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Wie Arzneistoffe sich gegenseitig beeinflussen

16.04.2001  00:00 Uhr

INTERAKTIONEN

Wie Arzneistoffe sich gegenseitig beeinflussen

von Andrea Paneitz und Heyo K. Kroemer, Greifswald

Nicht alle Arzneistoffe passen zueinander. Interaktionen können immer dann auftreten, wenn mehr als ein Arzneimittel gleichzeitig eingenommen wird - und das ist in der Praxis sehr häufig der Fall. Insbesondere in der geriatrischen Medizin, bei Tumor- oder Aids-Erkrankungen sind Mehrfachverordnungen die Regel. Aber auch Arzneimittel der Selbstmedikation und Nahrungsmittel können mit Arzneistoffen interagieren und unerwünschte Effekte auslösen. Wer die molekulare Basis dieser Interaktionen kennt, kann Wechselwirkungen leichter erkennen und vermeiden.

Das Beispiel Mibefradil (Posicor®) hat es kürzlich gezeigt: Wird das Interaktionspotenzial eines (neuen) Arzneimittels nicht rechtzeitig erkannt und berücksichtigt, kann dies zur Rücknahme vom Markt führen. Mibefradil wurde 1998 als neuer Typ von Calciumkanalblockern für die Therapie der Hypertonie und der chronisch stabilen Angina pectoris zugelassen. Schon kurze Zeit später wurden schwere myotoxische Nebenwirkungen (Rhabdomyolysen) bei gleichzeitiger Gabe mit HMG-CoA-Reduktasehemmern beobachtet (1). Auch in der Kombination mit Beta-Blockern traten schwere Interaktionen auf, so dass die Substanz schließlich anderthalb Jahre nach ihrer Einführung wieder vom Markt genommen wurde. Präklinische Tests hatten schon vor Einführung der Substanz gezeigt, dass diese ein potenter Hemmstoff des Arzneistoff abbauenden Enzyms Cytochrom-P450-3A4 ist. Mibefradil erhöht somit die Konzentration aller Arzneistoffe, die über dieses Enzymsystem verstoffwechselt werden, und löst in der Folge die beschriebenen Wechselwirkungen aus.

Arzneimittelinteraktionen können tödlich enden

Verschreibungspflichtige Arzneimittel, pflanzliche Präparate und sogar Nahrungsbestandteile können mit Arzneimitteln interagieren. So ist seit einiger Zeit bekannt, dass die gleichzeitige Einnahme von Johanniskrautextrakt (Hypericum perforatum) die Bioverfügbarkeit anderer Medikamente beeinflussen kann (2). Der zunehmende Einsatz von Johanniskrautextrakten zur Therapie milder Depressionen führte bereits zu schweren Komplikationen. So wurde erst kürzlich ein herztransplantierter, mit Cyclosporin behandelter Patient beschrieben, der regelmäßig Johanniskrautpräparate einnahm. Dadurch sank die Plasmakonzentration des Immunsuppressivums, und in der Folge trat eine Transplantatabstoßungsreaktion auf (3).

Dass auch Nahrungsbestandteile in den Arzneistoffmetabolismus eingreifen können, zeigt ein weiterer Fall, bei dem es nach regelmäßigem Grapefruitsaft-Genuss in Kombination mit dem Antihistaminikum Terfenadin zu tödlichen Herzrhythmusstörungen kam (4). Neueren Erkenntnissen zufolge sind Substanzen in der Grapefruit in der Lage, das humane Cytochromsystem zu beeinflussen.

Jüngstes Beispiel ist Cisaprid, das auf Grund seines ausgeprägten Interaktionspotenzials erst kürzlich von der FDA und vom BfArM von Markt genommen wurde. Bei entsprechend prädisponierten Patienten kam es bei gleichzeitiger Gabe von CYP3A4-Inhibitoren wie Erythromycin, Clarithromycin, Ketoconazol, Fluconazol oder Grapefruitsaft zu lebensgefährlichen kardialen Zwischenfällen, die auf einer QT-Zeit-Verlängerung beruhten.

