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Mit der Krankheit leben

25.02.2002
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BRUSTKREBS

Mit der Krankheit leben

von Christiane Berg, Hamburg

"Das ist alles nur ein böser Traum. Das passiert doch jetzt nicht mir! Warum ich? Warum jetzt? Was soll ich nun tun?" Jedes Jahr erkranken in Deutschland circa 46.000 Frauen an Brustkrebs, eine Erkrankung, die mit schweren psychischen Belastungen einhergeht. Zu der plötzlich anstehenden Auseinandersetzung mit Fragen der Endlichkeit kommt hinzu, dass das Mammakarzinom eine massive Attacke auf das Selbstwertgefühl und die Identität der Frau bedeuten kann. Ihre Welt droht zusammenzubrechen. Von einer Minute zur anderen wird alles in Frage gestellt, was bislang wichtig war.

Die Diagnose Brustkrebs führt an Grenzen. Lebensmut ist eine wichtige Vorraussetzung, die schwere Krankheit, die mit ihr verbundene Angst vor langem Leiden und unerträglichen Schmerzen sowie die immer wieder auftretende Hoffnungslosigkeit zu besiegen. Das belegen sehr eindringlich die Schilderungen betroffener Frauen, die ihre Erfahrungen niedergeschrieben haben (siehe Kasten), um anderen Frauen Kraft zur Bewältigung ihres Schicksals zu geben.

Auf der Suche nach Orientierungshilfen

Operation, Bestrahlung, Chemo- und Hormontherapie, unkonventionelle Mittel in der Krebstherapie, Möglichkeiten zur Stärkung der Selbstheilungskräfte: Nach der Diagnose beginnt für die meisten Frauen die Zeit der Suche nach fundierten Informationen als Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen im Kampf gegen den Krebs. Professionellen Rat und Hilfe erwarten die Patientinnen auch und gerade in der Apotheke, zumal sie sich angesichts der immer wieder beschriebenen Eile und Hektik in Kliniken und Arztpraxen oftmals nicht aufgehoben fühlen und drängende Fragen trotz tiefster seelischer Not oft nicht stellen mögen. Nicht vergessen werden darf: Mehr als eine halbe Million Frauen in Deutschland gelten zwar als geheilt; sie leben jedoch in der ständigen Angst, dass die Krankheit wieder aufflackern kann. Auch sie erwarten detaillierte Hinweise und Informationen zur adäquaten Lebensführung*).

 

"Der Knoten über meinem Herzen"
Schilderungen betroffener Frauen

...und flüstere mir vom Leben - Wie ich den Krebs überwand. Anette Rexrodt von Fircks, Ullstein List Verlag, München 2001, ISBN 3-548-36342-3.

Leben mit dem inneren Heiler. Denise de Boer, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2000, ISBN 3-451-04810-8.

Der Knoten über meinem Herzen. Ursula-Goldmann-Posch, Karl Blessing Verlag, München 2000, ISBN 3-89 667-119-7.

Verflucht, ich will leben. Katherine Russel Rich, Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt 1999, ISBN 3-8105-1625-2.

Ich lebe und ich liebe. Denise de Boer, Bruckmann Verlag, München 1997, ISBN 3-7654-2882-5.

Leben - Ich hatte Krebs und wurde gesund. Eva Maria Sanders, Wilhelm Heyne Verlag, München 1997, ISBN 3-453-14863-0.

Einschnitt - Mein Leben mit Brustkrebs. Joyce Wadler, Knaur Verlag München 1994, ISBN 3-426-75057-0.

 

Lösung therapiebezogener Probleme, Verbesserung der Compliance und Motivation oder Hilfestellung bei dem Versuch, Übersicht zu erlangen im Dschungel der unkonventionellen Medizin: Der Aufmerksamkeit und des Sachverstands des Apothekers bedürfen die onkologischen Patientinnen in vielerlei Hinsicht. Die Anforderungen an den Apotheker und die Apothekerin in der Betreuung von Krebspatientinnen gehen weit über die reine Herstellung und Abgabe von Zytostatika hinaus.

Die Anzahl der Neuerkrankungen bei Brustkrebs hat sich in den letzten dreißig Jahren fast verdoppelt. Manche Autoren vermuten einen Zusammenhang zwischen Stress und seelischer Belastung und Häufigkeit des Mammakarzinoms. Als Risikofaktor wird dies bislang nicht akzeptiert. Anerkannt hingegen wird ein Zusammenhang mit falscher Ernährung, sprich der übermäßigen Zufuhr von tierischem Eiweiß und Fett, und deutlichem Übergewicht, aber auch mit dem starken Konsum von Alkohol und Nikotin sowie Bewegungsmangel. Als weitere Ursache werden Umweltgifte diskutiert. Darüber hinaus gelten Kinderlosigkeit sowie das zunehmend steigende Alter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes als Risikofaktoren. Auch das frühe Auftreten der ersten Menstruation, ein spätes Klimakterium, ein Alter über fünfzig Jahre sowie eine lange Hormonsubstitution in den Wechseljahren werden mit erhöhter Brustkrebshäufigkeit in Verbindung gebracht. Auffällig ist, dass immer mehr junge Frauen an Brustkrebs erkranken.

Als hoher Risikofaktor gilt die familiäre Belastung, also die Erkrankung von Großmutter, Mutter oder Schwester an einem Mammakarzinom. Das Risikomerkmal "erblich bedingte Veranlagung" tragen circa zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung. Die familiäre genetische Prädisposition geht mit Mutationen der Brustkrebsgene (Breast Cancer Genes) BRCA-1 und/oder BRCA-2 einher. Liegt eine Genveränderung vor, so beträgt das Risiko, im Laufe des Lebens an Brustkrebs zu erkranken, mehr als fünfzig Prozent. Mit anderen Worten: Mindestens jede zweite Frau mit einer Genveränderung erkrankt. Allgemein ist "nur" jede neunte bis zehnte Frau betroffen.

BRCA-1 gehört wie BRCA-2 zur Gruppe der Tumorsuppressor-Gene, die intakt für den Schutz der Zelle vor maligner Entartung zuständig sind. Ist das Gen verändert, dann, so neueste Forschungen am Tiermodell, beginnt ein Wechselspiel mit dem schon länger bekannten Tumorsuppressor-Gen p53, das daraufhin seine schützende Funktion nicht mehr wahrnehmen kann. Normalerweise trägt dieses Protein als "Wächter des Genoms" zur Hemmung krankhaften Zellwachstums bei, indem es im Zusammenspiel unter anderem mit Zyklin-abhängigen Kinase-Inhibitoren wie p21 veränderte Zellen in die Apoptose, den programmierten Zelltod, treibt. Fällt das Tumorsuppressor-Gen p53 selbst durch Mutationen, beispielsweise in Folge eines inaktivierten BRCA-1-Gens, aus, kommt es sehr rasch zu Hyperplasie und Krebs.

Gendiagnostik: Eine persönliche Entscheidung

Im Rahmen der Gendiagnostik können das BRCA-1- und das BRCA-2-Gen mit Hilfe molekularbiologischer Methoden auf krankheitsauslösende Mutationen hin untersucht werden. Eine solche Gendiagnostik wird in Deutschland eingebettet in eine entsprechende Beratung zurzeit an zwölf Universitätszentren (Berlin, Bonn, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Heidelberg, Kiel, Leipzig, München, Münster, Ulm, Würzburg) angeboten.

Die Genanalyse ist aufwendig, über die gegebenenfalls zu ziehenden Konsequenzen ist man sich bislang nicht im Klaren. "Die Bewertung eines positiven Befundes für die Patientin kann durchaus problematisch sein, da man häufig gar nicht unterscheiden kann, ob eine krankheitsauslösende Mutation oder ein nicht krankheitsrelevanter Polymorphismus vorliegt", so Professor Dr. Clemens Unger, Ärztlicher Direktor der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg, zur PZ. "Die Untersuchungen sollten daher zunächst grundsätzlich diesen Spezialabteilungen vorbehalten bleiben."

Zwar bieten interdisziplinäre Tumorrisiko-Sprechstunden an den spezialisierten Zentren Gelegenheit zum ausführlichen und fundierten Gespräch über das Erkrankungsrisiko, über Möglichkeiten und Grenzen der Diagnose sowie etwaige Konsequenzen und damit gegebenenfalls verbundene psychologische Probleme. Nur die Frau selbst kann jedoch entscheiden, ob eine molekular-genetische Untersuchung für sie sinnvoll ist. Die Antwort auf die Frage "Gendiagnostik ja oder nein?" wird letztlich immer eine ganz persönliche und individuelle Entscheidung bleiben, die von vielen, auch weltanschaulichen Kriterien geprägt ist. Empfehlungen werden nach den bisherigen Erkenntnissen überwiegend zur klinischen Überwachung gegeben. Auf jeden Fall sollten Frauen mit positiver Familienanamnese oder nachgewiesener BRCA-1- oder BRCA-2-Mutation ab dem 25. Lebensjahr in ein "Früherkennungsprogramm Mammakarzinom" eingebunden werden. Dies beinhaltet die monatliche Selbstuntersuchung nach Anleitung, die Tastuntersuchung und Ultraschall beim Frauenarzt alle sechs Monate sowie die jährliche Mammographie beziehungsweise bei schlechter mammographischer Beurteilbarkeit oder auffälligen Befunden in der Mammographie eine Kernspintomographie.

Erhöhtes Risiko durch die Pille?

Besonders sorgfältig muss bei Risikopatientinnen die Frage "Pille: Ja oder nein?" erwogen werden. Die Einnahme oraler Kontrazeptiva scheint grundsätzlich nicht mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko verbunden zu sein. Bei Frauen allerdings, deren Mutter oder Schwester an einem Mammakarzinom erkrankt sind, erhöht die Einnahme oraler Kontrazeptiva nach epidemiologischen Studien das relative Risiko für eine Brustkrebserkrankung um den Faktor 1,2 bis 2.

Sollen diese Frauen generell auf die Pille verzichten? Diese Frage ist bis jetzt nicht eindeutig zu beantworten, da nicht bekannt ist, ob das Brustkrebsrisiko auch bei niedrig dosierten Ovulationshemmern zunimmt. Das erhöhte Risiko für Verwandte ersten Grades war in Studien am offensichtlichsten bei der Einnahme oraler Kontrazeptiva vor oder bis 1975, als die Ovulationshemmer noch relativ hoch dosiert waren. Auch dürfe, so meinen Experten, nicht übersehen werden, dass die Einnahme oraler Kontrazeptiva das Risiko für einen Ovarialtumor senkt. "Man kann zur Zeit weder zu- noch abraten", bestätigt Unger. "Erst die nächsten zwei, drei Jahre werden zeigen, wie eine Entscheidung schwerpunktmäßig aussehen kann."

Kontroverse um die Mammographie

Beim Brustkrebs handelt es sich in 65 bis 80 Prozent der Fälle um ein invasives duktales Karzinom, das also von den Milchgängen ausgegangen und in das umgebende Gewebe infiltriert ist. In der Häufigkeit folgt mit sechs bis 15 Prozent das invasive lobuläre Karzinom, das seinen Ursprung in den Drüsenläppchen hat. Es gibt zahlreiche Sonderformen, die zum Teil in einer Häufigkeit von weniger als drei bis einem Prozent auftreten. Dazu zählt unter anderem das inflammatorische Karzinom, dessen erste Symptome denen einer Entzündung ähneln und das daher vom Arzt differentialdiagnostisch oftmals nicht rechtzeitig erkannt wird. Die vermeintliche Infektion wird mit Antibiotika behandelt, ohne dass sich der Zustand verbessert; dabei verstreicht wertvolle Zeit. Die Patientin sollte daher bei geringstem Unbehagen und Gefühl der Unsicherheit auf eine Biopsie drängen.

