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Von der Quarzuhr zum Biosensor

04.04.2005  00:00 Uhr
.Schwingquarze

Von der Quarzuhr zum Biosensor

von Matthias Höpfner, Halle, Katrin Christ und Gerd Bendas, Bonn

Schwingquarze gehören heute zum Alltag, beispielsweise als Zeitgeber in Quarzuhren. Sie dienen aber auch als hoch sensitive Mikrowaagen. Diese in der Umweltanalytik etablierte Technik findet zurzeit vermehrt Eingang in die Biowissenschaften. Auch in der pharmazeutischen Analytik eröffnen die supergenauen Systeme vielseitige Möglichkeiten.

Interaktionen zwischen Biomolekülen haben eine entscheidende Bedeutung für die Integrität und Funktion von Organismen. Biospezifische Bindungen, die zumeist über Proteine vermittelt werden, lassen sich auch durch Ligand-Rezeptor-Wechselwirkungen beschreiben. Deren Charakterisierung gestattet es, tiefer in die Wirkweise und Steuerung wichtiger Lebensprozesse einzudringen. Pharmazeutisch interessant ist dabei besonders der Einblick in pathologische Abweichungen. Auf dieser Grundlage können Arzneimittelwirkungen besser erforscht werden, wenn Wirkstoffe hemmend oder verstärkend in solche Bindungsprozesse eingreifen sollen.

Dafür ist eine hoch sensible Analytik erforderlich. Der rasante Fortschritt der Biowissenschaften führte in den letzten Jahren zu einem Innovationsschub bei der Weiterentwicklung vieler bekannter Analysenmethoden. Besonders auf dem Gebiet der Biosensorik wurden zahlreiche neue Verfahren eingeführt. Biosensoren nutzen Biomoleküle als sensorisches Element, wobei die Interaktion dieser sensitiven Fühler mit einem Analyten durch einen Messwandler in ein erfassbares elektrisches Signal übertragen wird.

Biosensoren in der Pharmazie

Für die Analyse von spezifischen Bindungsprozessen bieten die Biosensoren eine Reihe von Vorteilen. Die Bindung zwischen zwei biologisch relevanten Molekülen kann zeitlich und mengenmäßig direkt erfasst werden, wobei keine zusätzlichen Trennungs- oder Waschschritte notwendig sind. Weiterhin kann man auf die Einführung von Markern, zum Beispiel radioaktive Elemente oder fluorophore Gruppen, verzichten. Dadurch lassen sich Zeit- und Mitteleinsatz für Bindungsstudien erheblich senken. Dies erklärt auch das immense pharmazeutische Interesse an solchen Biosensoren, da die Wechselwirkung mit bestimmten Targetstrukturen für die Mehrzahl der Arzneistoffe beschrieben und quantifiziert werden muss. Die Analyse solcher Bindungsprozesse führt im Idealfall zur Arzneistoffoptimierung und eröffnet einen tieferen Einblick in den Wirkmechanismus eines Stoffes. Darüber hinaus kann die biosensorische Analytik erfolgreich in der Qualitätskontrolle von Arzneistoffen eingesetzt werden, deren essenzielle Wirkung in der Bindung oder Blockade einer Zielstruktur liegt, zum Beispiel bei Antikörpern.

Biosensoren kann man nach ihren biologischen Erkennungselementen (»Messfühlern«) klassifizieren. Solche Strukturen können Antikörper, Rezeptoren, Enzyme oder Nukleinsäuren, aber auch ganze Zellen sein. Meist jedoch erfolgt die Einteilung anhand des Signal umwandelnden Elements (Transducer). Auf dieser Grundlage werden vier Gruppen unterschieden: optische, thermometrische, massesensitive und elektrochemische Sensoren.

In der Apothekenpraxis werden häufig Biosensoren eingesetzt: Die meisten der von Diabetikern benutzten Tests für die Blutzuckerüberwachung gehören zu den elektrochemischen Biosensoren. Dabei wird das bei der enzymatischen Umwandlung von Glucose entstehende Wasserstoffperoxid im Testträger (Sensor) elektrochemisch oxidiert und der auftretende Stromfluss proportional zur Blutglucosekonzentration amperometrisch quantifiziert und aufgezeichnet.

Auch massesensitive Biosensoren wurden enorm weiterentwickelt. Der prominenteste Vertreter ist die Quarzmikrowaage (QCM: Quartz Crystal Microbalance). Diese in der industriellen Prozesskontrolle bewährte Technik ist mittlerweile auch für die Belange der Biowissenschaften einsatzbereit.

