Pharmazeutische Zeitung online

Angriff auf das Biotop Mundhöhle

25.03.2002
Datenschutz bei der PZ

KRANKE MUNDSCHLEIMHAUT

Angriff auf das Biotop Mundhöhle

von Elke Wolf, Rödermark

Die Mundhöhle ist mehr als die Eingangspforte für Nahrung. Als Vorposten des Immunsystems fungiert die Mundschleimhaut als Spiegelbild des Organismus. So machen viele Allgemeinerkrankungen durch frühzeitige Veränderungen der Mundschleimhaut auf sich aufmerksam. Man denke an die belegte Zunge bei Masern oder Scharlach, an orale Candidosen bei Diabetes oder anderen Arten der Immunschwäche. Daneben gibt es eigenständige Erkrankungen der Mundschleimhaut, von denen manche Vorboten eines Mundhöhlenkrebses sein können. Was steckt also hinter einem vermeintlich makellosen Lächeln?

Etwa 170 cm2 Mundschleimhaut und 45 cm2 Zahnoberfläche, von ein bis eineinhalb Liter Speichel täglich umspült, bieten rund 1011 Mikroorganismen Wohnraum. Die Mundhöhle ist vollständig von Schleimhaut bedeckt, die sich aus mehreren unterschiedlich aufgebauten Gewebeschichten zusammensetzt. Eine aus mehreren Zelllagen bestehende, etwa 0,2 bis 0,6 mm dicke Deckschicht produziert in den vor allem beim Kauen stärker beanspruchten Arealen unterschiedlich stark keratinisierte oberflächliche Epithelzellen, die nach ein bis zwei Wochen abschilfern und von aus der Tiefe der Deckschicht nachgelieferten Zellen ersetzt werden. In der Schicht unter den Epithelzellen, der Lamina propria, schlängeln sich Blutgefäße und Nerven, sitzen Speicheldrüsen und Zellen des Immunsystems als Wachposten zur Früherkennung von Antigenen.

Die zunächst sterile Mundhöhle wird gleich nach der Geburt von Mikroorganismen bevölkert. Es überleben jedoch nur Bakterienarten, die sich an Oberflächen anzuheften vermögen. Die Bedingungen sind gut, gibt es doch mit der keratinisierten und nicht keratinisierten Schleimhaut sowie dem Zahnschmelz unterschiedliche Nistplätze. Die Winzlinge sind gesellige Burschen; in der Mundhöhle des Menschen tummeln sich offenbar weit mehr Bakterienarten als bislang angenommen. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher aus Kalifornien (15), die den Belag auf den Zähnen eines gesunden Nichtrauchers genauer untersuchten. Zwar ist schon lange bekannt, dass die Mundhöhle des Menschen ein Eldorado für die unterschiedlichsten Keime ist. Doch zu den 500 bereits identifizierten Bakterien sind wohl noch fünf Dutzend hinzuzuzählen. Einige der neu entdeckten Arten fand die US-amerikanische Arbeitsgruppe auf klassischem Wege durch das Kultivieren auf besonderen Nährböden, aber auch modernste Gensonden waren bei der Suche behilflich.

Tägliches Mundschaumbad dem Zahn zuliebe

Konsequente Zahnpflege hat wesentlichen Einfluss auf das Leben im Mund. Nicht umsonst sind die Zähne die Kronzeugen gesunder Ernährung und bewusster Pflege. Wer Wert auf das mehrmals tägliche Mundschaumbad legt, bei dem tummeln sich nur tausend bis hunderttausend Bakterien auf einem Zahn. Im Mund einer "Oralsau", wie Zahnmediziner sagen, drängeln sich dagegen bis zu einer Milliarde Mikroben auf dem Zahn. Das leistet der Plaquebildung Vorschub. Rückt man den Bakterien nicht täglich mit Bürste, Paste und Co. zu Leibe, bilden sie einen zähen Belag, der Karieslöcher in den Zahn ätzt, sich ins Zahnfleisch frisst oder auch andere Mundschleimhauterkrankungen wie Soor oder Aphthen fördert oder deren Heilung behindert. "Eine gewissenhafte Zahnpflege sorgt für einen festen Zahnhalteapparat und nicht entzündete Schleimhäute. Das beugt vor. Eine Schleimhaut, die leicht blutet, ist empfindlicher. Keime können leichter aufsitzen, Krankheiten sich entwickeln", sagte Dr. Johannes Klein, Assistenzarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Heidelberg, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

