihre Medikamente und zahlen darauf gestaffelte Selbstbeteiligungen. Die Preise für die gelisteten Arzneimittel werden zwischen PBMs und den Pharmaunternehmen ausgehandelt. Diese Preise sind zwischen den einzelnen PBMs sehr unterschiedlich und basieren auf Preisabschlägen und Rückvergütungen.

Für einzelne Medikamente betreiben die PBMs eigene Versandapotheken. Damit erreichen sie einen Marktanteil von 12 Prozent. Bemerkenswert ist allerdings die Analyse der versendeten Medikamente. Durchschnittlich werden nur 20 bis 25 Arzneimittel im Versandsortiment geführt. Gelockt werden die Kunden mit erheblichen monetären Anreizen. Trotzdem konnte der Versandhandel in den USA in den vergangenen 40 Jahren nur einen Marktanteil von 12 Prozent erreichen.

In den USA werden Medikamente zu 30 Prozent über Apothekenketten abgegeben. Diese halten damit den größten Marktanteil, gefolgt von den unabhängigen Apotheken. Berücksichtigt werden muss, dass der Versandhandel im Jahr 2000 mit 27 Prozent innerhalb von 12 Monaten überproportional stark gestiegen war. Das resultierte insbesondere aus der verstärkten Nutzung des elektronischen Rezepts, der Kostenerstattung und der Möglichkeit, Serien-Rezepte zu nutzen.

Tendenziell noch stärker als der Versandhandel, der durch das Internet angetrieben wurde, wuchsen die Apotheken als „Shop-in-Shop“-Systeme innerhalb von Lebensmittelketten. Die amerikanischen Patienten kaufen ihre Arzneimittel auch während eines Einkaufs im Supermarkt. In Deutschland hat sich dies nicht einmal bei den nicht apothekenpflichtigen Präparaten bewährt. Hier zeichnen sich erhebliche soziologische Unterschiede ab.

Weniger unabhängige Apotheken

Drastisch zurückgegangen ist in den vergangenen Jahren die Zahl der unabhängigen Apotheken in den USA. Die Apothekenketten sowie andere Vertriebskanäle wuchsen auf Kosten der “Unabhängigen“. Auch wenn deren Zahl im Jahr 2000 wieder leicht anstieg, war die Tendenz lange sehr negativ. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sank die Zahl unabhängiger Apotheken um 30 Prozent. Die jüngsten Zuwächse erzielten die Apotheken insbesondere mit ihren Aktivitäten beim Compliance-Management sowie den Disease-Management-Programmen. Für diese Programme ist zudem die Einführung eines Honorars für den Apotheker vorgesehen.

Beachtung für die deutsche Diskussion verdient auch die Entwicklung von Umsatz und Einheiten bei den Versandhändlern. Vergleicht man die Daten bei Herz-Kreislauf-Präparaten und Antiinfektiva, fällt auf, dass der Anteil der Herz-Kreislauf-Präparate im Vergleich erheblich ausgebaut wird, der Antiinfektiva-Anteil hingegen auf niedrigstem Niveau bröckelt.

Besonders für denjenigen, die hier zu Lande immer wieder die Einsparmöglichkeiten bei einer Einführung des Versandhandels ins Feld führen, dürften die Erfahrungen in den Vereinigten Staaten die Augen öffnen. So wird die Generika-Substitution bei den Präsenzapotheken verstärkt betrieben. Versandapotheken hingegen haben individuelle Preisstrukturen und mengenabhängige Rabatte für verschiedene Medikamente. Deswegen ist die Verwendung von Originalprodukten für die Versandapotheke wirtschaftlich sinnvoller. Ihr Interesse liegt nicht in einem großen Sortiment, sondern in einer Konzentration auf das ökonomische Ziel: Gewinnmaximierung.

