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Künstliche Hornhaut als In-vitro-Modell

10.05.2004  00:00 Uhr

Tissue Engineering

Künstliche Hornhaut als In-vitro-Modell

von Stephan Reichl und Christel C. Müller-Goymann, Braunschweig

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Gewebekultur als Methode entwickelt, die es ermöglicht, das Verhalten von Zellen unabhängig von systemischen Variationen zu studieren. Etwa hundert Jahre später ist man in der Lage, humane Gewebe zu züchten und für medizinische oder pharmazeutische Zwecke zu nutzen.

Zellkulturen haben heute einen großen Stellenwert in der medizinischen und pharmazeutischen Forschung und sind aus vielen wissenschaftlichen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Besonders in den letzten zwanzig Jahren konnten durch die modernen Methoden der Zellkultivierung enorme Fortschritte bei der Züchtung und Rekonstruktion von tierischem und menschlichem Gewebe erzielt werden (1).

Hierbei werden recht heterogene Ziele verfolgt. Oft dienen Zellkulturen und Organäquivalente der Grundlagenforschung bei physiologischen Fragen. Ein ständig wachsendes Forschungsgebiet stellt das Tissue engineering unterschiedlicher Gewebe zum Zweck der Transplantation dar. Im gesamten pharmazeutischen, medizinischen und toxikologischen Forschungsbereich werden mittlerweile Zellkulturen und Gewebekonstrukte als In-vitro-Modelle und adäquater Ersatz für tierische und humane Gewebe- oder Organsysteme verwendet.

Zellkulturen für die Forschung

Mit der Weiterentwicklung der Zell- und Gewebekultur wurden diese auch für die Pharmazeutische Technologie interessant. Man entwickelte zelluläre Modelle, die die natürlichen Permeationsbarrieren simulieren und beispielsweise bei der Untersuchung der Arzneistoffabsorption hilfreich sind. Außerdem entdeckten die Technologen das Feld der polymeren Zellträger und der Nanobiotechnologie für sich (2).

Der Einsatz von Zellkulturmodellen biologischer Barrieren als In-vitro-Testsysteme findet immer breitere Anwendung (3). So wird das Caco-2-Modell vielfach angewendet zur Untersuchung des Arzneistoffstransports durch intestinales Epithel. Hautäquivalente haben sich bei Studien zur dermalen Penetration und Permeation von Arzneistoffen bewährt. Auch die Permeabilität von Alveolarepithel, der Blut-Hirn- oder Blut-Plazenta-Schranke sowie weiterer epithelialer Barrieren kann man mit Modellen, die auf den modernen Techniken der Zellkultivierung basieren, untersuchen.

Ausgehend von den Erfolgen bei der Kultivierung von Hautäquivalenten beschäftigten sich die Forscher schon bald mit der standardisierten Züchtung und Rekonstruktion von cornealem Gewebe. Dies war aus mehreren Gründen interessant. Zum einen besteht ein hoher Bedarf an Augenhornhäuten (Cornea) von Versuchs- und Schlachttieren für In-vitro-Permeationsversuche. Außerdem werden heute noch viele Kaninchen bei Toxizitätsuntersuchungen im Draize-Test (Augenreiztest) eingesetzt, wobei die Irritationswirkung des zu untersuchenden Agens auf das Auge am lebenden Kaninchen untersucht wird. Möglicherweise könnten in vitro kultivierte Corneakonstrukte eine große Zahl an Tierversuchen ersetzen. Zudem hofft man, Hornhautäquivalente kultivieren zu können, die - ähnlich wie künstliche Haut - als Transplantate beim Menschen dienen könnten.

In Braunschweig begannen die Arbeiten zum Aufbau eines dreidimensionalen Corneakonstrukts als transcorneales Permeationsmodell vor acht Jahren. Damit sollte gleichzeitig die Eignung des künstlichen Gewebes als Ersatz für Hornhäute von Schlacht- und vor allem Versuchstieren getestet werden. Den Anstoß gab die Schließung des ansässigen Schlachthofs. Abgesehen von der ethischen Frage der Tiertötung für experimentelle Zwecke und der personal- und kostenintensiven Tierhaltung ist noch immer unklar, inwieweit mit tierischem Material gewonnene Daten auf die Verhältnisse am Menschen übertragbar sind (4).