Aus polymeren Kohlenhydraten und Eiweißmolekülen schaffen sich die Siedler im Mund gemeinschaftlichen Wohnraum. Jedes Bakterium, das anhaftet, wird zur Andockstelle für weitere Keime. Es genügt freilich nicht, dass einzelne Bakterien auf einer Oberfläche Platz nehmen und sich vermehren. Damit ein Biofilm zustande kommt, müssen sie ihre Aktivitäten entsprechend koordinieren (7). Sie prüfen, ob genügend Teilnehmer für solch ein Gemeinschaftswerk versammelt sind. Dazu dienen spezielle Signalmoleküle, die jede Bakterienzelle nur in geringer Menge freisetzt. Wenn ihre Konzentration über einen bestimmten Grenzwert ansteigt, wird das nötige Quorum als erreicht angesehen.

Solche chemischen Signale taugen nicht nur zur Verständigung mit Artgenossen. Die Bakterien kommunizieren auch mit artfremden Nachbarn. Schließlich leben verschiedene Mikroorganismen in diesem Biofilm einträchtig zusammen, ihre unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten machen die Lebensgemeinschaft für alle Beteiligten profitabel. Die schleimige Unterkunft bietet ihren Bewohnern auch einen gewissen Schutz vor widrigen Umwelteinflüssen, etwa vor Attacken des Immunsystems oder der Bürste. Mit Antibiotika ist diesen Ökosystemen weitaus schwerer beizukommen als einzeln lebenden Bakterien. Das mag damit zusammenhängen, dass sie ihren Stoffwechsel anders organisieren.

Bakterien nagen an Zahn und Zahnfleisch

Wie in jedem anderen Ökosystem gibt es harmlose Gesellen, aber auch ein paar Missetäter, die an Mundschleimhaut und Zähnen beträchtlichen Schaden anrichten. Allen voran einer der ärgsten und ältesten Feinde der Menschheit, der mehr Kosten verursacht als alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen: Streptococcus mutans. Gefährlich für den Zahn ist sein Stoffwechselprodukt, die Milchsäure. Die ätzt die Zahnsubstanz weg, fräst Löcher in den Zahn, und es entsteht die häufigste Infektionskrankheit des Menschen, die Karies.

Unter den rund 600 Mikrobenarten im Mund verstecken sich auch solche, die das Zahnfleisch mit einer Parodontitis direkt angehen und zudem Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden haben. Schwere Geschütze gegen das Zahnfleisch fahren beispielsweise zwei Bakterienarten mit Furcht einflößendem Namen auf: Actinobacillus actinomycetemcomitans und Porphyromonas gingivalis. Sie drängen sich zwischen Zahn und Zahnfleisch, dieses rötet sich zusehends und schwillt an. Beim Essen und leichter Berührung blutet das Gewebe. Zwischen Zahn und Fleisch bilden sich bis zu 30 mm tiefe Taschen. Das Zahnfleisch ist auf dem Rückzug, da A. actinomycetemcomitans und P. gingivalis in der Zahnfleischtasche Gewebe abbauende Kollagenasen aktivieren. Der Zahn lockert sich und fällt im Extremfall aus.

Personen mit massiver Parodontitis haben eine etwa acht mal neun Zentimeter große Wundfläche im Mund, informiert das Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Köln. Diese Wundfläche ist mit etwa 1011 Mikroorganismen dicht besiedelt. Immer wenn das entzündete Parodont belastet wird, etwa beim Essen oder Zähneputzen, gelangen die Mikroben durch die kleinen Wunden in den Blutstrom und werden in jeden Winkel des Organismus gespült - und können dort offenbar schwere Schäden hinterlassen.

