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Know-how der Apotheker ist mehr denn je gefragt

24.07.2000
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-PolitikGovi-Verlag

BADEN-WÜRTTEMBERGISCHER APOTHEKERTAG 2000

Know-how der Apotheker ist
mehr denn je gefragt

von Gisela Stieve, Freiburg

Ganz im Zeichen der Gesundheits- und Berufspolitik stand der Sonntag des Baden-Württembergischen Apothekertages in Freiburg unter Leitung von Fritz Becker, Präsident des Landesapothekerverbandes.

Dr. Johannes Hallauer, Gesundheitssystemforschung an der Charité, Universitätsklinikum der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, sprach über die Entwicklung der Morbidität in verschiedenen Gesundheitssystemen. Obwohl die jüngste WHO-Liste zur Qualität der medizinischen Versorgung Deutschland erst auf Platz 25 nennt, sind einer anderen Umfrage zufolge die Bundesbürger überwiegend mit der Versorgung zufrieden. Allerdings halten 58,2 Prozent das System für eher kompliziert, 25 Prozent sogar für viel zu kompliziert.

Daten zur demographischen Entwicklung und zur Entwicklung der Geburtenziffern (Deutschland ist das Schlusslicht), zur kontinuierlichen abnehmenden Haushaltsgröße in Großstädten (in manchen Städten ist jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt), zu den Leistungsausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung sowie zu den Arzneimittelpreisen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ließen Hallauer zu dem Schluss kommen: Wir haben die Möglichkeit, rationale Gesundheitspolitik zu entwickeln und zu gestalten, wenn wir Konsequenzen aus den Daten ziehen. So werde man zum Beispiel Rationierungen nicht mehr "randgruppenmäßig" verschweigen können. Die Hauptfrage laute daher, ob das Gesundheitssystem noch die richtige Struktur hat.

Auf der Grundlage dieser Daten diskutierten Hallauer und Becker unter Co-Moderation von Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur der PZ, mit den Gesundheitspolitikern Annette Widmann-Mauz (CDU) und Klaus Kirschner (SPD) sowie Dr. Ekkehard Bahlo, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP), beim Gesundheitspolitischen Frühschoppen.

Bahlo beschrieb eine dramatische Situation, weil die Patienten wegen der verschärften Budgetsituation nicht mehr die Medikamente verordnet bekommen, die sie benötigen. Ein Indiz dafür könnte nach Auffassung von Hallauer sein, dass der Anteil der auf Privatrezept verschriebenen Medikamente von früher sechs auf rund 15 Prozent nach der Budgetierung gestiegen ist. Dies sei ein Notbehelf, wie die Ärzte auf Befragung auch zugeben.

Kirschner verteidigte die Position der Regierung: Evidence-based-Medicine solle zur Qualitätsverbesserung der Patientenversorgung sowie zu Kosteneinsparungen führen. Bei den Ausgabenvolumina für Gesundheit stehe Deutschland weltweit hinter den USA an zweiter Stelle. Im System sei also genug Geld, es müsse nur für die richtigen Maßnahmen verwendet und Fehlsteuerungen verhindert werden. Die CDU-Politikerin warf der Regierung vor, vor den entscheidenden Zukunftsfragen, wie die Innovationen und Fortschritte der Medizin einerseits und die Folgen der Überalterung der Gesellschaft andererseits zu finanzieren seien, auszuweichen.

Wünsche an die Apotheker

"Was wünschen Sie sich konkret von den Apothekern", fragte Becker abschließend in die Runde. Dazu Kirschner: "eine schnellere Lieferung der Arzneimitteldaten an die Krankenkassen". Widmann-Mauz: "Dass sie ihrem Standesethos entsprechend gute Beratung leisten und den Kontakt mit den Politikern suchen und halten". Bahlo: "dass sie angesichts der Vielfalt des Arzneimittelmarktes einen substanziellen Beitrag zur Information der Patienten leisten". Hallauer: "Das Know-how der Apotheker muss als Baustein einer qualitativen Versorgung mehr als bisher genutzt werden, wobei sie neben Kassen und Kassenärztlichen Vereinigungen auch in die Selbstverwaltungsgremien integriert werden müssen". An diesen Aufgaben wollen die Apotheker feilen, versicherte Becker.

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