Die Entwicklung eines adäquaten humanen Corneaäquivalents als In-vitro-Permeationsmodell war das Hauptziel der Braunschweiger Forschung. Da humane exzidierte Augenhornhaut für Permeationszwecke nur sehr selten zur Verfügung steht, existieren kaum entsprechende In-vitro-Daten für den Menschen.

Aufbau der Cornea

Die Cornea gehört zum vorderen Augenabschnitt und trennt die vordere Augenkammer mit ihrem Kammerwasser von der Luftumgebung. Sie hat somit eine ausgeprägte Schutzfunktion und bildet einen Teil des optischen Systems. Ihre Transparenz macht den Sehvorgang erst möglich. Diese bemerkenswerte Transparenz wird in erster Linie durch den richtigen Hydratationsgrad des Hornhautstromas, die Formkonstanz der Cornea und letztlich auch durch die Gefäßfreiheit gewährleistet (5). Zudem bildet sie die Hauptbarriere für topisch applizierte Arzneistoffe, die ihren Wirkort im Inneren des Auges haben (4, 6).

Histologisch betrachtet hat die 0,6 bis 0,7 mm dicke Cornea eine verhältnismäßig einfache Struktur mit sechs Schichten. Einer Basalmembran von etwa 40 bis 60 nm Dicke, die hauptsächlich Kollagen Typ IV sowie Anheftungsproteine (Laminin, Fibronektin) enthält und dem Erhalt eines gut organisierten Epithels besonders während der Wundheilung nach Verletzung dient, ist ein mehrschichtiges, nicht verhornendes Plattenepithelgewebe aufgelagert. Dieses etwa 50 µm starke Epithel, das beim Menschen aus fünf bis sechs Zellschichten besteht, lässt sich noch in Basal-, Flügel- und Oberflächenzellen unterteilen.

Die säulenartigen Basalzellen bilden eine einschichtige Zelllage, die mit Hemidesmosomen an der Basalmembran fixiert ist. Allein diese Basalzellen besitzen mitotische Aktivität. Aus ihnen entstehen Flügel- und Oberflächenzellen. Dieser Differenzierungsprozess dauert 7 bis 14 Tage, bevor die Oberflächenzellen abschilfern und in den Tränenfilm abgegeben werden. Die Flügelzellen sind in zwei oder drei Zelllagen angeordnet und haben dünne stachelartige Fortsätze. Sie stellen das Zwischenstadium bei der Differenzierung der Epithelzellen dar. An der Hornhautoberfläche befinden sich zwei bis vier Lagen von langen, extrem flachen, ausdifferenzierten Oberflächenzellen, auf denen der präcorneale Tränenfilm aufliegt. Die Oberfläche der äußersten Zellen ist durch Falten (Microplicae) und Zotten (Microvilli) vergrößert. Die Oberflächenzellen sind durch enge Zellkontakte (tight junctions) fest miteinander verknüpft und bilden eine interzelluläre Permeationsbarriere für Substanzen.

Unter der Basalmembran befindet sich die Bowman-Membran, die aus zufällig angeordneten Kollagenfasern des Typs I und III besteht. Daran schließt sich das stromale Gewebe an, das etwa 90 Prozent der gesamten Hornhautdicke ausmacht. Zwischen dem hydrophilen Stroma, das hauptsächlich aus Wasser (circa 75 Prozent) sowie extrazellulärer Matrix, insbesondere Kollagen Typ I, besteht und als zellulären Bestandteil (2 bis 3 Prozent) stromale Zellen (Fibroblasten) enthält, und dem abschließenden einschichtigen Endothelgewebe befindet sich die Descemet-Membran, die ebenfalls aus Kollagenfibrillen besteht sowie Anheftungsproteine enthält (7).

Hornhautzellen in Kultur

Ein organotypisches, dreidimensionales Corneakonstrukt entsteht unter Verwendung der drei cornealen Zelltypen durch schrittweise Rekonstruktion der einzelnen Schichten. Somit muss dem Aufbau einer künstlichen Hornhaut die selektive Isolierung und Kultivierung der Corneazellen vorangehen. Eine selektive Isolierung der drei Zelltypen als Primärkulturen und die Langzeitkultivierung von cornealen Zellen galten lange Zeit als schwierig und sind auch heute noch problematisch.

1958 wurde erstmals die Separierung der einzelnen Schichten der Kaninchencornea mit anschließender Kultivierung aller drei Zelltypen beschrieben (8). Die Entwicklung enzymatischer Isolierungsmethoden ab Mitte der 60er-Jahre und die stete Verbesserung der Kultivierungsmedien führten zu weiteren Fortschritten. Besonders oft wurden Corneazellen des Kaninchens und des Rinds gezüchtet.

Problematisch ist die relativ geringe Lebensrate der primär isolierten Zellen. In Kultur weisen die nativen Zellen eine begrenzte Lebensdauer von 20 bis 100 Generationen auf, verbunden mit einem zum Ende hin rasch eintretenden Alterungsprozess und stark verminderter Wachstumsrate. Neben der begrenzten Proliferationsfähigkeit der Zellen in Kultur sind auch die Isolierung und Langzeitkultivierung humaner cornealer Zellen deutlich schwieriger als bei Kaninchen- oder Rinderzellen.

Diese Hindernisse können durch die Verwendung von transformierten humanen Zelllinien umgangen werden. Die Transformation erreicht man zumeist durch Transfektion der Zellen mit SV 40-Viren oder Behandlung mit dem entsprechenden Gen für das SV 40 large-T-Antigen (9). Die wohl interessanteste Eigenschaft transformierter Zellen liegt in der Immortalisierung und damit einer fast unbegrenzten Lebensdauer. Weiterhin zeigen diese Zelllinien oft eine verstärkte Wachstumsrate verbunden mit einer höheren Sättigungsdichte in Kultur. Nachteilig ist der im Vergleich zu Normalzellen manchmal verringerte oder veränderte Differenzierungsstatus von Zellen mit speziellen Eigenschaften.

Erste humane Corneaäquivalente

Bald wurde klar, dass ein komplettes Corneakonstrukt nur über eine Verbesserung der Kulturbedingungen und Kokultivierung der Zellen zu erreichen ist (10, 11). Mit Epithelzellen, die auf einem Kollagensubstrat oder mit Fibroblasten kokultiviert wurden, näherte man sich weiter an die In-vivo-Verhältnisse an (12 - 14). Die vollständige Rekonstruktion der Cornea mit allen drei Gewebeschichten beschrieben erstmals Minami und Mitarbeiter (1993) mit isolierten bovinen Zellen. Sie entwickelten eine Methode zur Kultivierung der epithelialen Schichten an der Luft-Medium-Grenze und konnten die Ausbildung typischer cornealer Strukturen beobachten (15). Eine weitere Untersuchung beschreibt ein dreidimensionales Corneakonstrukt aus epithelialen und stromalen Kaninchenzellen sowie einer transformierten Zelllinie von endothelialen Zellen der Maus (16).

Auf der weiteren Suche nach einem In-vitro-Modell für toxikologische Untersuchungen als Alternative zum Draize-Test untersuchten Schneider und Mitarbeiter (1997) die Kultivierung eines dreidimensionalen Corneaäquivalents aus isolierten fetalen Corneazellen des Schweins. Sie konnten ebenfalls die Ausbildung typischer cornealer Merkmale nachweisen (17). Griffith und Mitarbeiter (1999) entwickelten erstmals ein komplettes humanes Corneaäquivalent, wobei sie für alle drei Zelltypen immortalisierte Zelllinien einsetzten. Dieses Konstrukt war dem Originalgewebe hinsichtlich Morphologie, Transparenz, biochemischer Marker sowie Ionentransport sehr ähnlich (18). Darauf aufbauend wurde erst kürzlich ein weiteres dreidimensionales humanes Corneaäquivalent vorgestellt, das bei In-vitro-Toxizitätsuntersuchungen eingesetzt werden könnte (19, 20).

Schrittweiser Aufbau in vitro

Um ein In-vitro-Modell für Permeationsstudien zu entwickeln, wurde in Braunschweig zunächst ein dreidimensionales Corneakonstrukt aus Zellen der Rinderhornhaut aufgebaut (21). Auf Grund des Erfolgs dieses Projekts folgte die Rekonstruktion der Cornea des Schweins (22). Schließlich konnten wir aus zum Teil transformierten und nativen humanen Corneazellen ein komplettes humanes Corneakonstrukt (HCC) entwickeln, das als Ersatz für tierische Hornhäute die Untersuchung von Absorptionsvorgängen von Arzneistoffen durch die Cornea des Menschen ermöglicht (23).