So haben Personen mit Parodontitis unabhängig von anderen Risikofaktoren ein mindestens doppelt so hohes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Die Bakterien lassen sich bevorzugt auf Herzklappen oder künstlichen Gelenken nieder, da sie dort ähnliche Bedingungen wie im Mund vorfinden. Deshalb sollten Patienten mit künstlichen Herzklappen oder Gelenken vom Zahnarzt nur unter Antibiotika-Gabe behandelt werden. Das Risiko, dass Parodontitis-Keime eine Endokarditis hervorrufen. wäre ansonsten zu groß. Auch auf eine Schwangerschaft können sich die Plagegeister im Mund verheerend auswirken. So ist bei werdenden Müttern mit Parodontitis das Risiko einer Frühgeburt siebenfach erhöht. Krankenhauspatienten mit entzündetem Zahnfleisch sind überdurchschnittlich gefährdet für Lungenentzündungen. Und Diabetiker bekommen ihre Stoffwechselstörung schwerer in den Griff, wenn sie Parodontitis haben. Bekannt ist zudem, dass Diabetiker häufiger unter Parodontitis und Karies leiden als Nicht-Diabetiker.

Die meisten von uns kommen mit den Parodontitis-Übeltätern in Kontakt. Bis zu 60 Prozent der Kinder infizieren sich mit dem gefährlichen Actinobacillus bei ihren Eltern. Auch zwischen Kindern und Partnern wird der Keim leicht übertragen. Untersuchungen an Paaren zeigen: Wer Tag für Tag einen Parodontitis-Mund küsst, der hat sich die Bakterien bald selbst eingefangen. P. gingivalis treibt in über 60 Prozent aller Parodontitis-Münder sein Unwesen. Er besitzt von allen möglichen parodontalen Krankheitserregern das breiteste Spektrum an Gewebe abbauenden Enzymen; das Bindegewebe des Zahnfleischs wird förmlich zerstückelt. A. actinomycetemcomitans forciert bei etwa 30 Prozent der Parodontitis-Betroffenen den Schwund im Mund.

Aphthen bringen den Schmerz auf den Punkt

Es gibt freilich eine Reihe von Mundschleimhautveränderungen, die nicht bakteriell induziert sind. So zum Beispiel Aphthen, die wohl häufigste Erkrankung der Mundschleimhaut überhaupt. Sie präsentieren sich als einzelstehende, etwa linsengroße oberflächliche Geschwüre, die von einer fibrinösen Pseudomembran bedeckt sind und einen roten entzündlichen Hof haben. Sie sitzen gerne am Mundboden, seitlich und unten an der Zunge sowie an der Innenseite der Lippen. Aphthen sind äußerst schmerzhaft und können Essen und Sprechen erheblich behindern. Sie halten sich wenige Tage bis zwei Wochen, bevor sie meist narbenlos abheilen.

Mit Aphthen beziehungsweise aphthoiden Läsionen hat wohl jeder schon mal Bekanntschaft gemacht, zum Beispiel als unangenehme Begleiterscheinung von Infektionen. Die mit Abstand häufigsten Aphthen sind jedoch nicht infektiös und rezidivierend. In den meisten Aphthen-Mündern findet sich die Minor-Form mit ein bis vier kleineren Herden. Seltener treten kleinere Aphthen in großer Zahl in der ganzen Mundhöhle auf. Bei der Major-Form machen zwar nur ein bis zwei Geschwüre zu schaffen, diese sind allerdings bis zu zwei Zentimeter groß. Bei dieser imposanten Form geht der ulceröse Prozess ziemlich tief und kann Narben hinterlassen.

Die eigentliche Ursache der chronisch-rezidivierenden Aphthen konnten Wissenschaftler bis heute nicht finden. Sicher besteht eine familiäre Disposition. Man diskutiert ein Autoimmunleiden, bei dem die Mikrozirkulation der Mundschleimhaut gestört ist. Aphthen treten in Kombination mit anderen Autoimmun- oder Immunmangelkrankheiten aber nicht gehäuft auf. Traumen, Stress, hormonelle Verschiebungen (auf Grund der gelegentlich zu beobachtenden prämenstruellen Prävalenz) und Nahrungsmittelallergien werden immer wieder verdächtigt, blieben ihren Beweis als Auslöser aber bislang schuldig. Eventuell kommt auch ein Mangel an Vitamin B12 oder Eisen in Frage.

"Die mannigfaltigen Therapiemöglichkeiten sind der Beweis, dass man die Ätiologie nicht kennt. Einen Goldstandard der Therapie gibt es nicht", informiert Klein. So kann man versuchen, den Schmerz mit Lokalanästhetika und Adstringentien zu betäuben. In Frage kommen beispielsweise Gele mit Lidocain (zum Beispiel Dynexan® Gel) oder Tinkturen mit Extrakten von Rhabarberwurzel (zum Beispiel Pyralvex®), Myrrhe (zum Beispiel Inspirol® forte), Rathania (zum Beispiel Salvibest®) oder Tormentillwurzelstock (zum Beispiel Repha-Os®). Zusätzlich kann man mit verdünntem Kamillenextrakt (zum Beispiel Kamillosan®), Dexpanthenol (zum Beispiel Bepanthen®) oder Antiseptika wie Chlorhexidin (zum Beispiel Corsodyl®) mehrmals täglich und nach den Mahlzeiten spülen. Nach Kleins Ausführungen behilft man sich in der Klinik auch mit Vitamin-A-, Zitronensäure- oder Trichloressigsäure-Zubereitungen. In schweren Fällen helfen Steroide wie Triamcinolon (zum Beispiel Volon®-A-Haftsalbe). "Wir haben gute Erfahrungen mit Solcoseryl®, einer fixen Kombination aus hämodialysiertem Kälberblut und Polidocanol, gemacht, mit dem man die Aphthen abdeckt und sie dadurch vom übrigen Mundmilieu trennt", berichtet Klein.

"Wenn Aphthen häufiger vorkommen, nehmen wir eine Gewebeprobe, und der Betroffene sollte sich internistisch untersuchen lassen", rät Klein. Kommen nämlich ähnliche Läsionen auch im Genitalbereich vor, so ist stets an die Möglichkeit eines Morbus Behçet, eine schwere Allgemeinerkrankung mit Autoimmunpathogenese, zu denken.

Bei Immunschwäche blüht der Soor

Mit zunächst stippchen-, später rasenartig weißen Belägen an Zunge, Wange oder Gaumen macht der Hefepilz Candida albicans auf sich aufmerksam. Die Beläge sind entweder leicht abwischbar oder mit dem Spatel abzukratzen. Zurück bleiben ein Erythem oder bei hartnäckigeren Auflagen leichte Blutungen. Zwar gehört C. albicans zur normalen Flora der Mundhöhle wie auch des Gastrointestinaltraktes, verhält sich aber gewöhnlich ziemlich unauffällig. Er ist nur etwa bei der Hälfte seiner Träger nachweisbar. Unter bestimmten Umständen vermehrt sich der Pilz im Übermaß, ändert in charakteristischer Weise seine Morphologie und bildet Myzelien aus.

Das Immunsystem beeinträchtigende Erkrankungen wie Malignome oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes begünstigen das Angehen einer Candida-Infektion. Bei HIV-infizierten Patienten ohne adäquate antivirale Therapie ist die orale Candidose eine häufige opportunistische Infektion. Auch Schwangerschaft, Antibiotika sowie inhalativ oder lokal angewandte Glucocorticoide setzen bakterielle Gegenspieler von C. albicans in der normalen mikrobiellen Flora schachmatt und begünstigen somit eine unphysiologische Vermehrung der Hefe. Zudem können schlecht sitzende oder gereinigte Zahnprothesen einem Soor den Weg bereiten.

Neben der Behandlung der Grundkrankheit bekommt man den Soor mit lokal anzuwendenden Nystatin- oder Amphotericin-B-haltigen Zubereitungen (zum Beispiel Nystatin Lederle®, Ampho-Moronal®) in den Griff. Wichtig ist, dass die betroffenen Partien möglichst lange mit dem Wirkstoff in Berührung kommen. Neben Suspensionen, Gelen und Pasten sind Lutschtabletten gut geeignet, die im Mund zergehen und so lange auf die befallenen Stellen einwirken können. Die Candidose auf Grund eines HIV-Infekts muss systemisch behandelt werden, meist peroral mit einem Imidazol wie Fluconazol (zum Beispiel Diflucan®).

Schmerzhaftes Lippenbekenntnis

Nicht selten greift die orale Candidose auf die Lippenschleimhaut über. Dann ziehen sich feine, äußerst schmerzhafte Furchen durch die Mundwinkel, die das Essen und Sprechen erschweren. Man spricht von Mundwinkel-Rhagaden, auch Perlèche oder Faulecken genannt. Zwar ist ein Soorinfekt der häufigste Grund für das brennende Übel, dennoch können auch Eisen- oder Vitamin-B-Mangel sowie schlecht sitzende Zahnprothesen dahinterstecken. Eine ärztliche oder zahnärztliche Abklärung ist angezeigt. Nicht selten verbergen sich hinter den Einrissen der Mundwinkel Allgemeinerkrankungen wie Diabetes.

Die Heilung von Mundwinkelrhagaden ist eine äußerst zähe Angelegenheit. Die ständige Beanspruchung reißt die Wunden immer wieder auf. Wer nach dem Essen die betroffenen Stellen nicht sorgfältig abtupft, riskiert eine Superinfektion mit Bakterien (Krustenbildung) oder Pilzen. Reizende oder irritierende Stoffe in Lippenstiften und scharfe Speisen sind zu meiden. Eine Fettsalbe oder -stift (zum Beispiel Labello®) hält die betroffenen Stellen geschmeidig. Ist C. albicans der Urheber, helfen Nystatin-haltige Pasten.

  

Stress mit den Ersten und Dritten Zahnprothesen sind ein besonderer Härtetest für die Mundschleimhaut. Diese wird regelrecht aufgescheuert, gerötete Druckstellen sind die Quittung. Hier schaffen entzündungshemmende, schmerzstillende Gele, Sprays oder Tinkturen Abhilfe, so zum Beispiel solche mit Lokalanästhetika wie Lidocain oder Benzocain (zum Beispiel Subcutin®), mit Extrakten der Kamille (zum Beispiel Kamillosan®), Rhabarber- (zum Beispiel Pyralvex®) oder Tormentillwurzel (zum Beispiel Repha-Os®). Entweder man gurgelt mit verdünnter Lösung oder tupft die unverdünnte Tinktur mit einem Wattestäbchen direkt auf. Mundspüllösungen mit Chlorhexidin (zum Beispiel Chlorhexamed®) oder Hexetidin (zum Beispiel Hexoral®) desinfizieren.Nicht nur die dritten, sondern auch die ersten Zähne können die Mundschleimhaut bei ihrem Durchbruch schwer stressen. Schmerzstillende, entzündungswidrige Gele oder Tinkturen mit Kamille, Polidocanol und Lidocain (Dentinox®) haben schon so manchen Eltern zu ruhigeren Nächten verholfen.

  

Bei Präkanzerosen auf der Hut sein

Hinter Veränderungen der Mundschleimhaut können sich auch Präkanzerosen verbergen, also Vorerkrankungen, die zwar selbst noch keine bösartige Geschwulst darstellen, statistisch aber gehäuft in ein Karzinom übergehen. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass 80 bis 90 Prozent der Mundhöhlenkarzinome aus einer völlig intakten Mundschleimhaut entstehen. Nur der Rest entwickelt sich quasi mit Vorankündigung aus einer Präkanzerose. Von Bedeutung sind Lichen ruber und Leukoplakien.

Der Lichen ruber, auch Knötchenflechte genannt, ist eigentlich eine Erkrankung der Haut, in 40 Prozent der Fälle ist jedoch auch die Mundhöhle betroffen. Die Flechte kann sich sogar isoliert nur im Mund breit machen. Über seine Ursachen ist nichts bekannt. Zu Beginn präsentiert sich der Lichen ruber häufig mit einzelstehenden, weißlichen Papeln, die sich zu einem feinen farnkrautartigen Netz zusammenschließen. Meist trifft es die bukkale Schleimhaut, häufig auch die Zunge. In der Regel hat der Patient keine Beschwerden. In seltenen Fällen kann die Flechte erosiv und schmerzhaft werden und sich im ganzen Mund zu einer eindrücklichen erosiv-ulcerösen Stomatitis auswachsen. Weil mit der Zeit die Schleimhaut atrophieren und sich daraus ein Karzinom entwickeln kann, ist eine lokale Therapie mit Corticosteroiden oder Vitamin-A-Säure-haltigen Präparaten indiziert. Allerdings: Stichhaltige Beweise für die Wirksamkeit dieser Medikation im Vergleich zu Placebo fehlen.

   

Arzneimittel als Stomatitisauslöser Einige systemisch verabreichte Medikamente können der Mundschleimhaut in Form des so genannten fixen Arzneimittelexanthems Schaden zufügen. Die Sache fängt meist harmlos an: Erst zeigen sich einige diskrete Rötungen an der äußeren Haut oder Mund- beziehungsweise Genitalschleimhaut. Wird das Arzneimittel weiter eingenommen, kann die Zahl der Entzündungsherde zunehmen. Bei der schwersten, allerdings auch seltenen Form der medikamentösen Allergie, der toxischen epidermalen Nekrolyse, wird die gesamte Mundschleimhaut zerstört und abgestoßen .Häufiger lassen Arzneimittel das Zahnfleisch hypertroph wuchern. Gingivahyperplasien werden beobachtet bei Antiepileptika wie Phenytoin, Calciumantagonisten, vor allem Nifedipin, Cyclosporin A, bei ACE-Hemmern wie Captopril, Salicylaten, Sulfonamiden, Phenolphthalein oder peroralen Kontrazeptiva. Wird wegen Zahnschmerzen eine Schmerztablette, beispielsweise mit Acetylsalicylsäure, längere Zeit gegen das Zahnfleisch gepresst, so kann es dort zu einer Schleimhautnekrose kommen.

  

Wichtiger zur Früherkennung eines Mundhöhlenkrebses sind die Leukoplakien. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation ist die Leukoplakie eine vorwiegend weiße Läsion der Mundschleimhaut, die sich nicht anderweitig charakterisieren lässt. Diese neue Begriffsdefinition ersetzt die ältere, aber griffigere Erklärung, nach der Leukoplakien weiße, nicht abwischbare Flecken sind, die klinisch oder histopathologisch keiner anderen Krankheit zuzuordnen sind. Die Flecken können sich überall tummeln: an Lippen und Wangen, am Gaumen, Zahnfleisch und Mundboden sowie an der Zunge.

Sowohl klinisch als auch histologisch unterscheidet man zwei Typen: klinisch eine plane und eine warzenartige Form, histologisch eine Leukoplakie mit und ohne Zellatypien. Vermutlich sind die verschiedenen Formen mit einer unterschiedlich hohen Entartungsrate assoziiert. "Die meisten Leukoplakien, die wir zu sehen bekommen, sind einfache Formen, die nicht entarten. Die Entartungsrate liegt bei uns unter einem Prozent. Das kann in anderen Ländern aber anders sein. Bei den Indern oder Ceylonesen liegt die Entartungsrate bei bis zu 11 Prozent, was sicherlich ernährungsbedingt ist", erzählt Klein von seinen Erfahrungen aus der Sprechstunde für Mundschleimhauterkrankungen, die seit rund zehn Jahren an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Heidelberg etabliert ist.

 

Arzneimittel legen Speicheldrüsen trocken Verschiedenen Arzneistoffen wird Mundtrockenheit als Nebenwirkung zur Last gelegt. Medikamente sind die häufigste Ursache der Xerostomie. In der Tat bleibt nach der Einnahme von mehr als 400 Arzneistoffen häufig die Spucke weg. Die häufigsten sind: Antihistaminika wie Diphenhydramin oder Dimetinden, Antidepressiva wie Amitriptylin oder Doxepin, Neuroleptika wie Haloperidol oder Promethazin, das Antiparkinsonmittel Biperiden, Antihypertonika wie Clonidin (auch in Glaukom-Augentropfen), Nifedipin, ACE-Hemmer und Betablocker sowie Anticholinergika wie Oxybutynin, Atropin und Scopolamin. Auch durch die Elektrolytverschiebung nach Diuretika kann der Mund trocken laufen. Wenn die Xerostomie auf das Konto von Arzneimitteln geht, ist zu prüfen, ob ein Arzneistoff nicht gegen einen anderen ausgetauscht werden kann. Ist das nicht möglich, ist künstlicher Speichel ein guter Tipp. Zum Beispiel hält ein Spray, das eine Mischung verschiedener Mineralsalze sowie Carmellose (Glandosane®) enthält, die Mundschleimhaut etwa ein bis zwei Stunden feucht und wird mit neutralem oder Zitronenaroma angeboten. Ein Pumpspray mit dem Schleimstoff Mucin (Saliva medac®) bindet ebenfalls Feuchtigkeit und bildet einen Gleitfilm im Mund. Betroffene berichten von positiven Effekten beim Lutschen von Dexpanthenol-Tabletten (Bepanthen®). Zusätzlich können Xylit-haltige Bonbons und Kaugummis mit Zitrusfruchtaroma für Feuchte im Mund sorgen. Eine Xerostomie durch Sjögren-Syndrom oder nach Bestrahlungen bei Krebserkrankungen im Bereich des Kopfes und Halses lässt sich mit Pilocarpin-Hydrochlorid (Salagen® Tabletten) behandeln.

  

Jede Leukoplakie bedarf einer sorgfältigen Untersuchung, nicht nur inspektorisch, sondern auch histologisch. Einmal vorhanden, muss eine Leukoplakie ärztlich ständig überwacht werden. Klein: "Wir haben keine verlässlichen Tumormarker. Auch die Probeexzision ist nur repräsentativ für das gewonnene kleine Schleimhautstückchen. Über den Rest der Schleimhaut ist keine Aussage möglich. Deshalb entnehmen wir bei Risikopatienten in bestimmten Abständen eine Gewebeprobe, um eine gewisse Sicherheit bieten zu können. Die Patienten mit einfachen Leukoplakien bestellen wir einmal jährlich; enthalten die Leukoplakien zum Beispiel Dysplasien, entnehmen wir zum Teil auch monatlich Gewebe. Aber ehrlich gesagt, ist man mit der sicheren Einschätzung des Risikos nicht sehr weit."

Die Betroffenen können aktiv etwas gegen ihr Risiko tun, informiert Klein. Dazu müssen Noxen, von denen man weiß, dass sie Leukoplakien unterhalten, ausgeschaltet werden. Allen voran nennt Klein die optimale Mundhygiene, außerdem absolutes Rauch- und Alkoholverbot, Verzicht auf scharfe Speisen und Zimt. "Wird das optimal beherzigt, bessern sich die Beschwerden. Bei manchen verschwinden sie sogar gänzlich." So zum Beispiel bei der so genannten Raucherleukoplakie, bei der die Knötchen nach Abstellen des Rauchens reversibel sind. "Allerdings konnte man das noch nicht signifikant herausarbeiten, ein Grund, warum sich die Kassen bei der Finanzierung schwer tun. Bei Leukoplakie-Patienten befürworten wir auch einen Austausch der Amalgamfüllungen gegen bio-inertes Material, obwohl wir das nicht beweisen können."

Auch die optimale Therapie steht noch in den Sternen des Forscherhimmels, gibt Klein zu. "Wir haben in der Vergangenheit versucht, mit hoch dosierten lokalen Vitamin-A-Zubereitungen das Risiko der malignen Entartung zu drücken. Vitamin A soll die Schleimhaut absäuern, wobei die Schleimhaut an der behandelten Stelle weggeätzt wird. Das bringt jedoch nur lokal einen kurzfristigen Effekt. Meistens kommt dann an einer anderen Stelle des Mundes die Effloreszenz wieder. Auch Laser, Herausschneiden oder Kryotherapie haben nur lokalen, kurzfristigen Erfolg. Der genetische Code, warum die Schleimhaut in ihrer Form anders wächst, wird dadurch nicht behoben. Interessant ist die Tatsache, dass Menschen mit Leukoplakien häufig auch Probleme mit der Schleimhaut im genitalen Bereich oder im Gastrointestinaltrakt haben. Man findet dann praktisch bei einer Magen- oder Darmspiegelung das unruhige Zellbild des Mundes wieder."

Auf welche Symptome sollte der Apotheker achten und wann ist es Zeit, einen Kunden, der immer mal wieder über eine spezielle Stelle im Mund klagt, zum Arzt zu schicken, wollte die Pharmazeutische Zeitung von dem Experten wissen: "Das ist schwer zu sagen. Prinzipiell gilt: Jede Stelle im Mund, die länger als zwei bis drei Wochen besteht, sollte von einem Arzt begutachtet werden. Am besten schicken Sie Ihre Patienten zum Haut- oder Zahnarzt."

 

Literatur

  1. Bengel, W., Leitfaden zu Mundschleimhauterkrankungen. Differentialdiagnostik. Hrsg. Freier Verband Deutscher Zahnärzte 2000.
  2. Blech, J., Zahnmedizin: Schwund im Mund. Spiegel 42 (2000) 328 - 331.
  3. Bork, K., Hoede, N., Korting, G. W., Symptome und Krankheiten der Mundschleimhaut und der Perioralregion. Schattauer Verlag Stuttgart/New York 1984.
  4. Boscheinen, I., Das Biotop Mundhöhle. Apoth. J. 3 (1993) 38 - 42.
  5. Dorn, M., Zimmermann, H., Aphthen. DAZ 47 (1997) 72 -74.
  6. Fricke, U., Keseberg, A., Liekfeld, H., Empfehlungen für die Selbstmedikation nach Leitsymptomen. Leitsymptom Veränderungen der Mundhöhlenschleimhaut. PZ 5 (1992) 39 - 42.
  7. Hohmann, C., Gemeinsam sind Bakterien stark. Pharm. Ztg. 147, Nr. 5 (2002) 65.
  8. Krebs, A., Einige Erkrankungen der Mundschleimhaut. Schweiz. Apoth. Ztg. 16 (1991) 435 - 439.
  9. www.med.uni-heidelberg.de/mzk/mzk-mkg/Patienten/Ambulant/Leukoplakie/Mundschleimhaut/mundschleimhaut.html
  10. Nieweg, R. M. B., Mundschleimhautveränderungen und Mundpflege bei Chemotherapie. Ullstein Mosby GmbH, Berlin/Wiesbaden 1997.
  11. Pitten, F.-A., Kramer, A., Rosin, M., Antiseptik des Mund-Rachen-Raums. PZ Prisma 3 (2001) 185 - 196.
  12. Rahn, R., Antiseptik in der Mundhöhle. In: Hierholzer, G., Reimer, K., Weissenbacher, E. R., Topische Infektionstherapie und Prophylaxe. Thieme Verlag, Stuttgart 1996.
  13. Rahn, R., Ghahremani, M., Schäfer, V., Keimreduzierende Wirkung verschiedener Mundantiseptika. Z. Stomatol. 91/4 (1994) 155 - 160.
  14. Ratgeber gesundes Zahnfleisch. Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie. Regensburg 2000.
  15. Relman, D., Identizifierung von Bakterien in der Mundhöhle. Proceedings der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften 96 (2000) 14547.
  16. Schäfer, C., Wenn die Spuke wegbleibt - Die Behandlung der Xerostomie in der Praxis. PZ Prisma 2 (2000) 102 - 106.
  17. Schweitzer, J., Das ewige Nagen am Zahn. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 7 (2002) 68.
  18. Seemann, R., Allgemeinmedizinische Bedeutung der oralen Gesundheit. Prophylaxe Impuls 4 (2000) 41 - 43.
  19. Williams, D. M., et al., Pathologie der parodontalen Erkrankungen. Carls Hauser Verlag München, Wien 1997.
  20. Wolf, E., Zahnmedizin: Bohrende Fragen an der Oberkante Unterlippe. Pharm. Ztg. 146, Nr. 8 (2001) 10 - 14.

 

Die Autorin

Elke Wolf studierte Pharmazie in Frankfurt. Die Approbation als Apothekerin erfolgte 1995 im Anschluss an das praktische Jahr in der Apotheke Esser in Rödermark/Hessen und in der pharmazeutischen Industrie bei der damaligen Sandoz AG in Nürnberg. Nach einem Praktikum während des Studiums und einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung schreibt sie seit 1997 als freie Journalistin für Fach- und Publikumsmedien sowie für die Industrie. Die PZ-Leser kennen Frau Wolf seither als Autorin zahlreicher spannender Titelbeiträge.

Anschrift der Verfasserin:
Elke Wolf
Traminer Straße 13
63322 Rödermark
Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa