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Gestalten, nicht verwalten

15.05.2000  00:00 Uhr

-Politik

GEBURTSTAGSEMPFANG FÜR ABDA-PRÄSIDENT FRIESE

Gestalten, nicht verwalten

von Thomas Bellartz, Hartmut Morck, Berlin

Rund 200 Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und Berufsstand folgten der Einladung der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zum Empfang anlässlich des 60. Geburtstages des ABDA-Präsidenten Hans-Günter Friese. Im Berliner Opernpalais wurden nicht nur Laudationes gehalten, sondern auch Gedanken und Meinungen zur Gesundheitspolitik transportiert. Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz, Vorsitzender des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, sprach in einem Festvortrag über die Gesundheitsversorgung in Deutschland und deren Optimierung.

ABDA-Vizepräsident Werner Trockel stellte in seiner Laudatio noch einmal das große ehrenamtliche Engagement des Jubilars heraus. Seit 1968 betätigt sich Friese standespolitisch, zunächst als Mitarbeitervertreter. Seit 1981 ist er Präsident der Landesapothekerkammer Westfalen-Lippe, seit 1996 ABDA-Präsident. Von 1984 bis 1994 bekleidete er das Amt des Präsidenten der Bundesapothekerkammer. Seit 1998 ist er Präsident des Europharm-Forums, was ihn als überzeugten Europäer charakterisiere. Sein berufspolitisches Engagement sei geprägt von der Einsicht, dass die Zukunft des Berufsstandes nur mit stichhaltigen Argumenten gesichert werden könne. Oberstes Gebot sei, den Status des Freien Berufes für die Apotheker zu erhalten. Dafür müsse dem Berufsstand soziale Kompetenz übertragen werden. Die Pharmazeutische Betreuung, ein Synonym für Friese, sei dafür das Mittel zum Zweck.

Auch Klaus Kirschner, Bundestagsabgeordneter der SPD und Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit im Deutschen Bundestag, lobte Frieses Einsatz. Er habe ihn als fairen Gesprächspartner kennen gelernt, der auch andere Meinungen respektiere. Gestalten statt Verwalten sei sein Motto, dem er mit Beharrlichkeit aber auch Augenmaß folge. Friese habe - wie kaum ein anderer - die Apothekenlandschaft geprägt. Nicht ohne Ironie übergab Kirschner dem Jubilar als Präsent eine Flasche Rotwein, um zu belegen, dass auch Rote gut seien.

Dr. Ulrich Oesingmann, Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe, der auch die Glückwünsche der Ärzteschaft überbrachte, betonte in seiner Gratulation besonders Frieses Einsatz für die Freien Berufe. Erfolgreich habe der Jubilar bisher alle Bedrohungen abwehren können. Als Apotheker in seiner eigenen Apotheke verkörpere Friese den idealen Freiberufler, der aus der eigenen praktischen Erfahrung an der Definition des Freien Berufes mitgewirkt habe. Friese sei es mit zu verdanken, dass die Stellung des Apothekers als Freier Beruf so ist, wie sie ist.

Professor Dr. Hans Rüdiger Vogel, Vorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, lobte vor allem Frieses Kampf für stabile Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen. Er definierte Friese als mutigen und konsequenten Standesvertreter und sagte ihm die Unterstützung des BPI im Kampf gegen Apothekenketten und Versandhandel zu.

"Einen Blick in die Zukunft des Gesundheitswesens" warf in seiner Festrede Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz. Er hinterfragte die Festigkeit des inneren Zustandes der Gesundheitspolitik, mahnte aber auch, die Auswirkungen der Veränderungen im System zunächst abzuwarten. Unter Hinweis auf die Gefahren von Über- wie Unterversorgung unterstrich er die "neue Offenheit" der Verbände und Lobbyisten. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur konzertierten Aktion im Gesundheitswesen sieht verschiedene Elemente zur Kostenreduktion. So sei die in § 1 SGB V fixierte Selbstverantwortung der Versicherten ernst zu nehmen. Dies bezog er insbesondere auf leichte Krankheiten mit hoher Spontanheilungstendenz. Hier müsse die GKV entlastet werden. Trivial-Kataloge könnten solche leichten Erkrankungen definieren.

Voll des Lobes war Schwartz für die aktuelle Rolle der Apotheken. Die verstärkte Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen oder auch die Pharmazeutische Betreuung seien der richtige Weg. Kritisch bemerkte er, dass bei der Positivliste "eine klare ökonomische Wirkungsvorhersage kaum möglich" sei. Indessen sorgten die "extrem freie Arztwahl" für Verordnungsintransparenz und Interaktionsprobleme. Schwartz fragte, ob es - im Sinne der Patienten und der Finanzstruktur des Gesundheitswesens - angemessen sei, über eine Neuordnung der Arzneimittelversorgung nachzudenken. Dabei ließ er nicht aus, die Kompetenz der Apothekerschaft zu betonen. Ein Einstieg könnte nach Ansicht von Schwartz eine neue Aufgabenverteilung bei den Rezeptvereinbarungen sein. So solle sich der Arzt zukünftig nur noch mit dem chemischen Freinamen und der Dosierung auseinandersetzen. Der Apotheker suche dann nach der günstigsten beziehungsweise auch kostengünstigsten Spezialität. Dann aber müssten Apotheker nicht mehr prozentual, sondern nur noch über feste Abgabegebühren honoriert werden. Das wäre dann auch die Basis für direkte Preisverhandlungen zwischen Apothekerschaft und Herstellern.

Insgesamt sei es "erfreulich, dass die deutschen Apotheker sich offensichtlich selbst- und verantwortungsbewusst und mit neuen Ideen ihrer Zukunft stellen wollen".

Friese dankte den Gratulanten und gab zu: "Es tut mir gut!" Dabei betonte er, dass er nicht nur seine Person geehrt sehe, sondern auch das Amt des ABDA-Präsidenten. Er sei mit Leib und Seele Apotheker und die standespolitische Tätigkeit mache ihm Spaß. Er sei Gott dankbar, dass er die Fähigkeit zur Belastbarkeit und auch zur Regeneration besitze, seiner Familie, dass sie ihm den Rücken frei gehalten habe und weiter halte. Eine seiner Hauptaufgaben sehe er darin, die Begeisterung für die Standespolitik und für den Berufsstand an die junge Generation weiterzugeben. Erst das schaffe Identifikation, die notwendig sei, den Berufsstand erfolgreich zu vertreten. Top

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