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Wege aus dem infektiologischen Dilettantismus

14.04.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Wege aus dem infektiologischen Dilettantismus

  Infektionen sind weltweit die Todesursache Nummer eins. Auch in den Industrienationen ist der Kampf gegen Bakterien und Viren längst noch nicht gewonnen. Im Gegenteil: Resistenten Erregern ist auch mit modernen Antibiotika immer schlechter beizukommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nutzte deshalb den diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April um auf die unterschätzte Gefahr alter und neuer Infektionskrankheiten aufmerksam zu machen.

Nach Einschätzung der Bundesvereinigung für Gesundheit zählen AIDS, Hepatitis B und C, Herpes simplex und resistente Bakterien (Tuberkulose, Diphtherie und Salmonellenerkrankungen) zu den wichtigsten Bedrohungen. Seit Beginn der Epidemie sind in Deutschland an AIDS 14.000 Menschen gestorben, an Hepatitis B trotz wirksamen Impfschutzes jährlich 1.000. Dazu kommen eine Reihe seltener, aber spektakulärer Infektionen, etwa die Legionärskrankheit, FSME, EHEC oder Borreliose.

Die Gründe für die Rückkehr der Krankheitserreger sind weitgehend vom Menschen gemacht. So seien die gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte die wichtigsten Ursachen für die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, sagte Professor Dr. Hans D. Pohle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, auf einer Pressekonferenz zum Weltgesundheitstag: Die Erwärmung der Erde vergrößert den Lebensraum für Erreger, die vormals nur in den Tropen heimisch waren, in den Megastädten der ersten und dritten Welt können aus Infektionen in kürzester Zeit Epidemien entstehen und der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der industriellen Nahrungsmittelproduktion schaffe resistente Erreger.

Dem Ansturm der Erreger stehen Menschen gegenüber, die nicht ausreichend geimpft sind, und Ärzte, die von Infektionsmedizin nur wenig verstehen. Bis vor kurzem gab es in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für Infektionsmedizin. In den USA sind es nach Pohles Angaben mehr als 200. "Deutsche Ärzte sind in der Infektionsmedizin Autodidakten. Deutschland war das Geburtsland der Infektionsbiologie, jetzt sind wir ein Entwicklungsland." Bei der Modernisierung des Medizinstudiums müsse deshalb unbedingt die Infektionsmedizinische Ausbildung verbessert werden, forderte Pohle. In jedem Krankenhaus müsse ein Infektiologe arbeiten. Die Forschung müsse ebenfalls intensiviert werden.

Besonders häufig sind Infektionen dort, wo sie eigentlich bekämpft werden sollen. Jedes Jahr infizieren sich eine Million Deutsche während eines Klinikaufenthalts mit einem Bakterium oder Virus. Mindestens 20.000 sterben daran. Pohle: "Die Zahl der Infektionen liegt international im Rahmen, die Zahl der Todesfälle ist aber zu hoch." Dies sei auch ein Resultat der mangelnden medizinischen Betreuung auf diesem Gebiet.

Die Bundesregierung will mit einem Infektionsschutzgesetz die Möglichkeiten im Kampf gegen ansteckende Krankheiten verbessern. Kernpunkt soll eine Neustrukturierung der Meldewege und -inhalte sein. In dem Gesetz sollen alle bisher bestehenden Einzelregelungen zu Infektionskrankheiten gebündelt werden, erläuterte Baldur Wagner, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, während einer Veranstaltung zum Weltgesundheitstag in Bonn. Die Meldepflicht der Ärzte werde sich auf die wesentlichen Krankheiten konzentrieren. Eine wichtige Neuerung: In Zukunft sollen nicht nur Krankheiten, sondern auch Krankheitserreger gemeldet werden, sofern sie identifiziert sind. Eine Reihe zusätzlicher Angaben werden in Zukunft in eine Meldung aufgenommen werden müssen, etwa Informationen über mögliche Infektionswege.

Alle für die Verbreitung von Infektionskrankheiten relevanten Daten würden im Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) zusammengeführt und ausgewertet, so Wagner weiter. Das RKI soll ein epidemiologisches Informationsnetz aufbauen und den Bundesländern bei der Bekämpfung von länderübergreifenden aktuellen Infektionen zur Seite stehen.

Neben der Akutbekämpfung soll auch die Prävention von Infektionskrankheiten effizienter werden, kündigte Wagner an. In der Bevölkerung müsse das Bewußtsein für die mit Infektionskrankheiten verbundenen Gefahren geschärft werden. Dazu gehöre auch der sparsame und gezielte Umgang mit Antibiotika. Der leichtfertige Einsatz dieser Medikamente habe zu einer großen Zahl resistenter Erreger geführt, die heute die Therapie stark beeinträchtigten.

Pohle kritisierte, daß viele Ärzte zu unüberlegt mit Antibiotika umgingen. Daran sei ebenfalls ihre mangelhafte infektionsmedizinische Ausbildung schuld. "Die Ärzte müssen lernen, Antibiotika nicht mehr so dilettantisch einzusetzen." Bei leichteren Infekten müsse der Arzt seinen Patienten die Arznei auch einmal verweigern. Pohle warnte eindringlich davor, Antibiotika aus der Verschreibungspflicht herauszunehmen. In den USA gebe es bereits rezeptfreie Antibiotika. Der Medizinprofessor befürchtet, daß diese Entwicklung zwangsläufig zu weiteren Resistenzen führe.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, Bonn    

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