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PZ Titel

03.03.1997  00:00 Uhr

-Titel

Govi-Verlag

Selen - ein essentielles Spurenelement findet Eingang in die Medizin


Erst seit 1957 ist bekannt, daß Selen für den Menschen essentiell ist. Selen ist somit einer der am spätesten als unverzichtbar erkannten Nährstoffe des Menschen, und es ist nicht verwunderlich, daß die Forschung über dieses Spurenelement in vollem Gange ist.

Die Versorgung mit Selen ist in Deutschland marginal - sie schwankt, je nach Berechnungsgrundlage, zwischen 25 und 47 µg Selen pro Tag. Schuld daran sind unsere selenarmen Böden, die keine nennenswerte Anreicherung in der Nahrungskette erlauben. Um dies auszugleichen, ist seit 1987 der Zusatz von Selen zu Futtermitteln erlaubt, so daß tierische Lebensmittel heute die wichtigste Selenquelle darstellen. In jüngster Zeit - gekennzeichnet durch den rückläufigen Fleischkonsum - dürfte daher der Selenstatus der Deutschen eher schlechter geworden sein.

Akute Selenmangelerscheinungen sind allerdings erst weit unter der derzeitigen Selenzufuhr zu erwarten. Die Keshan-Disease, eine in China auftretende Selen-Mangel-Erkrankung, führt bei einer Zufuhr unter 20 µg pro Tag zu dilatativer Kardiomyopathie. Die Wirkorte des Selens lassen jedoch auch auf langfristige Auswirkungen einer suboptimalen Selen-Versorgung schließen. Derzeit sind mehr als 25 selenhaltige Proteine bekannt, die teils nur in bestimmten Geweben, teils in allen Kompartimenten in unterschiedlichen Konzentrationen gefunden werden. Viele davon sind Peroxidasen, die endogen gebildete Peroxide reduzieren. Sie gehören zu einem System, das zellschädigende Oxidationsvorgänge verhindert.

Für die Glutathion-Peroxidase ist nachgewiesen, daß deren Aktivität einer Sättigungskinetik unterliegt und somit vom Selenstatus abhängt. Ein Einfluß einer Selenunterversorgung auf Entstehung und Verlauf verschiedener, mit oxidativen Schädigungen einhergehenden Erkrankungen ist daher sehr wahrscheinlich. Hierzu zählen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Tumorerkrankungen, akute Pankreatitis. Breiten Raum nimmt die Selensubstitution derzeit in der Intensivmedizin ein. Viele Studien haben gezeigt, daß lebensbedrohliche Komplikationen wie Sepsis durch Selengaben reduziert werden können. Weitere Einsatzgebiete sind die chronische Polyarthritis sowie das Asthma bronchiale. Auch bei der Behandlung des chronischen Lymphödems konnte gezeigt werden, daß sich die Symptomatik durch hochdosierte Selengaben gegenüber alleiniger physikalischer Therapie signifikant verbesserte.

Einwände gegen eine Therapie mit Selen betreffen häufig dessen bekannte Toxizität. Die toxischen Wirkungen sind jedoch erst oberhalb einer Dosis von 500 µg pro Tag zu befürchten. Bei einer täglichen Zufuhr durch die Nahrung von weniger als 50 µg ergibt sich hier eine breite, gut nutzbare und sichere Spanne zum therapeutischen Einsatz von Selen.

In Pharmaka wird dabei ausschließlich das verschreibungspflichtige Natriumselenit, in Nahrungsergänzungen das Selenomethionin und -cystein in Form von Selenhefe verwendet. Selen wird aus diesen Verbindungen gut resorbiert, zunächst zu Selenwasserstoff reduziert und in biologisch aktive Selenoproteine eingebaut. Der Selengehalt in Selenhefe ist gesetzlich begrenzt; für eine akute Therapie, bei der die Dosis 100-300 µg Selen/Tag beträgt, ist folglich Natriumselenit notwendig. Weitere Studien deuten darauf hin, daß die Bedeutung von Selen in Therapie und Prophylaxe zunehmen wird.

PZ-Titelbeitrag von Susanne Nowitzki-Grimm und Peter Grimm, Kernen

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