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Minister Dobson: Apotheker sollen Primärärzte entlasten

09.08.1999
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-PolitikGovi-Verlag

PZ-INTERVIEW

Minister Dobson: Apotheker sollen Primärärzte entlasten

von Arndt Striegler, London

Frank Dobson, seit 20 Jahren der erste Labour-Gesundheitsminister in Großbritannien, hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Reform und bürokratische Entrümpelung des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS). Den britischen Apothekern kommt in seinen gesundheitspolitischen Reformplänen eine zentrale Rolle zu, und die will Dobson stärken.

PZ: Der NHS mit seinen mehr als eine Million Beschäftigten genießt im Ausland nicht gerade einen guten Ruf. Stört Sie das?

Dobson: Natürlich! Ich bin stolz auf unseren NHS. Wo sonst auf der Welt bekommen sie unabhängig von ihrem Geldbeutel erstklassige Gesundheitsversorgung.

PZ: Über die Erstklassigkeit ließe sich gewiss streiten.

Dobson: Nicht was die Kosteneffizienz angeht.

PZ: Haben Sie Zahlen?

Dobson: Großbritannien gibt gemessen an seinem Bruttoinlandprodukt nur halb so viel für seine Gesundheitsversorgung aus wie vergleichbare EU-Länder. Trotzdem liegt die durchschnittliche Lebenserwartung sowohl bei Frauen als auch bei Männern etwa gleich. Wenn das kein Erfolg ist...

PZ: Und die Wartelisten?

Dobson: Ich gebe zu, die Wartelisten sind ein Problem. Ich bemühe mich darum, die Wartezeiten auf Operationen zu verkürzen. Aber das braucht Zeit. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir gerade zwei Jahre regieren. Und wir haben von den Konservativen eine NHS-Warteliste von mehr als einer Million Patienten übernommen.

PZ: Wie viele Patienten warten denn derzeit auf eine Operation oder fachärztliche Behandlung?

Dobson: Rund 700.000. Dabei werden 70 Prozent aller NHS-Patienten innerhalb der ersten drei Monate nach Diagnose behandelt. Aber ich gebe zu, dass wir die Wartezeiten noch weiter reduzieren müssen.

PZ: Können die Apotheker helfen, die Wartezeiten zu verkürzen?

Dobson: Der Apotheker spielt eine zentrale Rolle im britischen Gesundheitswesen. Meine Politik zielt nicht zuletzt darauf ab, Apotheker stärker in die Versorgung der Bevölkerung mit Gesundheitsleistungen einzubeziehen.

PZ: Wie soll das konkret geschehen?

Dobson: Nehmen sie die Diagnostik. In den vergangenen Jahren hat sich der diagnostische Bereich in den Apotheken immer stärker entwickelt. Der Patient kann heute zahlreiche Krankheiten wie Diabetes mit Hilfe seines Apothekers schnell und verlässlich diagnostizieren. Ich halte das für eine gute Sache.

PZ: Die britischen Allgemeinärzte würden da sicher widersprechen.

Dobson: Mag sein.

PZ: Bedeutet eine politisch geförderte Ausweitung der beruflichen Kompetenzen der Apotheker nicht zwangsläufig eine Untergrabung des Primärarztprinzips?

Dobson: Nein, nicht zwangsläufig. Es geht ja nicht darum, den Ärzten etwas wegzunehmen und den Apothekern etwas zu schenken. Ärzte und Apotheker sind Partner im Gesundheitswesen. Der primärärztliche Bereich ist überlastet. Von daher macht es Sinn, andere Gesundheitsberufe stärker in die Versorgung mit einzubinden.

PZ: Haben Sie deshalb den neuen Telefondienst "NHS Direct" eingerichtet?

Dobson: NHS Direct ist ein kostenloses Gesundheitstelefon, das Patienten anrufen können, wenn die eigene Arztpraxis geschlossen ist. Insofern verbessert es den Zugang des Patienten zu Gesundheitsleistungen. Es ergänzt bestehende primärärztliche Versorgungsangebote.