Diese aktuellen Beispiele sollen die klinische Bedeutung von Wechselwirkungen bei der gleichzeitigen Gabe mehrerer Arzneimittel illustrieren. Derartige Interaktionen werden häufig zunächst bei einzelnen Patienten beobachtet und die Mechanismen dann in kontrollierten Studien abgeklärt. Im Idealfall lassen sich aus der Kenntnis der zugrunde liegenden Mechanismen entsprechende Dosierungskorrekturen oder alternative Therapiemöglichkeiten ableiten.

Prinzipiell lassen sich zwei große Gruppen von Arzneimittelinteraktionen unterscheiden, nämlich pharmakodynamische und pharmakokinetische Wechselwirkungen.

Pharmakodynamische Wechselwirkungen

Pharmakodynamische Wechselwirkungen entstehen durch dynamische, das heißt vom Arzneimittel ausgehende Prozesse. Sie sind immer dann zu erwarten, wenn zwei Wirkstoffe an einem Rezeptor, Erfolgsorgan oder Regelkreis oder den gleichen Zielzellen synergistisch oder antagonistisch wirken. Dieses auf Rezeptorebene ablaufende Agonisten-Antagonisten-Prinzip lässt sich bei Überdosierungen oder Vergiftungen diagnostisch und therapeutisch nutzen. Eine durch Opiate hervorgerufene Intoxikation kann beispielsweise durch Naloxon aufgedeckt und eine Opiat-induzierte Atemdepression mit dem Antagonisten behandelt werden. Ebenso gehört die durch gleichzeitige Gabe von Schleifendiuretika wie Furosemid (Lasix®) erhöhte Ototoxizität von Aminoglykosid-Antibiotika in diese Gruppe.

Pharmakodynamische Wechselwirkungen sind in vielen Fällen gut untersucht und nur in geringem Ausmaß von interindividuellen Schwankungen abhängig.

Eingriff in die Pharmakokinetik

Die Pharmakokinetik beschreibt die Zusammenhänge zwischen gegebener Dosis und den daraus resultierenden Plasmakonzentrationen. Die Plasmakonzentration eines Arzneimittels nach peroraler Gabe wird durch das Ausmaß der Resorption aus dem Gastrointestinaltrakt, Verteilung im peripheren Gewebe, dem hepatischen und extrahepatischen Arzneimittelstoffwechsel, der renalen und biliären Elimination sowie von dem Ausmaß seiner Affinität zu Arzneistoff transportierenden Proteinen bestimmt. Neben individuellen, den Patienten betreffenden Daten wie Alter oder Vorerkrankungen (zum Beispiel verzögerte Elimination bestimmter Arzneistoffe bei Leberzirrhose oder Niereninsuffizienz) kann die gleichzeitige Gabe anderer Arzneistoffe diese vier Faktoren und damit die Plasmakonzentration des Pharmakons wesentlich beeinflussen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass in der Pharmakotherapie neben den metabolischen Wechselwirkungen, die bei gleichzeitiger Gabe mehrerer Arzneistoffe auftreten können, insbesondere Interaktionen im Zusammenhang mit Transportvorgängen eine wichtige Rolle spielen. Dabei hängen die Nebenwirkungen und damit die klinische Relevanz der Interaktionen direkt von der erreichten Plasmakonzentration ab.

Ferner weiß man heute, dass die Aktivität einiger für den Arzneistoffwechsel wichtiger Enzymsysteme nicht bei allen Menschen gleich hoch ist. Insbesondere das Cytochrom-P450-System unterliegt einer sehr hohen interindividuellen Variabilität, die sowohl auf erblich bedingten Defekten der Enzymfunktion (genetische Polymorphismen (5; 6)), aber auch auf Veränderung der Enzymaktivität durch Umwelteinflüsse (7) oder Pharmaka (8) beruhen kann.

Hochspezialisierte CYP-Enzyme

Vor ihrer endgültigen Ausscheidung werden viele Arzneimittel in der Leber (bei oraler Applikation zum Teil auch bereits im Dünndarm) metabolisiert. Das Cytochrom-P450-System (CYP) spielt bei diesen Vorgängen eine entscheidende Rolle. Die verschiedenen Isoenzyme katalysieren den Abbau von Arzneistoffen durch Oxidation, wodurch die Wasserlöslichkeit erhöht und damit die Elimination (renal und biliär) erleichtert wird. Der Name dieser Hämprotein-Familie weist auf eine typische Eigenschaft hin: Bindet Kohlenmonoxid an das Eisen der Hämgruppe, entsteht ein charakteristisches Absorptionsmaximum bei 450 nm. Es gibt etwa dreißig CYP-Isoenzyme, von denen zehn für die Pharmakotherapie besonders wichtig sind.