Ökonomische Anreize

Umgekehrt sind auch bei den Patienten meist ökonomische Gründe ausschlaggebend für die Bestellung von Arzneimitteln beim Versandhändler. Denn ansonsten hat er wenig zu bieten: Das Sortiment ist sehr überschaubar. Die Patienten können nur unter vielleicht zwei Dutzend Präparaten auswählen. Das Geschäftsmodell der amerikanischen Versandapotheke funktioniert nur wegen der ökonomischen Anreize für den Patienten.

Allerdings ist bis heute nicht nachgewiesen, dass der Versandhandel tatsächlich zu erheblichen Einsparungen führt. Vielmehr ist davon auszugehen, dass er die Marktstrukturen auf der Vertriebsebene verändert hat – auf Kosten der unabhängigen Apotheken und zu Gunsten großer Apothekenketten.

Das schweizerische Modell

Hoch gelobt wird hier zu Lande auch das schweizerische Modell. Doch was steckt dahinter? Es gibt zurzeit in der Schweiz drei Arzneimittel-Versandhändler. Seit Oktober 1999 ist der Medikamentenversand in allen Kantonen zugelassen. Versendet werden darf nur gegen Rezept, das gilt auch für nicht rezeptpflichtige Medikamente. Zudem muss der Versand besondere Kriterien wie zum Beispiel Arzneimittelsicherheit und Arztberatung erfüllen. Während zwei Unternehmen mittels herkömmlicher Rezepte ihr Geschäft betreiben, fußt das Geschäftskonzept der dritten Versandapotheke auf dem elektronischen Rezept und eigener Software. Zwei der drei Versandhändler wollen nach eigenem Bekunden in den deutschen Markt einsteigen, sobald der Versandhandel legalisiert werde. Ins Visier genommen haben alle drei Versender chronisch kranke Patientinnen und Patienten und immobile Personen.

Eidgenössische Versandhändler locken ebenso wie ihre amerikanischen Kollegen mit ökonomischen Vorteilen, bieten ihren Kunden ein Anreizsystem, das zur Bestellung motiviert. Trotz einer durchschnittlichen Kostenersparnis von 10 Prozent hat der Arzneimittelversand seit seiner Einführung im Jahr 1997 einen Marktanteil von nur 2 Prozent erreichen können. Die Akzeptanz ist nicht gegeben. Nur 2,5 Prozent der praktischen Ärzte nehmen trotz Anreizen das Versandmodell an.

Niederländischer Hype

Den bislang heftigsten und andauerndsten Medienhype verursacht die niederländische Versandapotheke DocMorris, die im Juni 2000 mit Hilfe der Risikokapitalgeber der Venture-Capital Gesellschaft Techno Nord, Hamburg, auf den Weg gebracht wurde. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen heute rund 20.000 niederländische und 60.000 deutsche Kunden. Allerdings treten mittlerweile immer neue niederländische Versandapotheken in den Markt ein, bringen sich in Stellung. Auch wenn der Eindruck durch die Kampagnen mancher Krankenkasse in Deutschland entstanden ist: DocMorris ist nicht die einzige Versandapotheke, die ihrem Kapitalgeber gute Erträge bringen soll.

In den Niederlanden ist Versandhandel zugelassen, erreicht dort allerdings nur einen minimalen Marktanteil von 0,01 Prozent. Nach der E-Commerce-Richtlinie der EU ist Netzhandel möglich. Die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente in den niederländischen Apotheken sind einheitlich, der Apothekenpreis errechnet sich aus dem Ländervergleich Frankreich, Belgien, Großbritannien und Deutschland. Eine Substitution durch den Apotheker ist in den Niederlanden übrigens ohne Rücksprache mit dem Arzt möglich.

DocMorris hat laut Studie 1000 Medikamente vorrätig und bevorzugt chronisch kranke Patienten als Kunden. Das Unternehmen machte im Jahr 2000 nach eigenen Angaben einen Umsatz von 5 Millionen Euro, in diesem Jahr soll es erheblich mehr werden. Dafür sorgen auch deutsche Krankenkassen, die bereits mit den niederländischen Eigentümern verhandeln und ihren Patienten empfehlen, ihre Arznei bei DocMorris zu bestellen. Zu rechtlichen Fragen äußert sich im PZ-Interview Professor Dr. Hilko J. Meyer, Frankfurt am Main.