Wie die QCM funktioniert

Zur Signalerfassung dient eine dünne Scheibe eines Schwingquarzes. Quarze besitzen piezoelektrische Eigenschaften, das bedeutet, dass die Einwirkung mechanischer Energie auf einen Quarzkristall eine elektrische Spannung innerhalb des Quarzes erzeugt. Dieses Prinzip wird in der pharmazeutischen Technologie beispielsweise für piezoelektrische Drucksensoren an Tablettenpressen genutzt.

Dieser Effekt ist auch umkehrbar. So kann durch elektrische Energie eine mechanische Verformung des Quarzes erreicht werden. Wird dazu eine Wechselspannung verwendet, kommt es innerhalb des Quarzes zu periodischen Verformungen: Der Quarz schwingt. Bei einer charakteristischen Frequenz der Wechselspannung tritt die Schwingung mit einer maximalen Amplitude auf. Daher spricht man von Resonanzfrequenz. Diese reicht von wenigen Kilohertz bis zu mehreren Gigahertz und hängt unter anderem von der Stärke der Quarzscheibe ab. Je dünner der Schwingquarz, desto höher die Resonanzfrequenz.

Schwingquarze werden schon seit langem als stabile Frequenzgeber eingesetzt. Bekanntestes Beispiel sind Quarzuhren, bei denen ein Schwingquarz als Zeitgeber fungiert. In der Funktechnik dienen sie als Referenzfrequenzgeber für Sender und Empfänger.

Masseablagerungen auf dem Quarz verändern die Schwingungsfrequenz. Dies wurde bereits vor Jahrzehnten empirisch erkannt und bildet die theoretische Grundlage der Quarzmikrowaagentechnik. So wurde die genaue Resonanzfrequenz von Schwingquarzen in militärischen Funkgeräten im Zweiten Weltkrieg durch Bleistiftmarkierungen auf der Oberfläche eingestellt. Dabei war bekannt, dass die Resonanzfrequenz durch die Auflagerung des Graphits an der Quarzoberfläche abnimmt.

In den 1950er-Jahren untersuchten Forscher den Zusammenhang zwischen Masseanlagerung und Frequenzerniedrigung genauer und beschrieben mathematisch eine lineare Beziehung der Abnahme der Resonanzfrequenz bei kleinen Massebeladungen (1). Auf dieser Grundlage werden Schwingquarze nun zur Mikrowägung eingesetzt. Der Vorteil dieser Mikrowaagen liegt in ihrem extrem niedrigen Messbereich im Nanogramm-Maßstab. So verringert beispielsweise ein 10-MHz-Quarz seine Resonanzfrequenz bereits um 1 Hz bei einer Beladung mit 4,4 ng auf einer Fläche von einem Quadratzentimeter.

Nachteilig war zunächst, dass diese Waage nur in Luft oder Vakuum eingesetzt werden konnte, da in Flüssigkeiten unüberwindlich erscheinende Dämpfungserscheinungen auftreten. Durch Fortschritte auf elektronischem Gebiet wurden diese Schwierigkeiten überwunden, sodass jetzt auch die Messung in Flüssigkeiten möglich ist. Dies eröffnete der Quarzmikrowaage den Weg in die Biowissenschaften.

Reaktionen in Echtzeit messbar

Da prinzipiell alle an der Quarzoberfläche anhaftenden Massen die Resonanzfrequenz verändern, musste man die unspezifische und nicht gewollte Adsorption minimieren und zugleich eine biospezifische Interaktion zwischen dem zu erfassenden Analyten und der Sensoroberfläche optimieren. Das wird durch die monomolekulare Beschichtung des Sensors mit hoch affinen und spezifischen Erkennungsmolekülen, insbesondere Proteinen erreicht. Docken Moleküle aus der Analysenlösung spezifisch an die Proteine an, nimmt die Masse auf dem Quarz zu und die Schwingungsfrequenz sinkt. Anhand der Frequenzabnahme lässt sich nicht nur die Bindung selbst feststellen, sondern auch der Reaktionsverlauf charakterisieren. Mittlerweile stehen mehrere Beschichtungsverfahren zur Verfügung, so dass mit der Quarzmikrowaage eine große Vielfalt von Analyten erfasst werden kann. Enormer Vorteil der Methode: Die Wechselwirkungen werden in Echtzeit und in wässriger, nativer Umgebung erfasst.

Die Quarzmikrowaage bietet ein ideales System zur Detektion molekularer Erkennungsprozesse im Organismus, das spezifisch zwei Bindungspartner erfasst und deren Bindung im Zeitverlauf darstellt. Dies erlaubt eine detaillierte Analyse der kinetischen Bindungsparameter.

Neuerdings kann ein zusätzlicher Messparameter, die so genannte Dämpfung, erfasst werden. Dies ermöglicht weitergehende Aussagen zur Art der Wechselwirkung zwischen einem Analyten und der oberflächengebundenen Erkennungsstruktur. Wie jede natürliche Schwingung wird auch die Oszillation des Schwingquarzes durch das umgebende Milieu gedämpft. Ohne externe Energiezufuhr kommt die Schwingung zum Stillstand. Je nach Art der aufgelagerten Materie, bei der Quarzmikrowaage also die zu wiegende Masse an der Quarzoberfläche, wird die Schwingung unterschiedlich stark gehemmt. Kleine, starre Massen schwingen mit dem Quarz, sie dämpfen daher die Schwingung nur wenig. Ist die gebundene Struktur aber voluminös und hat noch viskoelastische Eigenschaften, kann die Dämpfung stark ansteigen. In den modernen Quarzmikrowaagen wird die Dämpfung zeitgleich zur Resonanzfrequenz erfasst.

Aufbau des Messgeräts

Quarzmikrowaagen werden mittlerweile von verschiedenen Arbeitsgruppen in der biomedizinischen Forschung angewendet. Trotzdem ist diese Technik noch keine Standardmethode. Seit vier Jahren bietet eine schwedische Firma ein kommerzielles Quarzmikrowaagensystem mit Dämpfungserfassung an. Unsere Arbeitsgruppe nutzt seit mehreren Jahren die Quarzmikrowaage mit Dämpfungserfassung vom Institut für Automation und Kommunikation Magdeburg (ifak) für verschiedene pharmazeutische Fragestellungen.

Wie ist eine Quarzmikrowaage grundsätzlich aufgebaut? Herzstück des Geräts ist neben dem Quarzsensor die Oszillatorschaltung, die zur Erfassung der Resonanzfrequenz nötig ist. Üblicherweise werden 10-MHz-Schwingquarze verwendet. Die nur 166 µm dicken Quarzscheiben sind auf Ober- und Unterseite mit einer dünnen Goldelektrode versehen. An diese wird über elektrische Kontakte die Wechselspannung angelegt, aus der die Resonanzfrequenz und Dämpfung ermittelt werden. Der Schwingquarz wird so in eine Durchflusskammer eingebaut, dass er mittels einer Pumpe mit Flüssigkeiten überspült werden kann. Dabei kommt ­ auch zur Vermeidung von Kurzschlüssen ­ nur die Oberseite des Quarzes mit Flüssigkeit und dem Analyten in Berührung. Zur Verringerung von Temperatureffekten ist das gesamte Messgerät in einen Thermostaten eingebaut.

Die Messwerte zu Resonanzfrequenz und Dämpfung werden im Sekundentakt online mittels einer speziellen Software in einem PC aufgezeichnet. Gegenüber klassischen Messgeräten, die nur einen Gleichgewichtszustand erfassen, wird hier die Kinetik einer Bindungsreaktion anhand des zeitlichen Verlaufs analysiert. Die Eignung der QCM-Technik als Biosensor in der pharmazeutischen Analytik soll anhand einiger ausgewählter Beispiele illustriert werden.

Bestimmung von Antikörpern

In den letzten Jahren kam eine Anzahl neuer Antikörper auf den Markt. Die monoklonalen Antikörper mit teilweise oder vollständig humanisierten Sequenzen binden spezifisch und mit hoher Affinität an körpereigene Strukturen und greifen so in komplexe physiologische Prozesse ein. Beispiele sind die bei Tumorerkrankungen eingesetzten Arzneistoffe Trastuzumab und Rituximab sowie die antientzündlich wirksamen Zytokin-(TNF-α)-Antikörper Infliximab und Adalimumab. Weitere Antikörperprodukte stehen kurz vor der Zulassung.

Die QCM-Technik bietet sich an, die Funktionsfähigkeit, vor allem aber die dynamischen Bindungseigenschaften solcher Antikörper zu testen. Dazu wird das Zielmolekül des Antikörpers, also das spezifische Antigen, auf dem Quarzsensor chemisch immobilisiert und der zu untersuchende Antikörper in entsprechender Verdünnung über den Quarz gespült. Bei der Bindung des Antikörpers aus der strömenden Lösung an das Antigen wird die Resonanzfrequenz des Quarzes durch die Masseanlagerung charakteristisch verringert.

In unserer Arbeitsgruppe haben wir dies anhand eines murinen monoklonalen Antikörpers gegen Cathepsin B, eine Cysteinpeptidase, untersucht. Der Antikörper befindet sich in Erprobung als Krebstherapeutikum. Er wurde freundlicherweise von Dr. med. Ekkehard Weber aus dem Institut für Physiologische Chemie der Martin-Luther-Universität Halle zur Verfügung gestellt.

Der typische Verlauf der Resonanzfrequenz während einer Bindungsstudie stellt sich so dar: Am Beginn der Kurve ist die stabile Grundfrequenz zu erkennen. Nach Zugabe des Antikörpers (1 µg/ml) fällt die Frequenz durch die Bindung des Antikörpers an das Antigen ab. Wird anschließend mit Antikörper-freiem Puffer gespült, beginnt die Resonanzfrequenz wieder zu steigen, da ein Teil des gebundenen Antikörpers abgelöst wird. Das Sensogramm lässt sich daher in zwei Bereiche einteilen: Im ersten abfallenden Kurventeil wird die Assoziation des Antikörpers an das Antigen erfasst, im zweiten Kurventeil, wo nur mit Puffer gespült wird, die Dissoziation der Bindung. Aus beiden Kurventeilen kann man durch nicht lineare Regression die kinetischen Parameter der Bindungsreaktion bestimmen. Der erste Teil liefert die Assoziationsratenkonstante (kAss oder kon), während man aus dem zweiten Ast der Kurve die Dissoziationsratenkonstante (kDiss oder koff) errechnen kann. Beide Konstanten charakterisieren die Bindungsreaktion. Gebräuchlicher ist die Angabe der Gleichgewichts-Bindungskonstante (KB), die sich als Quotient aus Assoziations- und Dissoziationsratenkonstante ergibt. Oftmals wird auch die Gleichgewichts-Dissoziationskonstante (KD) angegeben, die den reziproken Wert der Bindungskonstanten darstellt.

Eine solch detaillierte und dynamische Charakterisierung der Bindungsreaktion kann zum Vergleich verschiedener Antikörperpräparationen, aber auch für die Qualitätskontrolle und -sicherung genutzt werden. Dies ist besonders wichtig, da die Bindungseigenschaften von biogenen Arzneistoffen ein entscheidendes funktionelles Qualitätsmerkmal darstellen und diese Arzneistoffe nur eingeschränkt über eine herkömmliche Analytik zu charakterisieren sind.

Molekulare Wirkmechanismen

Die Untersuchung der Bindung an ihren molekularen Targets spielt auch für viele niedermolekulare Arzneistoffe eine wichtige Rolle. Als Beispiel können Zytostatika mit direkter DNA-Bindung gelten, die ihre zytotoxische Wirkung durch Interkalierung oder Quervernetzung von DNA-Strängen entfalten. Hier ist die Anwendung der Quarzmikrowaagentechnik extrem aussagekräftig. Bindet das Zytostatikum an die immobilisierte DNA, sinkt zum einen die Resonanzfrequenz. Zudem kann man aus der Dämpfungsmessung auf eine eventuelle Strukturänderung der DNA infolge der Wechselwirkung mit dem Arzneistoff schließen.

So wurde die Bindung von Cisplatin (2), Mitoxantron (3) und Nogalamycin (4) mit der Quarzmikrowaage untersucht. Am Beispiel des DNA-Fluoreszenzfarbstoffs Ethidiumbromid soll die Aussage einer Dämpfungsanalyse verdeutlicht werden. Dabei wird zeitabhängig die Änderung von Frequenz und Dämpfung nach Bindung von Ethidiumbromid an immobilisierte DNA dargestellt. Anhand des Frequenzverlaufs wurden die Bindungskonstanten bestimmt. Zusätzlich erkennt man an der Dämpfungszunahme, dass sich die viskoelastischen Eigenschaften an der Quarzoberfläche ändern. Die Zunahme der Dämpfung deutet auf eine aufgeweitete und flexiblere DNA hin, die mehr Schwingungsenergie aufnimmt. Dies erklärt sich durch die Interkalation des Ethidiumbromids zwischen die Basenpaare der immobilisierten DNA.

Obwohl erste Ergebnisse sehr viel versprechend sind, bedarf die Vorhersage von Konformationsänderungen durch die Analyse von Dämpfungen noch weiterer detaillierter Forschung.

Adsorption von Liposomen

Besonders aussagekräftig erscheint die Dämpfungsanalyse bei der Untersuchung des Verhaltens supramolekularer Systeme, das heißt von organisierten Assoziaten aus vielen zusammengelagerten Molekülen, zum Beispiel Liposomen. Dies sind kugelige Membrangebilde, die einen wässrigen Innenraum umschließen. Sie können Arzneistoffe mit hydrophilem Charakter im wässrigen Innenraum aufnehmen, während lipophile Arzneistoffe in der Lipidmembran eingelagert werden. Mit Liposomen können Arzneistoffe gezielt zu Zellen und Geweben im Sinne eines Drug Targeting transportiert werden.

Präklinische Untersuchungen befassen sich daher mit einer Funktionalisierung der Liposomen: Die Anheftung von Bindungsmolekülen soll eine zellspezifische Anreicherung ermöglichen. Dabei werden zwei Formen der Liposomen-Zell-Wechselwirkungen unterschieden. Zum einen können Liposomen mit der Zelloberfläche oder untereinander fusionieren, was zu einer lokalen Wirkstofffreisetzung und Anreicherung führt. Zum anderen können sie ihre sphärische Gestalt behalten und als kugelige Vesikel an das Target binden. Dabei wird der Inhalt der Liposomen nicht freigegeben, da die Lipidmembran als Barriere erhalten bleibt. Dies wird für alle Arzneistoffe angestrebt, die nach aktiver Zellaufnahme der intakten Liposomen intrazellulär wirken sollen, zum Beispiel bei Zytostatika zur DNA-Bindung.

Die Quarzmikrowaage mit zusätzlicher Dämpfungserfassung ist ein sehr gutes Instrument zur Untersuchung dieser unterschiedlichen Adsorptionsmuster. Die Dämpfung für fusionierte Liposomen ist viel geringer als für kugelig adhärierte, da die voluminösen Liposomen mit ihren elastischen Membranen viel mehr Schwingungsenergie aufnehmen können.

Mit diesem QCM-Modell konnte das Adsorptionsverhalten verschiedener Liposomenpräparationen in sehr einfachen Experimenten charakterisiert werden. Durch die Wahl der Membranlipide kann man die gewünschte Adsorptionsform steuern, was zu einer Optimierung des Arzneistoff-Targetings genutzt werden kann.

Interaktionen an Membranen

Mit der Quarzmikrowaage lassen sich auch Erkennungsvorgänge an Biomembranen untersuchen. Dazu werden Modellmembranen durch unterschiedliche Beschichtung auf der Quarzoberfläche immobilisiert. In ersten Arbeiten nutzte unsere Arbeitsgruppe dieses System, um bakterielle Zellmembranen zu imitieren, an denen die Bindung kationischer, antimikrobiell wirkender Peptide verfolgt werden kann.

Durch die Kombination der QCM-Technik mit elektrochemischen Verfahren konnten wir parallel zur Peptidbindung an der Membranoberfläche, die zur Frequenzabnahme führt, auch einen Anstieg der Membranpermeabilität erfassen, den wir mit einer Porenbildung durch die antimikrobiell wirksamen Peptide erklären. Mit diesen Untersuchungen lässt sich der Wirkmechanismus von Peptidantibiotika nachvollziehen, was zu einer Strukturoptimierung dieser Substanzgruppe genutzt werden könnte.

Die Beschichtung des Quarzsensors mit einem membrananalogen Lipidbilayer sollte ebenfalls helfen, einen Einblick in UV-induzierte pathophysiologische Membranprozesse zu gewinnen. Damit wurde das Verhalten von Membranen nach Exposition mit unterschiedlichen UV-Dosen (bis zum Zehnfachen der minimalen Erythemdosis; MED) in Hinblick auf Strukturänderungen und Veränderungen der Permeabilität untersucht. Bei der Analyse der oxidativen Nebenwirkungen des nicht steroidalen Antirheumatikums Ketoprofen zeigte sich, dass diese hauptsächlich auf der oxidativen Phospholipid-Zerstörung beruhen und mit einer starken Zunahme der Membranpermeabilität verbunden sind.

Geeignet für die Pharmazie

Die aufgeführten Beispiele belegen die breite Anwendbarkeit und den Wert der Quarzmikrowaagentechnik auch und gerade für pharmazeutisch analytische Themen. Auf Grund der vielseitigen Möglichkeiten und des günstigen Preises wird sich diese Biosensorik in den nächsten Jahren weiter in der Analytik etablieren. Gegenwärtig ist die QCM-Technik für Einzel- und Kleinserienuntersuchungen sehr gut geeignet. Dem Einsatz in der Industrie und damit einem Übergang zu einer Hochdurchsatzmethode (High Throughput Screening) stehen die fehlende Automatisierung und die hohe Empfindlichkeit der Quarzsensoren im Wege.

Der Vergleich zur bekannteren und weitaus häufiger eingesetzten Surface-Plasmon-Resonance-Technik liegt nahe. Bei dieser Technik handelt es sich um eine optische Methode, mit deren Hilfe ebenfalls Masseanlagerungen an Goldsensoren im unteren Nanogrammbereich zeitaufgelöst detektiert werden können. Beide Techniken sind in ihrer Empfindlichkeit und Genauigkeit absolut gleichwertig (5). Durch die zusätzliche Dämpfungsanalyse liefern QCM-Bindungsstudien jedoch mehr Informationen über eine Bindungsreaktion.

Fazit: Der Einsatz der QCM-Technik bietet sich auf Laborebene auch in der pharmazeutischen Forschung auf Grund der vielseitigen Anwendbarkeit, des günstigen Preises in Anschaffung und Unterhalt und der exzellenten Ergebnisse bei Bindungsstudien sehr an. Es ist zu erwarten, dass Schwingquarze künftig viel häufiger in pharmazeutischen Laboren anzutreffen sind: nicht als Quarzuhr im Regal, sondern als Biosensoren in der Analytik.

 

Literatur

  1. Sauerbrey, G., Verwendung von Schwingquarzen zur Wägung dünner Schichten und zur Mikrowägung. Zeitschr. f. Physik 155 (1959) 206­222.
  2. Yan, F., Sadik, O. A., Enzyme-Modulated Cleavage of dsDNA for Studying Interfacial Biomolecular Interactions. J. Am. Chem. Soc. 123 (2001) 11335­11340.
  3. Mao, Y., et al., Monitoring, and estimation of kinetic data, by piezoelectric impedance analysis, of the binding of the anticancer drug mitoxantrone to surface-immobilized DNA. Anal. Bioanal. Chem. 373 (2002) 215­221.
  4. Pope, L. H., et al., Probing DNA Duplex Formation and DNA-Drug Interactions by the Quartz Crystal Microbalance Technique. Langmuir 17 (2001) 8300­8304.
  5. Kößlinger, C., et al., Comparison of the QCM and the SPR method for surface studies and immunological applications. Sens. Actua. B 24 (1995) 107­112.

 

Die Autoren

Matthias Höpfner studierte an der Martin-Luther-Universität in Halle Pharmazie und absolvierte 2000 die pharmazeutische Staatsprüfung. Er fertigte eine Diplomarbeit über Polysaccharide als Selektin-Inhibitoren in der Arbeitsgruppe von Professor Bendas in Halle an. Seit 2001 arbeitet er in Halle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einsatz der Quarzmikrowaage in der pharmazeutischen Analytik und hat seine Dissertationsschrift hierzu im Februar 2005 erfolgreich verteidigt.

Katrin Christ absolvierte ebenfalls Pharmaziestudium und Diplom an der Martin-Luther-Universität Halle. Seit 2003 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitskreis von Professor Bendas an der Universität Bonn und beschäftigt sich mit der Aufklärung des Wirkmechanismus von Peptidantibiotika durch Biosensoren.

Gerd Bendas schloss das Pharmaziestudium 1990 mit dem Diplomgrad ab. Nach der Promotion 1994 habilitierte er sich 2000 im Fach Pharmazeutische Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle. Im März 2003 folgte er einem Ruf als Professor für Pharmazeutische Chemie an die Universität Bonn. Im Mittelpunkt seiner Forschungstätigkeit stehen die molekularen Zelladhäsionsmechanismen der Selektine bei Entzündungs- und Metastasierungsprozessen sowie das Targeting von Liposomen.

 

Anschrift der Verfasser:
Matthias Höpfner
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Pharmazie, Institut für Pharmazeutische Chemie
Wolfgang-Langenbeck-Straße 4
06120 Halle (Saale)
matthias.hoepfner@pharmazie.uni-halle.de

Katrin Christ und Professor Dr. Gerd Bendas
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Pharmazeutisches Institut Endenich
An der Immenburg 4
53121 Bonn
kchrist@uni-bonn.de
gbendas@uni-bonn.de
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