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La Pharmacie en mouvement

02.09.2002
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Frankreich

La Pharmacie en mouvement

von Elisabeth Rossignol de Fargues, Oeting

Zum 62. Mal treffen sich die Apotheker der Welt vom 31. August bis 5. September zum Kongress der Fédération Internationale  Pharmaceutique (FIP). Gastgeber ist Frankreich, Veranstaltungsort Nizza. Wie arbeiten die Kollegen im Nachbarland, wie funktioniert das Apothekenwesen? Ein Überblick aus Sicht einer französischen Kollegin und langjährigen Apothekenleiterin.

Wer in Frankreich ein Medikament besorgen will, hält nach dem grünen Kreuz Ausschau, dem Markenzeichen der französischen „pharmacie“. Es führt ihn zu einer der knapp 23.000 Apotheken des Landes, die relativ regelmäßig im ganzen Land verteilt sind.

Am 1. Januar 2002 waren knapp 66.700 berufstätige Apotheker beim „Ordre national des Pharmaciens“, der zentralen Apothekerkammer Frankreichs, registriert; 27.490 davon als Apothekenleiter und 30.160 als Angestellte. In der Industrie arbeiteten zum Stichtag etwa 980 Apotheker; rund 7000 Pharmaciens-biologistes besitzen und leiten ein Labor für Blutuntersuchungen. 350 Apotheker sind in pharmazeutischen Großhandlungen beschäftigt.

Wie in Deutschland dominieren auch beim westlichen Nachbarn die Frauen in der Pharmazie, vor allem im Angestelltenbereich. Bei den approbierten Mitarbeitern und in den Krankenhausapotheken beträgt der Frauenanteil 78 Prozent. Gut die Hälfte (55 Prozent) der Apothekeninhaber sind weiblich.

Bereits in zwei Jahrzehnten werden erhebliche Nachwuchssorgen den Berufsstand plagen, stellte die nationale Apothekerkammer kürzlich fest. Das Durchschnittsalter der Apothekeninhaber liegt derzeit bei 47, das der Angestellten bei 40 Jahren. Schon heute haben die Kollegen Mühe, approbierte Angestellte oder gar einen Nachfolger zu finden. Zwischen 2011 und 2020 werden jährlich zwischen 1700 bis maximal 2700 Apotheker die Altersgrenze von 65 Jahren erreichen. Grund genug, intensiv darüber nachzudenken, wie man die Zahl der Pharmaziestudenten erhöhen könnte. Im Gespräch ist eine Lockerung des Numerus clausus und damit die Ausweitung der Studienplätze. Mit ähnlichen Nachwuchssorgen kämpfen übrigens auch die Ärzte.

Nicht nur Apotheker arbeiten in Frankreichs Offizinen. Als weitere Berufsgruppe gibt es die Préparateurs en pharmacie, die der deutschen PTA entsprechen und ebenfalls Arzneimittel abgegeben dürfen. Sie haben Abitur und absolvieren eine zwei- bis dreijährige Ausbildung. Nach der Mittleren Reife und einer zweijährigen Ausbildung können junge Leute den Beruf der Conditionneuse ergreifen; ihre Aufgaben sind mit denen der PKA vergleichbar.

Lange Ausbildung an der Uni

Der Weg bis zum Apothekerdiplom ist lang und steinig: in der Regel sechs Jahre Studium und anschließend eine obligatorische Doktorarbeit. Die einheitliche Ausbildung hat in Frankreich – im Gegensatz zu Deutschland oder der Schweiz - lange Tradition. So ist beispielsweise in Montpellier eine akademische Ausbildung von Pharmazeuten durch Mediziner bereits im 16. Jahrhundert nachweisbar. Diese wurde mit einem königlichen Erlass von 1777 institutionalisiert. 1803 wurde die Ausbildung zum Apotheker grundlegend reformiert; in Paris, Straßburg und Montpellier entstanden akademische Pharmazieschulen, die im ganzen Land gültige Diplome verleihen konnten. Zum Vergleich: Als erstes deutsches Land schrieb Bayern 1808 für angehende Pharmazeuten einen zweisemestrigen Hochschulbesuch vor, der für das gesamte deutsche Reichsgebiet erst 1875 obligatorisch wurde.

Heute bieten die Universitäten von Paris, Paris-Chatenay-Malabry, Lille, Straßburg, Nancy, Marseille, Reims, Besançon, Bordeaux, Lyon, Montpellier, Rennes und Grenoble das Pharmaziestudium an. Sie nehmen im ersten Jahr zwar eine unbegrenzte Zahl von Studienanfängern auf, aber dann wird gründlich gesiebt. Nach einer Prüfung können nur insgesamt etwa 2 250 Studenten ihr Studium fortsetzen. Bereits an der Universität können sie sich spezialisieren und sich ausbilden lassen zum:

  • Offizinapotheker,
  • Industrieapotheker,
  • Pharmacien Inspecteur, das bedeutet eine Tätigkeit bei den Aufsichtsbehörden, oder
  • Pharmacien-biologiste, der ein Labor für Blutuntersuchungen leiten kann.

Wer in einer öffentlichen Apotheke arbeiten will, studiert fünfeinhalb Jahre Pharmazie und absolviert dann ein halbjähriges Praktikum. Für die Krankenhauspharmazie muss man acht Jahre Studium vorweisen. Ab dem 6. Studienjahr folgt die Spezialausbildung für das Krankenhaus an der Universität; gleichzeitig müssen die Bewerber in der Klinik arbeiten.

Die Ausbildung zum Pharmacien Inspecteur kann man nur in Lille absolvieren. Nach drei Jahren Pharmazie folgt eine ebenfalls dreijährige Juraausbildung. Ein Pharmacien-biologiste studiert sechs Jahre; anschließend muss er innerhalb von vier Jahren vier Zertifikate erwerben, nämlich für Hämatologie, Immunologie, Histologie und Zellularbiologie.

Fortbildung ist Pflicht

Wer dies alles geschafft hat, kann sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Was in Deutschland noch hitzig diskutiert wird, ist in Frankreich – wie übrigens auch in Italien – bereits Realität: Seit dem 4. März 2002 ist die Fortbildung obligatorisch.

Das Gesetz „L’ordre a mission de veiller à la competence des pharmaciens“ erteilt der Kammer den Auftrag, auf die Kompetenz des Apothekers zu achten. Die Fortbildung wird beaufsichtigt vom „Conseil National de la Formation pharmaceutique continue“, dem Vertreter der Kammer, der Fakultäten und der Apothekerverbände unter Leitung eines Präsidenten und eines Vizepräsidenten angehören. Im Großen und Ganzen steht die Fortbildung unter Aufsicht der regionalen Kammern. Anerkannte Fortbildungen werden auch von Verbänden und Fakultäten organisiert. In jedem Fall müssen sie von dem „Haut Comité de la Formation pharmaceutique“, einem Gremium der nationalen Apothekerkammer, zertifiziert werden.

Derzeit müssen die Kollegen in Frankreich alle fünf Jahre ihre Fachkompetenz belegen, indem sie nachweisen, dass sie jedes Jahr fünf Seminare besucht haben. Die Kammer überlegt zur Zeit, wie man den obligatorischen Nachweis der Kenntnisse besser erbringen kann, unter Umständen durch ein Examen.

Auch in Frankreich werden die Stimmen immer lauter, die Qualitätssicherungsmaßnahmen für die Apotheke fordern. Derzeit ist die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems (QMS) noch freiwillig, wird wahrscheinlich aber obligatorisch werden. Die Apothekerkammer hat kürzlich einen Leitfaden zur Sicherstellung der Qualität (Guide d´assurance Qualité) herausgebracht und an jede Apotheke geschickt.

Keine Niederlassungsfreiheit

Das Netz der Apotheken ist auf dem Land wie auch in der Stadt recht gleichmäßig über ganz Frankreich geknüpft. Im Durchschnitt versorgt eine Apotheke etwa 2200 Einwohner. Die Niederlassung ist nicht frei; die Eröffnung einer Apotheke muss von der Gesundheitsbehörde genehmigt werden. In einer Bedürfnisprüfung wird vor allem die Zahl der zu versorgenden Bürger bewertet. Das Gesetz vom 17. Juli 1999 regelt die Niederlassungsbedingungen, so dass es in

  • Städten über 30.000 Einwohner eine Apotheke pro 3000 Einwohner,
  • in Gemeinden über 2500 Einwohnern eine Apotheke pro 2500 Einwohner und
  •  in Gemeinden mit weniger als 2500 Einwohnern eine Apotheke gibt, wenn sich die Gesamteinwohnerzahl benachbarter Dörfer auf 2500 Personen addiert.