 

Interview: Kassenmanager sollten sich nicht wundernDie PZ sprach am Rande der Vorstellung der Studie mit Professor Dr. Hilko Meyer, Fachhochschule Frankfurt am Main, über die rechtlichen Perspektiven der Auseinandersetzung um den Versandhandel mit Arzneimitteln und der Rolle von Krankenkassen.

PZ: In der Öffentlichkeit ist zunehmend der Eindruck entstanden, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) fallezu Gunsten des Versandhandels mit Arzneimitteln aus. Wie ist die Faktenlage?

Meyer: Für solche Spekulationen gibt es keine seriöse Grundlage. Bis jetzt hat noch nicht einmal eine mündliche Verhandlung stattgefunden, auch das Plädoyer des Generalanwalts steht noch aus. Besonders dubios muss es daher wirken, wenn eine amtierende Gesundheitsministerin ihre Liberalisierungsideen mit einem angeblichen europarechtlichen Handlungsdruck legitimiert, während ihr eigenes Ministerium in Luxemburg mit guten Argumenten die gemeinschaftsrechtliche Unanfechtbarkeit der deutschen Vorschriften verteidigt.

PZ: Was genau wird vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt?

Meyer: Im Hauptsacheverfahren des Deutschen Apothekerverbandes gegen eine niederländische Versandapotheke, unter anderem wegen Verstoßes gegen § 43 Arzneimittelgesetz, hat das Landgericht Frankfurt am Main dem EuGH mehrere Fragen zur Vereinbarkeit der deutschen Regelungen mit dem europäischen Gemeinschaftsrecht zur Vorabentscheidung vorgelegt. Im Kern geht es dabei um die Abgrenzung von nationalen und europäischen Kompetenzen in Fragen des Arzneimittelvertriebs und des Apothekenwesens. Mit einer Entscheidung wird nicht vor Frühjahr 2003 gerechnet.

PZ: Es gibt zahlreiche Verfahren vor deutschen Gerichten, die sich mit dem Versandhandel von Arzneimitteln beschäftigen. Worum geht es genau?

Meyer: Neben dem bereits zitierten wettbewerbsrechtlichen Verfahren gibt es eine mit einer hohen Strafandrohung verbundene einstweilige Verfügung des DAV, die der niederländischen Versandapotheke den Versand nach Deutschland verbieten. Die andauernden Verstöße gegen diese weiterhin rechtswirksame Verfügung können noch sehr teuer für das Unternehmen werden. Daneben gibt es zahlreiche zivil- und sozialrechtliche Verfahren der Apothekerverbände, des Großhandels und einzelner Hersteller gegen den Versender sowie einzelne Krankenkassen, die bei ihren Versicherten offen für diese Bezugsquelle werben. In mehreren Fällen sind bereits aufsichtsrechtliche beziehungsweise sozialgerichtliche Verbote ergangen.

PZ: Einzelne Krankenkassen fordern Patienten immer noch auf, bei Internet-Apotheken Arzneien zu bestellen. Ist das legal?

Meyer: Dies ist – auch nach der Rechtsauffassung der zuständigen Aufsichtsbehörden – illegal. Ich halte es für einen rechtsstaatlichen Skandal, wie ungerührt sich hier die Führungsspitzen öffentlich-rechtlicher Körperschaften über ihre Dienstpflichten hinwegsetzen. In der jetzt einsetzenden Debatte um die künftige Rolle der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, Stichwort Korporatismus, wird dieses Verhalten nicht unberücksichtigt bleiben können.

PZ: Müssen Kassenmanager wie der Vorstandsvorsitzende der Gmünder Ersatzkasse zu Recht damit rechnen, auf Schadenersatz verklagt zu werden?