Die verschiedenen Isoenzyme unterscheiden sich erheblich in ihrer Substratspezifität; bestimmte Enzyme verstoffwechseln bestimmte Arzneimittel. Die Aktivität der Isoenzyme kann durch die Gabe von Arzneimitteln gehemmt oder beschleunigt werden.

Erhöhung der CYP-Aktivität

Die Beschleunigung der hepatischen Elimination beruht in der Regel auf einer Enzyminduktion, das heißt meistens wird die Enzymmenge in Leber und/oder Dünndarm erhöht. Die Stimulation der Proteinsynthese wird erst nach fünf bis zehn Tagen voll wirksam und hält nach Absetzen des Induktors (entsprechend der Halbwertszeit des Induktors und der Proteine) noch mehrere Tage an.

Die Folgen sind eine erhöhte Metabolisierungsrate und damit eine Abnahme der Plasmakonzentration von Pharmaka, die über das induzierte Isoenzym verstoffwechselt werden. In der Therapie kann die induktionsbedingte Erhöhung der metabolischen Clearance gegebenenfalls durch eine Dosiserhöhung des betroffenen Arzneistoffes ausgeglichen werden. Beim Absetzen des Induktors muss jedoch an die notwendige Dosisreduktion gedacht werden.

Typische Arzneimittel mit induzierenden Eigenschaften sind Barbiturate, Antikonvulsiva, insbesondere Carbamazepin und Phenytoin, ferner Rifampicin, Isoniazid (Isozid®), Omeprazol oder Dexamethason. Die Induktoren erhöhen auch die Expression einiger Phase-II-Enzyme (Glutathion-S-Transferasen und Uridindiphosphat-(UDP)-Glukuronosyltransferasen).

Neben Arzneimitteln sind auch Genussgifte wie Ethanol oder Tabak an der Induktion von Cytochrom-P450-Isoenzymen beteiligt. Auch pflanzliche Inhaltsstoffe können den Arzneimittelstoffwechsel induzieren. So nimmt beispielsweise unter der antidepressiven Therapie mit Johanniskrautextrakt die Bioverfügbarkeit von Indinavir (9), Cyclosporin (3) und Phenprocoumon (Beispiel: Marcumar®) (10) ab. Tabelle 1 zeigt eine Liste der Enzym induzierenden Substanzen und der betroffenen Arzneistoffe (mit Beispielen für Handelspräparate).

 

Tabelle 1: Substrate und Modulatoren verschiedener für den Arzneistoffwechsel relevanter CYP-Isoenzyme (Auswahl)

CYP-IsoenzymSubstratHemmstoffInduktoren 1A2 Coffein (Coffeinum N®) 
Clozapin (Leponex®) 
Haloperidol (Haldol®) 
Theophyllin (Bronchoretard®) Fluorchinolone 
Cimetidin (Tagamet®) Tabakrauch 2C9 Diclofenac (Voltaren®) 
Ibuprofen (Dolormin®) 
Tolbutamid (Orabet®) 
Losartan (Lorzaar®) 
Phenytoin (Phenhydan®) 
S-Warfarin (Coumadin®) Fluconazol (Diflucan®) 
Lovastatin (Mevinacor®) Rifampicin (Rifa®) 2C19 Diazepam (Valium®) 
Omeprazol (Antra®) 
R-Warfarin Cimetidin (Tagamet®) 
Ketoconazol (Nizoral®) 
Omeprazol (Antra®) Rifampicin (Rifa®) 3A4 Cisaprid 
Cyclosporin (Sandimmun®)
Clarithromycin (Klacid®)
Erythromycin (Monomycin®)
Indinavir (Crixivan®)
Lovastatin (Mevinacor®)
Midazolam (Dormicum®)
Ondansetron (Zofran®)
Terfenadin (Teldane®) Azole 
Ketoconazol (Nizoral®) 
Fluconazol (Diflucan®) 
Itraconazol (Sempera®) 

Makrolide 
Clarithromycin (Klacid®) 
Erythromycin (Monomycin®) 

Andere 
Cimetidin (Tagamet®) 
Mibefradil 
Grapefruitsaft Rifampicin (Rifa®) 
Barbiturate 
Carbamazepin (Tegretal®) 
Phenytoin (Phenhydan®) 
Johanniskraut (Jarsin®) 
Dexamethason (Fortecortin®) 2E1 Enfluran (Ethrane®)
Isofluran (Forene®)
Ethanol
Paracetamol (Benuron®) Disulfiram Ethanol

Bei Handelspräparaten ist jeweils ein Beispiel angegeben; bei nicht mehr im Handel befindlichen Medikamenten nur die INN-Bezeichnung.

 

Verminderung der Cytochrom-Aktivität

Im Gegensatz zur Induktion führt eine Verminderung der Enzymaktivität (Inhibition) zu erhöhten Plasmakonzentrationen des Pharmakons und zu einer Wirkungsverstärkung. Zahlreiche Substanzen können die Arzneistoff abbauenden Enzyme hemmen. Dabei werden unterschiedliche Mechanismen wirksam (11):

  • nicht-kompetitive Bindung des Hemmstoffes an das Protein (reversibel);
  • Kompetition zweier Arzneistoffe an der gleichen Substratbindungsstelle (reversibel);
  • irreversible Bindung eines Hemmstoffes an das Enzymsystem.

Zur ersten Gruppe gehören beispielsweise Cimetidin und Ketoconazol, die beide mit ihrem Imidazolring über das Eisenatom an das Hämprotein von CYP-Enzymen binden und deshalb relativ unspezifisch den oxidativen Metabolismus vieler Arzneistoffe hemmen.

Beispiele für die zweite Gruppe sind der b-Rezeptoren-Blocker Metoprolol (Beispiel: Beloc®) und das Antiarrhythmikum Propafenon (Beispiel: Rytmonorm®). Beide Arzneistoffe werden unter anderem über das Isoenzym CYP2D6 metabolisiert, so dass sie sich bei gleichzeitiger Gabe in ihrem Abbau behindern.

Durch Bildung stabiler Komplexe können reaktive Metaboliten von Chloramphenicol und Erythromycin an Proteine des CYP-Systems binden und das betroffene Enzym irreversibel hemmen (Gruppe 3).

Mehr als die Hälfte aller Arzneimittel werden über das Cytochrom-Isoenzym 3A4 abgebaut. CYP3A4 ist somit sehr häufig in Arzneimittelinteraktionen involviert. Es macht in der Leber etwa ein Drittel und im Darm etwa 70 Prozent des Gesamtgehalts an Cytochrom-Enzymen aus. Am Beispiel des CYP3A4-Substrates Terfenadin soll die klinische Relevanz des veränderten Arzneistoffmetabolismus gezeigt werden. Das Antihistaminikum Terfenadin hat als Prodrug selbst keine H1-antagonistische Wirkung. Es ist vielmehr auf den CYP3A4-abhängigen Metabolismus, der die Umwandlung in seine aktiven Formen katalysiert, angewiesen. Die gleichzeitige Gabe von Ketoconazol hemmt den Abbauweg und erhöht somit die Konzentration der Ausgangssubstanz. Diese hat zwar auch in höheren Konzentrationen keine antihistaminerge Wirkung, blockiert aber einen repolarisierenden Kaliumkanal. In der Folge können lebensbedrohliche Tachyarrhythmien auftreten (Torsade des Pointes) (12). Vor Bekanntwerden dieser Interaktion war Terfenadin als apothekenpflichtiges Arzneimittel erhältlich. Seit einiger Zeit ist der aktive Metabolit Fexofenadin (Beispiel: Telfast®) auf dem Markt.

Auch bei Mibefradil spielt eine Hemmung des CYP3A4-Isoenzyms die zentrale Rolle. Schon bei einer Gabe von 50 bis 100 mg (empfohlene Dosis) von Mibefradil kommt es zu einer klinisch relevanten Enzymblockade. So führt die gleichzeitige Gabe von Mibefradil mit bestimmten HMG-CoA-Reduktasehemmern wie Simvastatin oder Lovastatin zu einer siebenfach höheren AUC des Statins mit der Gefahr schwerer Rhabdomyolysen (13). Eine kombinierte Gabe von Lovastatin oder Simvastatin mit anderen CYP3A4-Substraten oder Hemmstoffen dieses Enzyms ist daher nicht empfehlenswert.

Eine Auswahl an therapeutisch häufig eingesetzten CYP3A4-Substraten und ihren Inhibitoren zeigt die Tabelle 1. Beim Einsatz all dieser Hemmstoffe ist mit einem verlangsamten Abbau der CYP3A4-Substrate zu rechnen, was therapeutisch durch entsprechende Dosisreduktion ausgeglichen werden muss.

Interaktionen beim Arzneimitteltransport

Das Verständnis von Arzneimittelwechselwirkungen hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Mit der eingehenden Untersuchung des Cytochrom-P450-Systems sind viele Interaktionen erklärbar und vorhersagbar geworden. Dennoch gibt es eine Reihe bekannter und klinisch relevanter Interaktionen, die bisher nur schwer verständlich waren. Als Beispiel sei Digoxin genannt. Obwohl diese Substanz kaum metabolisiert und überwiegend unverändert ausgeschieden wird, gibt es relevante Interaktionen des Herzglykosids. Dazu zählen seine vermehrte Bioverfügbarkeit bei gleichzeitiger Gabe von Antibiotika wie Clarithromycin, Antiarrhythmika wie Verapamil und Propafenon oder Antimykotika wie Itraconazol.

Bei diesen Interaktionen ist ein Proteinsystem beteiligt, das Arzneistoffe nicht metabolisiert, sondern über Biomembranen transportiert und somit die im Organismus erreichten Konzentrationen maßgeblich beeinflusst. Es handelt sich um die Gruppe der ABC-Transporter (ATP-binding cassette). Diese wurden im Rahmen der primären oder sekundären Resistenz gegenüber Chemotherapeutika (Zytostatika) erstmalig beschrieben. Sie haben die Funktion, einen Arzneistoff, der das Zellinnere erreicht hat, in einem gerichteten Transport wieder aus der Zelle auszuschleusen. Der bekannteste und 1976 erstmals beschriebene Vertreter dieser Gruppe (14) ist das P-Glykoprotein (P-gp; Synonym P170), das Produkt des MDR1-Gens (MDR für Multidrug-Resistance). Mittlerweile ist bekannt, dass P-gp nicht nur in Tumoren, sondern in vielen Organen des gesunden Organismus lokalisiert ist (Tabelle 2). Seine physiologische Funktion liegt entweder in der schnellen Ausscheidung von Fremdstoffen (Niere und Leber) oder in der Protektion des Organismus oder einzelner Kompartimente (Gehirn und Darmschleimhaut).

 

Tabelle 2: Vorkommen von P-Glykoprotein im Körper

Organ

Zelle

Funktion

Leber

Hepatozyt

Exkretion in den Gallengang

Niere

Tubulusepithelzellen der proximalen und distalen Tubuli

Teil der Sekretion in den Tubulus

Darmschleimhaut

Enterozyt

Exkretion zurück in das Darmlumen

ZNS: Blutgefäßsystem
Plexus choroideus

Endothelzellen der Blut-Hirn-Schranke 
Epithelzelle

Exkretion zurück in das Blut

 

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass es neben P-Glycoprotein weitere Arzneistoff transportierende Proteine gibt, die als MDR-assoziierte Proteine (MRP) bezeichnet werden. Die Zuordnung einzelner Substrate zu definierten Transportern wird derzeit untersucht (15).

Wie beim CYP-Enzymystem kann die gleichzeitige Gabe von zwei Substraten, die über dasselbe Protein transportiert werden, zu Wechselwirkungen führen. Eine Auswahl klinisch relevanter P-gp-Substrate zeigt Tabelle 3. Theoretisch können alle in der Tabelle aufgelisteten Substanzen Interaktionen um P-gp zeigen. Gleiches gilt für die Möglichkeit einer Induktion von ABC-Transportern durch simultan gegebene Substanzen.

 

Tabelle 3: Therapeutisch relevante Arzneistoffe als Substrate für Cytochrom-P450-3A4 und P-Glykoprotein (Auswahl)

Substrat (Präparatebeispiel)SubstanzgruppeCYP 3A4 -SubstratPgp-SubstratHerz-Kreislauf-Pharmaka  Talinolol (Cordanum®) Betablocker - + Digoxin (Lanicor®) Herzglykosid - + Verapamil (Isoptin®) Antiarrhythmikum + + Zytostatika  Paclitaxel (Taxol®) Zytostatikum - + Vincaalkaloide (Vincristin®) Chemotherapeutika + + Antiinfektiva  Saquinavir (Invirase®) HIV-Protease-Inhibitor + + Itraconazol (Sempera®) Antimykotikum + + Clarithromycin (Klacid®)  Antibiotikum + + Andere  Cyclosporin A (Sandimmun®)  Immunsuppressivum + + Phenytoin (Zentropil®) Antiepileptikum Induktor + Ondansetron (Zofran®) Antiemetikum + +

 

 

Interessanterweise sind viele Arzneistoffe, die durch CYP3A4 verstoffwechselt werden, zusätzlich Substrate für P-gp. Vermutlich stellen beide Proteinsysteme Teile einer kombinierten Entgiftungskette dar, bei der auf eine oxidative Entgiftung ein eliminierender Transportschritt folgt (16). Andererseits gibt es aber auch Substanzen, die ausschließlich durch CYP3A4 metabolisiert oder durch P-gp transportiert werden (Tabelle 3).

Serumspiegel können steigen bei Inhibition des Transportproteins P-gp

Durch Gabe von P-gp-Inhibitoren wurde versucht, die Chemoresistenz von Tumoren zu überwinden. Die Blockade der membranständigen Transportproteine sollte dabei die Konzentration der Zytostatika in der Tumorzelle erhöhen und auf diese Weise den Therapieerfolg verbessern. Die meisten klinischen Studien verliefen allerdings bisher enttäuschend.

P-Glykoprotein kommt auch physiologisch in vielen Organen vor (Tabelle 2). Seine Inhibitoren können daher die Sekretion anderer Substrate an Darm, Leber, Niere und Blut-Hirn-Schranke hemmen und so ein Ansteigen der Serum- und Organkonzentrationen bewirken. Ein Beispiel: Die gleichzeitige Gabe des Antiarrhythmikums Chinidin (Beispiel: Chinidin-Duriles®) führt zu stark erhöhten Plasmakonzentrationen des P-gp-Substrates Digoxin (17). Viele bisher nicht verstandene Interaktionen von Digoxin und anderen Substraten für P-gp sind über diesen Mechanismus erklärbar.

Induktion des Transportproteins lässt Blutspiegel sinken

In der Vergangenheit sind mehrere Fälle von Patienten beschrieben, bei denen die gleichzeitige Gabe von Digoxin und Rifampicin zu nur subtherapeutischen Plasmakonzentrationen des Herzglykosids führten (18, 19). Der Mechanismus dieser Interaktion war bisher nicht zu erklären, weil Rifampicin zwar ein Enzyminduktor ist, Digoxin aber keinem nennenswerten Stoffwechsel unterliegt und daher durch Rifampicin nicht beeinflusst werden sollte. Wie kürzlich gezeigt wurde, liegt dieser Interaktion eine erhöhte Aktivität von enteralem P-gp zugrunde (20). Rifampicin erhöht die Aktivität von P-gp in den Enterozyten, wodurch Digoxin nach oraler Gabe vermehrt in das Darmlumen sezerniert wurde. Dadurch sinkt die Bioverfügbarkeit von Digoxin erheblich. Es ist davon auszugehen, dass auch andere P-gp-Substrate (Tabelle 3) bei gleichzeitiger Gabe des Enzyminduktors Rifampicin in ihrer Pharmakokinetik verändert werden, selbst wenn sie nicht metabolisiert werden. Für den b-Adrenozeptorenblocker Talinolol, der ebenfalls kaum metabolisiert wird, konnten derartige Interaktionen nachgewiesen werden (21).

Der zunehmend eingesetzte Extrakt aus Johanniskraut scheint ähnlich wie Rifampicin nicht nur das Cytochrom-P450-System, sondern auch die Expression von P-gp zu beeinflussen. Wie eine Studie einer Arbeitsgruppe aus der Charité in Berlin zeigt, sanken bei gleichzeitiger Gabe von Johanniskrautextrakten und Digoxin die Digoxin-Blutspiegel signifikant (22).

Apotheker sollten auf Interaktionen achten

Treten bei der gleichzeitigen Gabe von zwei oder mehreren Arzneimitteln unerwünschte Arzneimittelwirkungen auf, sollte der Apotheker immer daran denken, dass diese auch auf Interaktionen beruhen können. Neben verschreibungspflichtigen Präparaten können auch apothekenpflichtige Arzneimittel, Phytopharmaka (Johanniskraut) und Nahrungsbestandteile (Grapefruit) zu Wechselwirkungen führen. Wenn neu auf dem Markt befindliche Arzneimittel mit "altbewährten" (Beispiel Mibefradil mit CSE-Hemmern) kombiniert werden, ist erhöhte Vorsicht angebracht.

Der Apotheker ist besonders gefragt, wenn im Rahmen der Selbstmedikation Präparate wie Johanniskrautextrakt zu einer bestehenden Verordnung hinzugefügt werden, vor allem wenn bereits ein Interaktionspotenzial bekannt ist. Dank zunehmender Erkenntnisse über Interaktionsmechanismen wird ein großer Teil der Arzneimittelwechselwirkungen zukünftig vorhersagbar und somit zumindest teilweise vermeidbar sein.

 

Literatur

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Die Autoren

Andrea Paneitz studierte Pharmazie an der Universität Hamburg und Humanmedizin in Hamburg, Genf und an der University of Queensland, Australien. Die Promotion, die sich mit der Genotoxizität von pflanzlichen Laxantien befasste, erfolgte in der Abteilung für Allgemeine Pharmakologie und Toxikologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf unter Leitung von Professor Dr. Johannes Westendorf. Anschließend beschäftigte sich Dr. Paneitz im Rahmen eines Forschungsstipendiums der Hoffmann-La Roche, Basel, mit der Isolation und Kryokonservierung von humanen Hepatozyten. Von 1998 bis 1999 war sie als Ärztin im Praktikum im Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg tätig. Seit Juli 1999 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Allgemeinen Pharmakologie der Universität Greifswald. Ihre Forschungsinteressen liegen auf dem Gebiet Arzneistoff transportierender Proteine und auf dem Gebiet der pädiatrischen Pharmakologie.

Heyo K. Kroemer studierte Pharmazie an der Technischen Universität in Braunschweig und wurde am Dr. Margarete Fischer Bosch-Institut für klinische Pharmakologie in Stuttgart mit einer Arbeit zur Hämodilutionsbehandlung des apoplektischen Insultes promoviert. Nach einem kurzen Forschungsaufenthalt in der Schweiz schloss sich eine zweijährige Postdoc-Zeit in der Abteilung Klinische Pharmakologie der Vanderbilt University an. 1989 kehrte Kroemer an das von Professor Michel Eichelbaum geleitete Stuttgarter Institut zurück und habilitierte sich 1992 für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Tübingen. 1998 nahm er zunächst den Ruf auf eine C3-Professur für Klinische Pharmazie der Universität Bonn an. Seit 1. September 1998 hat Professor Kroemer den Lehrstuhl für Allgemeine Pharmakologie an der Medizinischen Fakultät in Greifswald inne. Seine Forschungsinteressen liegen auf dem Gebiet molekularer und klinischer Aspekte des Stoffwechsels von Arzneimitteln, insbesondere kardiovaskulär aktiver Substanzen sowie Zytostatika, und in der Verbesserung des Drug Targeting.

 

Für die Verfasser:
Professor Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer
Institut für Pharmakologie
Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Friedrich-Loeffler-Straße 23d
17487 Greifswald
E-Mail:
kroemer@uni-greifswald.deTop

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