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Begleitung für Körper und Seele

10.01.2005
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.Diabetes bei Kindern

Begleitung für Körper und Seele

von Bernhard Kulzer, Bad Mergentheim

Die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes in Deutschland steigt. Vor allem die Zunahme des Typ-2-Diabetes weckt Besorgnis. Frühzeitige Schulung, eine intensivierte Insulintherapie mit dem Ziel einer Normoglykämie sowie die psychologische Unterstützung sind wichtige Voraussetzungen, um Akut- und Folgekomplikationen zu vermeiden. Ebenso wichtig ist es, den Kindern und Jugendlichen eine gesunde psychosoziale Entwicklung zu ermöglichen.

Diabetes mellitus ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter. Insgesamt sind in Deutschland etwa 21.000 bis 24.000 Kinder und Jugendliche (Alter 0 bis 19 Jahre) von Typ-1-Diabetes betroffen (geschätzte Prävalenz 0,08 Prozent) (1, 2). Davon sind 10.000 bis 15.000 Patienten jünger als 14 Jahre. Studien aus Baden-Württemberg, Sachsen und Nordrhein-Westfalen zeigen, dass nicht nur der Typ-2-, sondern auch Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen zunimmt. Die Rate der Neuerkrankungen steigt jährlich um 3 bis 5 Prozent. Etwa 2500 Kinder und Jugendliche erkranken in Deutschland pro Jahr neu (geschätzte Inzidenz in der Gruppe von 0 bis 14 Jahren 16 pro 100.000/Jahr).

Während Diabetes bei Säuglingen eher selten vorkommt, nimmt die Erkrankungshäufigkeit in den Folgejahren zu und erreicht im 12. bis 14. Lebensjahr ihren Gipfel. Die Erkrankung manifestiert sich oft während der Herbst- und Wintermonate. Im europäischen Vergleich besteht ein typisches Nord-Süd-Gefälle. Deutlich höheren Erkrankungsraten in den skandinavischen Ländern (höchste Inzidenz und Prävalenz in Finnland) stehen niedrigere Zahlen in den südlichen Ländern (mit Ausnahme von Sardinien) gegenüber (3, 4).

Diagnose des Typ-1-Diabetes

Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die Insulin produzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. Die Erkrankung ist daher durch einen absoluten Insulinmangel gekennzeichnet, der durch exogen gespritztes Hormon kompensiert werden muss. Etwa 10 bis 15 Prozent aller erkrankten Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren haben erstgradige Verwandte mit Diabetes mellitus. Jedoch besteht kein klar erkennbares Vererbungsmuster. Ist der Vater an Typ-1-Diabetes erkrankt, beträgt das Risiko für das Kind etwa 7 Prozent. Ist die Mutter betroffen, liegt das Risiko bei etwa 2 Prozent. Das Risiko für den eineiigen Zwilling eines Kindes mit Typ-1-Diabetes liegt bei 35 Prozent, für ein Geschwisterkind bei 3 bis 6 Prozent (5).

Das diagnostische Procedere bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes unterscheidet sich nicht von dem bei Erwachsenen (6, 7). Treten die klassischen Symptome wie vermehrter Durst, übermäßiges Trinken, Harndrang oder eine drastische Gewichtsabnahme auf, sollte sofort der Blutzucker gemessen und überprüft werden, ob eine Ketonurie vorliegt. Ein zu irgendeinem Tageszeitpunkt gemessener Blutzucker („Gelegenheitszucker“) von über 200 mg/dl (11,1 mmol/l) reicht entsprechend den gültigen Kriterien für die Diagnose aus. Allerdings muss die Bestimmung mit einem geeichten Messgerät erfolgen.

Typische klinische Anzeichen eines in jungen Jahren beginnenden Typ-1-Diabetes können auch Bettnässen, Bauchschmerzen mit und ohne Erbrechen, ständig wiederkehrende Hautinfektionen sowie Müdigkeit, Reizbarkeit oder stark abnehmende schulische Leistungen sein.