Der Aufbau des HCC erfolgt durch schrittweisen Aufbau in speziellen Kultivierungsgefäßen (Transwell®), die sowohl eine submerse Kultivierung (unterhalb des Mediumspiegels) als auch eine Züchtung an der Luft-Medium-Grenze ermöglichen. Hierbei wird ein Polycarbonatfilter mit einem azellulären Kollagengel beschichtet, auf das Endothelzellen aufgebracht werden. Der Endothel-Monolayer wird mit einem Kollagengel, das stromale Fibroblasten enthält, überschichtet und submers kultiviert. Nach der Kontraktion des Stromaäquivalents werden corneale Epithelzellen aufgesät und bis zur Konfluenz submers kultiviert. Sodann wird der Mediumspiegel etwas gesenkt und die Konstrukte mit Hilfe einer Metallplatte angehoben. Nach mehrtägiger Kultivierung an der Luft-Medium-Grenze bildet sich ein mehrschichtiges Epithel. Die Gesamtkultivierung des HCC dauert vier Wochen.

Ziel war es, ein Äquivalent zu entwickeln, das histologisch und in spezifischen Parametern dem Originalgewebe gleicht, da man davon ausgeht, dass adäquate Barriereeigenschaften der künstlichen Cornea mit der Ausbildung corneatypischer Strukturen einhergehen. Diese Annahme wurde bestätigt durch den Nachweis, dass die beste Annäherung des Kunstgewebes an die Barriereeigenschaften des Originalgewebes nur durch die Kokultivierung aller drei Zelltypen unter den besonderen Bedingungen (Luft-Medium-Grenze) zu erreichen ist.

Die entwickelten Corneaäquivalente zeigten nicht nur den gleichen dreischichtigen Aufbau mit einem mehrschichtigen Epithel, das für die Hauptbarriereeigenschaften bei transcornealen Permeationsvorgängen verantwortlich gemacht wird, sondern auch typische ultrastrukturelle Merkmale. Zum einem konnte ein K3/K12-Cytokeratinpaar (55 und 64 kDa) nachgewiesen werden, das als Marker für ausdifferenziertes corneales Epithelgewebe gilt, zum anderen fand man die Basalmembrankomponenten Laminin und Fibronektin. Der Vergleich von Konstrukt und Original im Rasterelektronenmikroskop zeigte deutliche Gemeinsamkeiten in der Oberflächenstruktur des Endothels und Epithels.

Permeation in vitro verglichen

Die Eignung der bovinen, porcinen und humanen Corneakonstrukte als Ersatz für exzidierte Tierhornhäute wurde in vergleichenden Permeationsuntersuchungen bestimmt. Die Untersuchungen erfolgten mit gebräuchlichen modifizierten Franz-Diffusionszellen.

Als Donatoren wurden überwiegend handelsübliche Formulierungen zur Anwendung am Auge, die sehr unterschiedliche Arzneistoffe wie Pilocarpin- oder Befunololhydrochlorid, Hydrocortison oder Timololhydrogenmaleat enthielten, und als Akzeptor ein salinischer Phosphatpuffer pH 7,4 verwendet. Sieben Stunden lang wurden zu bestimmten Zeitintervallen Proben genommen und mittels HPLC (Hochdruck-Flüssigkeitschromatographie) quantitativ ausgewertet. Zum besseren Vergleich wird die permeierte Menge an Arzneistoff (µg/cm²) gegen die Versuchsdauer aufgetragen. Aus dem linearen Anstieg eines solchen Permeationsgraphen lässt sich der Arzneistoffflux J [µg/(cm²·s)] und unter Berücksichtigung der Ausgangskonzentration des Arzneistoffs im Donator der Permeationskoeffizient P (cm/s) berechnen. Diese Parameter ermöglichen den Vergleich der Barriereeigenschaft von Konstrukt und Original.

Die bovinen und porcinen Corneakonstrukte waren im Vergleich zu den exzidierten Hornhäuten der entsprechenden Spezies zwar grundsätzlich permeabler, aber die Geschwindigkeit und das Ausmaß, mit dem die Arzneistoffe im Akzeptorkompartiment erschienen, waren sehr ähnlich. Hier zeigte sich für die verschiedenen wässrigen Formulierungen ein ziemlich konstanter, geringer Unterschied um den Faktor 2 bis 4 der Permeationskoeffizienten (21, 22). Die künstliche Schweinehornhaut war für die untersuchten Arzneistoffe im Vergleich zum bovinen Corneakonstrukt im gleichen Ausmaß permeabler wie auch die exzidierte Cornea des Schweins durchlässiger ist als die des Rinds.

HCC als In-vitro-Modell geeignet

Da die Cornea des Menschen der des Schweins ähnelt, wurde die Permeabilität des HCC mit der von exzidierter porciner Hornhaut verglichen. Das HCC war deutlich weniger durchlässig als das porcine Konstrukt und nur geringfügig permeabler – um den Faktor 1,6 bis 1,8 – als das Exzidat (23).

Abschließende Untersuchungen an HCC und humanen Spenderhornhäuten mit sechs ophthalmologischen Modellarzneistoffen in wässriger Lösung zeigten die Äquivalenz von HCC und humaner Cornea. Die Permeationskoeffizienten der einzelnen Arzneistoffe variierten nur noch um den Faktor 0,8 bis 1,4 (24). Dies lässt den Schluss zu, dass HCC ein adäquates In-vitro-Modell ist, mit dem sich Permeationsvorgänge an der humanen Cornea in vitro vorhersagen lassen.

Das HCC ist zurzeit das einzige dreischichtige, alle drei cornealen Zelltypen enthaltende humane Corneakonstrukt, das als In-vitro-Permeationsmodell beschrieben wurde. Neben den Braunschweiger Modellen werden zur Untersuchung von transcornealen Absorptionsvorgängen überwiegend Zellkultursysteme eingesetzt, die sich auf kultivierten, mehrschichtigen, cornealen Epithelzellen gründen. Eine finnische Arbeitsgruppe mit einem humanen Modell des cornealen Epithels sowie eine amerikanische Gruppe, die mit Zellkulturen cornealen Epithels vom Kaninchen arbeitet, konnten bei vergleichenden In-vitro-Permeationsuntersuchungen ebenfalls sehr gute Annäherungen ihrer Modelle an die Verhältnisse in vivo zeigen (25, 26).

Weitere Einsatzgebiete

Hornhautmodelle sollen auch helfen, Fragen der klinischen Forschung zu lösen. Hierbei interessieren unter anderem die Mechanismen der cornealen Wundheilung (27). Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung einer Alternative zum Draize-Test (Augenreiztest). Bei diesem Test wird die Irritationswirkung von chemischen Substanzen, von Substanzgemischen und fertigen Produkten auf das Kaninchenauge untersucht. Damit schätzt man die Schädlichkeit von Substanzen für das menschliche Auge ab. Nach der 2003 verabschiedeten 7. Änderung der EU-Kosmetikrichtlinie 76/768/EEC werden Tierversuche zwecks Prüfung auf augenreizende Eigenschaften jedoch bald verboten sein. Daher wurden in den letzten Jahren viele Modelle entwickelt, die auf zytotoxischen Untersuchungen an humanen cornealen Epithelzellkulturen (28), teilweisen Corneaäquivalenten (13) und kompletten dreidimensionalen Corneakonstrukten beruhen (17, 20).

Zudem wird an der Entwicklung einer dreidimensionalen organotypischen Cornea gearbeitet, die als Transplantat eingesetzt werden kann. Kommt es beim Menschen zum Verlust der Transparenz der Hornhaut, zum Beispiel durch Verätzungen oder Hornhautstromaquellung, kann man die Sehfähigkeit oft nur durch einen Austausch der geschädigten Cornea mit der eines humanen Spenders erhalten.

Da in Deutschland und weltweit die Anzahl der gespendeten Augenhornhäute nicht ausreicht, ist das Interesse an alternativen Methoden groß. Beispielhaft seien hier die Untersuchungen zur Transplantation von Endothelzellkulturen bei Eintrübung der Hornhaut infolge von Endothelinsuffizienz (29) oder die Rekonstruktion der Augenoberfläche durch Amnionmembran- oder Fibringel-Transplantation genannt. Bei dieser aktuell vielfältig untersuchten Methode wird auf die geschädigte Cornea eine Amnionmembran aufgebracht, auf der zuvor epitheliale Stammzellen autolog aus dem Limbus des Empfängers kultiviert wurden (30). Diese Methodik soll zu einer Reepithelisierung der geschädigten Cornea führen.

Die Herstellung einer kompletten Cornea für die Transplantation ist auf Grund der Komplexizität des Gewebes eher schwierig. Dennoch weisen die letzten Ergebnisse der Arbeitsgruppe um May Griffith, die 1999 auch als Erste ein komplettes humanes Corneakonstrukt beschrieb, daraufhin, dass eine erfolgreiche Transplantation eines kultivierten Äquivalents möglich sein könnte (31). Der Schlüssel zum Erfolg scheint die Entwicklung eines Biopolymers zu sein, das in Kombination mit cornealen Zellen die komplexe Funktionalität der Hornhaut in vivo nach Implantation vollständig ausfüllt. Wann die erste künstliche Hornhaut des Menschen erfolgreich transplantiert werden kann, ist allerdings noch nicht absehbar.

