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Umstrittene Wege aus einer therapeutischen Sackgasse

27.03.2000
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-TitelGovi-Verlag

PARACELSUS UND DIE CHEMIATRIE

Umstrittene Wege aus einer therapeutischen Sackgasse

von Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Heidelberg

"Suppenwüst- und Sudelköche" hatte er die Apotheker geschimpft und gewettert: "Die Sudlerei, wie die Mompelierischen Apotheker handeln ist keine Kunst, sondern Sudelwerk mit ihren Sudelküchen." Geschmäht hatte er: "Also auch die Apotheker und etliche Barbierer, nehmen sich der Arznei an, halten und wollten als wäre es ein Holzwagen, gehen in der Arznei um wider ihr eigen Gewissen, vergessen ihre eigenen Seelen, allein das sie reich werden, Haus und Hof und alles was dazu gehört zu richten und aufputzen: Achten nit, dass es unverdient in ihre Hand kommen ist allein wenn es nur da ist."

Was aber hatte man in den vergangenen Jahren nicht alles über sich ergehen lassen müssen: Vorbei die Zeiten, in denen die Vorschriften des "Riccetario Fiorentino" und des guten alten Pseudo-Mesuë galten! Waren nicht durch die Arzt-Humanisten die Texte der Antike wieder zugänglich gemacht worden und hatte es nicht schon genügend Streitereien um die "Errores Araborum" und die "Castigationes Plinii" gegeben? Die Apotheker und Ärzte seufzten. Und nun gingen zu allem Überfluss auch noch Gerüchte um, dieser Paracelsus, ein unsteter Wanderarzt, der vorgab, in Ferrara zum Doctor utriusque medicinae promoviert worden zu sein, schwöre dem Galenismus ab und verfolge eine eigene Therapie, die nicht nur mit Arzneimitteln aus dem "Regnum minerale", sondern auch mit Hilfe von Dämonen heile. Dabei hatten sich die Theorien der "antiqui", die Vier-Säfte- und die Graden-Lehre der Antike bei der Heilung von Krankheiten doch auf das Beste bewährt. Dieses Bücherwissen aber verachtete jener Paracelsus und forderte vielmehr, das Buch der Natur zu lesen und dem Licht der Natur zu folgen.

In dem 1530 entstandenen Paragranum oder Vier-Säulen-Buch hatte Paracelsus (Theophrastus von Hohenheim, 1493/94 bis 1541) seine Ansichten zur Entstehung von Krankheiten und zur Findung von Heilmitteln dargelegt. Der Arzt muss alle Wissenschaften beherrschen, auf denen die Medizin wie auf Säulen ruht. Hohenheim fragt:

"... welcher ist der, der da mag ein Arzt sein ohn die drei? Der da nit sei ein Philosophus, ein Astronomus, ein Alchemist? Keiner sondern er muss in den drei Dingen erfahren sein ..."

Zu diesen drei Säulen Philosophie, Astronomie und Alchemie zählt Hohenheim als vierte Säule die Redlichkeit des Arztes, seine "virtus", die sich in Gott gründet und ihm durch die Natur offenbart wird. Diese vier Säulen ermöglichen es dem Arzt, Krankheiten zu erkennen und Heilmittel zu finden, wenn er den "äußeren" und "inneren" Menschen beobachtet. Die im Menschen selbst aufgehobene Gegensätzlichkeit von Makro- und Mikrokosmos als großer und kleiner Welt, von "innerer" und "äußerer Anatomei" zeigt also dem Arzt den Weg bei seinem Handeln.

Diesem Analogiedenken Hohenheims, das sich auch in der Metapher vom "Magen als dem inneren Alchemisten" widerspiegelt, entspricht seine Auffassung von der Zubereitung der Arzneimittel durch die Alchemia. Nur die mit ihrer Hilfe gefundenen Arcana können ihrer Feinheit wegen als Arzneimittel eingesetzt werden, wobei der Arzt den Lauf des "äußeren Firmaments" beobachten muss, um die im "inneren Firmament" anzuwendenden Arcana richtig zuzubereiten.

Doch Paracelsus fasste nicht nur den Krankheitsbegriff ontologisch auf, er erweiterte ihn zudem durch seinen Arzneimittelbegriff, der nicht mehr alleine auf der antiken Lehre von den vier Elementen beruhte, sondern auf den Tria Principia oder Tria Prima: Sulfur, Mercurius und Sal. Gänzlich konnte sich aber auch Hohenheim der Vorstellung von den vier Elementen nicht entziehen. So besitzt für ihn jedes der Elemente eine "Matrix", die aus ihm einen Körper werden lässt. Ebenso enthält es die Tria Principia, die – unter chemischen Gesichtspunkten – als Verbrennung (Sulfur), Verflüssigung (Mercurius) und Veraschung (Sal) gedeutet werden können. Für Paracelsus stellten diese Tria Principia jedoch keine fassbaren Agentien, sondern vielmehr geistige Prinzipien dar, die eine stoffliche Umsetzung innerhalb des Mikrokosmos dynamisch bewirken. Aufgabe der Alchemia als Scheidekunst oder Ars Spagyrica ist es, aus den Heilmitteln der "Drei Reiche der Natur" eine feinstoffliche Quinta essentia zu ziehen.

Alchemia mach Arcana

Dieser Gedanke war keineswegs neu, sondern lässt sich von der arabischen Alchemie über Johann von Rupescissa bis hin zu Hieronymus Brunschwig und Phillip Ullstadt verfolgen. Doch erst Hohenheim stellte die Quinta essentia als Arcanum an eine hervorragende Stelle im Arzneimittelschatz. Folgerichtig gilt Paracelsus die Alchemia als eine Kunst, Arzneimittel herzustellen: "Nicht als die sagen, Alchemia mache Gold, mache Silber; hie ist das Führnehmen, mach Arcana und richte dieselbigen gegen die Krankheit; da muss er hinaus, ist also der Grund."

Diese Arcana, "... die den Grund des Arztes beschließen", finden sich sowohl im Makrokosmos als auch im Mikrokosmos wieder. So können "äußere Mineralien" und deren Zubereitungen die durch "innere Mineralien" hervorgerufenen Krankheiten heilen: Arcanum mercurii vitae erneuert den menschlichen Körper und führt ihm frische Kräfte zu; Mercurius essentificatus (Antimontrichlorid) und die Tinctura wirken als Universalheilmittel. Arcana sind auch die Magisterien, die aus Steinen, Perlen, Korallen, Pflanzen, Wein oder Blut hergestellt werden. Wenn sie mit Goldverbindungen aufgearbeitet werden, liefern diese Magisterien als Aurum potabile ein vorzügliches Arzneimittel.

Die gelehrten Ärzte zögern

Konnten aber diese Theorien des Schweizer Poltergeistes für die Zeitgenossen einen Ausweg aus der therapeutischen Sackgasse, in die Arabismus und Galenismus geraten waren, darstellen? Nur zögerlich vermochte sich die gelehrte Ärzteschaft für Paracelsus zu erwärmen, zumal dessen in deutscher Sprache abgefasste Schriften in der Mehrzahl nur in Manuskripten von Hand zu Hand gingen. Trotz der Übersetzungen in die Gelehrtensprache Latein von Adam von Bodenstein, Michael Toxites oder Gerhard Dorn schenkte man Hohenheims Theorien im 16. Jahrhundert kaum Beachtung.

Als einer der Ersten setzte sich Johann Winter aus Andernach (1505 bis 1574) in seinem 1571 zu Basel erschienenen Werk "De medicina veteri et nova tum cognoscenda, tum faciunda comentarii duo" mit Hohenheim auseinander. Winter, der seinen Kommentar in Straßburg verfasste, lässt in einem Dialog zwischen dem Dozenten Geron und dem Studenten Mathete die beiden medizinischen Systeme gegeneinander antreten. Zunächst legt er die medizinischen Theorien der antiken Ärzte und der Araber dar und bemerkt: "So sehr sich auch Galenus scheinbar so ziemlich mit allem, was zur Medizin gehört, beschäftigt hat, steht doch fest, dass er Mehreres ohne durchdachte Anordnung mitgeteilt und Manches übersehen hat. Das bezeugt auch eine Auswahl gelehrter Männer, die vor mir gelebt haben. Vieles berichtet er mit wechselnder Güte, einzelne Vorstellungen entwickelt er ungeordnet, Notwendiges übergeht er, obwohl er ein in anderer Hinsicht hochbegabter und in vielen Wissensgebieten überaus gebildeter Mann war."

Zu den Arzneimittelgruppen Simplicia und Composita führt Winter aus:

"Solange die Menschen noch mit guten Sitten begabt einen maßvollen Lebenswandel pflegten, genügten ihnen die Simplicia vollauf. Sobald aber Müßiggang, Genußsucht und andere schwerwiegende Laster den Körper schwächten, wurden kunstvoll hergestellte Composita für nötig gehalten. Daher konnten die Alten alleine mit Kräutern, Wurzeln, Früchten und Samen, die nach einfacher Überlegung auf einfache Weise zubereitet waren, ihre Gesundheit erhalten und die Krankheiten lindern."

Zu diesen Arzneimitteln kamen diejenigen hinzu, die man mit Hilfe der "Ars chemica" gewann. Zwar seien sie – so Winter – bereits vor der Zeit des Paracelsus bekannt gewesen, ihm komme jedoch das Verdienst zu, sie sozusagen "neu entdeckt" und erweitert zu haben. Winter bemerkt:

"Selbst bei einer Behandlung der bösartigsten Erkrankungen, denen mit anderen Arzneimitteln nicht mehr beizukommen ist, erweist sich die Anwendung chemiatrischer Arzneimittel gegenüber der Anwendung früher gebräuchlicher Arzneimittel hinsichtlich der Beeinflussung des ganzen geschwächten Körpers überlegen."

Doch schränkt er sein Lob wieder ein und weist auf die wissenschaftlich Ungebildeten und Kurpfuscher hin:

"Denn ebenso wie die mit Hilfe des Feuers hergestellten Heilmittel schwere Krankheiten gewöhnlich sehr günstig beeinflussen, wenn man sie mit Überlegung einsetzt, so rufen sie oft höchste Lebensgefahr hervor, wenn sie, einem Modetrend folgend, ohne Wissen und Kenntnis angewandt werden."

Der Streit entflammt

Hier klingt bereits jene Auseinandersetzung zwischen "Galenisten" und "Paracelsisten" als einer "querelle des anciens et des modernes" an, die die medico-pharmazeutische Literatur des 17. Jahrhunderts beherrschen sollte. Gegen Paracelsus und ebenso vehement wie dieser schrieb Thomas Erastus aus Heidelberg in den von 1572 bis 1574 erschienenen "Disputationes de medicina nova Philippi Paracelsi" über die Lehren der "bestia", des "grunzenden Schweines", des "Säufers" und "Magiers": "Die auf Feuerkraft erarbeiteten Pharmaka sind nicht sicherer, sondern schädlicher [als die bisher verwendeten]."

Nicht den Tria Principia müsse der Arzt folgen, sondern Galen und Aristoteles als den sicheren Grundlagen ärztlichen Handelns. Vor allem aber begründete Erastus den Ruf Hohenheims als eines "Magiers", der mit Dämonen heilen könne. Dieses in der Blütezeit der Gegenreformation wie der protestantischen Orthodoxie ebenso beliebte wie gefährliche Argument gegen den Paracelsismus greift auch der ansonsten um Ausgleich bemühte Wittenberger Professor der Medizin Daniel Sennert (1572 bis 1637) auf. In dem 1619 erschienenen Werk "De Chymicorum cum Aristotelicis et Galenicis consensu ac dissensu liber" kritisiert er Hohenheims Theologie und die ihm unterschobenen magischen Schriften.

Hätte sich Paracelsus, so meint Sennert, auf seine Tätigkeit als Arzt beschränkt, wäre ihm sicherlich Lob beschieden worden. Doch habe er die Dreistigkeit besessen, sich in theologische Probleme einzumischen. So solle er beispielsweise gedroht haben, Luther und den Papst ebenso wie Galen und Hippocrates in die Schranken zu weisen. Vor allem aber verurteilt Sennert die paracelsische Magie: Wenn Gottes Hilfe ausbleibt, so hilft nach Paracelsus nur noch der Teufel weiter. Trotz zahlreicher Kritik an dieser Gottlosigkeit habe Hohenheim in der "Philosophia Sagax" eine neue Art von Magie dargelegt, die, gleich ob natürlichen oder himmlischen Ursprungs, für Sennert gottlos ist. Er zitiert Hohenheim, nach dem die zweite "species" der "magica coelestis" ein Ding in ein anderes verwandeln könne: Eisen in Kupfer, Saphire in Diamanten, Menschen in Wölfe. Ein Mensch, der solches kann, vermag durch göttliche Kraft ähnlich wie Christus unsichtbar zu werden. In der dritten "species" kann ein Mensch durch die Worte "Nimm dein Bett und wandle, Lazarus, stehe auf!" Wunder vollbringen. Durch die vierte "species" vermag man, einen Esel zum Sprechen zu bringen; von Gott gelehrt, kann man einen aus Gott geborenen Menschen entstehen lassen. Der Mensch kann schließlich aus göttlicher Kraft vollbringen, was immer er will.

Aus Paracelsus schöpften späterhin, so Sennert, viele Ärzte ihre Ansichten über Philosophie und Theologie. Als Anhänger einer von ihnen als "natürlich" bezeichneten Magie und Kabbala vernachlässigten sie die Akademien und Wissenschaften und erwarteten, entweder in ihren Laboratorien durch die Metalle belehrt zu werden oder erhofften wie die "Schwärmer" geheime Eingebungen und Enthüllungen sowie Vereinigungen, Gespräche und Hilfeleistungen ihrer Geister untereinander. Da man viele dieser Lehren unter dem Namen der "Chymicorum" verbreitet habe, sei die "Chymia" vielen verhasst oder zumindest suspekt geworden. Sowohl wegen der großen Bedeutung der wahren "Chymia" als auch zum Schutz der Jugend vor diesen Irrlehren fühlt sich Sennert als Arzt und Chemiker verpflichtet, die Wissenschaft von den Träumereien und absurden Lehren des Paracelsus abzugrenzen.

Hohenheims Lehre gewinnt an Boden

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts standen sich also Galenisten und Paracelsisten unversöhnlich gegenüber. Doch gewinnt Hohenheims Lehre an Boden: Da fährt der "Triumphwagen Antimonii" von einer Ausgabe zur nächsten, da werden weitere Werke des Basilius-Valentius-Corpus zu Bestsellern ihrer Zeit, da kann Oswald Croll (um 1560 bis 1608) in seiner 1609 posthum erschienenen "Basilica chymica" die Aufrichtung einer Res publica spagyrica fordern, und der anonyme Übersetzer dieses Werkes spottet 1629 im Knittelvers:

"Was hast du, Nendthart, sage mir,
für Ursach, dass du für und für
der Alchemisten Arbeit all
verwürfst, vernichtest und schmächst zumal?
Hast du so gar kein Gefallen dran,
so bring ein Bessres auf die Bahn."

Das millenarische "Endreich" der Spagyriker scheint aufgerichtet, und Crolls Übersetzer verhöhnt in der Nachfolge Paracelsi die Galenisten: "Und dieweil sie in ihrer Unwissenheit gleichsam ersoffen, sich wie ein Schwein in dem Kat in der selbigen herum walzen, demnach keinen hohen Sachen können nachsinnen, und lieber auch ihren Irrwegen wollen verharren, als sich von gelehrten und verständigen Leuten unterrichten lassen, als ist es auch kein Wunder, dass sie als Verächter der Geheimnisse der Natur und stolze Eselsköpfe allein, über dem bloßen Namen Chymiae, wann sie dieselbige nur hören nennen, erschrecken, und diese allerheiligst Kunst ohne alle Scheue, mit einem ganz närrischen und Bäurischen Übermut je und je verachten, auf allerlei Weise verlästern, und wie die Hunde, dasjenige, so sie nicht verstehen, anbellen und gleichsam jämmerlich zerreißen, wiewohl sie dieselbige niemals erkannt."

Einen ersten Höhepunkt erreicht die "chemiatrische Bewegung" mit der Einrichtung eines Laboratorium chymicum publicum durch Johannes Hartmann (1568 bis 1631) an der Marburger Universität auf Geheiß des Landgrafen Moritz des Gelehrten. Nun hatte die Chemiatrie die universitäre Anerkennung gefunden, konnten ihre Lehren an Studenten der Medizin weitergegeben und ihre Arzneimittel hergestellt und verkauft werden.

Seine Forschungsergebnisse aus den Jahren 1615 und 1616 ließ Hartmann in einem Labortagebuch niederlegen. Auf dem Text der "Basilica chymica" Oswald Crolls fußend, stellten die Studenten Opium, Laudanum opiatum und Englisches Trinkgold her. Doch Hartmann war vorsichtig: Vor Arbeitsbeginn mussten seine Studenten, die aus Polen, Schlesien, Dänemark und Preußen stammten, sich verpflichten, nichts über die Herstellungsmethoden der chemiatrischen Arzneimittel zu verlautbaren.

In der posthum 1630 erschienenen "Praxis chymiatrica" hatte Hartmann sein Konzept zu Pathologie und Therapie dargelegt. In einem kurzen, in allen Ausgaben im gleichen Wortlaut gedruckten Vorwort erläutert er die "chymische Therapie". Nach der Diagnose – dabei verweist Hartmann auf die Werke von Jean Fernel – wählt der Arzt die Arzneimittel aus. Eine erste Phase im Therapiekonzept besteht in den "universalevacuierenden Purgationes", die auf natürlichem Wege die Krankheiten aus dem Körper vertreiben. Die Arzneimittelgruppen entsprechen den einzelnen Organen: den "Superiora" Ohren, Nase und Mund die "Vomitoria" als Brechmittel; den "Inferiora", dem Mastdarm also, die Purgantia oder Abführmittel. Diuretica wirken als Wasser treibende Mittel auf die Blase, Diaphoretica als Schweiß treibende Mittel durch die Leibesausgänge. Nach dieser "Auswaschphase" schlägt Hartmann eine "Particular-Cur" vor mit dem Ziel, den Patienten zu stärken oder seine Schmerzen zu lindern. Bei der Zusammenstellung dieser sechs weiteren Arzneimittelgruppen erweist sich der "Antecessor medicinae chymiatricae" jedoch nicht als spagyrischer Dogmatiker, sondern berücksichtigt auch die erprobten galenischen Arzneimittel.

Die Chemiatrie: heftig attackiert.....

So hatte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Chemiatrie als eigene Therapierichtung etabliert. Weder der Antimon-Streit, der an der Pariser Medizinischen Fakultät durchgefochten wurde, noch die Angriffe Hermann Conrings (1606 bis 1681) in dem 1648 erschienenen Werk "De hermetica aegyptiorum vetere et nova Paracelsicorum medicina" konnten die Chemiatrie zu Fall bringen. Dabei war insbesondere Conrings Attacke gegen den Paracelsismus und die Paracelsisten gefährlich, weil er in Kenntnis der Schriften Isaak Casaubons (1559 bis 1614) die Grundlagen der "hermetischen Medizin", auf die manche Autoren verwiesen, überprüfte.

Conring bemerkt, dass es leicht sei, diejenigen der Eitelkeit zu überführen, die sich als Künstler ausgeben, sei es in der metallurgischen oder in der medizinischen Kunst. Man müsse jedoch erkennen, dass die paracelsische Lehre von der rechten Wissenschaft und der täglichen Erfahrung abweiche. So betrachtet er es als seine Aufgabe, der paracelsischen Medizin und der Alchemie jene Maske herunterzureißen, mit der sie sich beim Volk den vermeintlichen Anschein des Alters erschleicht, als habe sie schon im alten Ägypten mit ihrem Erfinder Hermes begonnen. Dies – so Conring weiter – sei bisher von niemandem versucht worden, so dass die hermetische Lehre gleichsam durch Übereinstimmung der Gelehrten allenthalben bekräftigt würde. Daher hätten die Paracelsisten Verdrehungen und Unwissenheit zum Vorwand genommen, alles zu erneuern und zu verwirren. Er hingegen habe beschlossen, diesen Irrtum in aller Öffentlichkeit aufzuzeigen, um so die frühere Sicherheit der medizinischen und philosophischen Lehren vor Schaden zu bewahren.

.... und dennoch etabliert

Dass es Hermann Conring trotz der Hinweise auf die erfabelte und sagenhafte Herkunft der hermetischen Lehren nicht gelang, die chemiatrischen Arzneimittel aus dem Arzneischatz zu entfernen, zeigt ihre Aufnahme in den offizinellen Arzneimittelschatz der Pharmakopöen. Während sich im "Dispensarium Coloniense" aus dem Jahre 1628 kaum chemiatrische Arzneimittel finden, zeigen die Ausgaben der "Pharmacopoea Augustana" seit dem Jahre 1640 eine Fülle an solchen Zubereitungsvorschriften, die in einer eigenen Mantissa dem Arzneibuchtext angehängt waren.

Als Kommentar zur Augsburger Pharmakopöe erschien 1652 das Werk "Animadversiones in Pharmacopoeam Augustanam et anexam eus mantissam" des Arzt-Apothekers Johann Zwelfer (1618 bis 1668). Diese "Animadversiones", die nach der Nürnberger "editio princeps" noch viele Ausgaben erfuhren, erwiesen sich wiederum als Bestseller. Auch die Zwelfersche "Pharmacopoea Regia; seu, Dispensatorium novum" aus dem Jahre 1652, die gleichfalls chemiatrische Arzneimittel propagierte, wurde immer wieder nachgedruckt. Die "Pharmacopoea medico-chymica" des Frankfurter Stadtarztes Johann Schröder (1600 bis 1664) griff 1641 gleichfalls das Thema auf. Da, wie Schröder berichtet, die erste Ausgabe bereits nach zwei Tagen vergriffen war, drängte das Publikum auf eine sofortige Neuausgabe, die allerdings erst 1644 zu Ulm erscheinen konnte. So trugen nicht zuletzt die eingangs zitierten "Suppenwüst und Sudelköche", "die doelpete Esel mitsamt ihren Doctoribus" ein Jahrhundert nach Paracelsi Wirken dazu bei, sein therapeutisches Konzept durch die weit verbreiteten Arzneibücher in jeden Winkel des Reiches zu tragen.

Literatur
(1) Benzenhöfer, U., Paracelsus. Reinbek bei Hamburg 1997 (rororo-Monographien, 1290).
(2) Conring, H., De Hermetica Aegyptiorum vetere et Paracelsicorum nova medicina. Helmstadt 1648.
(3) Croll, O., Basilica chymica oder Alchymistisch Königlich Kleynod. Frankfurt/Main 1629.
(4) Crollius, O., De signaturis internis rerum. Die lateinische Editio princeps (1609) und die deutsche Erstübersetzung (1623). Hrsg. u. eingel. v. Kühlmann, W., u. Telle, J., Stuttgart 1996 (Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit, 5).
(5) Hartmann, J., Praxis chymiatrica. Leipzig 1633.
(6) Krafft, F., "Die Arznei kommt vom Herrn, und der Apotheker bereitet sie". Biblische Rechtfertigung der Apothekerkunst im Protestantismus: Apotheken-Auslucht in Lemgo und Pharmako-Theologie. Stuttgart 1999 (Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, 76).
(7) Paulus, J., Paracelsus-Bibliographie 1961 - 1998. Heidelberg 1998.
(8) Schneider, W., Mein Umgang mit Paracelsus und Paracelsisten. Frankfurt/Main 1982.
(9) Sennert, D., De Chymicorum cum Aristotelicis et galenicis Consensu ac Dissensu Liber. Frankfurt und Wittenberg 1655.
(10) Theophrast von Hohenheim, gen. Paracelsus: Sämtliche Werke. 1. Abt. Medizinische, naturwissenschaftliche und philosophische Schriften. Hrsg. v. Sudhoff, K., 14 Bde. München 1922 - 1933.
(11) Winter, J., De Medicina veteri et nova tum cognoscenda, tum faciunda: Commentarii duo. Basel 1571.
(12) Bio-bibliographischer Hinweis: Zu Leben und Werk der genannten Autoren s. Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. v. Killy, W., 15 Bde. Gütersloh u. München 1988 - 1993.

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke
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