Ähnlich wie in Deutschland gibt es mehrere Typen von Apotheken. Öffentliche Apotheken stellen flächendeckend die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung sicher. Krankenhausapotheken dürfen an ambulante Patienten nur in speziellen Fällen Arzneimittel (Medicaments reservés à l´usage hospitalier) abgeben, zum Beispiel Medikamente mit neu entwickelten Arzneistoffen oder in besonderer Dosierung. Seit kurzem haben sich Apotheken „à usage interne“ etabliert, die für besondere Einrichtungen wie staatliche Alters- und Pflegeheime oder die Feuerwehr zuständig sind.

Eher geringe Bedeutung haben heute – anders als in den 60er- und 70er-Jahren – die „Pharmacies mutualistes“, die im Besitz genossenschaftlicher Versicherungsgesellschaften sind. Dort arbeiten angestellte Apotheker. Ursprünglich sollten diese Apotheken nur die Mitglieder des jeweiligen Versicherers versorgen; heute sind sie öffentlich und können jeden Patienten beliefern.

Noch ist Fremdbesitz verboten

Fremdbesitz ist in Frankreich bislang streng verboten, Mehrbesitz ist in gewissen Grenzen zulässig. Apotheken können in verschiedenen Rechtsformen betrieben werden.

  • Exploitation en nom propre: Ein Apotheker besitzt und betreibt die Apotheke.
  • SNC (societé en nom collectif): Mehrere Apotheker können sich zu einer Offenen Handelsgesellschaft zusammenschließen.
  • SEL (societé d’exercice liberal) oder SELARL (societé d’exercice liberal à responsabilité limité) sind Gesellschaftsformen für Angehörige der freien Berufe, ähnlich der deutschen Partnerschaftsgesellschaft. Ein Apotheker ist verantwortlich, muss einen Apothekenanteil über 50 Prozent besitzen und in dieser Apotheke arbeiten. Die übrigen Gesellschafter halten maximal 49 Prozent Anteil und müssen daneben eine andere Apotheke betreiben. Ein Apothekeninhaber kann an zwei weiteren Apotheken beteiligt sein. Derzeit kann nur ein Apotheker als Partner in eine dieser Rechtsformen eintreten.

Hier besteht die Gefahr der Kettenbildung mit Dritten. Nach einem gültigen Gesetz, dem „Loi Murcef“, könnte sich später auch ein Berufsfremder an der SEL beteiligen, beispielsweise ein Angehöriger eines anderen freien Berufs oder ein Großhändler. Dieses Gesetz könnte einmal die Tür für Apothekenketten öffnen.

Rezepte sorgen für Umsatz

Französische Apotheken sind überwiegend kleinere Betriebe. 44 Prozent erzielen weniger als 914.000 Euro Umsatz pro Jahr. Der Durchschnittsumsatz beträgt etwas mehr als 1 Million Euro. Interessantes Detail: In Frankreich müssen die Apothekenleiter ab einem Umsatz von 914.000 Euro einen approbierten Mitarbeiter anstellen. Für jede weitere 914.000 Euro Umsatz ist ein weiterer Apotheker zu beschäftigen.

Die Apotheke lebt hauptsächlich von den Rezepten; in diesem Segment erwirtschaftet sie etwa 85 Prozent ihres Umsatzes. Der Anteil der Selbstmedikation ist mit 8 Prozent gering, da die Kassen noch viele Medikamente bezahlen, deren Kosten in Deutschland nicht mehr übernommen werden, beispielsweise Hustensäfte, Nasentropfen und Fieberzäpfchen. Nach dem Willen von Behörden und Krankenkassen soll der Anteil der Selbstmedikation in den nächsten Jahren steigen, denn auch in Frankreich muss im Gesundheitswesen gespart werden.

Phytopharmaka und Homöopathie steuern etwa 2 Prozent des Umsatzes bei, wobei die Krankenkassen auch für homöopathische Mittel bezahlen. Die Phytopharmaka, die in den Apotheken verkauft werden, sind apothekenpflichtig. Die Industrie kann ihre Produkte auch auf anderen Vertriebswegen verkaufen, jedoch nicht als Arzneimittel und nur ohne krankheitsbezogene Indikationsangaben. In der Praxis sieht dies leider anders aus. Viele Angebote und Aktionen in Einkaufsmärkten können die Apotheker nicht billigen; aktuell laufen deswegen einige Prozesse.

