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Infotainment

Geteilte Meinung zur Reform

10.05.2004  00:00 Uhr
DAV-Wirtschaftsforum

Infotainment: Geteilte Meinung zur Reform

PZ  Das diesjährige Infotainment war von deutlich mehr Harmonie zwischen den teilnehmenden Politikern geprägt als noch im Jahr zuvor. Schließlich hatten drei der vier vertretenen Parteien das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) zwar erst nach langen Auseinandersetzungen, aber schließlich doch gemeinsam beschlossen. Und auch die Angriffe auf die Institution Apotheke scheinen in diesem Jahr weniger zu werden. Über einzelne Regelungen des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) wurde aber dennoch heftig diskutiert.

„Im Bereich des Pharmapakets wirkt die Gesundheitsreform“, unterstrich Monika Koch, Vorsitzende des Sächsischen Landesapothekerverbandes und Mitglied im geschäftsführenden Vorstand des DAV, mit Blick auf die ersten Auswirkungen des GMG. Auch wenn die Gesetzliche Krankenversicherung ihre Beiträge nicht merklich senkt, seien die Einsparungen im Pharmabereich deutlich. So habe sich nach dem Umsatzplus von 34 Prozent im Dezember des vergangenen Jahres, ein Minus über das gesamte erste Quartal breit gemacht. Nach 30, 18 und 1,6 Prozent in den ersten drei Monaten lassen die vorläufigen Zahlen zudem ein Umsatzminus von etwa 15 Prozent für den April vermuten. Koch sieht den rückläufigen Trend bestätigt, der allerdings wegen der Praxisgebühr quartalsweise schwanken werde. Als Hauptgrund für die Veränderung bezeichnete sie den Wegfall der meisten OTC-Arzneimittel aus der GKV-Erstattung.

Während zu ihrer Linken Biggi Bender anfangs angriffslustig feststellte, dass „zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht alle Effekte und auch die Einsparungen noch nicht zu sehen“ seien, musste die gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen daraufhin erste Schwachstellen der Reform eingestehen. Denn selbst der regierungsnahe Gesundheitsforscher Professor Dr. Gerd Glaeske erkannte anhand der bisherigen Verordnungen des Jahres 2004, dass – wie auch von den Apothekern prognostiziert – viele rezeptfreie Medikamente durch verschreibungspflichtige substituiert wurden. „Dies war nicht Sinn der Reform“, gab Bender zu. Eine rationale Bewertung der Reform könne aber erst später getroffen werden.

Dieser Meinung schloss sich auch SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Marlies Volkmar an, bewertete die gesunkenen Arzneimittelausgaben aber als durchaus „positive Nachricht“. Während viele Strukturveränderungen noch nicht greifen konnten, habe sich die neue Arzneimittelpreisverordnung positiv ausgewirkt und verhelfe den Krankenkassen zu Einsparungen von 500 Millionen Euro.

„Ruhe in das System zu bringen“, mahnte Dr. Wolf Bauer, CDU, an. Bis sich nicht alle Auswirkungen der Reform zeigten, sollte man nicht über eine neue Reform sprechen. Der Unionspolitiker erinnerte daran, dass die CDU/CSU-Fraktion sowohl den Versandhandel, als auch den Mehrbesitz eingeschränkt habe. Man müsse aber aufpassen, „dass die Reform sich nicht verselbstständigt“ und es eine „Kettenreaktion“ gibt.

Und genau das befürchtet Dr. Dieter Thomae, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, die aus den Konsensverhandlungen zum GMG ausgetreten war. Der FDP-Politiker sieht in der Reform das Ergebnis ideologischer Auseinandersetzungen. So suchten Gewerkschaften größere Strukturen wie Versandhandelsunternehmen oder Apothekenketten, um über Betriebsräte Einfluss nehmen zu können. „Die Freiberuflichkeit verliert in diesem System“, befürchtet Thomae und betonte: “Man kann ein vernünftiges Gesundheitssystem nur durch Freuberuflichkeit organisieren.“ Bestätigt sieht er sich dabei durch Länder wie Holland, in denen die Freiberuflichkeit zurückgedrängt, die Kosten dadurch jedoch nicht gesenkt wurden.

Streit um OTC-Freigabe

„Erste wettbewerbliche Elemente sind umgesetzt“, fasste ABDA-Geschäftsführer Dr. Sebastian Schmitz zusammen. Dabei habe die Apothekerschaft etwa auf den Versandhandel und die neuen Systeme zur integrierten Versorgung schnell mit den Konzepten Homeservice beziehungsweise Hausapotheke reagiert. „Ein grenzenloser Wettbewerb ist jedoch nicht das Allheilmittel“, warnte der Jurist die Gesundheitspolitiker.

Volkmar verteidigte dagegen die neuen Wettbewerbselemente mit dem Argument Europa – schließlich müssten sich künftig auch die Dienstleister im Gesundheitsbereich stärker dem europäischen Wettbewerb stellen –, lobte aber die Reaktion der Berufsvertretung: “Sie haben gut reagiert und gezeigt, welche Kompetenzen die Apotheke hat.“

Zwar habe die Reform mit der OTC-Preisfreigabe ein neues Wettbewerbsfeld eröffnet, dennoch „kann ich diesen Wettbewerb bisher nicht erkennen“, beklagte Grünen-Sprecherin Bender. Die Preise sind ihrer Meinung nach eher noch gestiegen. Hier klärte DAV-Präsident Hermann S. Keller darüber auf, dass dabei nicht nur Apotheken die Schuldigen seien. Schließlich habe die pharmazeutische Industrie seit Januar vielfach die Preise von OTC-Präparaten erhöht. Auch Koch verteidigte die Apotheker und hält einen Preiswettkampf bei Arzneimitteln für nicht erstrebenswert, vielmehr solle sich der Wettbewerb im OTC-Bereich in einer verstärkten, individuellen Beratung zeigen.

Mit Sorge betrachtet ABDA-Präsident Hans-Günter Friese den Wegfall dieser nebenwirkungsarmen Mittel aus dem GKV-Erstattungskatalog. „Wenn OTC-Präparate nicht mehr gekauft werden, wird die Therapie unvollständig“, sagte Friese. Denn aus Eigeninitiative und eigener Tasche werde zu wenig dazugekauft.

Die derzeitige OTC-Ausnahmeregelung hält FDP-Sprecher Thomae für „fachlich nicht zu erklären“ und begrüßt eine entsprechende Klage von Phytopharmakaherstellern beim Bundesverfassungsgericht. Er kritisierte wie auch sein CDU-Kollege Bauer, dass die Regelung sowohl die Therapiefreiheit des Arztes als auch die Entscheidungsfreiheit des Patienten einschränke. „Die Politik darf dem Bürger nicht vorschreiben, wie er behandelt werden soll“, so Thomae.

Mit Blick auf die Kritik zur Ausnahmeregelung erinnerte Volkmar daran, dass die von der SPD angestrebte Positivliste in den Verhandlungen der Union zum Opfer gefallen ist. „Die OTC-Liste ist sicher nicht das, was ich mir wünsche“, gestand selbst die SPD-Politikerin ein. Dennoch müsse der Gemeinsame Bundesausschuss für deren Aufstellung bestimmte Kriterien anwenden. Da aber Evidenz basierte Daten gerade für viele OTC-Präparate nicht vorliegen, könnten sie nicht in die Liste kommen. Dies müsste aktualisiert werden. Die Medizinerin ist jedoch der Meinung, dass ein Arzneimittel erwiesenermaßen wirtschaftlich sein muss und Leitlinien für die Orientierung bei Verordnungen nötig sind. Generell hält sie die OTC-Regelung für sinnvoll, da nur, wenn der Patient die Arzneimittel gegen nicht lebensbedrohliche Krankheiten selber finanziert, die notwendigen GKV-Einsparungen in Milliardenhöhe realisiert werden können.

Politik muss beistehen

Das Thema Versandhandel beschäftigt Interessensverbände und Parteivertreter gleichermaßen und sorgte für hitzigen Meinungsaustausch. Während Bender die Frage stellte, was an Versandhandel so schlecht sei, stand die überwiegende Mehrzahl der Anwesenden dem Arzneimittel-Versand kritisch gegenüber. „Sie finden den Versandhandel toll, dabei gibt aber keine Kontrolle mehr. Wo bleibt die Versorgungssicherheit für den Patienten?“, fragte ein Teilnehmer aus dem Auditorium Bender. Wenig erfreut zeigte sich auch FDP-Politiker Thomae über die Neuerung. In der jetzigen Form des Versandhandels sah er die von seiner Partei geforderten gleichen Bedingungen für deutsche Apotheker im Vergleich zu den europäischen Kollegen nicht erfüllt. Eher zurückhaltend zeigte sich Volkmar in ihren Äußerungen: „Ich bin mir sicher, der Versandhandel wird zunehmen, aber dabei keinen großen Markt abdecken.“ Und so stärkte sie die Apothekerschaft mit ihrer Aussage, dass der Großteil der Apotheken erhalten bleibe, weil die Menschen dies wollten.

Harsche Kritik fing Bender sich auch von der LAV-Vorsitzenden Koch ein, als sie der ABDA unterstellte, sie hätte den Versandhandel bereits eröffnet, bevor das Gesetz in Kraft war. Koch stellte klar, dass die ABDA keinen Versandhandel anbiete. Aponet biete die Möglichkeit einer Bestellung per Internet, vergleichbar der mit Telefon oder Fax, sei aber kein Versandhandel.

„Auf die Erlaubnis des Versandhandels haben die Apotheker mit dem Homeservice-Modell sehr schnell reagiert“, stellte Schmitz fest. Im Gegenzug forderte Schmitz die Politiker auf, ebenfalls zu handeln und Verantwortung zu zeigen. Man dürfe nicht vergessen, dass der Mensch im Mittelpunkt des Gesundheitssystems stehe. Zudem gehe es auch um Arbeitsplätze und der Mittelstand schaffe diese. „Da muss die Politik den Apotheken als mittelständischen Betrieben beistehen“, sagte Schmitz.

Für den Wettbewerb rüsten

„Mit dem Hausapothekenmodell haben die Apotheken bereits gut auf die veränderten Bedingungen reagiert“, lobte Volkmar die Initiative der Apotheker, sich für den Wettbewerb zu rüsten.

Auch Pharmazeut Bauer bezeichnete das Hausapothekenmodell als den richtigen Schritt, sieht darin allerdings keine wirklich neue Strategie, die die Apotheken sicher auf dem veränderten Markt positioniert oder ausreichend darauf vorbereitet. „Beim Hausapothekenmodell ging es darum, Aktionismus zu zeigen. Medikamente bis an das Krankenbett liefern Apotheken doch schon seit Jahren.“ Diese Grundprinzipien nun weiter auszubauen, um die Qualität der Versorgung zu verbessern, hält er für richtig. Dazu müsse die Politik die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geben.

Thomae unterstrich, dass die Apothekenlandschaft in Deutschland nicht homogen sei: „Manche Apotheken sind voraus, andere hinken hinterher. Das ist Wettbewerb.“ Die Apotheker müssten individuell entscheiden, wie sie sich mit ihrer Apotheke am Markt behaupten können und Kreativität für eine starke Kundenbindung entfalten.

Eine „hochinteressante zukünftige Entwicklung“ sieht Bauer in der integrierten Versorgung. Allerdings müsse diese sich erst im stationären und ambulanten Bereich etablieren, bevor Apotheker nach Möglichkeiten einer Beteiligung suchen könnten. Unklar sei auch, wie die „negative Vergütung“ aussehen werde, da schließlich Einsparungen bezahlt werden müssten.

Auch Volkmar bezeichnete die integrierte Versorgung als eine große Chance für Apotheken. Dem widersprach jedoch Thomae deutlich. Der FDP-Politiker empfindet dieses Modell eher als Zugewinn für Krankenhausapotheken, nicht jedoch für den Großteil der öffentlichen Apotheken. Bestenfalls in der Begleitung psychisch Kranker könne das System auf einer breiteren Basis Fuß fassen. Für die meisten Apotheken sei die integrierte Versorgung keine Zukunft, sagte Thomae. Zudem müsse eine solche Kooperation für Patienten freiwillig sein. „Bei einer Zwangsbelieferung durch die Krankenhausapotheke möchte ich den Patienten sehen, der sich dafür entscheidet“, unterstrich Thomae seinen Standpunkt.

Kooperationen jeglicher Art steht CDU-Mann Bauer kritisch gegenüber und plädierte für offene Strukturen. „Von Kooperationen bin ich nicht sehr begeistert“, betonte Bauer und gab zu bedenken, dass sich die daran teilnehmenden Apotheker schnell und einfach in neue von den Kaptalgebern geschaffene Strukturen integrieren ließen. Schmitz teilte die Sorgen von Bauer. Er riet den Apothekern, genau zu beobachten, wer solche, häufig von Dritten gemanagten Kooperationen anbiete.

Mehr Sicherheit für Apotheken

Mit Besorgnis verfolgt Thomae die Abnahme von Arztpraxen in dünn besiedelten Regionen der neuen Bundesländer. Dies wirke sich zwangsläufig negativ auf die dort vorhandenen Apotheken aus. Hier müsse unbedingt agiert und dieser Entwicklung Einhalt geboten werden. „Wir brauchen eine flächendeckende Arztversorgung und keine Versorgungszentren“, unterstrich der FDP-Politiker seinen Standpunkt. Schmitz ging mit seinen Forderungen an die Politik weiter. Er forderte von der Politik mehr Sicherheit für investierende Apotheken. Es gehe dabei nicht darum, dass jeder Einzelne Sicherheit habe oder die Apotheker insgesamt einen Schutzwall aufbauen wollten. Vielmehr müsste die Politik der Institution Apotheke die notwendige Sicherheit gewähren und den notwendigen Schutz zukommen lassen.

In einem waren sich jedoch alle Diskussionsteilnehmer einig: Sie wollen den Apotheker als Heilberufler und brauchen ihn als Teil der Gesundheitsversorgung. Top

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