Zukunftsperspektiven

Drei Ziele werden in Zukunft das Forschungsgebiet des cornealen Tissue engineering bestimmen. Arbeitsgruppen, deren Ziel der adäquate Ersatz von Hornhäuten für Permeationszwecke ist, werden ihre Modelle hinsichtlich ihrer Barriereeigenschaften weiter verbessern. Dabei könnten biopharmazeutische Aspekte, zum Beispiel die Esteraseaktivität der Konstrukte, die Anreicherung oder die Verteilungsvorgänge von Wirkstoffen in verschiedenen Strukturen der Cornea, im Fokus stehen. Gerade der Vergleich der Esteraseaktivität ist von Interesse, da zahlreiche ophthalmologische Wirkstoffe zur Erzielung einer höheren Permeationsrate als Esterverbindung (Prodrug) eingesetzt werden.

Die nächsten zwei Jahre müssen zeigen, ob die dreidimensionalen Modelle als echte Alternative zum Draize-Test infrage kommen und ein valides Modell mit festen Endpunkten zur Bestimmung der Verträglichkeit von Substanzen darstellen. Da beim Draize-Test nicht nur die Schädigung der Cornea bestimmt wird, sondern auch Rötung und Schwellung der Bindehaut sowie die Linsentrübung eine Rolle spielen, ist noch nicht klar, ob verschiedene Testsysteme auch diese Erscheinungen miterfassen können.

Ob ein gezüchtetes Corneaäquivalent in absehbarer Zeit als Transplantat beim Menschen eingesetzt wird, hängt von zwei Fragen ab: Wird es gelingen, ein Biopolymer zu entwickeln, das als Stromaäquivalent über die weitere Lebensdauer des Patienten eine ständige Transparenz und dadurch das uneingeschränkte Sehen ermöglicht? Inwieweit können sich transformierte Corneazellen eines Transplantats an die Verhältnisse in vivo anpassen, ohne nachteilige Erscheinungen beim Träger hervorzurufen? Von der Lösung dieser Fragen werden in den nächsten Jahren die Fortschritte bei der Kultivierung von Corneaäquivalenten abhängen.

 

Literatur

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Die Autoren

Stephan Reichl studierte Pharmazie an der TU Braunschweig und erhielt die Approbation im Januar 1998. Er wurde 2003 mit der Dissertation „Entwicklung porciner und humaner organotypischer cornealer Zellkulturmodelle für in vitro Permeationsuntersuchungen“ am Institut für Pharmazeutische Technologie der TU Braunschweig promoviert. Dort ist er seitdem als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Sein Hauptarbeitsgebiet umfasst das Tissue engineering von biologischen Permeationsbarrieren.

Christel C. Müller-Goymann studierte Pharmazie an der TU Braunschweig, wo sie 1981 auch promoviert wurde. 1984 war sie während eines DFG-Forschungsaufenthalts in Columbus, Ohio USA, bei Professor Dr. S. G. Frank. 1989 habilitierte sie sich im Fach Pharmazeutische Technologie an der TU Braunschweig und wechselte noch im gleichen Jahr an die Philipps-Universität Marburg auf die C3-Professur. Seit Oktober 1991 ist Müller-Goymann Universitätsprofessorin (C4) für Pharmazeutische Technologie der TU Braunschweig. Die aktuellen Forschungsschwerpunkte ihrer Arbeitsgruppe beinhalten die physiko-chemische Charakterisierung von kolloidalen Drug-Delivery-Systemen, den Einfluss des kolloidchemischen Zustands mesogener Arzneistoffe auf Permeation, Penetration und Mikrostruktur der Haut sowie die Entwicklung, Kultivierung und Testung von Haut- und Corneaäquivalenten als In-vitro-Modelle für Permeationsuntersuchungen.

 

Anschrift der Verfasser:
Dr. Stephan Reichl
Professor Dr. Christel C. Müller-Goymann
Institut für Pharmazeutische Technologie
Technische Universität Braunschweig
Mendelssohnstraße 1
38106 Braunschweig
S.Reichl@tu-braunschweig.de
C.Mueller-Goymann@tu-braunschweig.de
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