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Die Arbeit ist nur erfolgreich, wenn alle zusammenarbeiten

07.10.2002
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Interview

Die Arbeit ist nur erfolgreich, wenn alle zusammenarbeiten

von Daniel Rücker, Eschborn

In einer Woche wählen die Mitglieder des Hessischen Apothekerverbandes (HAV) ihren Vorstand neu. Die PZ sprach mit dem HAV-Vorsitzenden Dr. Peter Homann über die wichtigsten Ereignisse der abgelaufenen Wahlperiode.

PZ: Was war aus ihrer Sicht in den vergangenen Jahren das wichtigste gesundheitspolitische Thema?

Homann: Die meisten Themen waren sehr kurzlebig, waren nur wenige Monate aktuell. Denken Sie an die Integrierte Versorgung. Über die Jahre gesehen, steht sicher die Telematik im Vordergrund. Sie war ja auch das diesjährige Thema der Frankfurter Wirtschaftstage. Zur Telematik gehört zum einen der Versandhandel und zum anderen der Gesundheitspass.

PZ: Noch vor einige Jahren gab es erhebliche Vorbehalte der Apotheker gegen Telematik und Internet. Wohl auch wegen des Problems Internet-Apotheken. Haben Sie in den vergangenen Jahren ein Umdenken festgestellt?

Homann: Ich habe die Entwicklung der EDV seit Beginn der Achtziger Jahre mitgemacht. Damals haben tatsächlich viele Pharmazeuten die EDV als Teufelswerk angesehen. Heute stehen die meisten Kolleginnen und Kollegen der EDV positiv gegenüber, aber die Skepsis gegenüber dem Internet-Versandhandel besteht weiter.

Bei der Telematik müssen wir eine Technik einsetzen, die wir nicht wirklich verstehen. Denken Sie zum Beispiel an die Kryptographie. Wir müssen uns auf Experten verlassen und das könnte bei einigen Kollegen Skepsis hervor rufen.

PZ: Ist die Telematik eine Chance für die Apotheke?

Homann: Es kommt darauf an, wie sie eingesetzt wird. Wenn einfach nur das Papierrezept eins zu eins umgesetzt wird, dann kann man sich die Telematik schenken. Im Vordergrund muss stehen, die Arzneimittelsicherheit über eine Gesundheitskarte zu verbessern. Hier kommt allerdings noch einige Überzeugungsarbeit auf ABDA und Verbände zu, denn die Kassen verbinden mit dem elektronischen Rezept vor allem ökonomische Ziele.

PZ: Wie gewichten Sie dabei die Bedeutung von Landes- und Bundesebene?

Homann: Wichtig ist, dass die Arbeit nur erfolgreich sein kann, wenn Verbände und Kammern mit der ABDA ein gemeinsames Ziel verfolgen. Wir vergessen manchmal, dass die Bundesrepublik kein zentralistischer Staat ist. Die vergangenen Monate waren von der Bundespolitik geprägt. Die Arbeit der Landesorganisationen stand im Hintergrund.

Meiner Meinung nach war dies ein Fehler. Viele Entscheidungen, auch über die Einführung des Versandhandels, bedürfen der Zustimmung des Bundesrates. In den Ländern müssen die jeweiligen Verbände gute Kontakte zu den Politikern haben, wie dies in Hessen der Fall ist. Jetzt, nach der Wahl muss die Arbeit auf Landesebene intensiviert werden – übrigens eine sehr wichtige Komponente in der Berufspolitik. Nur so können wir Erfolg haben.

Der HAV führt in regelmäßigen Abständen Gespräche mit allen Landtagsfraktionen und hält sowohl zur CDU als auch zur SPD und FDP sehr gute Kontakte.

PZ: Was war aus ihrer Sicht der größte Erfolg den HAV und ABDA in den vergangenen vier Jahren einfahren konnten?

Homann: Die Novelle des Apothekengesetzes. Wir haben die Impfstoffe in den Apotheken gehalten. Das ist ein großer Erfolg.

PZ: Wo liegen die größten Defizite in der politischen Arbeit?

Homann: Ich sehe Probleme in der Öffentlichkeitsarbeit. Damit meine ich aber nicht nur die ABDA. Auch in den Landesverbänden ist es uns nicht gelungen, die Positionen der Apotheker so der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass sie auch angenommen werden. Beim Versandhandel zum Beispiel steht die Presse fast immer auf der Gegenseite.

PZ: Was ist der Grund für diese Schwierigkeiten?

Homann: Ein Problem könnte sein, dass die meisten, die unsere Position nach draußen transportieren, selbst Apotheker, also keine Medien-Profis, sind. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, ob dies der richtige Weg ist. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn wir nur Vorgaben machen und diese professionell umsetzen lassen.

PZ: Was wird in den nächsten Jahren die politische Arbeit prägen?

Homann: Die größte Herausforderung ist die Frage, wie wir mit dem Versandhandel umgehen. Natürlich werden wir weiter versuchen, die Einführung zu verhindern. Wir müssen uns aber auch fragen, was wir tun, wenn uns dies nicht mehr gelingt. Es wird eine schwierige Aufgabe, die Apotheken auf diese Situation vorzubereiten.