Meyer: Hat eine Krankenkasse Leistungen ohne Rechtsgrundlage oder entgegen geltendem Recht erbracht und hat ein Vorstandsmitglied dieser Kasse hiervon gewusst, so ist er nach § 12 des Sozialgesetzbuches V auf Ersatz des hierdurch entstandenen Schadens in Anspruch zu nehmen. Wenn Herr Hebel öffentlich tönt „Wir erstatten weiter, bis ich ins Gefängnis komme“, dann darf er sich nicht wundern, wenn er für sein vorsätzliches Handeln dann auch persönlich zur Verantwortung gezogen wird.

PZ: Wie wird nach Ihrer Auffassung der Europäische Gerichtshof entscheiden?

Meyer: Es wäre töricht, zum gegenwärtigen Zeitpunkt hierüber Spekulationen anzustellen. Aus meinen Gesprächen mit der EU-Kommission weiß ich jedoch, dass man selbst dort von der fehlenden EU-Zuständigkeit für Regelungen der Arzneimittelabgabe und des Apothekenwesens und von der Vereinbarkeit des deutschen Versandhandelsverbotes mit dem Gemeinschaftsrecht ausgeht. Ich bin daher zuversichtlich, dass der Europäische Gerichtshof an seiner bisherigen Rechtsprechung zum Subsidiaritätsprinzip festhalten wird, wonach die Gemeinschaft weder für das Gesundheitswesens insgesamt noch speziell für die Regelung nationaler Verkaufsmodalitäten für Arzneimittel zuständig ist.

Eine europaweite Freigabe des Arzneimittelversands würde im übrigen auch dem europäischen Zulassungssystem für Arzneimittel widersprechen, das in diesen Tagen vom Europäischen Parlament beraten wird, da dann eine Zulassungskontrolle der importierten Arzneimittel nicht mehr möglich wäre.

 

Die öffentlichen Diskussionen um einen Versandhandel mit Arzneimitteln halten sich hartnäckig, nicht zuletzt wegen der steigenden Ausgaben im Arzneimittelsektor. Die Beteiligten im Gesundheitswesen nehmen hierzu sehr unterschiedliche Positionen ein. Und manchmal ist festzustellen, dass sich diese Positionen je nach Gemütslage ändern können.

Ergebnisse

Ausgehend von der Erfahrungen aus den USA, der Schweiz und den Niederlanden, geht die Studie davon aus, dass ein Versandhandel mit Arzneimitteln einen Marktanteil von 1 bis 2 Prozent erreichen werde. Das widerspricht den Äußerungen von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die von einem Anteil zwischen 5 bis 10 Prozent ausgeht.

Zu berücksichtigen sind aber auch die Vorgaben des Runden Tischs und die Bedingungen, die dieser für den Fall formulierte, dass es zu einer Aufhebung des Versandhandelsverbotes komme. Dann müsste Arzneimittelsicherheit und Verbraucherschutz weiterhin gewährleistet sein. Die zeit- und ortsnahe Versorgung der Bevölkerung mit dem Vollsortiment müsse sichergestellt werden. Durch die Einhaltung der Vorschriften zum Vertriebsweg, zu Apothekenrecht und Apothekenpreisbindung sollten Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden. Der Arzneimittelversand stelle lediglich einen weiteren, ergänzenden Vertriebskanal dar.

Um den von den Cap Gemini-Forschern ermittelten Marktanteil von 1 bis 2 Prozent überhaupt zu erreichen, müssten allerdings finanzielle Anreize geboten werden.

Entfallen die gesetzlichen Einschränkungen, bildet sich in einem freien Markt ein vollkommen neues System. Preisverhandlungen, Rabattvereinbarungen und Individualverträge wären möglich. Dann werde der Marktanteil auf Grund der Erfahrungen aus den USA zwischen 10 und 15 Prozent betragen. Der Anteil hänge allerdings auch dann wesentlich von den Anreizmodellen für die Patienten ab.

Aus der Studie geht eindeutig hervor, dass das amerikanische Versandhandelsmodell nur sehr eingeschränkt auf den deutschen Markt übertragen werden kann. Das liegt vor allem an den sehr unterschiedlichen gesetzlichen Vorgaben.

Problematisch und bis heute nicht abschließend geklärt ist die Arzneimittelsicherheit bei der Nutzung des Versandhandels. Es gibt nach Auskunft von Cap Gemini Ernst & Young dazu einige Studien aus den Vereinigten Staaten, die allerdings noch nicht abschließend ausgewertet sind.

In Deutschland interessieren sich die meisten Befürworter nur am Rande für die Arzneimittelsicherheit, es zählen allein die ökonomischen Erfolgsaussichten. Doch die sind laut Studie erheblich eingeschränkt. Nach Einschätzung der Berater werden sich die Kosten im Gesundheitswesen bei einer Einführung nicht wesentlich senken lassen. Das verdeutlichen die Erfahrungen aus den USA und der Schweiz. Der Patient wird lediglich durch finanzielle Anreize dazu motiviert, am Versandhandel teilzunehmen.

Erfahrungen aus anderen Branchen, zum Beispiel aus dem Segment der Konsumgüter, haben gezeigt, dass das Internet zwar durchaus ein probates Bestellmedium ist. Allerdings taugt es nicht zwingend zum eigenen Geschäftsmodell. Das wird insbesondere durch die Stellung der Versandapotheke in den USA deutlich und ihrer eingeschränkten Produktpalette. Beim niederländischen Versandhandel ist bislang noch nicht geklärt, ob das tatsächliche Geschäft vielleicht weniger in den tatsächlich preiswerteren Medikamenten, als in einer Ausnutzung unterschiedlicher Steuersätze begründet liegt.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass unter dem Ansatz des vom Runden Tisch ins Spiel gebrachten Konsensmodells der Versandhandel keine wirklich tragende Rolle spielen wird. Die Implementierung auch nur von Teilaspekten des Steuerungsmodells würde aber drastische Einschnitte in das Arzneimittelsortiment, die Therapiefreiheit der Ärzte sowie des Apothekensystems insgesamt zur Folge haben. Es würde zu erheblichen Verwerfungen im gesamten Arzneimittel- und insbesondere im Apothekenmarkt kommen.

Phagro sieht sich bestätigt

Für den Phagro-Vorsitzenden Lothar Jenne zeigt die Studie, wie unsinnig und verfahren die derzeit laufende öffentliche Diskussion ist. Das Ergebnis mache deutlich, dass es in den Niederlanden selbst keinen nennenswerten Anteil des Versandhandels am Apothekenmarkt gebe. Dort fehle die „stimulierende Wirkung. Politisch motivierte Zuschussbetriebe“ wie in der Schweiz könnten ebenso wenig ernsthaft als zukunftsorientierter Ersatz für ein funktionierendes System aufgebaut werden.

Jenne: „Für uns sind die Ergebnisse nicht überraschend. Denn wir wissen, wie Arzneimitteldistribution funktioniert, wo Effizienzsteigerungen möglich sind und wo nicht.“ Die Verlagerung der Arzneimittelabgabe aus der Apotheke in die Einzelzustellung rechne sich nur für diejenigen, denen Gesetze zum Schutz von Arzneimittelsicherheit und Verbrauchern schlichtweg egal seien.

In seinem Statement vor Journalisten in Berlin appellierte Jenne an die Bundesregierung, die Aufhebung des Versandhandelsverbotes „noch einmal unvorbelastet zu überdenken“. Die Studie habe eines klar gemacht: Wer die vom Runden Tisch formulierten Forderungen an den Arzneimittelvertrieb einhalten wolle, wie dies von der Regierung vor der Bundestagswahl immer wieder betont worden sei, sollte sich von diesem Plan verabschieden. Der Versandhandel sei ohnehin nur ein Nebenkriegsschauplatz. „Es gibt weder einen wirtschaftlichen noch einen juristischen Zugzwang“, so Jenne.

Vielmehr sei nun eine Reform des Gesundheitswesens insgesamt notwendig. Diese Reform müsse an die Stärken des Systems anknüpfen und diese nutzen. Hingegen sei es falsch, diese Stärken wegen nachweislich falscher Einsparversprechen aufzugeben.

Auch Phagro-Vorstandsmitglied Bernd Scheifele warnte vor einer Einführung des Versandhandels. Auch die Tatsache, dass bei einer Einführung nur 1 bis 2 Prozent Marktanteile zu den Versendern wandern, kann den Chef der Pharmagroßhändlers Phoenix nicht trösten. Scheifele: „Unsere Margen sind heute schon äußerst knapp kalkuliert. Da ist keine Luft mehr drin.“ Hier unterscheide sich der deutsche Pharmagroßhandel nicht von den mit vielen Problemen belasteten übrigen Großhandelsstrukturen. Im Übrigen gibt sich Scheifele ausgesprochen zuversichtlich, dass der Europäische Gerichtshof „das Subsidiaritätsprinzip unterstützt“.

 

Kommentar: Mutige Entscheidung Das Ergebnis könnte nicht deutlicher ausfallen. Versandhandel mit Arzneimitteln nach US-Vorbild würde in Deutschland zu keinen Einsparungen führen. Besonders dann nicht, wenn die Vorgaben des von Ulla Schmidt berufenen Runden Tischs realisiert würden.

Der Phagro, der die Studie in Auftrag gegeben hat, wollte Gewissheit haben, dass seine Überlegungen und damit die der übrigen Versandhandelsgegner, zum richtigen Ziel führen. Damit sind auch die Positionen der ABDA bestätigt.

Die Auswirkungen des Versandhandels auf die Apothekenlandschaft hat die Studie nur am Rande thematisiert. Denn die Untersuchung an sich ist eine schwierige Sache. Entgegen veröffentlichter Meinung ist der Versandhandel eben nur in sehr wenigen Ländern zugelassen. Und damit sind die Erfahrungswerte gering. Doch das Beispiel USA zeigt, wohin der Weg für die unabhängigen Apotheken führt: In verschiedenste Vertriebskanäle und in die Apothekenkette.

Doch zur Versachlichung der Diskussion, die sich der Phagro-Chef wünscht, wird die Studie nicht zwingend beitragen. Die Protagonisten des Versandhandels mit Arzneimitteln negieren solche Ergebnisse leidenschaftlich gerne und alle weiteren seriösen Berechnungen. Fragen der Arzneimittelsicherheit, der Qualität und der Versorgung von Patienten bleiben außen vor. Der neueste Vorstoß der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die Inhalte des GKV-Papiers, aber auch die jüngste Pressekonferenz des BKK-Bundesverbandes weisen den Weg.

Die Politik muss mutige Entscheidungen treffen. Mutige Entscheidungen sind aber nicht solche, die Änderungen der Änderungen Willen fordern. Wirklich mutig wäre es, die Fakten sprechen zu lassen, das Gesundheitssystem zu renovieren und den Arzneiversand außen vor zu lassen.

Thomas Bellartz
Leiter der Hauptstadtredaktion

 

Der Autor

Thomas Bellartz ist Leiter der Hauptstadtredaktion der PZ in Berlin und des Ressorts "Wirtschaft und Handel". Zuvor war er seit 1998 Chef vom Dienst der Pharmazeutischen Zeitung und betreute die Sozial- und Wirtschaftspolitik. Seit 1986 arbeitete er für Zeitungen, Zeitschriften und Hörfunk, hospitierte in Deutschland, Großbritannien und den USA. Nach seinem Volontariat bei der Aachener Zeitung entwickelte Bellartz Zeitschriftenformate und betreute die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen und Verbänden. Zudem unterrichtet er als Dozent angehende Journalisten in Berlin und Frankfurt.

 

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