Je früher ein Mammakarzinom erkannt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten der Therapie. Achtzig Prozent aller an Brustkrebs erkrankten Frauen haben den Knoten in ihrer Brust selbst entdeckt. Oftmals zu spät. "Internationale wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich die Zahl der Brustkrebs-Todesfälle bei Frauen zwischen vierzig und siebzig Jahren in Deutschland durch ein Mammographie-Screening um zwanzig bis dreißig Prozent verringern lässt", fasst Unger neueste Erkenntnisse zusammen. Doch im Gegensatz zum Beispiel zu den Niederlanden, England, Schweden und den USA ist die Mammographie in Deutschland von der Krankenkasse derzeit nicht als routinemäßige Früherkennungsmethode zugelassen.

Gemäß amerikanischem Vorbild gehen deutsche Initiativen wie "Frauenselbsthilfe nach Krebs", INKA, KID, mamazone, Mut e.V. oder "Wir alle" daher zunehmend mit Demonstrationen, künstlerischen Plakataktionen, Pressegesprächen oder auch Lesungen an die Öffentlichkeit, um ihrer Forderung an die Gesundheitspolitik nach verbesserter Früherkennung, aber auch verbesserter Diagnose und Therapie Gewicht zu verleihen. Die Befürworter der Mammographie als Früherkennungsmethode plädieren für die Erstellung einer "Basis-Mammographie" spätestens zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, auf die dann regelmäßig eine Kontrollaufnahme folgt. Erst durch den Vergleich mehrerer Aufnahmen werde die Mammographie zu einem genauen Diagnoseverfahren.

 

Mut e.V. - Hilfe zur Selbsthilfe INKA, Informationsnetz für Krebspatienten und Angehörige, Woyrschweg 21, 22761 Hamburg, Tel.: (0 40)  44 80 92 86

Wir alle, Frauen gegen Brustkrebs e.V., Alteburgstraße 248, 50968 Köln, Tel.: (02 21)  3 40 56 28

Mut e.V., Westfalenstraße 197, 48165 Münster, Telefon und Fax: (0 25 01) 7 07 05

Mamazone e.V., Ursula Goldmann-Posch, Kornhausgasse 8, 86152 Augsburg, Tel.: (0821) 3 49 45 48

Frauenselbsthilfe nach Krebs, Bundeszentrale, B 6 10/11, 68159 Mannheim, Tel.: (06 21) 2 44 34

 

Rezeptorstatus zur Planung der weiteren Therapie

"Bei Verdacht auf Brustkrebs ist die Bildgebung allein zur Absicherung des Befundes häufig nicht ausreichend", führt Unger weiter aus. Wenn unsicher ist, ob ein benigner oder maligner Herd vorliegt, werde zumeist eine (Feinnadel-) Biopsie durchgeführt. Nur wenn ein mammographischer oder klinischer Befund ein Karzinom so ausgedehnt erscheinen lassen, dass als definitive Therapie die partielle oder radikale Mastektomie, also operative Entfernung der weiblichen Brust, unumgänglich erscheint, werde die Operation so vorbereitet, dass nach der Stanzbiopsie oder Exstirpation (operativen Entfernung des Tumors) mit histologischer Schnelluntersuchung gegebenenfalls sofort weiter operiert werden kann - nicht zuletzt um der Patientin die Belastung einer zweiten Narkose zu ersparen.

Das bei der Exstirpation oder Operation gewonnene Material dient auch der Bestimmung des Rezeptorstatus, das heißt des Anteils an Estrogen- und Progesteronrezeptoren. Zudem wird untersucht, ob der humane epidermale Wachstumsfaktor 2, abgekürzt HER-2/neu, vermehrt gebildet wird. Diese Bestimmungen bieten wichtige Entscheidungshilfen für den weiteren Therapieverlauf. Eine Hormontherapie ist nur sinnvoll bei positivem Hormonrezeptorstatus. Die Behandlung mit Herceptin hat nur Aussicht auf Erfolg, wenn HER-2 überexprimiert ist.

Die wichtigste Grundlage zur Planung der Nachbehandlung, sei es Bestrahlung oder systemische Therapie, liefert die axilläre Lymphonodektomie, die operative Entfernung von Lymphknoten zur histologischen Diagnostik bei Verdacht auf lymphogene Metastasierung eines Tumors und zur Stadienfestlegung. Je höher die Zahl der befallenen Lymphknoten, desto größer die Gefahr, dass Krebszellen an andere Stellen im Körper gewandert sind.

Zu den Prognosefaktoren mit gesicherter Relevanz bei Brustkrebs zählt die Schulmedizin darüber hinaus die Tumorgröße gemäß der TNM-Klassifikation. T steht für Tumor, dessen Ausdehnung mit den Ziffern 0 bis 4 umschrieben wird. N steht für die Zahl der befallenen Lymphknoten (engl. nodes), M1 für Fernmetastasen. T1N0M0 bedeutet somit: kleiner Tumor, örtliche Lymphknoten nicht befallen, Fernmetastasen sind nicht nachzuweisen. Dabei werden zum Ausschluss von Fernmetastasen Thorax-Röntgenaufnahmen, die Skelettszintigraphie sowie die Ultraschalluntersuchung der Leber herangezogen.

Individuelles Vorgehen

"Das Ausmaß des operativen Eingriffs ist nicht nur vom klinischen und histopathologischen Befund abhängig, sondern wird auch von der Persönlichkeit und den Wunsch- und Wertevorstellungen der Patientin bestimmt", betont Unger. Findet sich ein solitärer Knoten, der kleiner als zwei Zentimeter Durchmesser ist, werde die Brust erhaltende Therapie in Erwägung gezogen. Ist der Knoten größer oder multilokal, müsse notwendigerweise eine Mastektomie durchgeführt werden, wobei es zu den Aufgaben des behandelnden Arztes zähle, die Patientin detailliert über das Ausmaß des chirurgischen Eingriffs, Risiken und mögliche Komplikationen sowie weitere Therapiemöglichkeiten zu informieren, um sie an der Entscheidung und Wahl der Vorgehensweise zu beteiligen. Die postoperative Strahlentherapie gilt als integraler Bestandteil der Brust erhaltenden Therapie. Der Einsatz einer adjuvanten Radiotherapie nach Mastektomie ist laut Unger individuell bedingt und hängt von der Schwere des Krankheitsbildes ab, das heißt von der Tumorgröße, vom Hormonrezeptorstatus, vom Lymphknotenbefall und vom Alter der Patientin, wobei ein Alter unter 35 Jahren als Hochrisikofaktor gilt.

Ein individuelles Vorgehen charakterisiert auch die adjuvante Chemo- und Hormontherapie, sprich die medikamentöse Begleit- und Zusatztherapie nach Operation und Bestrahlung. Das klassische CMF-Schema mit sechs Zyklen Cyclophosphamid (zum Beispiel Endoxan®), Methotrexat (zum Beispiel Farmitrexat®) und 5-Fluorouracil (zum Beispiel Fluoroblastin®) sowie alternativ das AC-Schema mit vier Zyklen Doxorubicin (Adriamycin, zum Beispiel Adriblastin®) und Cyclophosphamid sind nach wie vor gültig. Der Freiburger Onkologe verweist auf die große Bedeutung der Empfehlungen der alle zwei Jahre in St. Gallen/Schweiz stattfindenden "Internationalen Konferenz zur adjuvanten Therapie des primären Mammakarzinoms" als Basis aktueller Behandlungskonzepte. Die adjuvante Therapie könne das relative Risiko eines Rezidivs um 25 bis 30 Prozent mindern.

 

"Es geht auch noch um mich"

Die Rolle des "Duldenden" nicht mehr länger akzeptierend, fordern viele Patienten heute nicht nur, in medizinische Entscheidungsprozesse einbezogen, sondern auch als Mensch jenseits der Krankheit wahr- und ernstgenommen zu werden. Diese Entwicklung, der sich Ärzte und Apotheker stellen müssen, beschreibt Professor Dr. Gerd Nagel, Wissenschaftlicher Direktor der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg:

"Die Zeiten sind vorbei, als Patienten kaum Fragen stellten. Als sie sich noch nicht in ihre eigenen Angelegenheiten einmischten. Als wir es uns noch leisten konnten, unser medizinisches Tun auf die Therapie der Krankheit im Menschen zu beschränken und die Menschen in der Krankheit außen vor zu lassen. Heute sagt der kompetente und selbstbewusste Patient: `Es geht nicht nur um meine Krankheit. Es gibt auch noch mich. Heilung von Krebs hat auch zu tun mit der Bewältigung einer Leidenssituation. Ich will, dass dies von der Medizin respektiert und in neue Behandlungskonzepte eingebracht wird´. Es ist wahrscheinlich so, dass die Ergebnisse der Krebsmedizin nicht nur vom medizinischen Tun, von der eigentlichen Tumortherapie abhängen, sondern auch von bestimmten Kräften des Patienten selbst. Manche Patienten sagen, dass ihr innerer Arzt eine mitentscheidende Rolle spielt. Um die Bedeutung oder gar die gezielte Stärkung dieser Kräfte der Selbstheilung hat sich die Medizin bis heute nicht gekümmert. Wir werden von den Patienten unmissverständlich aufgefordert, dieses nachzuholen."

Ein Zeichen der höheren Patientenkompetenz ist das Einholen einer ärztlichen Zweitmeinung. Ein neues Phänomen, stellt Nagel fest: "Wir messen dem Thema Patientenkompetenz große Bedeutung bei. Unsere Erfahrung ist: Die Patienten möchten raus aus der Rolle eines gnadenlosen Schicksals. Sie wollen das Heft des Handelns in der Hand behalten. Sie sagen: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Kompetente Patienten gab es schon immer. Aber bis vor wenigen Jahren nur vereinzelt. Heute nimmt ihre Zahl rapide zu. Wir können es an der Zahl der Patienten ablesen, die eine zweite Meinung, eine Second Opinion, einholen. Sie tun dies nicht aus Misstrauen der Medizin gegenüber, sondern um sich selbst noch überzeugter hinter den medizinischen Plan stellen zu können, nach dem Motto: Erfolg darf man nicht nur anderen überlassen."

 

Bei Hochrisikopatientinnen, zum Beispiel sehr jungen Frauen, oder bei Frauen, die einen sehr aggressiven Tumor haben, werden zusätzlich zu den Anthracyclinen Doxorubicin, Epirubicin (Farmorubicin®) und Idarubicin (Zavedos®) heute mehr und mehr die Taxane Paclitaxel (Taxol®) und Docetaxel (Taxotere®) gegeben. Zugelassen zur Behandlung des fortgeschrittenen Mammakarzinoms bei Anthracyclinresistenz ist der Tubulin-Hemmstoff Vinorelbin (Navelbine®) aus der Gruppe der Vinca-Alkaloide. Noch nicht offiziell zugelassen für die Indikation Mammakarzinom ist der Antimetabolit Gemcitabin (Gemzar®), der in der Therapie des nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms und des Pankreaskarzinoms eine Rolle spielt.

Zur endokrinen Behandlung des Estrogenrezeptor-positiven Mammakarzinoms werden Tamoxifen (zum Beispiel Nolvadex®) und Toremifen (Fareston®) eingesetzt. Tamoxifen ist zwar ein Antiestrogen, hat aber an bestimmten Geweben auch estrogene Wirkung. So stimuliert diese Substanz wie Estrogen das Endometrium am Uterus, so dass langfristig vor allem für Frauen jenseits der Menopause ein erhöhtes Risiko für ein Endometriumkarzinom besteht. Daher werden weitere Wirkstoffe aus der Gruppe der selektiven Estrogenrezeptor-Modulatoren erprobt mit dem Ziel, die unerwünschten Wirkungen zu minimieren.

Auch mehren sich die Hinweise, dass neue Substanzen wie die Aromatasehemmer der zweiten und dritten Generation - Formestan (Lentaron®), Exemestan (Aromasin®), Anastrozol (Arimidex®) und Letrozol (Femara®) - mindestens ebenso wirksam sind wie Tamoxifen. GnRH-Analoga wie Leuprorelin (Enantone®) oder Goserelin (Zoladex®) spielen insbesondere eine Rolle in der Therapie des prämenopausal auftretenden Krebses. In der Postmenopause haben diese Medikamente keinen Stellenwert. Die zum Teil mit beträchtlichen Nebenwirkungen behafteten Gestagene Megestrolacetat (Megestat®) und Medroxyprogesteronacetat (zum Beispiel Clinovir®) dagegen haben ihre Bedeutung in der Therapie des Mammakarzinoms weitgehend verloren.

Neue Hoffnungen durch Trastuzumab

Neue Hoffnungen werden in den im Jahr 2000 eingeführten Arzneistoff Trastuzumab (Herceptin®) gesetzt. Als humanisierter rekombinanter monoklonaler Antikörper gegen den menschlichen epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 (HER 2) ist Trastuzumab in Deutschland zugelassen zur Behandlung von Patientinnen mit metastasierendem Mammakarzinom, deren Tumoren HER 2 überexprimieren. Das scheint bei zwanzig bis dreißig Prozent aller Brustkrebspatientinnen der Fall zu sein. Der Antikörper wird derzeit auch an Patientinnen getestet, bei denen der Tumor noch keine Metastasen gebildet hat, um zu sehen, ob er das Auftreten eben dieser Metastasen verhindern oder verzögern kann.

"Trastuzumab bietet insbesondere den Frauen einen Vorteil, deren Mammakarzinom-Zellen nicht Estrogen-abhängig wachsen, sprich deren Proliferation über die Überexpression der HER-2-Rezeptoren angeregt wird und die somit nicht auf eine Antiestrogen- beziehungsweise Aromatasehemmergabe ansprechen", so Dr. Hartmut Morck, Arzneimittelexperte und Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung. Diesen Frauen habe bislang nur die Therapie mit unspezifisch wirkenden Alkylantien oder interkalierenden Wirkstoffen vom Typ Daunorubicin mit allen Nebenwirkungen zur Verfügung gestanden. Trastuzumab sei sicher die spezifischere und verträglichere Alternative zu diesen Substanzen und ist deshalb 2001 als echte Neuerung mit dem PZ-Innovationspreis ausgezeichnet worden.

 

Kommunikation stärken

Seit mehr als einem Jahr bietet die Klinik für Tumorbiologie in Freiburg ein Fortbildungsprogramm für Apotheker zur Beratung von Krebspatienten an (nähere Informationen bei Steffen Theobald, Klinik für Tumorbiologie, Breisacher Straße 117, 79 106 Freiburg, Tel.: (07 61) 2 06 18 94; E-Mail: theobald@tumorbio.uni-freiburg.de). 

Dazu Professor Dr. Gerd Nagel: "Neben der Schulung von Apothekern zur Beratungskompetenz ist ein weiteres Ziel dieser Veranstaltungsreihe, die Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker zu stärken. Diese Kommunikation ist oft gestört. Es ist an der Zeit, dass beide Seiten verstehen, dass eine Allianz zwischen Patient, Arzt und Apotheker viel, viel mehr bringt als jedes Einzelkämpfertum. Die Klinik für Tumorbiologie fördert die Beratungskompetenz bei den Apothekern, da Ärzte bestimmte Informationen oftmals nicht geben. Ernährung, Lebensstil, Selbsthilfe, Steigerung der Abwehrkraft, der richtige Umgang mit konventionellen und unkonventionellen Mitteln und deren Nebenwirkungen: Hier sind Apotheker zuständig, denn sie sind ganz dicht am Patienten dran und verstehen deren Sprache. Patienten, die von den Großkliniken kommen, sagen oft: Ich habe das Gefühl, mein Krebs ist gut behandelt worden, aber ich nicht. Manchmal bin ich versucht zu sagen: Ärzte verstehen mehr von den Krankheiten, Apotheker mehr von den Menschen."

 

Anorexie, Übelkeit, Erbrechen, Einschränkungen der Knochenmarksfunktion mit Anämie, Leukopenie und Thrombozytopenie, Haarausfall und tumorbedingter Knochenabbau als Folge von Operation, Strahlen-, Zytostatika- oder Hormontherapie: Die Patientin erwartet in ihrer Apotheke nicht nur fundierte Informationen zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Behandlung sowie Lösungsstrategien. Unterstützung verspricht sie sich auch bei dem Versuch, ihre Selbstheilungskräfte zur stärken und Übersicht zu erlangen im Dschungel der Alternativmedizin. Der Apotheker muss als Wegweiser, Informationsvermittler und Lotse dienen, der offen für die Wünsche der Patientin auch nach unkonventionellen Methoden ist, nicht zuletzt, um sie gegebenenfalls vor Schwindel, Scharlatanerie und Quacksalberei zu schützen. Ernährung und Bewegung, Homöopathie und Anthroposophie, Entspannungs- und Visualisierungsmethoden: Mehr dazu in PZ 11.

 

Literatur

  1. Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge, Mammakarzinome. Tumorzentrum München an den Medizinischen Fakultäten der Ludwigs-Maximilian-Universität und der Technischen Universität, 7. Aufl. 1998.
  2. Hintergrundinformationen: Pressekonferenz "Gemeinsam sind wir stärker" der deutschen Initiativen zu Brustkrebs wie INKA, KID, Mamazone, Mut e.V., am 6. September 2000, Hamburg.
  3. APV, Arbeitsgemeinschaft für Pharmazeutische Verfahrenstechnik, Ausarbeitungen zur "Arzneimittelberatung Onkologie". Kurs vom 9. bis 10. Juni 2001 in Lübeck.
  4. Brückenschlag. Patientenzeitschrift der Klinik für Tumorbiologie, Nr. 27/Juni 2001.
  5. Mevissen, G., Brustkrebs: Eine Therapie im Umbruch. Pharm. Ztg. 145, Nr. 50 (2000) 4308 - 4309.
  6. Junker, A., Brustkrebs: Bessere Prognose mit Aromatasehemmern. Pharm. Ztg. 145, Nr. 43 (2000) 3604 - 3505.
  7. Wagner, U., Studie zur adjuvanten Therapie mit Herceptin läuft an. Pharm. Ztg. 146, Nr. 42 (2001) 3690 - 3691.

 

*) In dieser Ausgabe und der PZ 11 informieren wir Sie zeitgleich zum Erscheinen der Videopharm-Themenkasette "Brustkrebs" (Videomagazin zur Apothekerfortbildung) über den neuesten Stand der Erkenntnisse zu Diagnose und Therapie des Mammakarzinoms. Gesprächspartner der PZ sind Professor Dr. Clemens Unger, Ärztlicher Direktor an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg, Professor Dr. Gerhard Nagel, Wissenschaftlicher Direktor dieser Klinik, Dr. Uwe Gröber, Apotheker mit langjähriger praktischer Erfahrung in der Orthomolekularen Medizin, Dr. med. Markus Wiesenauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren, sowie Michael Höckel, Fachapotheker für Offizinpharmazie.

 

Die Autorin

Christiane Berg studierte Pharmazie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde 1984 in der Abteilung Toxikologie des Zentrums Klinisch-Theoretische Medizin II (Leitung: Professor Dr. Otmar Wassermann) promoviert. Im selben Jahr begann sie ihre Tätigkeit als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung in Frankfurt. Sie kommt dieser Aufgabe seit Gründung eines norddeutschen Büros 1989 von Hamburg aus nach. Christiane Berg ist Mitautorin des "Lehrbuches für pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte - Die PKA" sowie Autorin der Patientenratgeber "Umwelt und Gesundheit von A-Z" und "Gut durch die Wechseljahre", die ebenfalls im Govi-Verlag erschienen sind. Sie berichtet regelmäßig für die Neue Apotheken-Illustrierte über aktuelle Gesundheitsthemen und ist seit über zehn Jahren Mitglied der Redaktion Videopharm, Videomagazin zur Apothekerfortbildung.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Christiane Berg
Alte Rabenstraße 8
20148 Hamburg

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