PZ: Halten Sie das Konzept Aponet mit der Online-Bestellung und einem geplanten Botendienst für eine adäquate Antwort auf die Bedrohung Versandhandel?

Homann: Das ist sicher ein Ansatz. Wir müssen aber auch sehen, dass kleinere Apotheken damit überfordert sein werden. Ihnen fehlen die Mitarbeiter. Der Bote muss ja nach den Vorstellungen der ABDA eine pharmazeutische Ausbildung haben. Wir brauchen noch weitere Konzepte. Ich betone aber: Vorrangige Aufgabe ist es, den Versandhandel zu verhindern.

PZ: Welche Rolle werden die Disease-Management-Programme in den kommenden Jahren spielen? Was halten Sie vom Konzept der Hausapotheke?

Homann: Ich halte die Idee grundsätzlich für richtig. Die intensivere Betreuung durch die so genannte Hausapotheke ist sicher sinnvoll. Es muss aber ein Geben und Nehmen sein. Kassen wollen ja vor allem mit solchen Verträgen sparen. Wenn man Verträge schließt, dann muss sich dies auch für die Apotheker lohnen.

Ich bin für Verträge über die Einbindung von Apothekern in DMP, wenn die Leistungen der Apotheker auch separat vergütet werden. Die Aufgaben von Apothekern in DMP sind sehr arbeitsintensiv, das ist nicht ausschließlich über die Arzneimittelpreisverordnung abzudecken.

Was mir zum Beispiel beim Vertrag zwischen LAV Niedersachsen und BKK-Landesverband nicht gefällt, ist der Rabatt auf Produkte des Randsortiments. Es ist mir schleierhaft, warum mit den Krankenkassen vereinbart werden soll, dass Versicherte auf bestimmte Produkte 5 Prozent Rabatt erhalten. Die Kassen haben damit überhaupt nichts zu tun.

PZ: Kommen wir noch einmal auf den HAV. Wo sehen sie die wichtigste Funktion des Verbandes?

Homann: Im Vordergrund steht die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder. Dazu zählt vor allem die politische Arbeit auf Landesebene. Eine weitere Aufgabe sind natürlich die Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen, aber auch Dienstleistungen wie Marketing- oder Management-Seminare.

Ich befürchte, dass unsere Arbeit in Zukunft durch die Gründung von neuen kleinen Apothekergruppierungen, wie ISA, Pharmazeutinnenverband oder wie sie alle heißen mögen, erschwert wird. Wir müssen weiterhin mit einer Stimme sprechen. Die Erfahrung der Pharmaindustrie zeigt doch, dass es ein Fehler war, diesen Weg zu verlassen. Mit VFA, BPI, BAH und Generikaverband gibt es heute zu viele Interessensvertretungen, das verwässert den politischen Einfluss. Wir sind im Moment auf dem gleichen Weg. Wir müssen aufpassen, dass uns dies weder auf Landes- noch auf Bundesebene passiert.

PZ: Zurzeit versucht die Bundesregierung die Macht der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) zu beschneiden. Sehen Sie darin eine Gefahr für die Apothekerverbände?

Homann: Ja, natürlich. Wenn die Kassen Verträge mit Ärzten unterhalb der KV-Ebene abschließen, dann werden sie auch Verträge mit einzelnen Apothekern oder kleineren Gruppen von Apothekern abschließen wollen. Das ist eine ganz reale Gefährdung, nicht nur für die Verbände, sondern auch für Apotheken. Bei Einzelverträgen werden die kleinen auf der Strecke bleiben. Hier gilt es, rechtzeitig einzugreifen.

PZ: Auf der Hauptversammlung des HAV gab es Kritik an den Beiträgen des Verbandes für die ABDA. Wie stehen Sie dazu?

Homann: Das ist ein brisantes Thema. Nicht nur in unserem Verband gibt es Widerstand gegen weitere Beitragserhöhungen. Viele Apotheker verstehen nicht, dass sie immer mehr bezahlen müssen und sich das politische Umfeld trotzdem weiter verschlechtert.

PZ: Aber ist es denn nicht richtig, gerade in schwierigen Zeiten sein Engagement verstärken?

Homann: Doch, das Problem ist aber, dass in vielen Punkten keine konkreten Ergebnisse vorzuweisen sind. Wir sind in der Defensive, da ist es schwierig, Erfolge aufzuweisen. Die Mitglieder werden höhere Beiträge nur dann akzeptieren, wenn konkrete Erfolge erzielt werden.

PZ: Wie kann man dieses Problem lösen?

Homann: Zwei Dinge sind aus meiner Sicht wichtig. Zum einen brauchen wir mehr Transparenz; die Apotheker müssen sehen, was mit ihrem Geld passiert. Zum anderen müssen die Verbände kritisch hinterfragen, wie die Wirtschaftlichkeit der Organisationen zu verbessern ist. Sind nicht einige Gremien zu groß? Brauchen wir für jedes Bundesland einen eigenen Verband? Müssen Vorstände so viele Mitglieder haben? Ich denke, wir sollten durch innerverbandliche Strukturveränderungen unsere Haushalte erheblich entlasten.   Top

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