PZ: Dem NHS wird immer wieder vorgeworfen, zu viel Geld für Bürokratie auszugeben.

Dobson: Ich bemühe mich darum, den NHS bürokratisch zu entrümpeln. Das dauert seine Zeit. Tatsache ist, dass wir 4,2 Prozent des Gesundheitsetats für die Verwaltung ausgeben. Die USA geben rund 16 Prozent aus.

PZ: Wie erklären Sie diesen großen Unterschied?

Dobson: In England ist die Gesundheitsfürsorge am point of delivery kostenlos. Das heißt, es müssen keine Rechnungen geschrieben und abgerechnet werden. Das spart enorm viele Verwaltungskosten ein.

PZ: Sind Sie Sozialist?

Dobson (lacht): Mein gesundheitspolitisches Ziel ist es, die Unterschiede zwischen Arm und Reich auszugleichen. Arme Patienten sterben leider noch immer früher als reiche Patienten.

PZ: Planen Sie die Einführung neuer NHS-Gebühren oder die Erhöhung der Patientenselbstbeteiligung, zum Beispiel bei den Arzneimittelkosten?

Dobson: Nein.

PZ: Ist es nicht sinnvoll, die Verantwortung des Patienten für die eigene Gesundheit durch Zahlung zu stärken?

Dobson: Die Zahlung führt dazu, dass arme Patienten gesundheitlich schlechter versorgt werden als reiche Patienten. Das ist unfair. Außerdem ist es sehr teuer, ärztliche Einzelleistungen individuell abzurechnen. Dieses Geld ist besser angelegt, wenn dafür zusätzliche Apotheker und Ärzte und Krankenpflegepersonal eingestellt werden.

PZ: Was ist das Neueste in Sachen National Institute of Clinical Excellence (NICE)?

Dobson: Der Leiter steht fest. Es ist Professor Michael Rawling aus Newcastle.

PZ: Die pharmazeutische Industrie fürchtet, NICE könnte zur neuen Zulassungshürde werden.

Dobson: Ich glaube nicht, dass die Arzneimittelhersteller Probleme mit NICE haben werden. Immerhin sind die von NICE verabschiedeten Richtlinien Empfehlungen, keine bindenden Vorgaben.

PZ: Aber Sie als Minister haben die Möglichkeit, Apotheker und Allgemeinärzte zur Beachtung der NICE-Empfehlungen zu zwingen.

Dobson: Grundsätzlich ja. Aber ich will nicht unbedingt von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

PZ: Wann wird das neue Institut seine Arbeit aufnehmen?

Dobson: Ich rechne damit, dass die ersten Evaluierungen von Arzneimitteln in diesem Herbst herausgegeben werden.

PZ: Wird sich dadurch etwas für die Apotheker ändern?

Dobson: Apotheker werden von der Evaluierungsarbeit des Instituts profitieren. Ich weiß aus meinen Gesprächen mit Apothekern, dass viele Kollegen unabhängigen Rat in der Arzneimitteltherapie begrüßen.

PZ: Wird diese zusätzliche Evaluierungsstelle nicht dazu führen, dass es zukünftig länger dauert, bis neue innovative Medikamente zum Patienten gelangen?

Dobson: Nein. NICE wird schnell und effizient arbeiten und dem Therapiefortschritt nicht im Wege stehen.

PZ: Ein Wort zur aktuellen Debatte über genmodifizierte Lebensmittel.

Dobson: Ehrlich gesagt, ich verstehe den Rummel nicht ganz. Tatsache ist, dass genmodifizierte Lebensmittel bisher noch niemanden krank gemacht haben.

PZ: Sie sagen "bisher". Rechnen Sie damit, dass sich das ändern wird?

Dobson: Nein. Aber ich versichere Ihnen, dass wir die Entwicklung aufmerksam beobachten werden.Top

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