In dem Land, in dem Samuel Hahnemann seine letzten Lebensjahre von 1935 bis 1843 verbrachte und eine florierende Praxis (in Paris) betrieb, hat die Homöopathie heute keine große Bedeutung. Der Franzose hat die alternative oder ergänzende Medizin noch nicht in dem Maße entdeckt wie deutsche Patienten. Hier ist noch viel zu tun, auch für die Apotheker in Frankreich. Sortimentsbereiche wie Diätetika steuern 1,5 Prozent des Umsatzes bei, Kosmetika 1 bis 2 Prozent.

Der Apothekenverkaufspreis für Arzneimittel ist gesetzlich festgelegt und beinhaltet die Mehrwertsteuer. Durchschnittlich beträgt der Aufschlag auf den Einkaufspreis für Arzneimittel 24 Prozent. Der Grossistenrabatt ist geregelt, der Apotheke dürfen nicht mehr als 2,5 Prozent Rabatt auf Medikamente eingeräumt werden. Die Mehrwertsteuer für erstattungsfähige Arzneimittel beläuft sich auf 2,1 Prozent, für nicht erstattungsfähige Arzneimittel auf 5,5 und für das weitere Sortiment auf 19,6 Prozent.

Anteilige Kostenerstattung

Die gesamte Bevölkerung Frankreichs ist in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert. Private Krankenversicherungen fungieren nur als Zusatzkassen. Beitragsmessungs- und Versicherungspflichtgrenze sind unbekannt. Die Berufsgruppen sind unterschiedlich versichert; so gibt es gesetzliche Kassen für Angestellte, Angehörige freier Berufe, Eisenbahner, Bergarbeiter, für Mitarbeiter der Polizei und das Militär, für die Energieunternehmen sowie für Personen im öffentlichen Erziehungswesen.

In der Regel übernehmen die Krankenkassen nur 65 Prozent des Arzneimittelpreises, die restlichen 35 Prozent muss der Patient in der Apotheke bezahlen. Dieser Anteil kann auch von einer Zusatzkasse übernommen werden. In diesem Fall zahlt der Kranke in der Apotheke nichts mehr. Auch bei chronischen Krankheiten entfällt der Eigenanteil des Patienten. Bei Arzneimitteln gegen leichte bis banale Erkrankungen steigt sein Eigenanteil dagegen bis auf 100 Prozent.

Jede französische Apotheke rechnet via Internet direkt und täglich mit vielen Kassen ab; mitunter sind es 200 bis 300 Kassen und Zusatzkassen. Rechenzentren nach deutschem Modell sind unbekannt. Preisverhandlungen finden nur auf nationaler Ebene statt mit der „Caisse Nationale D‘assurance Maladie“ (CNAM), daher gibt es keine regionalen Abkommen mit den Kassen im Departement.

Das Risiko, dass der Patient nicht versichert ist, trägt der Apotheker, selbst wenn der Kranke einen Ausweis vorzeigt. Da die Ausweise jährlich gedruckt werden, kann der Apotheker deren Gültigkeit nicht unbedingt nachprüfen.

Eine Neuerung bietet eine vor rund zwei Jahren eingeführte Chipkarte, die Carte Sesame-vitale. Jeder Bürger bekommt diese Karte, auf der seine Identitätsnummer (die jeder Franzose bei der Geburt erhält und sein Leben lang behält), persönliche Daten und seine Versicherung gespeichert sind. Normalerweise muss der Kunde oder Patient beim Arzt und in der Apotheke seine Carte-vitale vorzeigen, wenn er Leistungen beanspruchen will. Rechnen die Apotheker über diese Chipkarte ab, muss die Krankenkasse ihren Anteil erstatten. Die Realität sieht vielfach anders aus: Viele Patienten legen ihre Carte-vitale in der Apotheke nicht vor. Dennoch darf der Apotheker die Belieferung eines Rezeptes nicht verweigern, sondern muss das Rezept anders bearbeiten. Um die (Teil-)Erstattung dieser Rezepte entsteht dann oftmals Streit mit den Krankenkassen.

