Pharmazeutische Zeitung online

Wie viele Zellen sind ein Embryo?

19.06.2000
Datenschutz bei der PZ

-PolitikGovi-Verlag

Wie viele Zellen sind ein Embryo?

von Daniel Rücker, Bonn

Der Stammzellforschung steht Ähnliches bevor wie vor 20 Jahren der Gentechnik: Befürworter erwarten spektakuläre Erfolge bei der Behandlung unheilbarer Krankheiten, Kritiker warnen vor der Überschreitung ethischer Grenzen. Darüber schwebt ein Gesetzeswerk, das auf europäischer Ebene höchst uneinheitlich ist.

Wenn die Befürworter der Stammzellforschung Recht behalten, werden Stammzellen in den nächsten Jahrzehnten die Medizin revolutionieren. Wissenschaftler träumen davon, die undifferenzierten Zellen dazu zu bringen, Nerven-, Leber- oder Hautgewebe zu bilden. Die künstlichen Organe oder Organteile sollen dann abgestorbenes oder verletztes Gewebe bei Kranken oder verunglückten Menschen ersetzen. Neurodegenerative Erkrankungen könnten so geheilt werden, und auch der Engpass bei Oragantransplantationen wäre so zu beheben.

Heute ist der therapeutische Einsatz von Stammzellen zwar noch Zukunftsmusik, doch in der Forschung gibt es bereits Ansätze. Professor Dr. Björn Stark von der chirurgischen Uniklinik in Freiburg züchtet aus tierischen Stammzellen funktionsfähige Gewebe; die Kölner Arbeitsgruppe um den Neuropathologen Professor Dr. Otmar Wistler programmiert Stammzellen um, so dass diese sich zu Nervengewebe entwickeln.

Höchst unzufrieden sind die Wissenschaftler jedoch mit den rechtlichen Rahmenbedingungen, die sich innerhalb von Europa stark unterscheiden. Um die Forschung weiter voranzubringen, müssten Experimente mit menschlichen Stammzellen möglich sein, sind sich die Forscher einig. Während dies in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten wird, dürfen etwa die Briten Stammzellen aus frühen Embryonen verwenden.

Ähnlich verhält es sich mit der Patentierbarkeit von Erfindungen. Zwar schließt die Europäische Biopatentrichtlinie die Patientierung von "Verfahren zum Klonen menschlicher Lebewesen" und der "Verwendung menschlicher Embryonen" aus. Die Verantwortlichen haben auf Grund von Meinungsverschiedenenheiten aber versäumt, die Begriffe "Embryo" und "Klonen" zu definieren.

Die europäischen Staaten nutzen diesen Spielraum, um ihre eigene Position in der Stammzellforschung zu stützen. So legt Deutschland den Begriff Embryo restriktiv aus, schon eine befruchtete Eizelle fällt darunter. Dagegen muss sich in Großbritannien die Zygote erst einige Male geteilt haben, bis sie diesen Status Embryo erreicht hat. Erst ab dem 14. Tag nach der Befruchtung, wenn sich der Embryo in der Gebärmutter einnisten würde, gilt der Zellverband als Embryo. Forschung und Patentierung der Ergebnisse sind deshalb in Großbritannien erlaubt.

Einige Juristen sehen diese Unterschiede innerhalb der EU mit Sorge. So befürchtet die Rechtswissenschaftlerin Eva Maria Müller eine deutliche Wettbewerbsverzerrung innerhalb Europas. Auf einer Veranstaltung am Zentrum für europäische Integrationsforschung in Bonn forderte die Expertin für europäisches Pharmarecht eine einheitliche Definition der relevanten Begriffe innerhalb der Europäischen Union. Mit einer Novellierung der Biopatentrichtlinie könnten die Unterschiede beseitigt werden.

Die deutschen Forscher würden eine solche Regelung begrüßen. Sie befürchten im internationalen Wettbewerb mit den USA und England den Anschluss zu verpassen. Die Forschung an embryonalen Stammzellen sei essenziell für den Fortgang der Untersuchungen. Die Aussagekraft von Tierversuchen ist auf diesem Gebiet beschränkt.

Dabei geht es offensichtlich um eine geringe Anzahl embryonaler Zellen. Wie Stark betonte, gebe es zurzeit in den USA genug humane Stammzelllinien, an denen die Untersuchungen vorgenommen werden könnten. Ob der Import dieser Zellen und die Forschung daran in Deutschland legal wäre, ist aber unter Juristen umstritten.

Mittelfristig hoffen die Wissenschaftler ganz auf embryonales Gewebe verzichten zu können. Neue Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung, dass stattdessen auch Stammzellen aus dem Knochenmark von Erwachsenen oder der Nabelschnur von Säuglingen zur Bildung bestimmter Gewebe oder Organe programmiert werden können. Sogar ausdifferenzierte Zellen wieder zu pluripotenten Zellen zurückzudrehen, ist nach diesen Erkenntnissen keine Utopie mehr. Doch um diese Ansätze weiter zu erforschen, so betonen Stark und Wiestler, müssten Untersuchungen an embryonalen Stammzellen auch in Deutschland möglich sein.Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa