Pharmazeutische Zeitung online

Das deutsche Gesundheitswesen steht vor größter Herausforderung

25.09.2000  00:00 Uhr
PZ-INTERVIEW

Das deutsche Gesundheitswesen steht
vor größter Herausforderung

von Hartmut Morck, Berlin

In einem internationalen, von der Weltgesundheitsorganisation durchgeführten Vergleich schnitt das deutsche Gesundheitswesen nicht sehr gut ab. Deutschland belegte lediglich Platz 25. In der Lebenserwartung liegen die Deutschen auf Platz 21. Warum? Wir Deutschen waren bisher der Meinung, bei den sozialen Sicherungssystemen zur Spitze zu gehören. Andererseits wird in Deutschland der Kostendruck im Gesundheitssystem immer größer. Die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens wird auf Grund der demografischen Veränderungen in Frage gestellt. Wie kann und muss darauf reagiert werden und welche Rolle kann das Arzneimittel und die Apotheker spielen? Antworten suchten wir in einem Gespräch mit Dr. Johannes F. Hallauer vom Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin an der Charité, Universitätsklinikum der Humboldt-Universität Berlin.

PZ:Von der Politik, auch von der derzeitigen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer, werden die Ausgaben für Arzneimittel immer wieder als Potenzial für Einsparungen genannt. Sind diese Ansichten - auf der Basis Ihrer Untersuchungen und Erfahrungen - richtig oder falsch?

Hallauer: Die Einstellung ist gefährlich, weil sie die Bedeutung der Arzneimittel auf eine Ausgabenposition verkürzt. Mit Arzneimitteln wird in der Regel eine Krankheitsbehandlung, die im günstigsten Fall Gesundheit wiederherstellt oder Linderung von Krankheitsbeschwerden verursacht, unterstützt. Es erfolgt ein Investment in einen Behandlungsteil. Dem steht die Gesundheit des Patienten als Nutzen gegenüber. Hinzukommend entsteht bei vielen arzneimitteltherapeutischen Maßnahmen auch ein ökonomischer Nutzen, indem schwere Krankheiten, die hospitalisierungspflichtig werden, weiter ambulant behandelt werden können, und indem ambulant behandelte Krankheiten, die zu Arbeitsunfähigkeit führen würden, so leicht verlaufen, dass es zu nicht zur Arbeitsunfähigkeit kommt oder indem Verschlimmerungen, zum Beispiel Schmerzzustände, oder Notwendigkeiten einer ambulanten oder stationären Pflege durch eine Arzneimitteltherapie verhindert werden.

Der Kostenaufwand für eine Arzneimitteltherapie auf der einen Seite ist zu vergleichen mit möglichen Einsparungen von Krankheitskosten und Krankheitsfolgekosten auf der therapeutischen Seite. Diese werden aber nicht als Bonus mit dem Arzneimittelbudget verrechnet. Nach wie vor herrscht eine dogmatische Partikularbetrachtung vor.

PZ: Würden Sie also die Auffassung der Apothekerschaft mittragen, dass eine Arzneimitteltherapie die preiswertere Variante gegenüber einer auf Grund des Budgetdrucks veranlassten Krankenhauseinweisung durch einen niedergelassenen Arztes ist?

Hallauer: Es besteht in der Tat die Gefahr, dass bei einer zu knappen Bewirtschaftung des Arzneimittelbudgets kostenträchtige ambulante Behandlungen in den Krankenhausbereich verdrängt werden, was ungleich teurer ist, aber das Arzneimittelbudget schont. Für das Gesamtsystem bedeutet das allerdings einen höheren Kostenaufwand und für den Patienten eine Behandlungsart, die nicht die Vorzugsvariante ist. Ziel sollte es eigentlich sein, dem Patienten Krankenhausaufenthalte zu ersparen. Auf der anderen Seite sollte aber auch innerhalb des verordneten Arzneimittelspektrums kritisch untersucht werden, für welche Erkrankungen und für welche Maßnahmen welche Investitionen aufgewendet werden.

PZ: Sie betrachten Budgets als isolierte Vorgaben und nicht unbedingt als Steuerungsinstrumente?

Hallauer: Die Kopplung des Arzneimittelbudgets an volkswirtschaftliche Parameter wie Lohnzuwachs oder dergleichen ist willkürlich und sachfremd. Der Arzneimittelverbrauch repräsentiert zum einen den Umgang mit dieser therapeutischen Möglichkeit durch die Ärzteschaft, aber auch die Einbeziehung des medizinischen Fortschritts.

Erfreulicherweise haben wir in den vergangenen Jahren erhebliche medizinische Fortschritte zu verzeichnen und neue therapeutische Optionen gewonnen. Die Frage ist: Sollen diese Innovationen im deutschen System dem gesetzlich versicherten Patienten zugute kommen? Oder praktizieren wir Rationierung, weil die Auffassung besteht, der GKV-Bereich kann sich diese Innovationen nicht leisten. Träfe dies zu, müsste das klar gesagt werden. Dann hätte die Politik die Aufgabe, diese Rationierung zu definieren und zu sagen, wer diese neuen Therapeutika erhalten soll und wer nicht. Die Frage darf auf keinen Fall, wie es zur Zeit schleichend geschieht, in die Arztpraxis, also auf der Mikroebene in das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis, verschoben werden.

PZ: Sie unterstreichen sehr deutlich die Verantwortung der Politik, die gerne ihre Verantwortung an die Selbstverwaltungsebene delegieren will, wo sie sicher nicht hingehört. Kommen wir zum Gesamtsystem. Die Weltgesundheitsorganisation hat im Juni 2000 ein Ranking der Gesundheitssysteme von 191 Mitgliedsstaaten veröffentlicht. Das deutsche System nimmt dabei nur Platz 25 ein. Das hat viele erstaunt, zumal Länder wie Malta, Portugal, Griechenland, Kolumbien und Zypern vor Deutschland rangieren. Auch in der Lebenserwartung nehmen die Deutschen nur Platz 21 ein. Kann diese Studie ernst genommen werden?

Hallauer: Dazu müssen zwei Bemerkungen gemacht werden. Das war der erste Versuch, den die WHO unternommen hat, nach vorher aufgestellten Kriterien Gesundheitssysteme zu vergleichen. Als Kriterien wurden definiert: erzielte Gesundheit, angebotene Versorgung und ihre Qualität sowie gleichmäßiger Zugang zu den Versorgungssystemen und dergleichen mehr. Diese Methoden sind sicherlich verbesserungsbedürftig und zur Zeit Gegenstand der Kritik. Das Zweite ist, dass sich aus von Regierungen gemeldeten Daten Verzerrungen zwischen sehr kleinen und großen Staaten ergeben können. Es hat keine einheitlichen direkten Untersuchungen der WHO in den Mitgliedsstaaten gegeben.

Eines sollte uns aber doch zu denken geben, egal ob wir auf Platz 25 oder 10 liegen: Deutschland liegt mit den Pro-Kopf-Ausgaben und dem Anteil am Bruttosozialprodukt für Gesundheit weltweit an dritter beziehungsweise zweiter Stelle. Dem entspricht aber nicht der Gesundheitszustand der Bevölkerung. Deutschland müsste dann im Ranking auch die zweitbeste Gesundheit der Bevölkerung aufweisen. Dies ist nicht der Fall.

Das spiegelt sich schon in der Lebenserwartung an gesunden Jahren wider. Dort liegen wir nicht unter den ersten 15. Es ist aber nachvollziehbar, dass es ein erstrebenswertes Ziel einer Gesellschaft sein sollte, möglichst viele Lebensjahre in voller Gesundheit zu erreichen. Dafür werden die Ressourcen schließlich bereit gestellt. Wir müssen also feststellen: Andere Länder erzielen mit weniger Aufwand relativ und objektiv bessere Ergebnisse für die Gesundheit.

PZ: Das klingt sehr ernüchternd und sollte die Politik zum Nachdenken anregen. Wo sehen Sie den Ausweg aus dieser Situation? Die deutsche Gesundheitspolitik hat sich in den letzten Jahrzehnten immer als Kostensenkungspolitik und weniger als gestaltend definiert. Wie kann aus Ihrer Sicht dieses auf Solidarität aufgebaute System neu gestaltet werden, damit auch die Finanzierbarkeit länger als eine Legislaturperiode gesichert ist?

Hallauer: Ich bin der Auffassung, dass die letzte und auch diese Regierung nur eine Krankenkassenfinanzierungspolitik betreibt. Wir müssen zu einem Paradigmenwechsel kommen, hin zu einer tatsächlichen Gesundheitspolitik. Wir müssen über das System der Krankenversicherungen hinaus Gesundheitspolitik inhaltlich gestalten und die Ressourcen definieren, mit denen wir eine ausreichende Versorgung und Gesundheit erzeugen wollen.

Das würde unter anderem zur Folge haben, dass wir uns auf prioritäre Gesundheitsziele verständigen. Dazu können gehören: ein Kinder- und Jugendgesundheitsprogramm, Morbiditätssenkungen bestimmter Krankheiten, Krebsbekämpfung, Reduktion von Tabak- und Alkoholkonsum, starke Elemente der Prävention und Früherkennung.

Zurzeit wenden wir weit über 90 Prozent aller Ausgaben für Reparaturmedizin, also für bereits eingetretene Gesundheitsschäden, aus. Auch der Gesundheitsssurvey aus dem Jahre 1998 hat gezeigt, dass wir weiterhin erhebliche Gesundheitsschäden produzieren, weil ein großer Anteil der Bevölkerung übergewichtig ist und zu hohe Cholesterinwerte hat sowie zuviel raucht.

Es gibt zuviel gesundheitsschädliches Verhalten in der Gesellschaft. Das ist der wichtigste Ansatzpunkt. Der andere Ansatzpunkt ist, innerhalb des Systems den Ressourceneinsatz effektiver zu nutzen. Das kann aber nicht heißen, dass bestimmte Arzneimittel oder diagnostische Methoden, zum Beispiel Knochendichtemessungen, vorenthalten werden. Auf die richtige Indikation, den angemessenen Einsatz kommt es an.

Wir müssen erkennen, dass häufig ein nicht optimaler Einsatz der Ressourcen erfolgt. Nehmen Sie das Beispiel Herzkatheteruntersuchungen. Die Einsatzzahlen sind enorm gestiegen, ohne dass sich die Häufigkeit der entsprechenden Krankheiten wesentlich geändert hätte. Deutschland führt in Europa mit Abstand bei der Zahl der durchgeführten Herzkatheteruntersuchungen und der Zahl der Untersuchungsplätze pro Einwohner.

Der Einsatz diagnostischer Methoden, die natürlich einen enormen Aufwand bedeuten, muss rationaler und kritischer erfolgen. Mit übertriebener Diagnostik entsteht kein zusätzlicher gesundheitlicher Gewinn, sondern nur zusätzlicher Aufwand. Der bewusste Einsatz der vorhandenen Mittel muss verbessert werden. Die Niederländer haben es vorgemacht durch eine starke Orientierung an Leitlinien, auf die sich die Betroffenen im Konsens verständigt haben.

Man kommt aber auch nicht umhin, das System der Selbstverwaltung kritisch zu hinterfragen. Die Körperschaften sowohl auf Kassenseite als auch auf Seiten der Ärzteschaft sind in einer Krise. Es stellt sich die Frage, ob sie das, was sie leisten sollen, auch leisten können. Eine Reorganisation der Selbstverwaltungen ist aus meiner Sicht dringend notwendig. Sie sollte nicht auf die nächste Legislaturperiode verschoben werden.

Auf der anderen Seite wird immer mehr Wettbewerb gefordert. Wenn Wettbewerb stattfinden soll, kann der Gesetzgeber nicht gleichzeitig das Leistungsangebot einheitlich vorschreiben. Dann müssen auch im Gesundheitswesen marktgerechte beziehungsweise marktähnliche Handlungsweisen zugelassen werden. In unserem augenblicklich planwirtschaftlichem System, das Krankenhäusern deren Kapazität bis auf das letzte Bett vorgibt, kann kein Wettbewerb aufkommen. In einem Wettbewerbssystem muss ein Anbieter zum Beispiel eines Krankenhauses auch das Risiko tragen, mit seinem Angebot am Markt zu scheitern.

Andererseits darf er aber nicht Restriktionen unterliegen, die ihm die Marktbeteiligung bis ins Kleinste vorschreiben. Ein weiterer Nachteil des heutigen Systems: Derzeit gibt es im Gesundheitssystem zu viele Akteure, die keinen Einfluss auf das System nehmen können. Man sollte über Selbsthilfegruppen oder Beteiligungsmodelle den Patienten verantwortlich miteinbeziehen. Krankenhausärzte und Hochschulmediziner, die nah am wissenschaftlichen Fortschritt stehen, sind ausgeschlossen. Berufsgruppen wie Apotheker, Psychotherapeuten oder Pflegeberufe, haben zu wenig oder gar keinen Einfluss. Der öffentliche Gesundheitsdienst ist nicht einbezogen, obwohl er über epidemiologische Strukturdaten verfügt. Wesentlich am Gesundheitswesen Beteiligte, dazu gehört auch die pharmazeutische und medizintechnische Industrie, haben keine oder nicht ausreichende Mitwirkungsmöglichkeiten.

Die Parteien der jetzigen Selbstverwaltung können daher auch nicht miteinander vereinbaren, was in einem solidarisch zu finanzierenden Leistungskatalog abgedeckt werden soll. Die Abgrenzung von privater Eigenverantwortung und solidarisch finanzierter Krankenversicherung zur Verhinderung einer Notsituation durch Krankheit und Sicherstellung notwendiger Behandlung muss definiert werden. Notwendig ist die Definition der Leistungen, die solidarisch abgesichert werden sollen, und der Leistungen, die wünschenswert und erhältlich sind, für die der Einzelne sich aber zusätzlich versichert oder die er privat bezahlt. Um diese Abgrenzung wird man nicht umhin kommen.

Die Diskussion sollte aber auf einer breiten Basis erfolgen, um Aussicht auf Akzeptanz zu haben. Aus einer erweiterten Selbstverwaltung sollte der Politik ein Vorschlag gemacht werden. Die Politik ist dann in der Pflicht, über die Neudefinition des Leistungskatalogs einer solidarisch finanzierten Krankenversicherung zu entscheiden und sie gesetzlich zu regeln.

PZ: Sie sprachen von zu wenig Einflussnahme der Apothekerschaft. Welche Möglichkeiten sollten nach Ihrer Meinung der einzelne Apotheker oder der Verband haben?

Hallauer: Eine Möglichkeit besteht in der Wirkstoffverordnung im Dialog zwischen Arzt und Apotheker über die Erfahrungen der eingesetzten Arzneimittel. Der Apotheker muss eine größere Verantwortung bekommen. Sein Sachverstand sollte im Interesse einer wirksamen und ökonomischen Arzneimitteltherapie eingesetzt werden. Die Beratung des Arztes, das Erkennen und Erfassen von Nebenwirkungen und von Compliancelücken sowie die zusätzliche Möglichkeit von Gesundheitsberatung bei allen, die nur in die Apotheke kommen und gar nicht zum Arzt gehen, sind Aufgaben, die der Apotheker mit übernehmen kann.

Der Apotheker sollte als Baustein der Gesunderhaltung ganz anders als bisher in das Gesundheitssystem einbezogen werden. Auch im Bereich der Gesundheitserziehung, Aufklärung und Prävention können kompetente Leistungen für die Bevölkerung und Einzelne erbracht werden. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass Apotheker mit großem Aufwand ausgebildet werden, ihre Fähigkeiten aber nur unzureichend genutzt werden, indem Apotheker Fachverteiler von Arzneimitteln werden, aber nicht mit ihren Kapazitäten in das System einbezogen sind. Im Krankenhaus sind in dieser Beziehung mit den Arzneimittelkommissionen unter Mitwirkung des Apothekers Fortschritte gemacht worden, die durchaus Vorbildcharakter für den niedergelassenen Bereich haben können.

PZ: Sie sehen in dem Ausbau der Prävention einen Teil eines zukünftigen Gesundheitssystems. Eine Diskussion, die schon seit Jahren, aus meiner Sicht, erfolglos geführt wird. Ein Grund dafür ist doch, dass epidemiologisch zu wenig Daten vorhanden sind, die die Rationale in der Prävention belegen würden. Wird nicht die Prävention stets unter dem Gesichtspunkt der Kostenreduktion im Gesundheitswesen diskutiert? Findet statt der vermeintlichen Kosteneinsparung nicht nur eine Verlagerung statt?

Hallauer: Die Frage ist, welches Ziel verfolgt wird? Ziel ist, möglichst vielen Menschen möglichst viele gesunde Lebensjahre zu ermöglichen. Das ist auch das Ziel der Prävention: möglichst lange Krankheiten zu verhindern. Einige Bereiche der Prävention, zum Beispiel Impfungen, sind nachgewiesenermaßen hochgradig kosteneffektiv. Andere Interventionen führen dazu, dass Leben verlängert wird und während des verlängerten Lebens das Sozialsystem belastet wird.

Diese gewonnenen Lebensjahre sollten dann aber auch ökonomisch gesehen einen bestimmten Preis Wert sein. Die Gesundheitsökonomie misst den Aufwand pro gewonnenem Lebensjahr für die verschiedenen medizinischen Prozeduren. Bei intelligentem Ressourceneinsatz kann mit relativ wenig Aufwand relativ viel Gesundheit erzielt werden. In der Regel sind präventive Maßnahmen von der Kosten-Nutzen-Relation her sehr attraktiv. Sie sind aber nicht automatisch kostensparend. Das heißt, es kann nicht unbedingt neben gewonnenen Lebensjahren auch noch eine Nettorendite erwartet werden. Präventivmedizin darf, wenn sie effektiv ist, nicht in Frage gestellt werden, weil sie zum Teil einen zusätzlichen Aufwand bedeutet.

Auf der anderen Seite käme in Deutschland niemand auf die Idee, eine notwendige Bypass-Operation nicht durchzuführen, weil das dadurch gewonnene Lebensjahr über 20.000 DM kostet. Wir dürfen also nicht in eine falsche Diskussion von Kosten und Nutzen verfallen. Eine Nierentransplantation wird nicht abgelehnt werden, weil sie 100.000 Mark kostet.

PZ:Das läuft doch auf ein generelles Umdenken in der Gesundheitspolitik, die sich primär um Einsparpotenziale kümmert, hinaus; und weniger auf das Umsetzen von Gesundheitszielen, die ohnehin noch nicht definiert sind.

Hallauer: Ich habe schon darauf hingewiesen, dass uns die WHO-Erhebung zu denken geben sollte. Vom Ergebnis her können wir nicht zufrieden sein. Es ist zwar nicht katastrophal, aber suboptimal. Unsere Gesellschaft hat akzeptiert, dass 10 Prozent des Bruttosozialprodukts für Gesundheit ausgegeben wird. Diese erheblichen Ressourcen müssen besser eingesetzt werden, um mehr Gesundheit zu produzieren.

Hier ist ein intelligenterer Mitteleinsatz gefordert. Unnötiger diagnostischer Aufwand oder übertriebene Absicherungsuntersuchungen und -therapien sind unsinnig und bewirken keine zusätzliche Gesundheit. Es gibt im System heute Hindernisse, die einen effektiveren Einsatz der Mittel im Wege stehen, zum Beispiel die künstliche Schnittstelle zwischen Kranken- und Pflegeversicherung.

Zurzeit verhindert das System ein angemessenes, integriertes Krankheitsmanagement. Beispiel Alzheimer-Demenz: Durch eine adäquate Therapie, die psychosoziale Betreuung und innovative Arzneimittel umfasst, kann der progrediente Krankheitsverlauf verlangsamt, die geistige und soziale Kompetenz länger erhalten und der Zeitpunkt der Heimpflege verzögert werden. Der Mehraufwand im Arzneimittelbudget wird durch Einsparungen bei der Pflege kompensiert. Rechnet man noch den volkswirtschaftlichen Nutzen dazu, der durch die geringere Belastung der pflegenden Angehörigen entsteht, dann ist die Behandlung auch ökonomisch vorteilhaft. Aus Angst vor Überschreitung des Arzneimittelbudgets unterbleibt die Verordnung jedoch häufig bereits in der Praxis. Das ist Rationierung.

PZ: Sie haben erst kürzlich eine Untersuchung von Krankheitskosten bei Patienten mit Alzheimer-Erkrankung in Deutschland durchgeführt, in der Sie auch den Eigenaufwand der Verwandten betrachtet haben. Es ist erstaunlich, dass bei dieser Krankheit die Eigenbeteiligung im Vergleich zu den Ausgaben der Krankenversicherung relativ hoch ist, das System aber die privat erbrachten Leistungen nicht aufrechnet. Haben die Ergebnisse Ihrer Untersuchung das Fehlen der Vernetzung der Systeme deutlich gemacht?

Hallauer: Die Vernetzung fehlt tatsächlich. Die Leistung der Angehörigen von chronisch Kranken sind gewünscht und erforderlich. Auf Grund der demografischen Entwicklung steigt die Zahl der Pflegebedürftigen, gleichzeitig leben immer mehr Menschen in Single-Haushalten. Es wird immer seltener werden, dass häusliche Pflege aus der eigenen Lebensgemeinschaft möglich ist. Damit nicht noch mehr Druck auf die institutionalisierte Pflege entsteht, muss die individuelle häusliche Pflege stärker unterstützt werden. Das war ja auch ein Hauptanliegen der Pflegeversicherung. Die Frage ist nur, ob es ausreicht oder ob nicht noch mehr Hilfen nötig sind, um die häusliche Pflege durch Verwandte oder in Nachbarschaftshilfe zu erleichtern.

In diesem Zusammenhang sollte deutlich gemacht werden, dass bei der Pflege nur eine "Teilkasko"- und keine "Vollkasko"-Versicherung besteht. Das heißt, das Grundrisiko der Pflegebedürftigkeit ist bis zur Höhe der gesetzlich festgelegten Obergrenzen abgesichert, eine Heimunterbringung bedarf stets einer Zuzahlung. Jeder hat selbst zu entscheiden, welches Heim mit welcher Ausstattung auf Grund der eigenen finanziellen Möglichkeiten in Frage kommt. Das ist allgemein akzeptiert. Ein zweiter interessanter Aspekt der Pflegeversicherung ist die allgemeine Versicherungspflicht. Jeder muss sich in der Pflegeversicherung für das Grundrisiko versichern. Das ist bei der Krankenversicherung anders, könnte aber Vorbild werden, um die Finanzierungsbasis zu verbreitern.

PZ:Sollten demnach nicht auch andere Einkommen krankenversicherungspflichtig werden?

Hallauer: In der Tat. Zur Zeit haben wir eine Entkopplung der sozialpflichtigen Einnahmen von der Wirtschaftsentwicklung. Für die Sozialleistungen wird nur der Faktor Arbeit herangezogen. Die Wertschöpfung hat sich aber so entwickelt, dass die Arbeit einen immer geringeren Anteil hat. Die Lohnquote ist gesunken. Wir haben also Wertschöpfungen in unserem Sozialstaat, die nicht, wie es die Verfassung vorsieht, herangezogen werden, um Beiträge für die sozialen Systeme zu leisten. Dadurch wird Arbeit immer teurer und wirtschaftlich unattraktiv. Da der Prozess der Erschließung weiterer Finanzierungsquellen für die Sozialversicherungen langfristig ist, muss mit der Diskussion, wie die Situation zu ändern ist, beziehungsweise welche nichtarbeitsabhängigen Wertschöpfungen zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme mit heran gezogen werden sollen, schnell begonnen werden.

Dazu reicht eine Legislaturperiode nicht aus. Auf den Rückgang der Arbeitslosenzahlen zu hoffen wäre falsch, denn wir werden auf Dauer nicht mit Vollbeschäftigung rechnen können. Die Bismarcksche Sozialversicherung baute auf eine vollkommen andere demografische Lage und Arbeitsmarktsituation auf. Es gab viele, die zahlen konnten, und wenige, die alimentiert werden mussten. Das hat sich inzwischen umgekehrt und verschlechtert sich rapide. Vor diesem Hintergrund ist es nicht unangemessen, wenn die Gesellschaft Bedingungen schafft, auch andere Wertschöpfungsbereiche in die Sozialpflicht hineinzunehmen. Erst dann wird auch eine geringere Belastung der Lohnnebenkosten zu erreichen sein.

Auf der anderen Seite hat unser jetziges Gesundheitswesen an den Schnittstellen zwischen den Einzelsystemen zu viele Reibungsverluste, die ein optimales Krankheitsmanagement und auch den optimalen Einsatz der vorhandenen Ressourcen verhindern. Eine Reform des Systems muss also den Abbau dieser Reibungsverluste ins Auge fassen. Dazu gehört auch eine bessere Verzahnung des ambulanten mit dem stationären Bereich. Derzeit verhindern Partikularinteressen patientenorientierte Versorgungsabläufe.

Inwieweit die heutigen Selbstverwaltungen zu einer Lösung beitragen können, möchte ich bezweifeln, da sie eine strikte Abschottungspolitik betreiben. Das Gesundheitssystem braucht also auch eine Reform der Selbstverwaltungen, die Wettbewerb zulässt und Anreize schafft, und die nicht, wie bisher, kontraproduktiv ist. Diejenigen, die eine optimale Behandlung der Patienten über die Grenzen von ambulanter und stationärer Behandlung, Reha und Pflege erbringen und organisieren, müssen gestärkt werden. Insofern ist eine ergebnisorientierte Vergütung attraktiv. Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa