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PZ Titel

10.02.1997  00:00 Uhr

-Titel

  Govi-Verlag

Therapie der Adipositas erfordert Umstellung der Lebensgewohnheiten

  Mehr als die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig oder adipös; 15 bis 20 Prozent der Erwachsenen sind sehr dick. Adipositas ist somit in Deutschland endemisch. Unsere heutigen Vorstellungen zur Pathogenese - zu viel Essen und zu wenig Bewegung - sind jedoch vereinfachend und nicht geeignet, das Problem zu verstehen. Dementsprechend ist die Therapie meist erfolglos. Eine seriöse Behandlung besteht in einer gesunden Lebensweise; das bedeutet mehr Bewegung, gesunde, also fettärmere Ernährung sowie mehr persönliche Autonomie durch Streßprophylaxe und Spannungslösung.

Von Adipositas spricht man, wenn der Anteil der Fettmasse am Körpergewicht bei Frauen 25 bis 30 Prozent und bei Männern 20 Prozent übersteigt. Das gesundheitliche Risiko hängt vom Ausmaß der Fettsucht, dem Fettverteilungstyp und dem Alter ab. Die Zusammenhänge zwischen Übergewicht und chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hypertonie und Typ-II-Diabetes mellitus sind heute gut belegt. Deren Prävalenz korreliert mit der Prävalenz der Adipositas. Bei androidem (bauchbetontem) Fettverteilungstyp, einer Stoffwechselerkrankung und/oder weiteren Risikofaktoren wie Hypertonie oder Rauchen besteht eine zwingende Indikation zur Therapie bereits bei geringgradiger Fettsucht. Die Ziele sind, neben einer langsamen dauerhaften Gewichtsabnahme, vorrangig eine Verbesserung der Stoffwechsellage, verminderte Morbidität sowie ein Zugewinn an Lebensqualität.

Eine Gewichtsreduktion ist auch für die Behandlung von Folgeerkrankungen wichtig und wird nicht durch deren medikamentöse Therapie ersetzt. Rigide Verhaltenskontrollen und drastische Diäten sind jedoch wenig hilfreich und führen eher zu Störungen des Eßverhaltens. Die Adipositasbehandlung muß individuell und unter Einbeziehung des sozialen Umfelds konzipiert werden. Sie ist interdisziplinär und setzt auf Strategien wie Diätetik, dosierte körperliche Belastung und Verhaltenstherapie.

Schulung und Gesundheitsförderung

Der Arzt muß im Patienten ein Gefühl der Verantwortung für die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen wecken. Die Änderung der Lebensweise bedeutet Vorbeugung, und dabei ist der Lebensstil des Arztes und Therapeuten ganz wesentlich. Schulung in der Gruppe, mentale Angebote wie Supervision oder Streßmanagement sind sinnvoller Teil der Therapie. Gesunde Ernährung und Diätetik sind Grundlagen der Adipositastherapie. Eine gesunde vollwertige Kost deckt den Bedarf an essentiellen Nährstoffen und Energie. Praxisnahe Beispiele sind eine Ernährung nach den Empfehlungen der DGE oder die mediterrane Kost.

Reduktionsdiäten gehören zu den Energie-definierten Kostformen. Nach Energie- und Nährstoffgehalt unterscheidet man die konventionelle Reduktionskost (1200 bis 1500 kcal/Tag), Niedrig- und Niedrigstkaloriendiäten (800 bis 1200 bzw. 400 bis 800 kcal/Tag). Obwohl diese Diäten sicher und etabliert erscheinen, muß vor einer unkontrollierten und wiederholten Anwendung, besonders durch Normalgewichtige, gewarnt werden. Bei der Adipositas besteht grundsätzlich keine Indikation für eine drastische Kalorienreduktion (Heilfasten) und erst recht nicht für ein vollständiges Fasten. Außenseiterdiäten mit extremen Nährstoffrelationen stellen ein Gesundheitsrisiko dar und sind obsolet.

Bewegung

Bewegung und ein gemäßigtes körperliches Training gehören wesentlich zur Adipositastherapie. Die Beratung beinhaltet die sinnvolle Planung von sportlichen Aktivitäten, die sich am Anstieg der Pulsfrequenz und der subjektiv empfundenen Anstrengung orientieren müssen.

Das Konzept der Verhaltenstherapie zielt ab auf ein neues Eß- und Trinkverhalten sowie einen verantwortungsbewußten Umgang mit dem Körper. Der Patient soll eine flexible Kontrolle über sein Eßverhalten erlernen.

Medikamentöse Therapie

Grundsätzlich ist eine medikamentöse Therapie nur sehr selten indiziert und dann auf sechs Wochen zu begrenzen. Experimentell und klinisch geprüfte Medikamente lassen sich in fünf Gruppen einteilen:
  • serotoninerg wirkende und appetitmindernde Stoffe wie Fenfluramin, Dexfenfluramin und Fluoxetin;
  • zentral adrenerg wirksame, appetitdrosselnde und teilweise den Energieverbrauch steigernde Stoffe wie Amphetamine;
  • peripher beta-adrenerg und thermogenetisch wirksame Substanzen;
  • regulatorische Peptide des Darms wie Cholecystokinin und Galanin, Hormone wie Corticotropin-releasing-Hormon;
  • Disaccharidase- und Lipasehemmer.

Anstrengungen zur Prävention

Für die meisten Menschen ist die Fettsucht ein chronisches Phänomen, das gegenwärtig nicht dauerhaft behandelbar ist. Angesichts der Häufigkeit und der Komplexität des Problems Adipositas müssen künftig vermehrt Anstrengungen in der Prävention unternommen werden. Die Vorbeugung ernährungsabhängiger Krankheiten ist gemeinsame Aufgabe aller Partner im Gesundheitswesen.

PZ-Titelbeitrag von Manfred James Müller, Kiel

       

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