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PZ Titel

24.02.1997  00:00 Uhr

-Titel

  Govi-Verlag

Hämorrhoidalbeschwerden: Therapie in der Selbstmedikation

  Eine Selbstmedikation mit Hämorrhoidalpräparaten kann eine rasche, aber nur begrenzte Linderung der Beschwerden bringen. Sie wirken ausschließlich symptomatisch und keinesfalls heilend. Daher sind diese Präparate nicht unumstritten. Gefährlich wird es, wenn ihre unkritische Anwendung die ärztliche Abklärung der Beschwerden hinauszögert, denn auch schwere Erkrankungen wie Dickdarmkrebs können Symptome wie Blutungen, Nässen und Juckreiz auslösen. Der Apotheker muß die Eigendiagnose des Patienten hinterfragen. Grundsätzlich sollte er den Patienten auffordern, die Ursache seiner Beschwerden beim Arzt klären zu lassen.

Eine Hyperplasie des analen Schwellkörpers und eine Schädigung des verankernden Bindegewebes führt zu Krankheitsbildern, die als Hämorrhoidenbeschwerden oder als innere Hämorrhoiden bezeichnet und je nach klinischem Bild in drei bis vier Stadien eingeteilt werden. Dabei manifestiert sich eine angeborene Bindegewebsschwäche im Verbund mit äußeren Faktoren, zum Beispiel Veränderung der Stuhlkonsistenz oder Schwangerschaft. Hauptursachen der ständigen Überdehnung des analen Schwellkörpers sind eine Behinderung des transsphinkteren Blutabflusses oder eine erhöhte Blutzufuhr. Ein erhöhter Tonus des Schließmuskels behindert den Blutabfluß. Bei Erkrankungen des äußeren, am Ausgang des Analkanals gelegenen venösen Gefäßbündels spricht man korrekt von Analthrombosen oder -hämatomen, nicht von äußeren Hämorrhoiden.

Symptome anorektaler Erkrankungen

Blutungen sind stets ernst zu nehmen und ärztlich abzuklären, da sie auch Darmpolypen oder Tumoren anzeigen können. Dem Stuhl aufgelagertes Blut stammt meist aus dem Analkanal; Blut aus Hämorrhoiden ist hellrot. Juckreiz ist das häufigste Symptom bei proktologischen Erkrankungen und meistens Ausdruck einer entzündlichen Hautveränderung im Analkanal oder an der perianalen Haut. Juckreiz und Brennen entstehen aber auch als Folge ungenügender Hygiene. Nässen und Schmieren zeigen eine Störung der Feinkontinenz an und können - neben Hämorrhoiden zweiten bis vierten Grades - auch bei schweren Erkrankungen auftreten. Schmerzen entstehen bei Läsionen oder Reizungen der Schleimhaut jenseits der Linea dentata, im Bereich der Analkanalhaut oder der perianalen Haut. Bei anhaltenden Durchfällen sollte stets eine entzündliche Darmerkrankung ausgeschlossen werden.

Allgemeine Maßnahmen wie Stuhlregulierung oder schonende Analhygiene spielen eine wichtige Rolle bei Behandlung und Prophylaxe von Hämorrhoidalbeschwerden und können weder durch Medikamente noch andere Verfahren ersetzt werden. Analdehner werden bei Analfissuren oder schmerzhaftem Stuhlgang zur Erweiterung des Analkanals eingesetzt.

Medikamentöse Therapie

Alle Präparate sind nur zur adjuvanten, symptomatischen Therapie geeignet. Die topische Anwendung birgt einige Risiken wie Allergisierung, irreversible Hautveränderungen oder die Gefahr von Pilzinfektion. Eine ärztliche Überwachung ist daher sinnvoll und nötig. Lokalanästhetika werden als Salben oder Zäpfchen in der Perianalregion und im Analkanal angewandt. Sie können Juckreiz und Brennen rasch lindern, daneben aber auch allergische Reaktionen hervorrufen. Benzocain und Procain gelten daher als Mittel der zweiten Wahl.

Glucocorticoide (alle verschreibungspflichtig) wirken antiallergisch, antiphlogistisch, antiexsudativ, juckreizlindernd und antiproliferativ. Die Indikation muß im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen streng gestellt werden und umfaßt das Analekzem sowie Krankheitsbilder mit unstillbarem Juckreiz. Andere Antiphlogistika wie Bufexamac oder Azulene werden als Salben, Suppositorien oder Sitzbäder angewandt.

Adstringentien wie Metallsalze und pflanzliche Gerbstoffe bewirken eine oberflächliche Denaturierung von Haut- und Schleimhautproteinen und wirken so antiexsudativ, lokal hämostyptisch und abschwellend. Wegen der austrocknenden Wirkung sind Adstringentien und feststoffreiche Zubereitungen bei nässenden Beschwerden angezeigt; bei Blutungen ist die gefäßabdichtende Wirkung günstig.

Emollientien sollen harten Stuhl erweichen; Vitamin-A-haltige Zubereitungen sollen die Reepithelisierung anregen. Nutzen und Wirksamkeit von wundheilungsfördernden Stoffen sind schlecht dokumentiert. Antiseptika sollen antibakteriell und antimykotisch wirken; ihr therapeutischer Wert ist angesichts der Keimzahl in den Faezes umstritten.Antiinfektiva werden bei oberflächlichen Infektionen der Haut und Schleimhaut eingesetzt; sie sind teilweise verschreibungspflichtig.

Zu den Arzneistoffen von fraglichem, unzureichend dokumentiertem oder begrenztem Wert zählen Antikoagulantien (Heparine), Venenmittel, direkte und indirekte Sympathomimetika sowie eine Vielzahl weiterer Stoffe, die immer noch in Hämorrhoidenmitteln verarbeitet werden.

Pharmazeutische Aspekte

Hämorrhoidalpräparate stehen als Suppositorien, Zäpfchen mit Mulleinlagen (Tampositorien), Rektalschäume und Salben zur Verfügung. Zäpfchen sollten nach dem Einführen noch im Analkanal tastbar sein und hier möglichst einige Minuten gehalten werden. Tampositorien sind daher günstiger. Salbentuben sollten Applikatoren enthalten; diese werden aufgeschraubt und sollten nach Möglichkeit eine flexible Spitze und seitliche Öffnungen für eine großflächige Verteilung der Salbe im Analkanal haben.

Aus der Fülle von Präparaten kann der Apotheker nur solche mit Wirkstoffen empfehlen, deren Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachgewiesen ist. Die Arzneimittel sollten bei hinreichender Dosierung möglichst wenige Stoffe enthalten und wegen der Allergisierungsgefahr nicht parfümiert oder gefärbt sein.

PZ-Titel von Dr. Eric Martin, Marktheidenfeld
       

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