Über die Apotheke erhalten die Kassen sehr viele Daten ihrer Versicherten. Die Apotheke übermittelt nicht nur Preise, sondern auch Daten zum Arzneimittel, zur Darreichungsform und natürlich den Namen des Patienten. Der französische Datenschutz bleibt außen vor, da die Kassen diese Daten nur für interne Zwecke nutzen und keinesfalls an Dritte weitergeben dürfen

Aut idem en français

Seit Mitte 1999 haben die französischen Apotheker das Recht zur generischen Substitution. Verordnet der Arzt ein Originalpräparat, darf der Apotheker ein billigeres Generikum mit gleichem Wirkstoff und gleicher Darreichungsform auswählen – falls der Arzt dies nicht durch einen schriftlichen Vermerk auf dem Rezept ausgeschlossen hat. Ist ein Generikum verordnet, darf der Apotheker ein anderes Generikum der gleichen Preisklasse abgeben. Der Patient muss der Substitution jedoch zustimmen.

Gibt es von einem Wirkstoff Generika auf dem Markt, müssen 36 Prozent der in einer Apotheke zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgegebenen Packungen dieses Wirkstoffs Generika sein. Wird dieser Prozentsatz von der Gesamtheit der Apotheken nicht erreicht, wird im folgenden Jahr die Marge für diese Generika generell gekürzt

Insgesamt haben Generika noch keinen hohen Stellenwert in Frankreich. Nach Einführung des Substitutionsrechts ist deren Umsatzanteil am Arzneimittelmarkt bis Januar 2000 auf 3,1 Prozent gestiegen. Jedoch versuchen die französischen Behörden, den Marktanteil von Generika deutlich zu steigern, um Kosten zu senken. Weitere Maßnahmen bestehen beispielsweise in finanziellen Anreizen für Ärzte, Generika zu verordnen, und für Pharmafirmen, auch Generika in ihrem Programm anzubieten. Diese müssen mindestens 30 Prozent billiger sein als das jeweilige Originalpräparat. Apotheker erhalten bei Auswahl und Abgabe eines Generikums das gleiche Entgelt wie bei Abgabe des Originals. Ferner ist beim Direktbezug vom Hersteller ein maximaler Preisabschlag von 10 Prozent erlaubt, im Gegensatz zu 2,5 Prozent bei Originalpräparaten. Die Aut-idem-Regelung hat auf nationaler Ebene zu Missstimmungen mit den Ärzten geführt. Vor Ort sind die Beziehungen zwischen Ärzten und Apothekern meist gut.

Dienstleistungen kostenfrei?

Auch die französischen Kollegen bieten pharmazeutische Dienstleistungen an; hauptsächlich messen sie den Blutdruck (für etwa 1 Euro). Blutzucker wird nicht systematisch gemessen, sondern nur im Rahmen nationaler Kampagnen; die Messung ist dann für den Kunden kostenlos. Ferner gibt es regelmäßig Kampagnen zur Asthma-Früherkennung und -Behandlung; dabei messen die Apotheken - ebenfalls kostenlos - das Atemvolumen.

Eine aufwändige und oft schwierige, aber lohnende Aufgabe ist die Versorgung von Drogenabhängigen mit Substitutionsmitteln. Für die Vergabe der vom Arzt verordneten Arzneimittel in der Apotheke müssen die Apotheker eine besondere Ausbildung vorweisen. Vorrangig eingesetzt werden Buprenorphin (Subutex®) und Methadon. Der Patient kommt täglich in die Apotheke, wo er Buprenorphin tablettenweise oder Methadon in Flaschen erhält.

Bei der Betreuung der Abhängigen arbeiten die Apotheken am besten in einem Netz mit Ärzten und Angehörigen der Sozialberufe zusammen. Die Mitarbeit bei der Substitution geschieht auf freiwilliger Basis.

Die Apothekerkammer steht auf dem Standpunkt, dass Dienstleistungen in der Apotheke immer kostenlos erbracht werden sollen, da sie zur Rolle des Apothekers gehören. Die Apotheken spielten eine wichtige Rolle in der Gesundheitserziehung, die man behaupten müsse. Diese Funktion diene als Argument gegenüber Behörden und Politikern, dass die Apotheken mehr Leistungen erbringen als das Aushändigen von Arzneimitteln.

