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Generikaverband mit allen Mitteln gegen Aut idem

22.10.2001  00:00 Uhr

GUTACHTEN

Generikaverband mit allen Mitteln gegen Aut idem

von Daniel Rücker, Eschborn

Der Deutsche Generikaverband läuft Sturm gegen die geplante Aut-idem-Regelung. Ein vom Verband initiiertes Rechtsgutachten will belegen, dass die Pläne der Bundesregierung verfassungswidrig sind. Zudem gefährde Aut idem die Arzneimittelsicherheit, behauptet das Gutachten. Die meisten Apotheker seien mit der Substitution überfordert, so das abstruse Fazit.

Nach Ansicht von Professor Dr. Michael Brenner, Universität Jena, verletzt die Aut-idem-Regelung "in verfassungsrechtlich relevanter Weise" die Berufsfreiheit der Ärzte. Sie werde erheblich eingeschränkt, wenn der Arzt nur noch den Wirkstoff verordnen dürfe. Die ärztliche Heilkunst finde nämlich "nicht in der Verordnung eines Wirkstoffes ihre sachliche Legitimation, sondern in der Zuordnung eines ganz bestimmten Medikamentes mit einer ganz bestimmten Wirkstoff- und Zusatzstoffkombination zu der konkreten Behandlung eines ganz bestimmten Patienten".

Auch bezweifelt Brenner, dass Apotheker ihre Patienten ausreichend kennen, um die Arzneimittelauswahl zu übernehmen. "Es ist eben nur der Arzt, der den Patienten umfassend kennt, nicht hingegen der mehr oder weniger zufällig aufgesuchte - und im übrigen auch häufig gewechselte - Apotheker."

Nach Brenners Analyse unterschätzt die Bundesregierung den Grad der Verwirrung und Irritation, der beim Patienten entsteht, wenn "er regelmäßig - auch bei identischem Wirkstoff - Arzneimittel unterschiedlichster Hersteller mit unterschiedlichen Packungen und Medikamentenbezeichnungen erhält". Die Unterschiede in Form, Farbe und Größe bewirkten, "dass ein Patient ... in höchstem Maße irritiert wird, in vielen Fällen die Einnahme unterlassen oder gar verweigern wird."

Und es kommt noch schlimmer. Auch Corporate Design scheint im Zusammenhang mit Aut idem verfassungsrechtlich bedenklich zu sein: "Nicht nur für multimorbide Kranke besteht darüber hinaus Verwechslungsgefahr, wenn Arzneimittel mit unterschiedlicher Indikation plötzlich ähnlich aussehen." Arzneimittelsicherheit und ärztliche Therapiehoheit seien hier in erheblicher Weise gefährdet.

Probleme ergeben sich laut Brenner auch aus der Tatsache, dass sich wirkstoffgleiche Arzneimittel durch Hilfsstoffe, Zusatzstoffe, Indikationen und Dosen unterscheiden. Als Beispiel führt er MCP auf. Bei Gastrotranquil-Tropfen betrage die Minimaldosis 18 Tropfen, die Maximaldosis 37 Tropfen. Bei MCP-beta-Tropfen hingegen 19, beziehungsweise 38, bei MCP Stada 20 und 40. Für den Patienten sei dies "mehr als verwirrend", selbst wenn der Apotheker ihn entsprechend aufkläre.

Sorgen macht sich Brenner auch um den Apotheker, dem durch die Aut-idem-Regelung eine "Aufgabe aufgedrängt wird, für deren Wahrnehmung er - sieht man von Ausnahmefällen ab - nicht, jedenfalls bei weitem nicht in dem Maße ausgebildet ist wie ein Arzt. Das überkommene Berufsbild des Apothekers besteht eben nicht darin, an Stelle des Arztes zu therapieren." Die neue Aufgabe sei deshalb ein Eingriff in die Berufsfreiheit des Apothekers, denn diese schütze auch davor einen Beruf nicht in einer bestimmten Weise ausüben zu müssen.

Ebenfalls verfassungsrechtlich bedenklich sei das Haftungsrisiko, dass dem Apotheker überantwortet werde. Wenn er ein Medikament abgebe, dass zwar den verordneten Wirkstoff enthalte, aber einen für den Patienten unverträglichen Zusatzstoff, dann müsse er für den Schaden dies, "ohne dass der zukünftig die Hauptlast der Verantwortung tragende und damit verantwortliche Apotheker hierfür in ausreichendem Maße ausgebildet ist und wegen Unkenntnis der persönlichen Umstände der Krankheitsgeschichte des Patienten - faktisch vorbereitet sein kann".

Ebenfalls verfassungsrechtliche Bedenken hegt Brenner gegen die Einschätzung der Bundesregierung, das Gesetz sei auch ohne die Zustimmung des Bundesrates zu verabschieden. Da sowohl die Arzneimittelüberwachung als auch die Aufgabenteilung zwischen Ärzten und Apothekern beeinflusst seien und darüber hinaus die Apothekenbetriebsordnung geändert werden müsste, müsse die Länderkammer in die Entscheidung einbezogen werden. Top

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