Anhand von immunologischen (Inselzell-Autoantikörper, ICA, oder Insulin-Autoantikörper, IAA) und genetischen Markern, zum Beispiel HLA-Markern, kann man Kinder und Jugendliche mit einem erhöhten Risiko für einen Typ-1-Diabetes mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit identifizieren. Dennoch wird ein generelles Screening gegenwärtig weder für die Allgemeinbevölkerung noch für Hochrisikogruppen, zum Beispiel für Geschwister von erkrankten Kindern und Jugendlichen, empfohlen. Der Grund ist einfach: Es gibt keine Präventionsstrategien, die die Manifestation des Diabetes verhindern könnten. Mehrere randomisierte Studien in Europa (DENIS, BABYDIAB-Studie, ENDIT) und Amerika (DAISY, DPT-1) haben bisher keinen Erfolg gezeigt, den Ausbruch des Diabetes zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern (3, 8, 9).

Bei asymptomatischen Patienten ist eine Nüchtern-Plasmaglucose von größer/gleich 126 mg/dl (7,0 mmol/l) nach einer Fastenperiode von mehr als acht Stunden oder eine Plasmaglucose von größer/gleich 200 mg/dl (11,1 mmol/l) zwei Stunden nach einer oralen Glucosebelastung das entscheidende Diagnosekriterium. Der orale Glucosetoleranztest erfolgt nach denselben Bedingungen wie bei Erwachsenen. Allerdings erhalten Kinder und Jugendliche nicht standardisiert 75 g Glucose, sondern 1,75 g pro Kilogramm Idealkörpergewicht (bezogen auf die Körpergröße), maximal jedoch 75 g. Der Glucosetoleranztest dient primär der Differenzialdiagnose, wenn Verdacht auf einen MODY-Typ (maturity onset diabetes of the young) oder einen Typ-2-Diabetes besteht (3, 6, 7).

Bei ungefähr 30 bis 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen ist - am häufigsten in den ersten ein bis sechs Monaten nach Beginn der Insulinbehandlung - eine partielle Remission zu beobachten (Honeymoon-Phase). Es ist gerade in der Zeit nach der Diagnose, die viele Eltern als Schock erleben, wichtig, diese darauf vorzubereiten, dass die Insulinsekretion der Bauschspeicheldrüse in der Folgezeit kontinuierlich abnehmen wird. Damit beugt man unrealistischen Hoffnungen auf Heilung oder Verbesserung der Erkrankung vor (3, 4).

Typ-2-Diabetes auf dem Vormarsch

In den letzten Jahren hat der Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen weltweit, vor allem in den industrialisierten Ländern zugenommen. Erst kürzlich wurde publik, dass der jüngste Patient in Deutschland bereits im Alter von fünf Jahren erkrankte. Die wichtigsten Risikofaktoren sind Adipositas und eine positive Familienanamnese. Mit dem Übergewicht geht meist Bewegungsmangel einher (10). Untersuchungen bei adipösen Jugendlichen zeigten, dass nicht selten bereits eine Störung des Glucosestoffwechsels vorliegt (11).

Verlässliche Zahlen zur Häufigkeit des Diabetes mellitus Typ 2 im Kindes- und Jugendalter liegen für Deutschland nicht vor. In den Leitlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft wird für 2002 eine Inzidenz von 1,6 pro 100.000 Menschen angegeben (3). Dies würde bedeuten, dass aktuell in Deutschland jährlich etwa 210 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 19 Jahren erkranken (3). Aktuelle Zahlen aus Amerika, wo bereits jedes dritte diabeteskranke Kind an Typ-2-Diabetes erkrankt ist, lassen vermuten, dass es in Deutschland in den nächsten Jahren zu einem ähnlichen Anstieg kommen wird (7).

Therapieziele gemeinsam festlegen

Die Ziele der Diabetestherapie sind gemeinsam mit den Eltern und entsprechend dem Entwicklungsstand auch mit dem Kind oder Jugendlichen festzulegen (Kasten). Im Vordergrund steht eine normale körperliche Entwicklung, vor allem ein altersgerechtes Längenwachstum und ein normaler Pubertätsbeginn. Zudem soll eine normale psychosoziale Entwicklung ermöglicht werden, die durch die Erkrankung und ihre Therapie möglichst wenig beeinträchtigt wird.

 

Therapieziele bei Kindern und Jugendlichen
  • Vermeidung akuter Stoffwechselentgleisungen wie schwere Hypoglykämie, Ketoazidose, diabetisches Koma
  • Prävention diabetesbedingter Folgeerkrankungen, auch im subklinischen Stadium
  • normale körperliche Entwicklung (Längenwachstum, Gewichtszunahme, Pubertätsbeginn)
  • altersgemäße Leistungsfähigkeit
  • gesunde psychosoziale Entwicklung

 

Stoffwechselentgleisungen wie schwere Hypoglykämien und Ketoazidosen müssen vermieden werden. Insbesondere in den ersten Lebensjahren sollten Kinder vor Unterzuckerungen, die eine Auswirkung auf die neurokognitive Entwicklung haben können, geschützt werden. Zugleich gilt es, diabetesbedingte Folgeerkrankungen zu verhindern und zusätzliche Risiken wie Hypertension, Hyperlipidämie, Adipositas und Rauchen zu minimieren oder zu vermeiden (3, 4).

Entgegen der früheren Meinung existiert kein HbA1c-Schwellenwert, unterhalb dessen kein Risiko für Folgeerkrankungen besteht. In den Leitlinien wird überwiegend ein HbA1c-Wert unter 7,5 Prozent als Ziel definiert. Niedrigere Werte dienen der Risikoreduktion (3, 4). Für Kinder und Jugendliche mit Typ-2-Diabetes gelten vergleichbare Therapieziele. Zusätzlich sollten das Gewicht reduziert sowie die häufig bestehende Hyperlipidämie und arterielle Hypertonie normalisiert werden (3, 7).

Intensivierte Insulintherapie

Über die „richtige“ Form der Insulintherapie bei Kindern und Jugendlichen existieren kontroverse Meinungen zwischen verschiedenen Behandlungseinrichtungen und „diabetologischen Schulen“. Auch ist die aktuelle Studienlage nicht eindeutig (3). Eine gewisse Übereinstimmung besteht darin, dass man grundsätzlich gemeinsam mit der Familie und dem jungen Patienten eine individualisierte Behandlungsform finden muss, die zur individuellen Lebenssituation passt.

Die meisten Zentren in Deutschland vertreten die Auffassung, dass von Anfang an eine intensivierte Insulintherapie, also differenzierte Basal- und Prandial-Insulinsubstitution, erfolgen sollte, selbst wenn der initiale Insulinbedarf des Kindes in der Remissionsphase so niedrig ist, dass er mit einer konventionellen Therapie, also täglich mit einer oder zwei Insulininjektionen, behandelt werden könnte (12). Die intensivierte Therapie ermöglicht mehr Flexibilität, eine möglichst wenig eingeschränkte Auswahl von Nahrungsmitteln und eine einfachere Korrektur erhöhter Blutzuckerwerte. Zudem muss die Therapie nach Ende der Remissionsphase nicht umgestellt werden.

Die Insulininjektionen und die Mahlzeiten sollten flexibel auf den Tagesablauf des Patienten abgestimmt werden. Bei einigen Kindern und Jugendlichen kann auch eine intensivierte Insulintherapie mittels kontinuierlicher subkutaner Infusion (CSII: Continous subcutan insulin infusion; Insulinpumpentherapie) vorteilhaft sein (3).

Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Insulintagesdosis sehr unterschiedlich und kann auf Grund vieler Faktoren, zum Beispiel Dauer und Phase des Diabetes, Alter, Gewicht, Hormoneinflüsse in der Pubertät, Nahrungsaufnahme und -verteilung, körperliche Betätigung, Tagesablauf, Blutzuckerentgleisungen oder kurzzeitige Erkrankungen, stark schwanken. Regelmäßige Kontrollen sowie Anpassung der Insulindosis und des Therapieregimes sind daher dringend erforderlich. Kinder vor der Pubertät (außerhalb der partiellen Remissionsphase) benötigen in der Regel 0,7 bis 1,0 I.E./kg am Tag. Während der Pubertät kann der Insulintagesbedarf auf über 1 I.E./kg ansteigen (13).

Schulung ist unerlässlich

Die Patientenschulung stellt einen integralen Bestandteil jeder Diabetestherapie dar und ist eine Grundvoraussetzung für deren Gelingen im Alltag. Ziel ist es, die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen – und im besonderen Maß auch die ihrer Eltern – im erfolgreichen Selbstmanagement der Erkrankung zu fördern.

Es ist wichtig, dass die Familie von Anfang an mit einbezogen wird, da sie zum einen die Verantwortung für die Therapieentscheidung trägt, zum anderen aber auch Wissen und praktische Fertigkeiten für die Umsetzung der Therapie im Alltag haben muss. Eine ausführliche Initialschulung ist daher essenziell. Leider gibt es bisher in Deutschland kein strukturiertes, publiziertes Schulungsprogramm für Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes. Diese Lücke schließt das Buch von Hürter und Lange (14), das zum Selbststudium der Eltern gedacht ist, aber keine Schulung ersetzen kann.

Für Kinder und Jugendliche gibt es dagegen sehr gute Schulungsmöglichkeiten. Die meisten erhalten bereits bei der Diagnose eine kind- oder jugendgerechte Schulung. In speziellen Einrichtungen stehen dafür in der Regel interdisziplinäre Teams bereit. Allerdings fehlen evaluierte Schulungs- und Behandlungsprogramme für Eltern, ebenso Wiederholungsschulungen und Angebote, die primär für Jugendliche mit besonderen Problemen mit der Therapie konzipiert sind. Entsprechend der Entwicklung und der zunehmenden kognitiven Reife werden in etwa zwei- bis dreijährigen Abständen Folgeschulungen empfohlen.

Das Schulungsprogramm für Kinder (15) der Autorengruppe um Professor Peter Hürter von der Kinderklinik auf der Bult, Hannover, ist von der Deutschen Diabetes Gesellschaft als „Schulungs- und Behandlungsprogramm entsprechend den Richtlinien der DDG“ zertifiziert. Das Bundesversicherungsamt hat es als anerkanntes Schulungsprogramm im Rahmen der Disease-Management-Programme Typ-1-Diabetes zugelassen.

Für Jugendliche gibt es von derselben Autorengruppe ein ebenfalls sehr empfehlenswertes Schulungsprogramm (16). Hierbei handelt es sich um ein modulares System. Das Programm besteht aus verschiedenen Einheiten, die gleichermaßen in der Einzel- wie auch der Gruppenschulung eingesetzt werden können. Auch dieses Programm ist im Rahmen der DMP abrechenbar.

Psychosoziale Einflüsse beachten

Diabetes ist für die Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien eine zusätzliche Lebensaufgabe. Die Integration der chronischen Erkrankung in das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen ist nicht leicht. In der Regel hat der Diabetes einen sehr großen Einfluss auf das Familienleben und kann zu einer Überforderung aller Familienmitglieder, psychischen Belastungen oder Störungen führen. Dies wiederum beeinträchtigt die Therapie.

In der ersten Phase nach der Diagnose wünschen viele Eltern eine psychologische Beratung (17). Hier stehen meist die Verarbeitung von Diagnose und Schuldgefühlen, die Regelung der Verantwortlichkeit für die Therapie sowie praktische Fragen nach der Integration des Diabetes in das Familienleben im Vordergrund.

Längsschnittstudien haben gezeigt, dass die initiale Anpassung an die neue Lebenssituation von großer Bedeutung ist. Kinder, denen dies nicht gelingt, haben ein deutlich erhöhtes Risiko für eine schlechte Diabetesbewältigung mit unbefriedigender Stoffwechselsituation und psychosozialen Schwierigkeiten (3, 18, 19). Eine Reihe von psychosozialen Faktoren können das Risiko erhöhen, dass es zu einer unzureichenden Therapie und/oder psychischen Störungen kommt (Tabelle).

 

Tabelle: Risikokonstellationen, die das Erreichen der Therapieziele erschweren

Zielgruppe (Literatur)Prognostisch ungünstige Faktoren Eltern (3, 20, 21, 22, 23) mangelnde Krankheitsakzeptanz
geringe familiäre Unterstützung
unvollständige Familien, familiäre Konflikte
emotional belastendes Familienklima
psychische Erkrankung eines Elternteils
niedriger sozialer Status der Familie
Migration Kind, Jugendlicher (24, 25) Lerndefizite, Leistungsprobleme
Verhaltensauffälligkeiten
geringe soziale Kompetenz
fehlende Zukunftsperspektive oder Lebensstruktur
Selbstwert- oder Autonomieprobleme
klinische oder subklinische psychische Störung Behandlung (3, 26, 27, 28) Überforderung des Kindes oder Jugendlichen durch die Therapie
zu frühe Übergabe von nicht altersgerechter Verantwortung für die Therapie
langfristige Behandlung in einer nicht auf Diabetes spezialisierten Einrichtung
fehlende Behandlungskontinuität
fehlende psychologische Unterstützung

 

Das Ergebnis der Therapie wird wesentlich von psychosozialen Faktoren geprägt, die in Bezug auf die Ergebnisqualität einen stärkeren Einfluss haben als die Wahl einer bestimmen Insulintherapie, der Insulinsorte oder der Applikationsform. Daher ist es in der Langzeitbetreuung notwendig, die aktuelle psychosoziale Situation und belastende Lebensereignisse kontinuierlich zu erfassen. Zum anderen ergibt sich daraus auch die Bedeutung einer psychologischen Begleitung und Betreuung von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern, besonders von Familien mit ungünstiger Prognose. Pädagogische und psychologische Interventionen verbessern nachgewiesenermaßen die Fähigkeit aller Beteiligten, positiv mit der Erkrankung umzugehen, eine bessere Stoffwechseleinstellung zu erreichen und psychischen Problemen vorzubeugen (29).

Viele Probleme in der Adoleszenz

Studien zur Ergebnisqualität der Therapie zeigen leider, dass eine normoglykämische Einstellung vor allem in der Adoleszenz nur selten erreicht wird (30). In dieser Zeit haben erfahrungsgemäß besonders viele jugendliche Diabetiker Schwierigkeiten, gut mit ihrer Krankheit zurechtzukommen (17).

Zumeist ist dies auch der Lebensabschnitt, in dem die Manifestation des Diabetes am schwierigsten bewältigt wird. Dies liegt unter anderem daran, dass die Anforderungen der Krankheit den alters- und entwicklungspsychologischen Bedürfnissen von Jugendlichen nicht entsprechen. Für eine gute Stoffwechseleinstellung wäre es sinnvoll, relativ pünktlich (zum Beispiel Spritzzeiten einhalten), genau (regelmäßig den Blutzucker kontrollieren), ordentlich (immer die Blutzuckerwerte protokollieren), selbstsicher (vor anderen den Blutzucker testen) und vernünftig (auf attraktive Dinge verzichten, um langfristig Folgeschäden des Diabetes zu vermeiden) zu sein. Jedoch stellen die meisten Jugendlichen in dieser Lebensphase traditionelle Normen und Werte eher infrage, leben spontan, gegenwartsbezogen und möglichst selbstbestimmt.

Die Ablehnung von äußeren Zwängen und der Versuch, nach eigenen Vorstellungen zu leben, werden meist auf den Diabetes übertragen. Dies kann sich darin ausdrücken, dass die Jugendlichen die starren Vorgaben des Therapieregimes ablehnen und möglichst flexible Ess- und Spritzzeiten wünschen. Viele empfinden die Ablehnung des täglichen Zwangs zur Stoffwechselkontrolle als Mittel, um die eigene Selbstbestimmung zu erlangen.

Für nicht wenige Jugendliche hat der Wunsch, altersgemäß Autonomiebedürfnisse ohne ständige Rücksicht auf die Krankheit auszuleben, eine größere Bedeutung als die Tatsache, durch genaues Einhalten der Therapiebedingungen eine möglichst gute Stoffwechseleinstellung zu erreichen, um damit in einer fernen, oft nur abstrakt vorstellbaren Zukunft als Erwachsener seine Gesundheit zu erhalten. Zudem wird eine gute Stoffwechseleinstellung durch Wachstumshormone, bei Mädchen die beginnende Menarche und eine verstärkte Insulinsensitivität erschwert.

In der Adoleszenz schwindet der Einfluss der Eltern und von Autoritäten wie Ärzten. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung der peergroups zu. Durch das gesteigerte Identifikationsbedürfnis mit Gleichaltrigen fällt es Jugendlichen schwer, sich anders als die Altersgenossen zu verhalten. Andererseits kann eine Gruppe in dieser Lebensphase wichtige Unterstützung bieten. Es ist daher notwendig, besonders während der Adoleszenz, in der grundlegende Einstellungen zur Erkrankung geprägt werden, spezielle Therapieangebote für Jugendliche vorzuhalten, die ihnen helfen, mit ihrer Erkrankung gut zurechtzukommen. Studien zeigen, dass Patienten, die während der Kinder- und Jugendzeit gravierende Problem mit dem Diabetes haben, ein lebenslang erhöhtes Risiko für eine unbefriedigende Stoffwechselsituation und fortgesetzte psychosoziale Schwierigkeiten haben (31).

Zukunftsperspektiven

Gerade die Zunahme von Typ-2-Diabetes im Kindes- und Jugendalter ist Besorgnis erregend. Es gilt, möglichst rasch effektive Strategien zur Verhinderung der Adipositas und des Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen zu entwickeln und konsequent umzusetzen. Aber auch die Zahl der jungen Typ-1-Diabetiker nimmt zu, was eine Beteiligung von Umweltfaktoren an der Genese der Erkrankung immer wahrscheinlicher macht. Effektive Maßnahmen zur Prävention des Typ-1-Diabetes sind in nächster Zeit nicht zu erwarten.

Die intensivierte Insulintherapie hat sich mittlerweile als Therapie der ersten Wahl durchgesetzt. Es ist zu erwarten, dass künftig vermehrt auch die Insulinpumpentherapie bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt wird.

Die Behandlung und Schulung von Kindern und Jugendlichen sollte ausschließlich in Einrichtungen erfolgen, die auf diese Altersgruppe spezialisiert sind. Eine Liste der von der Deutschen Diabetes Gesellschaft anerkannten Einrichtungen ist auf der Homepage der DDG zu finden (www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de). Dabei müssen Familien, Kinder und Jugendliche mit speziellen Risikokonstellationen, bei denen die Umsetzung der Therapie schwierig ist, besonders beachtet werden. Da überwiegend psychosoziale Faktoren für ein Scheitern der Therapie verantwortlich sind, sollte vermehrt psychologische Unterstützung angeboten werden. Dies entspricht den Empfehlungen der nationalen und internationalen Leitlinien (3, 4), wird aber in Deutschland bisher nicht ausreichend umgesetzt.

  

Literatur

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  3. Danne, T., et al., Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter. Evidenzbasierte Diabetes-Leitlinie DDG. In: Scherbaum, W. A., Kiess, W. (Hrsg), Diabetes und Stoffwechsel. Bd. 13, Suppl. 2 (2004).
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Der Autor

Bernhard Kulzer studierte Psychologie an der Universität Würzburg und erhielt 1986 das Diplom. Nach der Promotion an der Universität Bamberg folgte die Approbation als psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Seit 1986 arbeitet Dr. Kulzer als leitender Psychologe an dem Diabetes-Zentrum Mergentheim. Seit 1998 ist er Vorsitzender des Vereins „Diabetes und Psychologie“ und Sprecher der „Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin“ der DDG, seit 2003 Sprecher der DDG-Leitlinienkommission „Psychosoziales und Diabetes“. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind die Entwicklung von Schulungsprogrammen, Prävention des Typ-2-Diabetes und die Erforschung des Zusammenhangs psychischer Störungen bei Menschen mit Diabetes.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Bernhard Kulzer
Diabetes-Zentrum Mergentheim
97980 Bad Mergentheim
kulzer@diabetes-zentrum.de

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