Diese Meinung teilen die Verfasserin und viele Kollegen nicht ganz. Natürlich erfüllen die Apotheker diese Rolle und tun dies gerne. Manche Dienstleistungen müssten jedoch bezahlt werden - nicht unbedingt von den Kranken, aber doch von den Kassen -, da sie im Verbund mit der dazu gehörigen Beratung immer viel Zeit benötigen und etliche Kosten verursachen.

Die Pille danach vom Apotheker

Es gibt in Frankreich zwei Arten der postkoitalen Kontrazeption: ein rezeptpflichtiges Kombipräparat mit Levonorgestrel und Ethinylestradiol (Tetragynon®) sowie ein nicht rezeptpflichtiges Monopräparat, das 750 mg Levonorgestrel (Norlevo®) enthält.

Diese „Pille danach“ dürfen Apotheker kostenlos an minderjährige Mädchen aushändigen, die Kassen übernehmen die Kosten. Die Apotheker müssen die jungen Frauen beraten und sich beispielsweise davon überzeugen, dass das Medikament indiziert ist, der letzte Verkehr also weniger als 72 Stunden zurückliegt. Ebenso verweisen sie sie an Beratungsstellen, in denen Ärzte oder Sozialfürsorgerinnen arbeiten.

Dies ist keine leichte Aufgabe und erfordert immer ein intensives und einfühlsames Gespräch, um die jungen Frauen zum Gang zur Beratungsstelle zu überreden. Ziel ist es, eine korrekte Kontrazeption einzuleiten, denn sonst kommen sie immer wieder in die Apotheke, um die „Pille danach“ zu erhalten. Die Apotheker müssen ihre Beratung dokumentieren.

Schwierige Zeiten

Aktuell ist der französische Apotheker mit etlichen Problemen und Zukunftsaufgaben konfrontiert.

Vertragspolitik: Die Apotheker und ihre Verbände haben den Behörden und Kassen gegenüber bewiesen, dass sie die gesetzlichen Vorgaben einhalten und die Qualität der pharmazeutischen Leistung sicher stellen. Jedoch besteht große Unsicherheit, mit wem und unter welchen Umständen künftig Arzneimittellieferverträge geschlossen werden: mit der gesetzlichen Krankenversicherung und den Zusatzkassen oder – wie von Sachverständigen kürzlich vorgeschlagen - mit halbstaatlichen regionalen Gesundheitsagenturen. Diese sollen auch die Krankenhäuser und Gesundheitsnetze kontrollieren und eine rationellere Anwendung von Arzneimitteln gewährleisten; dazu sollen den Apothekern mehr Befugnisse eingeräumt werden.

  • Entgelt des Apothekers: Wird es einem Aufschlag für die pharmazeutische Leistung geben?
  • Nachwuchssorgen: Das Studienplatzangebot für Pharmazie muss ausgeweitet werden. Bereits heute finden Apothekenleiter fast keine Approbierten und immer weniger Nachfolger. In den nächsten Jahren brauchen wir 4 500 Studienabgänger jährlich.
  • Mangel an Arbeitskräften: Die Apotheken brauchen noch mehr ausgebildetes Personal. Durch die 35-Stunden-Woche fehlen PTA und Conditionneuses.
  • Fremdbesitz: Öffnet die „Loi Murcef“ dem Fremdkapital den Weg in die Apotheke? Wie werden die Ausführungsbestimmungen des Gesetzes lauten?
  • Fortbildung und QMS: Wie muss die obligatorische Fortbildung künftig nachgewiesen werden? Wie können die Apotheken die Anforderungen des Qualitätsmanagements erfüllen?

Die Autorin

Elisabeth Rossignol de Fargues hat ihr Pharmaziestudium in Straßburg 1974 mit dem Diplom beendet. Nach längerer Angestelltentätigkeit übernahm sie 1984 die Pharmacie Centrale in Stiring-Wendel als Eigentümerin. Vor wenigen Wochen hat sie ihre Apotheke verkauft. Rossignol war 12 Jahre lang Vizepräsidentin des „Syndicat des Pharmaciens de la Moselle“, des Apothekerverbands des Department Moselle.

 

Anschrift der Verfasserin:
Elisabeth Rossignol de Fargues
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