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Kein Idealmodell in Sicht

06.12.1999  00:00 Uhr

-Politik

INTEGRIERTE VERSORGUNG

Kein Idealmodell in Sicht

von Ulrich Brunner, Isernhagen

Integrierte Versorgungsformen werden die Landschaft im Gesundheitswesen verändern. Ob neue Modelle nur Vorteile für die Beteiligten oder für das gesamte System bringen, diskutierten Ärzte, Apotheker und Vertreter von Krankenkassen, Pharmaindustrie sowie Kliniken während der zweiten Fachtagung Gesundheitsökonomie am 24. November in Isernhagen bei Hannover. Initiiert hatten die Veranstaltung der Landesapothekerverband (LAV) und die Landesapothekerkammer Niedersachsen sowie der Gesundheitspolitische Arbeitskreis Nordwest, eine Arbeitsgemeinschaft der forschenden Arzneimittelhersteller.

"Der medizinische Fortschritt strapaziert zunehmend die finanziellen Ressourcen unseres Sozialsystem", so Heinz-Günter Wolf, Vorsitzender des LAV. Budgets lösten die Probleme ebensowenig wie ein Deckel, den man auf einen Dampftopf setzt. Deshalb seien endlich intelligente Lösungen gefragt.

Mehr ärztliche Selbstbestimmung und ein angemessenes Honorar forderte Dr. Wolfgang Bühmann für flächendeckende Arztnetze. Der Mediziner partizipiert seit 21 Monaten am Nienburger Flächennetz, einer Kooperation von inzwischen 100 Ärzten. Durch gute Zusammenarbeit der Kollegen untereinander könnten sehr wohl Kosten bei der Arzneimitteltherapie eingespart werden, betonte er. Diese Ersparnisse müssten aber auch honoriert werden. Er sprach sich für ein "netzeigenes Honorarbudget" aus. Dafür sollten die Kassenärztlichen Vereinigungen ihre Kopfpauschalen an das Netz weiterreichen. Ärzte die nicht in einem Netz arbeiten, blieben langfristig auf der Strecke, kritisierte ein niedergelassener Kollege die Ausführungen Bühmanns.

"Integrierte Versorgung muss primär zu einer besseren Qualität in der medizinischen Versorgung führen", so Jörg Niemann, Leiter der Landesvertretung des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) in Niedersachsen. Ob dabei auch Geld gespart würde, sei fraglich. Solche Modelle sollten ferner nicht dazu führen, dass sich verschiedene Parteien gegenseitig "Marktanteile abjagen". Außerdem dürften die Netze nicht zu groß werden, meinte er.

Für die Krankenversicherungen sei es wichtig, dass am Ende kein höheres Honorar stehe. Ein Netz müsse sich langfristig also aus den intern erzielten Einsparungen finanzieren. Zwar seien die Krankenkassen bereit, eine Anschubfinanzierung zu leisten. Diese müsste aber später wieder zurückgezahlt werden.

"Wir packen im Gesundheitswesen alles oben drauf, hinterfragen aber nicht, was wir ersetzen können", so Niemann. Für ihn bedeute integrierte Versorgung daher nicht nur vernetzte Praxen, sondern auch ein sektorenübergreifendes Modell.

Das entspricht auch den Vorstellungen von Heinz-Otto Nagorny, Geschäftsführer der Harzkliniken, einem Verband aus derzeit drei Krankenhäusern in Goslar, Bad Harzburg und Clausthal-Zellerfeld. Kliniken müssten sich dem Wettbewerb stellen und langfristig zu "Gesundheitsparks" entwickeln, meinte er. Die Harzkliniken seien auf dem richtigen Weg. Inzwischen habe man die Praxen niedergelassener Fachärzte auf dem Krankenhausgelände angesiedelt und arbeite mit fünf ausgewählten Apotheken in Goslar zusammen. Diese Partnerapotheken würden regelmäßig geschult und geprüft.

Um Marktvorteile einzelner Apotheken in einem Arztnetz zu verhindern, gründeten alle Apotheken in Papenburg eine Pharmazeutische Leistungsgemeinschaft. "Wir haben ein eigenes Netz aufgebaut, das mit dem Ärztenetz Nord-Ems kooperiert", berichtete Dr. Hans-Georg Möller, Offizinapotheker aus Papenburg. Schon vorher existierte in der niedersächsischen Stadt eine Werbegemeinschaft. Heute berät der Apothekenverbund das Praxisnetz bei der Arzneimittelauswahl, informiert über die einzelnen Präparate und stellt flächendeckend die pharmazeutische Betreuung der Patienten sicher. "Wenn nötig, liefern wir unsere Medikamente auch bis ans Krankenbett", so Möller. Zusätzlich haben die Papenburger einen zentralen Notdienst organisiert, der über eine gemeinsame Telefonnummer erreichbar ist. Top

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